Einkaufen mit der Foodcoop: ökologisch, fair und regional

von Steffen Hirth
Einkaufen mit der Foodcoop: ökologisch, fair und regionalWir befinden uns im Jahr 2010 n.Chr. Weltweit wird die Landwirtschaft von multinationalen Agrarkonzernen bestimmt... Die ganze Welt? Nein! Die von unbeugsamen StudentInnen ins Leben gerufenen Foodcoops hören nicht auf, der industriellen Landwirtschaft Widerstand zu leisten. Die Geozentrale berichtet über eine alternative Institution, die neue Maßstäbe für eine zukunftsfähige Ernährung setzt.
Die aktuelle Bilanz des Weltagrarberichts ist niederschlagend: "Unser Ernährungs-System ist eine der wichtigsten Ursachen für den Klimawandel, das Artensterben, für Umweltvergiftung, Wasserknappheit, vermeidbare Krankheiten, Kinderarbeit, Armut und Ungerechtigkeit."
Wer sich gesund und ökologisch ernähren möchte, und das nicht auf Kosten Anderer, hat es ohne eigenen Acker nicht unbedingt leicht. Viele unzureichend informierte Verbraucher resignieren bei einer Vielzahl von Siegeln, die ökologische oder faire Produktion garantieren sollen. So wichtig die Bemühungen auch sind, viele der aktuellen Ansätze berücksichtigen nur bestimmte Teilbereiche von Nachhaltigkeit.
Bio ist nur besser...
...aber nicht genug? Mit dem Einkauf im Bio-Supermarkt ist man zumindest, was die eigene Gesundheit angeht auf der sicheren Seite: Bio-Produkte enthalten weniger Nitrat, weniger Pestizidspuren und Umweltgifte (EU-Bericht 2003) und haben ein geringeres Allergiepotential (mehr...); zudem ist der Vitamingehalt von Bio-Obst, -Gemüse und -Getreide höher (Velimorov & Müller 2006).
Durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel ist der Bio-Anbau insgesamt ressourcenschonender und klimafreundlicher. So ist der Verbrauch von fossilen Energien um 65 Prozent geringer (Velimirov & Müller 2006).
Einkaufen mit der Foodcoop: ökologisch, fair und regionalBild1: Eingeschweißtes Gemüse auf der Biofach 2010 in Nürnberg.
Doch selbst wenn die Herstellung lokal weniger umweltschädlich, als im konventionellen Bereich ist, haben die meisten Produkte im Bio-Markt einen weiten Transportweg hinter sich. Je nach Saison kann es vorkommen, dass die Möhren aus Italien kommen und die Kartoffeln aus Ägypten. "Bio" ist nicht mehr und nicht weniger als ein Zertifikat für die Einhaltung ökologischer Standards bei der Produktion. Wenn letztere also in vieler Hinsicht nachhaltiger ist, heißt das noch lange nicht, dass die Logistik (v.a. Transportwege und Verpackung) es ebenfalls ist.
Die Soziale Frage
Auch der finanzielle Aspekt ist für Viele ein Argument, nicht im Bio-Supermarkt einzukaufen. Mit Aldi, Lidl und Penny können Alnatura, Denn's und Basic preislich nicht mithalten. Die ökologischen Kosten sind in der konventionellen Produktion sozusagen herausgerechnet und so für die Konsumenten nicht ersichtlich, obwohl sie vielleicht volkswirtschaftlich spürbar sind oder sein werden. Bei sinkendem Realeinkommen drängt sich die "Soziale Frage" auf: Bio für die Eliten, Chemie für's Volk?
Der Drang der Bio-Supermärkte zu möglichst niedrigen Preisen, führt jedoch zu betriebswirtschaftlichen Konzepten, die jenen der Discounter sehr nahe kommen. Einsparungen betreffen die Lohnkosten (taz.de 01.04.2010) oder gehen zu Lasten der ProduzentInnen. Bio ist eben nicht automatisch auch fair, wenngleich das Bewusstsein für ganzheitliche Ansätze wächst (ein positives Beispiel ist das Naturland-Fair-Siegel).

Die Foodcoop

Als Reaktion auf die oben beschriebenen Mängel, haben sich vielerorts studentische Gruppen zusammengeschlossen, die es sich zum Ziel setzen, gemeinsam Bio-Lebensmittel einzukaufen, welche bevorzugt von Erzeugern aus der näheren Umgebung stammen. Die Grundidee der Foodcoop ist, dass sowohl die StudentInnen profitieren, die in den Genuss von Mengenrabatt kommen, als auch die Bauern, die mit größeren Absatzmengen rechnen können.
Einkaufen mit der Foodcoop: ökologisch, fair und regionalBild2: Der Bauwagen der Foodcoop Mainz auf dem Campusgelände. Hierhin werden die Lebensmittel vom Bauernhof geliefert.
Auf dem Campus der Uni Mainz besitzt die dortige Foodcoop einen Bauwagen, in dem das Obst und Gemüse auf die einzelnen Bestellgruppen verteilt wird. Bestellt wird am Wochenende über das Internet: In der sogenannten Foodsoft können zum Beispiel 1,5 kg Jonagold und 500g Lauch bestellt werden. Die Abrechnung erfolgt über das Guthaben, das zuvor auf das Konto der Foodcoop eingezahlt wurde. Jeden Dienstag werden die Lebensmittel von Familie Bender aus Bretzenheim dann an den Bauwagen geliefert.
Die Lebensmittel von der Foodcoop sind aus nachhaltiger Sicht kaum zu toppen: saisonale Produkte aus ökologischem Anbau, ohne nennenswerte Transportwege, zu einem günstigeren Preis als im Bio-Supermarkt. Damit die Möglichkeit besteht auch "exotischere" Lebensmittel zu bekommen, kaufen Benders zusätzlich auf dem Bio-Großmarkt das ein, was sie nicht selbst herstellen können. In dem Fall muss jeder für sich entscheiden, ob er oder sie die Bio-Tomaten aus Spanien, grün von marokanischen Tagelöhnern geerntet und mit dem Lkw transportiert, (LMd 12.03.2010) auch im Winter auf dem Speiseplan benötigt; auch Bananen aus Fairem Handel können über die Foodcoop bestellt werden.
Protest aus Verantwortung
Natürlich erreichen die Foodcoops nicht die Massen. Der Vergleich mit dem gallischen Dorf, das dem Imperium den Kampf angesagt hat, ist durchaus berechtigt. Vielleicht ist es aber eher ein Statement als ein Kampf - wer sich hier engagiert, tut dies in der Regel mit einer großen Portion Idealismus.
Warum werden Güter so weit transportiert, obwohl sie in der Region angebaut werden (könnten)? Wie soll das in Zukunft funktionieren, wenn die Preise für fossile Brennstoffe weiter steigen? Die Politik hält noch keine befriedigenden Antworten parat, und das aus nachvollziehbaren Gründen: Die Schlagkraft dieser Probleme wird in der nächsten Legislaturperiode vermutlich noch kein Thema sein.
Auf anderen Ebenen fängt es daher langsam an zu brodeln. Ist die APO 2.0 schon unterwegs? Die in den Medien derzeit viel diskutierte "neue Protestbewegung" handelt nicht aus einer Null-Bock-Mentalität, sie will nicht zerstören, sondern leistet konstruktive Kritik und übernimmt Verantwortung. Neue alternative Institutionen, wie die Foodcoops, entstehen aus einem essentiellen Mangel heraus und entwickeln eigene höherwertigere Organisationsmodelle.
Egal ob StudentIn oder nicht, mitmachen dürfen dabei generell alle, die sich verantwortlich fühlen und gutes Essen schätzen! Kontakt zur Foodcoop in Mainz gibt es unter: foodcoop-mainz[at]riseup.net
Literatur:
EU-Bericht (2003): Überwachung von Pestizidrückständen in Erzeugnissen pflanzlichen Ursprungs in der Europäischen Union, in Norwegen, Island und Liechtenstein.
Le Monde diplomatique (12.03.2010): Für eine Handvoll Tomaten - In der Wüste von Almería, einst Filmkulisse für Spaghetti-Western, wächst Discount-Gemüse für Europa. Von Pierre Daum (mehr...).
Velimirov, Alberta; Müller, Werner (2006): Ist Bio wirklich besser? Fakten zur Qualität biologisch erzeugter Lebensmittel - 175 Studien und ein Ergebnis: Am besten Bio. (Kurzversion)
Weltagrarbericht.de (2010): Wege aus der Hungerkrise. Die Erkenntnisse des Weltagrarberichtes und seine Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen (mehr...).