Ein paar Gedanken zur Stuttgarter Infrastruktur

Von Stefan Sasse
Jens Berger vom Spiegelfechter hat eine hervorragende Zusammenfassung der Fakten aufgestellt, die gegen S21 sprechen und dabei auch die prägnantesten Strukturen der "Spätzle-Connection", also des Stuttgarter Lokalfilzes, angestellt. Nun wurde ich zufällig in dieser Stadt geboren und habe sie erst vor zwei Jahren verlassen, weswegen ich die Infrastruktur hier aus eigener Anschauung kenne. Stuttgart hat glücklicherweise nämlich nicht nur ein überaus ineffizientes Straßennetz, das jeden Tag zweimal quasi vollkommen blockiert ist, nein, es verfügt wie ganz Baden-Württemberg auch über ein sündteures Nahverkehrsnetz, das sich den Luxus mehrer unabhängiger und extrem teurer Verbünde erlaubt. Aber für diejenigen, die nicht aus der Ecke hier kommen, erst einmal eine Aufnahme aus Google Maps, damit klar wird von was wir hier eigentlich reden: 
Ein paar Gedanken zur Stuttgarter InfrastrukturLeider bin ich technisch nicht begabt genug, um euch das jetzt alles voll interaktiv vorzuführen, deswegen müsst ihr mit der Karte quervergleichen. Wie unschwer zu erkennen ist, ist Stuttgart keine überragend große Stadt. Seine wahre Größe erreicht es erst durch die unzähligen Vororte, die dazugehören; die City selbst beschränkt sich auf den Raum innerhalb des Talkessels, während die Vororte allesamt an den Hängen beziehungsweise am Talmund liegen. Entsprechend beengt sind die Verhältnisse. Ich wohne derzeit übrigens in Tübingen, südlich Stuttgart. Oeffingen liegt nördlich von Fellbach (östlich von Stuttgart) und ist ob seiner geringen Größe nicht auf der Karte verzeichnet, aber dieses Blog hat da nichts desto trotz seinen Namen her, und die tägliche Leserzahl könnte gut ein Drittel des dortigen Wohnraums befüllen :) 
Das S-Bahnnetz Stuttgart, das vom Verbund VVS (Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart) betrieben wird, erstreckt sich von etwa Leonberg im Nordwesten und Backnang im Nordosten bis Herrenberg im Südwesten und Nürtingen im Südosten. Es ist also, um das noch mal zu betonen, echt nicht allzu groß. Die Linien fahren dabei normalerweise diagonal, so dass alle im Stuttgarter Hauptbahnhof durchkommen, ehe sie sich wieder trennen. Diese Nahverkehrsgleise in Stuttgart sind unterirdisch. Sie fahren kurz hinter Bad Cannstatt in den Tunnel, den sie erst bei Rohr wieder verlassen, das knapp unterhalb der blauen 831 auf unserem Plan liegt. Überirdisch fährt also nur der Fernverkehr, und nur für den ist das auch ein Kopfbahnhof. Der Nahverkehr fährt durch. Ich betone das, weil man in den Berichten oft genug den Eindruck hat, dass auch der S-Bahnverkehr in den Kopfbahnhof fährt. Dem ist nicht so. Der Verkehr hat zwei Gleise, über die die S-Bahnen verlaufen, und noch mal vier oder so, über die die Stadtbahnen fahren, deren Struktur ich aber selbst nicht im Überblick habe, weil ich sie glücklicherweise selten brauche (Nachtrag: Mahä meinte, die sind eh in einer anderen, also können wir sie ignorieren). 
Der Fernverkehr sowie die Regios fahren dagegen in den Kopfbahnhof ein, über jene Gleise von deren Verkauf an irgendwelche dubiosen Immobilienfirmen man einmal das komplette Projekt zu refinanzieren hoffte, ehe man bei rund 5% gelandet ist. Dafür stehen 17 Gleise zur Verfügung. In Worten: siebzehn. Das macht insgesamt rund 22 Gleise, auf denen der Verkehr im Stuttgarter Kopfbahnhof abgewickelt wird. Dass das über die Gebühr lange dauern würde, kann man nicht behaupten. Meine letzte Fahrt mit dem ICE nach Berlin anno 2008 hatte in Stuttgart die gleiche Haltezeit des ICE wie im brandneuen, geschniegelten Berliner Durchgangsbahnhof. Der war hübscher, gar keine Frage (kann Jens bestimmt auch noch bestätigen), aber substantiell schneller war man da auch nicht unterwegs. 
Diese Gleise sollen nun auf insgesamt vier reduziert werden, die alle unterirdisch fahren. Zugegeben, das futuristische Design, das dieser Bahnhof haben soll, ist schon irgendwie sexy. Aber nicht für rund 20 Milliarden, die der ganze Spaß wohl kosten wird. Keine Ahnung, ob über diese 4 Gleise auch die Stadtbahnen laufen sollen, so genau kenne ich mich in S21 auch wieder nicht aus. Aber selbst so ist es eine Reduktion von 18 Gleisen auf 4! Es gibt also wahrhaftig genügend Gründe, das Projekt mehr als albern zu finden. 
Wo wir gerade ohnehin in der Lokalfolklore sind: auf der Karte ist das etwas schwer zu erkennen, aber nördlich Fellbach (also da wo Oeffingen nicht eingezeichnet ist) liegt ein kurzer Abschnitt von etwa 2km nichts, bevor Remseck am Neckar kommt. Um von Oeffingen nach Remseck zu gelangen - mit dem Auto wenn es richtig schlecht läuft fünf Minuten - muss ich mit dem Bus zum Fellbacher Bahnhof fahren (12 Minuten), dort in die Bahn umsteigen (3 Minuten), nach Sommerrain fahren (4 Minuten), in den Bus 54 umsteigen (4 Minuten), zum Max-Eyth-See fahren (15 Minuten), dort in die U14 steigen (6 Minuten) und nach Aldingen fahren (7 Minuten), von wo ich dann zu Fuß in nur weiteren 6 Minuten am Ziel bin. Solche Strecken gibt es hier zuhauf, und da bräuchte man keine Milliarden investieren. Anderes Beispiel: diesen Sommer habe ich bei Bosch in Bad Cannstatt gearbeitet. Mit dem Auto war in 12 Minuten dort. Mit der Bahn brauchte ich knapp 50 Minuten, ohne das genauer aufzuschlüsseln.
Diese Strecken aber sind der Grund, warum sich Tag für Tag eine Blechlawine durch Stuttgart wälzt und die ohnehin katastrophale Straßenführung zum Bersten bringt. Dazu kommt, dass die VVS deutschlandweit der teuerste Verkehrservund ist. Für die lächerliche Strecke von Herrenberg nach Fellbach beispielsweise, also etwa 40km, bezahlt man einfach 6,65€. Da die VVS aber nur einen relativ kleinen Bereich des Ländle abdeckt, das sich den Luxus diverser Verkehrsverbünde erlaubt (wie naldo) die alle ihre jeweils eigenen Tarife erheben, kostet beispielsweise eine Fahrt von Fellbach nach Tübingen (etwa 60km) mindestens 9,20€. Einfach, versteht sich. Zum Vergleich: Brandenburg und Berlin haben zusammen einen Verbund.
Wer sich jetzt fragt, ob der Beitrag eigentlich auf irgendetwas hinauswill - nein. Es ist lediglich eine Erzählung aus dem Land, wo das Häusle-bauen zwar zu den Urtugenden zählt, dies jedoch laut Merkel von den eingebohrenen Hausfrauen ohne Kredite bewerkstelligt wird, wo die CDU Kartoffelsäcke zur Wahl stellen könnte und wo es, immerhin, Spätzle mit Soße zum Schnitzel gibt.

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