Ein Gefühl der Unwirklichkeit

Ein Gefühl der Unwirklichkeit

Armin zu besuchen fällt mir immer schwerer. Ich spüre, wie mich seine Welt in ihren Bann zieht und jedes Mal wenn ich nach Hause fahre, überkommt mich ein Gefühl der Unwirklichkeit.

Armin war und ist ein großer Träumer und er hat sein Leben mehr geträumt als wirklich gelebt. Manchmal deckte sich sein Traum mit der Wirklichkeit, doch oft wandelte er jenseits aller Grenzen in einer Welt, die den meisten von uns verborgen bleibt.

Das Sanatorium, hoffte er, würde ihm als letzte Zufluchtsstätte dienen. Dieses Haus auf der Grenze zwischen scheinbar Verrücktem und dem, was wir als Wirklichkeit betrachten, würde ihm Schutz und Geborgenheit bieten. Ich frage mich, ob er sich nicht geirrt hat.

Ich habe ihn oft besucht, dort oben in den Bergen und jedes Mal schien er mir ein wenig mehr entrückt. Bei einem meiner letzten Besuche, sagte er zu mir:

„Weißt du, mein Freund, die ganze Welt ist ein Irrenhaus. Die Menschen rennen ihren Illusionen nach, getrieben von ihren Emotionen, ihren Träumen und ihren Ängsten. Sie glauben, was ihnen eingeflüstert wird und denken, es sei die Wirklichkeit.“

Und als er mich bat, seine Geschichten aufzuschreiben, weil er nicht mehr dazu in der Lage sei, sagte er:

„Wenn ich sie eines Tages lesen werde, werde ich sehen können, dass ich wirklich gelebt habe, dass es diesen Armin gegeben hat und ich nicht nur von ihm geträumt habe.“

„Du zweifelst an deiner Existenz?“, fragte ich ihn.

„Gewisse Dinge kann man erst sehen, wenn man weiß, dass sie existieren. Andere Dinge wiederum sieht man, wenn man an sie glaubt, oder wenn der Wunsch, sie zu sehen, übermächtig wird. In der Wirklichkeit nennen wir es Halluzination, im Traum ist es der Normalzustand. Ich träume, also bin ich.“

„Du drückst dich um eine klare Antwort, Armin!“

„Es gibt immer wieder Menschen, die behaupten, sie würden nur glauben, was sie sehen. Und da sie sich morgens im Spiegel sehen, glauben sie an ihre Existenz. Aber die meisten glauben alles Mögliche, ohne es je gesehen zu haben – meistens weil es ihnen in den Kram passt. Sie nennen es dann Wahrheit. Ich gehöre zu keinen von beiden.“

„Hast du denn nicht auch deine eigene Wahrheit?“

„Wir haben alle unsere Wahrheiten. Dinge und Geschichten, von denen wir glauben, dass sie existieren. Unsere Welt setzt sich aus unzähligen Wahrheiten zusammen. Wir glauben, was in der Zeitung steht, aus dem Flimmerkasten quillt oder von der Kanzel verkündet wird. Wir glauben, was uns die Wissenschaft lehrt, wir glauben was in Büchern steht, besonders wenn sie steinalt sind, und wir glauben was wir glauben wollen. Unsere Wahrheiten bestehen aus Glaubenssätzen. Würde unsere Welt nicht aus Wahrheiten gebaut sein, sie würde zerrinnen wie eine Sandburg. Manch einem passiert das auch und er landet dann im Sanatorium, wie ich. Oder er hält es nicht mehr aus und bringt sich um.“

„Ich hoffe nicht, dass du diesen Gedanken hegst.“ Ich war beunruhigt.

„Wenn die Wahrheiten verschwinden, wird die Wirklichkeit zur Unwirklichkeit. Unsere Gedankenwelt zerfließt und unser Ich treibt dann verloren im Fluss des Lebens – ohne Bezugspunkt, an den es sich klammern kann. Die Wahrheiten, vorher wie Leuchttürme oder wie Rettungsringe, erscheinen dann als Irrlichter über dem Fluss, ungreifbar und unbegreifbar.“

„In diesem Augenblick ist doch die Gefahr sehr groß, im Fluss des Lebens zu ertrinken. Wie willst du dich über Wasser halten?“

„In der Tat ist die Gefahr groß, sich dem Wasser hinzugeben, das Schwimmen einzustellen und einfach dem ungewissen Grund entgegenzusinken. Ohne Wahrheit scheint alles verloren und sinnlos. Viele versinken denn auch in Agonie und lassen sich treiben. Sie verwelken im Sanatorium oder fallen Fischern in Roben oder Raubfischen in Nadelstreifen anheim. Doch einige erkennen, dass sie keine Leuchtfeuer, keine Bojen und keine Rettungsringe benötigen. Sie begreifen, dass sie die Wahrheit in sich selbst tragen. Die einzige Wahrheit, die wirklich zählt und die ihnen auch in den dunkelsten Stunden den Weg weist.“

Ich hoffe sehr, dass Armin zu dieser Gruppe gehört. Doch welche Wahrheit glaubt er, in sich zu tragen? Ich frage ihn danach.

„Wir sind, wer wir sind, aus Sternenstaub geboren und Teil des Ganzen. Unsere Aufgabe ist es, den Zweig des Lebens für einen Augenblick zu tragen, um eines Tages wieder zu dem zu werden, was wir waren. Kümmern wir uns nicht um das Woher und Wohin. Was zählt sind alleine unsere Träume, Gedanken, Gefühle und Handlungen im Jetzt. Sie müssen im Einklang mit dieser Welt und den universellen Gesetzen stehen. Das ist die einzige Wahrheit.“

Das klang alles sehr schön und gut. Doch beantwortete er damit meine Frage nicht. Dafür schlich sich eine andere auf dem Weg nach Hause in meine Gedanken: Wieso ist so einer wie Armin überhaupt im Sanatorium? Und als ich fast zu Hause angekommen war, tauchte eine noch weitere Frage auf: Sollten nicht einige Menschen in führenden Positionen anstelle Armins dort sitzen?

Ich wünsche euch einen strahlenfreien Frühling. Euer Traumperlentaucher.

Bild: Der Frühlingsbote



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