Ein Wohlverdienter Urlaub

Ich wollte einfach weg: Dem Druck, den meine Chefin mir wegen der neuen Website machte, war nicht mehr standzuhalten. Jeder Damm bricht, wenn die Wassermassen zu mächtig werden: Dann sprüht das Wasser in Fontänen durch den rissigen Beton – ähnlich, wie es mir in der Vorstandssitzung passiert war.

   Abgesehen davon, dass ich keinem der bei meinem Zusammenbruch Anwesenden jemals wieder unter die Augen treten wollte, hatten meine Batterien ihr Limit erreicht. Seit Monaten verbrachte ich meine Wochenenden im Büro; pro Nacht schlief ich selten mehr als ein paar Stunden. Mein Schreibtisch verfolgte mich bis in meine Träume: Schloss ich die Augen, spürte ich ihn in der Dunkleheit lauern. Selbst im Bett checkte ich noch meine E-Mails. „Wann geht die verdammte Seite online?“ oder „Sind Sie etwa schon nach Hause gefahren?“ – solche Nachrichten hatten dazu geführt, dass sich das Verhältnis zu meiner Abteilungsleiterin ähnlich positiv entwickelte, wie der Jungfernflug der Hindenburg. Ich musste fort, eine Konfrontation war unvermeidlich. Also tat ich, was getan werden musste und flüchtete in die Schweiz.

   In wenigen Stunden würde meine Chefin die Kündigung auf ihrem Schreibtisch finden. Derweil bestieg ich den ICE in Richtung Chur. Zwischen den nebelverhangenen Bergspitzen und den schweigsamen Eidgenossen hoffte ich, etwas Ruhe zu finden – mal wieder tief durchatmen. Zur Belohnung für meine mutige Flucht hatte ich mir das Ticket für die erste Klasse gegönnt; die gepolsterte Nackenstütze nahm meinen Hinterkopf in Empfang, wie ein warmer Frauenschos. Auf der Suche nach Ablenkung ließ ich meinen Blick durch das Abteil schweifen; ich betrachtete die Fahrgäste, wollte mir Geschichten über sie ausdenken und fühlte zum ersten Mal seit langem so etwas wie Entspannung aufkommen.

   Dann entdeckte ich die Leiche.

   Die Frau saß rechts von mir, auf der anderen Seite an einem Fenstersitz. Sie war alt; auf ihrem Handrücken wuchsen braune Flecken, ihre schneeweißen Haare sahen aus wie Alpengipfel. Sie lehnte mit dem Kopf an der Scheibe, zugedeckt unter einem XXL-Rätselheft. Fast hätte man glauben können, sie schliefe bloß; doch meine vom Stress geschärften Augen hatten ihren Atem bemerkt: Er war nicht da.

   Weder hob, noch senkte sich ihr Brustkorb und egal, wie sehr der Zug wackelte, die Alte regte sich nicht. Sie lag einfach da, wie eine Marionette, der die Fäden durchgeschnitten worden waren.

   Ich seuftzte: Mein erster Urlaub seit Monaten begann also mit einer Toten.

   „Willkommen im Hauptbahnhof Köln“. Die Durchsage vom Bahnsteig ließ mich zusammen zucken. Wir waren in die Halle eingefahren; die Türen öffneten sich und ich spürte, wie meine Lippen trocken wurden. Letzte Nacht hatte ich mich bis zwei Uhr unter der Decke gewälzt; die Müdigkeit machte meine Schläfen taub, doch ich wusste, was ich gesehen hatte. Ich schaute mich im Abteil um, ob sonst noch wer die Tote bemerkte. Da stellte ich fest, dass ich nicht unter meinesgleichen war: Silberweiße Haaransätze ragten über den Kopfstützen auf, Gehilfen aus Aluminum versperrten die Passage durch den Mittelgang. Eine Seniorengruppe aus dem Ruhrgebiet hatte das Abteil in Beschlag genommen, sich ausgebreitet und sah mir nun stirnrunzelnd dabei zu, wie ich meine Finger in der Armlehne vergrub.

   War ich der einzige, der die Tote sah? Oder störten sich die Halbtoten einfach nicht an ihr?

   Fiel eine Leiche in dieser Gesellschaft überhaupt jemandem auf?

   Unser Zug verließ den Bahnhof und die Domstadt entfernte sich, als die Waggontür geöffnet wurde. Der Schaffner trat ein.

   „Jemand zugestiegen?“ brummte er. In seinem Gesicht konnte man klar den Montagmorgen ablesen. Ich versuchte Blickkontakt herzustellen, während er auf mich zukam. Mein Plan sah vor, seine Aufmerksamkeit auf den Sitz neben uns zu lenken und die Sache von dort ihren Lauf nehmen zu lassen. Doch der Schaffner ignorierte mein Blinzeln.

   „In Mannheim bitte umsteigen.“

   Er drückte mir das gelochte Ticket in die Hand. Ich nahm es entgegen und suchte seinen Blick; er schaute mich an – und ich starrte zurück.

   „Is’ noch was?“

   „Alles bestens“, erwiderte ich. Meine Augen wanderten langsam zur Seite, hin zum Fenster. Der Schaffner drehte den Kopf mit, sah die Tote und runzelte ebenfalls die Stirn.

   Dann sah er wieder zu mir.

   „Geht es Ihnen gut?“

   „Mir schon“, sagte ich und nickte nach rechts. „Nur bei ihr bin ich mir nicht sicher.“

   „Könnten Sie sich klarer ausdrücken?“

   „Ja: Rufen Sie den Notarzt.“
   „Warum?“
   „Sie fängt sicher bald an zu stinken!“
   Irgendwo schien ich den Schaffner mit meinen Erklärungen verloren zu haben; er richtete sich auf, genervt, dass ich ihm die Zeit stahl und schnaufte. „Also-„

   „Wollen Sie sie nicht wenigstens einmal anfassen?“ unterbrach ich ihn. „Um sicher zu gehen, meine ich?“

   Er schüttelte den Kopf und schulterte seinen Kartenleser wie ein Gewehr. „Warum“, sagte er, „fahren Typen wie Sie nicht einfach mit dem Auto?“

   Er gab mir zu verstehen, dass das Gespräch beendet sei, drehte sich um, prüfte das Ticket meiner Nachbarn und ließ mich mit der eingegangenen Rentnerin zurück.

   Waren denn alle in diesem Waggon verrückt geworden? Oder war ich der Verrückte?

   Mit eingezogenen Schultern sank ich in den Sitz und tat mein Bestes, keine weitere Aufmerksamkeit zu erregen. Doch der Zug war abgefahren: Von allen Seiten her kamen die verstohlenen Blicke; ich hörte scharfes Tuscheln hinter mir, es wurde geflüstert und mit dem Finger auf mich gezeigt.

Bildete ich mir das alles vielleicht nur ein?

Träumte ich bloß und lag in Wirklichkeit bewusstlos unterm Schreibtisch?

Die ganze Zeit über hatten ein älterer Herr mit Schirmmütze und sein erwachsener Sohn mir gegenüber gesessen; zwei Eisenbahnromantiker, die in jedem Bahnhof ihre Notizblöcke zückten und eifrig die Nummern der Rangierzüge notierten. Nun, nachdem der Schaffner mich im Regen hatte stehen lassen, erhoben sie sich mit einem Räuspern und zogen um – auf zwei freigewordene Plätze, am anderen Ende des Wagens. Selbst die Nerds gingen auf Distanz zu mir.

   Nahm mich eigentlich irgendjemand noch für voll? Sah ich etwa aus wie ein Idiot?

   Eine knackende Lautsprecherdurchsage kündigte den nächsten Reisestopp an und es begann in mir zu brodeln: Meine Hilflosigkeit mutierte zu Ärger und ich beschloss, endlich zu handeln. So ließ ich nicht mit mir umgehen.

   Ich atmete tief durch, stand auf, zog mein Hemd gerade – und fühlte ihren Puls.

   Vor der Bahnhofseinfahrt lag ein Tunnel. Ich legte meine Finger auf den Hals der Toten und es wurde schlagartig dunkel. Unter meinen Fingerspitzen spürte ich eine Bewegung. Dann kam der Schrei.

   Als es hell wurde, war das letzte, was ich mitbekam, wie jemand die Notbremse zog.

Viele Dinge können passieren an einem Montagmorgen: Fragen Sie zum Beispiel mal den schlecht gelaunten Schaffner, der kaum, dass er das Abteil verlassen hatte, vom Schreckensschrei einer dreiundachtzigjährigen Seniorin zurück gerufen wurde.

   Erst verschlafen und zu spät zur Arbeit kommen, dann Kaffee alle und ein Irrer im Zug, der Tote sieht. Von da an konnte der Tag nur besser werden.

Der sehr höfliche Beamte der Schweizer Bundespolizei, der mich später befragte, meinte, ich hätte Glück gehabt.

   „Wieso?“ wollte ich wissen.

   „Also de Puls nëë isch kä Tätlichkeit“, erklärte er. „Au nöd mit Todesfolg.“

   „Aha.“ Er schob mir eine dampfende Tasse Kaffe über den Tisch zu, die ich dankend annahm. „Also ist die Frau…“

   Stummes Kopfschütteln.

   „Großartig“, seufzte ich.

   Ich hatte mitangesehen, wie die Alte aufgesprungen war und aufgeschrien hatte. Dann hatte sie sich an die Brust gefasst, als wäre sie von der Szene schwer ergriffen.

   War sie ja auch, in gewissem Sinne.

   „Si händ nüüt falsch gmacht“, beruhigte mich der Schweizer. „Aber au nüüt richtig.“
   „Heißt das, ich kann gehen?“
   Schulterzucken. „Also s’Maximum wäri scho en Aazeig vo wäge Belëschtigung. Aber wër söll die no mache?“
   „Großartig.“
   „Nämed Si Medikamänt?
   „Sollte ich?“
   „Tänked Si mal da drüber naa“, seufzte er. „Vilicht gönd Si ja emal i d Feerie.“

   „Das werde ich“, gab ich zu Protokoll.

   „Guet“. Der Beamte lächelte gequält. „Aber nume nie mee i de Schwiiz, okee?“


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