Ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem - nur wie?

von Simon Argus

“Rethinking Macroeconomics for Sustainability” heißt ein Buch von Alejandro Nadal, das mir kürzlich in der SOAS-Buchhandlung in London in die Hände fiel. Beim Durchblättern erinnerte ich mich an meine VWL-Semester und die vielen Modelle zur Erklärung wirtschaftlicher Zusammenhänge, die wir damals durchgenommen haben. Während diese Modelle mir damals vieles erklärt haben, so haben wir sie doch niemals in Frage gestellt – für diese Diskussion, insbesondere angesichts sozialer und ökologischer Verwerfungen - war an der Uni leider nie Zeit. Gut, dass es jetzt jemand nachholt - und so ganz nebenbei ein Plädoyer für die Wirtschaftsgeographie geschrieben hat.  
Ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem - nur wie?In der neoliberalen Wirtschaftsordnung werden ökologische und soziale Faktoren makroökonomischen Zwängen untergeordnet. Sind die makroökonomischen Ziele bestimmt (wie etwa wirtschaftliches Wachstum, die Bekämpfung der Arbeitslostigkeit etc.), wird jedes andere Politikziel mit diesem in Einklang gebracht und im Endeffekt nachrangig behandelt. In dieser Hinsicht wird die Sozial- und Umweltpolitik heute in Zentralbanken und Finanzministerien gemacht. Die dominierenden Ideen von Wachstum, geringen Inflationsraten und freiem Kapitalfluss sind die makroökonomischen Ziele, denen alle anderen Überlegungen untergeordnet werden müssen. Sei es Bodenerosion oder Biodiversität, Gesundheit oder Bildung: Es handelt sich um sektorale Probleme, die sich den allübergreifenden makroökonomischen Zwängen beugen müssen.
Das Ziel einer solchen Strategie (oder Politik) ist natürlich Stabilität, die zu Wachstum führt und in ihrer Folge die Lösung all der genannten sektoralen Probleme erlaubt. Lediglich die „schwächeren“ Mitglieder der Gesellschaft werden durch ein Sicherheitsnetz aus sozialen Leistungen unterstützt.
Doch dieser Neoliberalismus scheint nicht wirklich zu funktionieren – das Wachstum war zuletzt in den meisten Teilen der Welt eher mittelmäßig, Stabilität war eine Illusion, wie wir spätestens seit der Finanzkrise von 2008 wissen. Die Ungleichheit hat sich verstärkt, die Zerstörung der Umwelt beschleunigt. Und die Umwelt- und Sozialpolitik wird weiter zurückgefahren, da die Mittel gebraucht werden, um die existierende wirtschaftliche Ordnung zu retten.
Ganz offensichtlich müssen wir unsere Prioritäten – die Beziehungen zwischen makroökonomischen Zielsetzungen und nachhaltiger Entwicklung neu überdenken.
Dieser Aufgabe nimmt sich unter anderem Alejandro Nadal in seinem neuen Buch „Rethinking Macroeconomics for Sustainability“ (Details siehe unten) an, das die Gedanken ausführt, die in diesem Blog-Artikel nur angeschnitten werden.
In den fünfziger und sechziger Jahren analysierte der Nobelpreisträger Simon Kuznet die wirtschaftliche Entwicklung verschiedener Länder und schloss: Im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes verschärfen sich Ungleichheit und Einkommensunterschiede zunächst, werden dann aber in der längeren Frist ausgeglichen – die Kuznets Kurve war geboren. Später kamen andere Wissenschaftler auf die Idee, dass es sich mit der Umweltzerstörung ganz ähnlich verhalten könnte: Bei steigendem per capita-Einkommen wird die Umweltqualität schließlich wichtiger und die Umweltverschmutzung auf lange Sicht also wieder umgekehrt und aufgehoben. Diese Theorie wird in der „environmental Kuznets curve“ (EKC) beschrieben.
Ein willkommener Ausweg aus dem Dilemma, das die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972 aufgeworfen hatte: Wachstum ist nach der Logik der EKC nicht nur mit dem Umweltschutz vereinbar – es ist sogar die treibende Kraft hinter einer besseren Welt von Morgen: Können es sich erst einmal alle Menschen leisten, wird der Umweltschutz große Fortschritte machen. 

Ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem - nur wie?

Die ökologische Kuznet-Kurve.

Doch diese Theorie hat mehrere Schwachstellen: Zum einen ist die Umwelt multidimensional, es handelt sich nicht um eine einzige Größe. Wenn sich also eine Messgröße der Umweltentwicklung parallel mit der wachsenden Wirtschaft verbessert, muss das noch lange nicht für alle anderen gelten. Außerdem nimmt das Modell der EKC an, dass Umweltschäden reversibel sind. Es ignoriert die unangenehme Tatsache, dass graduelle Umweltzerstörung gewisse kritische Schwellen erreichen kann, nach deren Überschreitung eine Wiederherstellung extrem lange dauert, teuer oder auch unmöglich werden kann. Schließlich schaut sich die EKC die wirtschaftliche Entwicklung nach Staaten getrennt an – Umweltprobleme halten sich aber nicht an Landesgrenzen, die Entwicklung am einen Ende der Welt (z.B. Europa) kann sich in ganz anderen Ecken der Welt (z.B. Afrika, Asien, der Nordpol) negativ auswirken.
Im Jahr 2000 schließlich versuchte man (genauer: die Generalversammlung der Vereinten Nationen), die Prioritäten etwas zurechtzurücken: Die Millennium Development Goals (MDGs) wurden formuliert und sollten den Weg ebnen, zurück zu einer sich nachhaltig zum Besseren entwickelnden Erde.
Die MDGs umfassen Ziele wie die Halbierung der Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben und derer die Hunger leiden. Die Kindersterblichkeit soll um zwei Drittel verringert, allen Kindern soll zumindest eine Grundschulbildung ermöglicht werden. Die Geschlechterungleichheit soll bekämpft und die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung sollen auf die Agenda nationaler Regierungen gesetzt werden.
Dass die meisten dieser Ziele nicht erreicht werden, liegt auch daran, dass all diese Zielsetzungen im öffentlichen Sektor, das heißt durch das Eingreifen der Politik erreicht werden sollen. Eine Debatte, dass auch makroökonomische Ziele – sprich das Wirtschaftssystem – überdacht und auf diese Millenniumsziele hin abgestimmt werden müssten kam nicht auf.
Die Green Economy Initiative ist ein Bündel von Maßnahmen, angeleitet von der UNEP (United Nations Environmental Program). Darunter sind Maßnahmen wie der „Global Green New Deal“ (GGND), die Green Jobs Initiative der ILO (International Labour Organization) und andere zusammengefasst. Das Hauptziel ist es, einen Paradigmenwechsel in ökonomischem Denken, Investment und Ressourcenschutz herbeizuführen. Der Zusammenhang zwischen der Umwelt, dem Arbeitsmarkt sowie der Armutsreduktion soll sichtbarer gemacht werden. 

Ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem - nur wie?

Ein Plakat der Grünen zum Thema "Green New Deal"

Die Green New Deal Initiative wurde nach dem Krisenjahr 2008 ins Leben gerufen, angesichts der gravierenden sozialen und ökologischen Probleme und der Instabilität des wirtschaftlichen Systems. Durch einen weiteren „Neustart“ („Reboot“) des wirtschaftlichen Systems werde man sich auch zukünftig steigenden Energiepreisen, wachsenden Klimagas-Emissionen, ökologischem Zerfall und wachsender Armut gegenübersehen. Deshalb, so die Initiative, brauche es eine neue Politik ähnlich F. D. Roosevelts „New Deal“ der 30er Jahre, aber „auf globaler Ebene und auf einer breiteren Basis“. Die Grundidee ist, dass ein Paket an politischen Entscheidungen und Investitionen den Wieder-Aufschwung begleiten und gleichzeitig – etwa durch Investitionen in Umwelttechnologie-Industrien – in nachhaltigere Kanäle leiten soll.
Im Frühjahr 2009 bilanziert der GGND-Report, dass weltweit 2-3 Billionen Dollar in Form von Konjunktur-Paketen in die Wirtschaft gepumpt wurden – jedoch erfüllen nur sehr wenige dieser Pakete die Anforderungen des GGND, auch die soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu fördern.
Diese sehr unvollständige Liste zeigt, wie wenig erfolgreich wir bisher dabei waren, das Wirtschaftssystem mit einer nachhaltigen Entwicklung in Einklang zu bringen. Was also muss passieren? Nadal macht in seinem Buch dazu ausführliche Vorschläge, die hier nicht in ihrer Breite vorgestellt werden. Daher – zusammen mit der Empfehlung das Buch zu lesen – ein paar Punkte:
Eine auf nachhaltige Entwicklung ausgelegte makroökonomische Strategie muss sich von der Idee verabschieden, dass Ungleichheiten mit den sogenannten „trickle-down“-Effekten wirtschaftlichen Wachstums behoben werden. Auch soziale Auffangnetze helfen nicht nachhaltig. Soziale und Umweltzielsetzungen müssen ins Zentrum der Wirtschaftspolitik rücken und dürfen nicht mehr erst im Nachhinein berücksichtigt werden.  Nadal empfiehlt hier die Umverteilungsfunktion des Steuersystems nach strikt ökologisch-sozialen Gesichtspunkten in den Mittelpunkt zu rücken. Eine Vereinfachung und komplette Umstrukturierung des Steuersystems - weg von der bloßen Nachfragestimulation und hin zu einer Berücksichtigung der ökologischen und sozialen Realitäten ist dazu notwendig. Auch eine Steuer auf Finanztransaktionen fordert der Autor - also die Einführung der sogenannten und viel diskutierten „Tobin-Steuer“. Die Geldpolitik der Zentralbanken soll sich, wenn es nach Nadal geht, vom alleinigen Ziel der Preisstabilität weg entwickeln und mehr Parameter, wie etwa die Bildung von „Blasen“ oder die Entwicklung von Geschäftszyklen auf ihrem Radarschirm behalten. Auch die Re-Regulierung der Finanzmärkte steht auf seinem Wunschzettel.
Insgesamt fordert Alejandro Nadal in seinem Buch ein Wirtschaftssystem, das den Blick weitet und auch die Umwelt wahrnimmt in der sie stattfindet. In diesem Sinne kann man das Buch als eine Forderung nach mehr WirtschaftsGEOGRAPHIE lesen. Denn die Wirtschaftsgeographen nehmen die Anwendung der ökonomischen Modelle und Theorien auf reale Räume vor. Sie interpretieren Wirtschaftsmechanismen unter den „Randbedingungen“ der Realität und forschen über die ökologische und soziale „Kapazität“, über Bedingungen und Folgen wirtschaftlichen Handelns im Raum. Und „Nachhaltigkeit“ ist derzeit ihr Lieblingswort.
Das hier besprochene Buch "Rethinking Macroeconomics for Sustainability" von Alejandro Nadal ist 2011 bei ZED-Books in englischer Sprache erschienen. Der Verlag konzentriert sich mit zahlreichen Büchern auf die Themen Wirtschaft, Umwelt und Entwicklung.

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