Ein Angebot, das man nicht annehmen kann

Im Internet bekam ich jetzt Anzeigen für ein Dating-Portal mit polnischen Frauen angezeigt. Nun bin ich bereits mehrere Jahre verheiratet, die Algorithmen der Werbeindustrie sind also doch noch nicht so gut. Oder sie sind verdammt weit, so wie in dem Fall, in dem ein Mann von der Schwangerschaft seiner Frau erfuhr, weil der Versandhändler Werbung für Babykleidung zusandte. Nicht etwa, weil die werdende Mutter dort schon mal Strampler eingekauft hatte, sondern weil der Algorithmus anhand der bisherigen Bestellungen geschlossen hatte, dass die Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit schwanger sein müsse.

Außerdem will mir jemand in einem Werbebanner erzählen, er habe eine Möglichkeit gefunden, wie ich reich werden. Wer kann bei Versprechen wie "Die folgenden Faktoren wird Ihnen helfen, zur Durchführung von einfachen und lukrativen Handel" oder "Der Grund dafür ist, dass der vollständig Web-basierte Schnittstelle, die nicht mehr Sie keine Software herunterladen, einfach, persönlich und intuitiv ist" schon nein sagen?

Binäre Optionen sollen mich angeblich reich machen

Geworben wird dabei für Binäre Optionen. Die Funktionieren wie eine Wette, man setzt auf steigende oder fallende Kurse und bekommt einen bestimmten Gewinn, beispielsweise 75 Prozent des Einsatzes, wenn man richtig liegt und verliert alles oder fast alles, wenn man falsch liegt. Binäre oder digital heißen sie, weil es eigentlich nur zwei Möglichkeiten gibt, nämlich einen Betrag X gewinnen oder einen Betrag Y verlieren. Bei regulären Optionen ist der Gewinn dagegen vom genauen Börsenkurs abhängig, hier zählt nur, ob der Kurs gestiegen oder gefallen ist. Hat man auf steigende Kurse gesetzt und der Kurs ist ein Cent im Plus gewinnt man genauso viel wie wenn der Kurs einen Euro gestiegen ist.

Fragen wir die Wahrscheinlichkeitsrechnung

Kann man damit Gewinne machen, vor allem weil die möglichen Verluste meist höher sind als die potentiellen Gewinne. Eine typische Konstruktion sieht so aus: Wer richtig liegt, gewinnt 80 Prozent, wer falsch liegt verliert alles. Alternativ gibt es auch Möglichkeiten wie: Ist die Option im Geld (hat man also richtig getippt), gewinnt man 70 Prozent, ist die Option aus dem Geld verliert man 90 Prozent. Eine kleine Rechnung zeigt mir, warum ich dieses Angebot genauso wenig nutzen werde wie die polnische Partnerbörse.

Bleiben wir beim ersten Fall, ich gewinne 80 Prozent oder verliere alles. Dann müsste ich von neun Tipps fünf richtig und vier falsch haben, um mein Geld wieder zu sehen. Hört sich eigentlich ganz einfach an. Doch eine andere Rechnung macht das Problem deutlich. Liege ich genauso oft richtig wie daneben wie es die Wahrscheinlichkeitsrechnung nahe legt und setze ich bei jedem Handel ein Zehntel meines Geldes, habe ich schon nach rund 80 Durchgängen alles verloren.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, Gewinne zu machen?

Weil es hier im Prinzip nur zwei Möglichkeiten gibt, haben wir eine Binomialverteilung. Es gibt auch die Möglichkeit, dass der Kurs am Ende der Laufzeit genauso hoch liegt wie am Anfang, dann wird das Geld ohne Gewinne und Verluste zurückgezahlt. Diesen Fall können wir also vernachlässigen. Angesichts der Quoten müsste ich von 100 Optionskäufen bei 56 Gewinne machen, um am Ende leicht im Plus zu sein. Hört sich nicht schwer an, doch schauen wir mal, wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür ist.

Das geht ganz einfach, denn dafür gibt es eine Excel-Formel. Weil ein großer Teil der Leser sich mit der Binomialverteilung vermutlich besser auskennt als ich und ein anderer gar nicht daran interessiert ist, habe ich die Erklärung in einen eigenen Beitrag ausgelagert (der findet sich hier) und erläutere hier nur kurz das Ergebnis.

Excel gibt wahlweise die Wahrscheinlichkeit dafür wider, dass wir genau X Mal richtig liegen (dann steht im letzten Teil der Formel für kumuliert "Falsch", weil wir ja nicht aufkumulieren, oder aber die Wahrscheinlichkeit für die sogenannte untere kumulative Verteilungsfunktion, also dafür dass höchsten X Mal richtig liegen. Wir wollen aber wissen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür ist, dass wir mindestens 56 Mal richtig liegen und gehen daher den anderen Weg. Wenn wir mindestens 56 Mal richtig liegen, dürfen wir bei 100 Versuchen höchsten 44 Mal falsch liegen. Unsere Formel lautet also: =BINOM.VERT(44;100;0,5;WAHR).

Das Ergebnis

Das Ergebnis ist überzeugend. Nur rund 13,6 Prozent der Anleger dürften nach 100 Käufen mit jeweils gleich hohem Einsatz Gewinne machen. Jetzt lässt sich einige dagegen vorbringen. Die entsprechenden Seiten werben damit, dass man eine höhere Gewinnwahrscheinlichkeit habe, weil man die Entwicklung ja prognostizieren könnte. Doch am Ende gibt es bei dieser Art von Finanzwetten immer einen Gewinner und ein Verlierer. Anders als beim Aktienhandel wohlgemerkt, wo hinter dem Papier die Beteiligung an einem Unternehmen steht. Hier aber gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer, daran ändert auch die Tatsache nichts, dass mir Charts und Nachrichten bei der Anlageentscheidung helfen sollen. Deshalb können mich auch die tollen Werbebotschaften nicht mehr locken, obwohl man mir verspricht: "Sie erhalten eine breite Palette von Ablauf-mal das heißt, Ende der Stunde oder des Tages oder der Woche oder des Monats".

Posted by Tilman Weigel

Tagged as: Finanzen, Wahrscheinlichkeit, Werbung Leave a comment