Ein altes Leben in einer alten Welt (1)

Die Uhr zeigte 22:20 und ich hatte noch etwa eine Stunde bis mein Zug ging. Die Tasche war gepackt und mit dem Bus waren es bis zum Bahnhof gerade einmal 10 Minuten. Dass es um diese Zeit noch einen Bus gab, wusste ich zwar, nicht aber wann. Durch den einsetzenden Regen machte ich mich auf den Weg zur Haltestelle und las den Plan ab. Entweder 22:40 oder 23:10. Mit beiden sollte ich pünktlich ankommen. Während ich nachdachte, ob der 23:10er das Risiko wert war urinierten am Baum gegenüber zwei betrunkene Polen – was dem Ort – dunkel, nur vom orangenen Licht der Natriumdampflampen beschienen und immer stärker werdendem Regen – eine Atmosphäre gab, die ich nicht allzu sehr schätzte.

Langsam schritt ich zurück in die Wohnung. Eigentlich wollte ich nur Zeit „vernichten“. Ich hasse es zu warten – speziell auf wichtige Dinge. Mein Zugticket war auf diesen einen Zug ausgestellt und ich durfte ihn nicht verpassen. In meinem Zimmer konnte ich auch nichts anstellen, da wenige Minuten zuvor die Glühlampe durchgebrannt war und die Öllampe, die ich von einem israelischen Trödler erworben hatte nicht den Effekt zeigte, den ich mir erhoffte.

Meine Uhr zeigte 22:27, ich war wieder daheim. Diese Warterei spannte ich mich an. Lieber würde ich im Bahnhofsgebäude warten, da wusste ich wann der Zug kommt und konnte nur sehr schwer zu spät kommen. Der Bus war wie immer zu spät. Wie dies bei dem antiimmensen Verkehr zurstande kam, verstand ich zwar nicht aber ich war zumindest nicht zu spät. 22:58.

Der Bahnhof von Oswiecim

Der Bahnhof von Oswiecim

Der Regen ist inzwischen wieder schwächer geworden, setzte aber nicht aus, was mich dazu nötigte, im Gebäude zu bleiben. Kaum hatte ich die Türe passiert wunderte ich mich, ob ich jetzt einen Tinnitus hatte oder – was viel richtiger war – ob der Türöffner defekt war. Mein Gepäck breitete ich auf den Steinbänken aus, machte mich auf den Weg zur Türe und versuchte dieses nervtötende Instrument zum Schweigen zu brin… zu reparieren. Die manuelle Öffnung und erneute Schließung des Eingangsportals brachte nicht den gewünschten Erfolg. Eine Betätigung des Schalters neben des Eingangs unterließ ich im letzten Moment – glücklicherweise. Wie mir eine ebenfalls wartende Polin mitteilte, handelte es sich dabei um eine Art Notalarm – neben der Beantwortung meiner Frage, was ich mit dem potentiellen Druck auf diesen Knopf bewirken würde hatten wir noch eine nette Unterhaltung. Bis ihre Mutter schließlich da war und sie abholte. Aber es war ohnehin langsam Zeit für mich zu gehen. Mein Zug kam schließlich um 23:31 und es war bereits 23:20. Diese reine Vertreibung der Zeit halte ich nicht lange aus… Doch der Zug kam nur vier Minuten zu spät.

Das Coupé teilte ich mir mit ein paar Singapurern, die den selben Weg hatten wie ich…

Überraschenderweise konnte ich im unbequemen, viel zu kleinen Pritschenbett, das sich aufgrund des Gerüttels des Zuges parallel zu ihm bewegte nicht wirklich gut schlafen. Einmal wachte ich auf, erblickte durch die lichtdurchlässigen Vorhänge vermeintliches Sonnenlicht und wollte schon aufstehen… Bis ich die Jalousien öffnete. Es war stockdunkle Nacht. Erst jetzt fiel mir ein, dass das Licht vor dem Abteil nicht ausgeschaltet wird – und wieder ummantelte mich der Schleier des Schlafes.

Wir hatten zwar nur zehn Minuten Verspätung, allerdings kam es mir so vor, als wäre der Tag schon weiter fortgeschritten, als wir um kurz vor halb neun ankamen. Doch diesmal hat mich nicht die Arbeit zurückbeordert. Dieses Mal nahm ich mir Urlaub von einer Arbeit die ich schätze, um an einen mehr oder weniger vertrauten Ort zurückzukehren.

Ich war wieder in Budapest.

Ankunft am Bahnhof Budapest Keleti pályaudvar

Ankunft am Bahnhof Budapest Keleti pályaudvar

Gebucht hatte ich in einem Hostel, dessen Betreiber ich kurz vor meiner letzten Abreise kennen gelernt hatte. Was nicht hieß, dass András, der Besitzer des Home-Plus-Hostels nicht versucht hatte, mich übers Ohr zu hauen. Nach zwei Tagen, an denen ich Dinge getan hatte, zu denen ich bei meinem letzten Besuch nicht gekommen bin durfte ich am dritten Tag auch endlich meine Freundin wiedersehen. Inzwischen waren drei Monte vergangen, seit wir uns zum letzten Mal gesehen hatten. Der Moment, in dem ich sie Wiedergesehen habe war unbeschreiblich. In dieser Sekunde ist es mir so vorgekommen, als wäre ich nur für ein Wochenende weggewesen – die Umarmung sagte jedoch etwas Anderes. Das Glück, das ich in diesem Moment verspürt hatte, war unbeschreiblich.

Für den ersten Tag hatte ich etwas besonderes geplant. Auch für mich sollte es eine Überraschung sein, da ich noch nie zuvor dort war, jedoch gefielen mir die Informationen, die ich bereits zur Verfügung hatte.

Der Weg zu Gül Baba

Der Weg zu Gül Baba

Gül Baba. Eine Art Überbleibsel aus der osmanischen Zeit Ungarns, das auf Deutsch übersetzt soviel heißt wie „Vater der Rose“. An seinem Turban hat er immer eine Rose getragen und noch heute werden um sein Grab herum Rosen gepflanzt. Das Grab ist -wie man wahrscheinlich nicht erwarten mag- ein islamischer Wallfahrtsort. Gül Baba oder Gül Dede (Derwisch (=islamischer Mönch) Rose) wird im Islam als Heiliger verehrt. Meine Hoffnung, dass trotz des frühen Besuchs schon welche blühen würden hat sich leider nicht bestätigt, dennoch war dieser Ort, sei es ob der grünen Umgebung in Ofen (Buda) oder der etwas erhöhten Lage sehr ruhig und friedlich. Die Stadt ließ sich gut überblicken und der Verkehrslärm störte nicht zu sehr.

Es wird Abend in Budapest - auf diesem Foto zu sehen: Das Parlament

Es wird Abend in Budapest - auf diesem Foto zu sehen: Das Parlament

Ein Sonneuntergang, wie man ihn gerne öfters hätte...

Ein Sonneuntergang, wie man ihn gerne öfters hätte...

Da die Sonne sich inzwischen abendrötlich färbte beschlossen wir den Tag oben auf der Budaer Burg ausklingen zu lassen. Es war ein seltsames Gefühl wieder hier zu sein. Diesmal wusste ich jedoch, dass mich keine Arbeit quälen wird, sondern dass der Aufenthalt „nur“ zum Vergnügen ist – bzw. um meiner Freundin den Ort zu zeigen, an dem ich vier Monate gelebt hatte und der dadurch fast heimatlich auf mich wirkt.

Beispiel für ein bürgerliches, jüdisches, nichtkoscheres Restaurant mit exzellentem Essen

Beispiel für ein bürgerliches, jüdisches, nichtkoscheres Restaurant mit exzellentem Essen

Im jüdischen Viertel gibt es drei Arten von Restaurants

  • Nichtjüdische
  • Schlechte, überteuerte jüdische, die koscher sind (oder es zumindest behaupten)
  • Nichtkoschere jüdische mit traumhaftem Essen zu fairen Preisen
Ein altes Leben in einer alten Welt (1)

"Poppy Seed Mess" - auf Deutsch: Mohnsamenunordnung

Drittere sollte man zu finden versuchen. Ich weiß von zwei. Eines dieser bot nicht nur äußerst schmackhafte Hauptgerichte an, sondern auch ein interessantes Dessert namens „Poppy Seed Mess“, was auf Deutsch soviel heißen sollte wie „Mohnunordnung“. Mit Vanillesauce. Bei diesem Gericht handelte es sich um eine Art gerollte Mohnnudeln. Etwas seltsam in Name und Aussehen aber durchaus schmackhaft – ebenso wie das meiste in diesem Restaurant. Der Name war Koleves, wenn ich mich richtig erinnere.

Der kommende Tag sollte hauptsächlich für einen Stadtrundgang verwendet werden. Ganz am Anfang besuchten wir eine wunderschöne orthodoxe Synagoge, die sich direkt neben dem jüdischen Restaurant Carmel (gehört in die zweite Kategorie) befindet. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur, dass sie existiert, war jedoch nie im Inneren. Meine Erwartungen übertraf sie bei weitem.

Als ich in den letzten Tagen einmal von den Synagogen in Budapest erzählt habe, hat man mir geantwortet, dass solche Gebetshäuser nicht zu schön sein sollten. Man werde sonst vom Gebet abgelenkt. Dieses Gebäude war jedoch ein Mittelweg, wie man ihn nur zu gerne geht – aber was schreibe ich – natürlich konnte ich ein paar Fotos machen:

Die orthodoxe Synagoge in der Kazinczy utca - eine der schönsten Synagogen in Budapest

Die orthodoxe Synagoge in der Kazinczy utca - eine der schönsten Synagogen in Budapest

Kazinczy utca-Synagoge unten

Kazinczy utca-Synagoge unten

Decke der Synagoge

Decke der Synagoge

Die Dohany-Synagoge von außen

Die Dohany-Synagoge von außen

Die Dohany-Synagoge wollte ich an diesem Tag nicht begehen. Von außen ist sie ein wahres Prunkgebäude, innen erinnert sie an eine Kirche ohne Kreuz. Kanzel, Orgel, Altar vor den Betenden. Sie wurde zwar so gestaltet, damit man den Christen der Stadt eine Art „Danke“ für die Erlaubnis sie zu bauen widmet… Meiner Meinung nach hätte es eine freundliche Tafel auch getan. Trotzdem ist ihr Äußeres ein Prachtbau, wie man ihn selten vorfindet – Arkaden, maurischer Stil und klein ist sie auch nicht. Trotzdem lässt ihr Inneres meiner Meinung nach etwas zu wünschen übrig.

Umgekehrt verhält es sich mit der Budapester Oper. Sie ist von außen weniger ein Blickfänger wie beispielsweise die Wiener Staatsoper. Innen hingegen wirkt das stark überladene – aber wunderschöne Gebäude noch einige Zeit – auch wenn man es bereits verlassen hat. Beim Bau wurde zwar darauf geachtet, sie nicht grandioser als die Wiener Oper aussehen zu lassen – nachdem die Mauern standen schien man den Plan allerdings wieder zu verwerfen. Sie steht ihrem Äquivalent in der ehemaligen Reichshauptstadt in kaum etwas nach.

Das Operngebäude von innen...

Das Operngebäude von innen...

...hat nicht nur ausgesprochen schöne Gemälde...

...hat nicht nur ausgesprochen schöne Gemälde...

...sondern auch schöne Türen zum VVIP-Bereich...

...sondern auch schöne Türen zum VVIP-Bereich...

...oder Spiegel, in denen sich schon der Kaiser betrachtet hat (heute macht das beispielsweise sein illegtimer Nachfolger)

...oder Spiegel, in denen sich schon der Kaiser betrachtet hat (heute macht das beispielsweise sein illegtimer Nachfolger)

Der vorläufige Abschluss des Tages war der Weg durch die bekannte Andrássi-Út (früher Stalinstraße genannt), die am Hősök tere (Heldenplatz) mündet. Ein weitläufiger Platz, an dem ungarische Barbaren im Zentrum und um sie herum wichtige Persönlichkeiten in der Geschichte der Magyaren platziert haben. Unter anderem der heilige István (Stephan – einer der wichtigsten ungarischen Könige – die Stephanskrone (die mit dem schiefen Kreuz) ist heute noch ein wichtiges Identifikationsobjekt für Ungarn) und Lajos Kossuth, der für die komplette Unabhängigkeit von Österreich gekämpft hat. Bevor wir mit der „Millenniums-U-Bahn“ (Millenniumi Földalatti) wieder zurückgefahren sind flanierten wir noch durch das Wäldchen hinter dem Heldenplatz.

Der Heldenplatz in Budapest (Hősök tere)

Der Heldenplatz in Budapest (Hősök tere)

Das Wäldchen hinter dem Heldenplatz

Das Wäldchen hinter dem Heldenplatz

Die Milleniums-U-Bahn war, wie schon einmal erwähnt, die erste U-Bahn im Habsburgerreich und noch heute wird einen ihr Aussehen verwundern. Die Züge sind vergleichsweise winzig, die Strecke könnte länger und tiefer unter der Erde sein – aber genau das macht die Fahrt mit ihr zu einem Erlebnis. Die ganze Strecke vom Vörösmarty tér bis zur Mexikói út sollte in etwas mehr als einer Stunde abgehbar sein. Mit der Milleniums-U-Bahn dauert es keine zehn Minuten, obwohl auf der Strecke von etwa 5 1/2km etwa 11 Mal gehalten wird. Die U-Bahn als „niedlich“ zu bezeichnen passt, es ist auch ein gewisses Erlebnis mit ihr unter der Stadt durchzugondeln. Sie war auch der Grund, warum die Sowjets, die Ungarn 1956 kommunistischer machen wollten, nicht mit Panzern durch die Stalnistraße fahren konnten. Die Milleniums-U-Bahn ist wirklich nur ein paar Meter unter der Erde. Ein Panzer… wäre es während der Fahrt ebenso…

Der Tag neigt sich dem Ende zu - der (Seder-) Abend folgt

Der Tag neigt sich dem Ende zu - der (Seder-) Abend folgt

Doch der Tag endet hier noch nicht… Lediglich dieser Artikel :-P


Filed under: Fotografien, Geschichte, Magyarország, Polska, Reiseinformation

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