Ein lüsternes sexuelles Wesen

Angeblich fühlte sich der amerikanische Schriftsteller John Updike nur dann mit sich selbst im Reinen, wenn er mit einer Frau schlafen und sie befriedigen konnte. Offenbar schien es Updike – in seinem und im Leben seiner Romanhelden –, vor allem um Sex zu gehen. Das zumindest las ich in einem Nachruf in der Zeitung. „Nur in diesen geschwellten Augenblicken“, so Updike prosaisch, „verspüre ich kein Bedürfnis, mein irdisches Dasein zu rechtfertigen.“

„Du bist auch ein sexuelles Wesen.“ Zum ersten Mal überhaupt hörte ich diesen Satz vor gut zehn Jahren. Die Frau, die das zu mir gesagt hatte, meinte das weder als Anmache noch als Kritik. Es klang so unschuldig, als ob sie mir bescheinigen wollte, ich sei ein Mensch. Ich hörte nicht die leiseste Verurteilung heraus sondern einfach eine Beschreibung, eine blosse Feststellung. Was ich aber heraushörte, war eine grundsätzliche Erlaubnis, überhaupt sexuell sein zu dürfen. Da heilte etwas in mir und zwar auf der Stelle. Nach diesem berührenden Moment nahm mein Leben eine schicksalhafte Wendung und mein damals eher klägliches Selbstwertgefühl als Mann begann sich zu regen. Im Laufe der Jahre wagte ich mich dann sogar noch zu der verschärften Variante vor: „Ich bin auch ein geiles sexuelles Wesen.“

Der Begriff „Geilheit“ wird seit dem 15. Jahrhundert als Anspielung auf Lüsternheit, sexuelle Begierde oder Wollust verwendet. Gemäss Duden wird „geil“ ausschliesslich im Sinne von geschlechtlich erregt oder brünstig verwendet. Umgangssprachlich wird „geil“ heute inflationär für alles und nichts gebraucht und gilt offiziell als unfein. Meine Unverfrorenheit darüber zu schreiben, gründet auf zwei Pfeilern. Erstens schäme ich mich meiner kaum noch. (Das schliesst Herzklopfen nicht aus.) Und zweitens gehe ich mittlerweile davon aus, dass alle Frauen und Männer mitunter auch geile sexuelle Wesen sind. Und wenn das zutrifft, dann erzähle ich Ihnen ja eigentlich nichts Neues, nicht wahr?

Wollust ist so ungefähr das Gegenteil von Keuschheit und stellt für Katholiken eine der sieben Todsünden dar. Wenn ich also darüber schreibe, dann will ich weder jemandes Gefühle verletzen, noch der ungezügelten Triebhaftigkeit das Wort reden. Überhaupt nicht. Die verantwortungslos, missbräuchlich und herzlos ausgelebte männliche Geilheit hat schon genug Unheil in der Welt erzeugt.

Unser sexuelles Begehren sorgt nicht nur für die Arterhaltung, sondern ist vor allem auch eine wesentliche Antriebskraft im Leben. Die Art und Weise, wie frei, unschuldig, selbstbewusst und kreativ wir mit unserer schöpferischen Energie umgehen, übt starken Einfluss auf die Lust am Leben, unsere Schaffenskraft, unsere Gefühlswelt und unsere Bindungen zu anderen Menschen aus. Diese Energie zu unterdrücken, ist Verrat am Leben.

Lüsterne Romanfiguren zu erfinden, um sie dann andauernd mehr oder minder heissen Sex erleben zu lassen, scheint für Schriftsteller ein probates Mittel zu sein, ihrer sexuellen Energie zusätzlichen Spielraum zu verschaffen. Es sei ihnen vergönnt. Aber was machen wir anderen, die wir nicht Romane schreiben? Wo erleben wir überall „geschwellte Augenblicke, die unser irdisches Dasein rechtfertigen“? Ich zum Beispiel habe Lust darauf, Kolumnen zu schreiben. Und Sie? Womit bringen Sie Ihr normalerweise geordnetes Leben durcheinander?


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