Drei Anläufe zum Campingbus

Aus Lust am Reisen und damaligem chronischen Geldmangel haben wir im Sommer 2003 einen 13 Jahre alten VW Golf II (dreitürig) zum Campingmobil umfunktioniert. Obenauf kam ein "Schwiegermuttersarg", der unsere Kleidung, einen Tisch (Hocker), zwei Campingstühle sowie Lebensmittel aufnahm.Die Rücksitzbank wurde entfernt und durch eine dicke passgenaue Sperrholzplatte ersetzt, die gepolstert wurde. Im hinteren Fußraum befanden sich Wasserkanister, alle Kochutensilien sowie weitere Lebensmittel. Die Liegefläche reichte bequem, wenn die Lehnen der Vordersitze nach vorn geklappt wurden.
Gravierender Nachteil: Es hätte niemals längere Zeit regnen dürfen, denn dann wäre man in einem solchen Vehikel gefangen! Wir sind damit durch Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen in einem vierwöchigen "Ritt" gefahren, mehr als 12.000 km! Hinzu kamen diverse Mehrtagestouren innerhalb Deutschlands.
Im September 2004 konnten wir durch einen glücklichen Zufall sehr günstig einen vom Vorbesitzer selbst ausgebauten acht Jahre alten MB 100 D erwerben. Die Scheiben rundum waren mit getönter Folie verklebt (Vorhänge inkl.). Ein zweiflammiger Kocher (2 x 5 kg-Flaschen im von innen zugänglichen Gaskasten) ein umklappbares Längsbett (tagsüber Sitzbank), ein klappbarer Tisch nebst klappbarem Hocker sowie eine Außendusche waren vorhanden.
Stauraum gab es reichlich unter dem Bett. Den Fahrradträger haben wir nachträglich montieren lassen. Das Fahrzeug hat uns ohne wesentliche technische Komplikationen bis zum Sommer 2008 (Totalschaden durch Unfall in der schönen Schweiz "dank" einer unaufmerksamen schwäbischen Seniorin) auf zahlreichen mehrwöchigen Touren durch ganz Europa fast 100.000 km begleitet.Nachdem wir dann für zwei Jahre einen VW Passat Variant (Bj. 1995) ähnlich dem Golf umgebaut hatten und damit 14.000 Kilometer gereist sind, waren wir des Improvisierens leid und wollten endlich Nägel mit Köpfen machen. Wie beim Hausbau gilt wohl auch für Reisemobile:
Das erste baut man für den Feind, das zweite für den Freund, das dritte für sich selbst.
Die Ausgangslage unseres derzeitigen Mobils im Herbst 2010:
IVECO Daily 29 L HPI, Baujahr 2005, 85.000 km
2,3 l Hubraum, 116 PS. Länge 5.001 mm. Breite 1.996 mm. Höhe 2.260 mm.
Zul. Gesamtgewicht 3.200 kg. ABS, ASR, Fahrer-Airbag, Tempomat, Klimaautomatik im Fahrerhaus, Radio, Zentralverriegelung (Schiebtür und Hecktüren einzeln verriegelbar), el. Fensterheber, el. einstellbare und beheizbare Außenspiegel, Anhängerkupplung, Fahrersitz und Doppelsitzbank von ISRI, Schiebetür rechts, Doppel-Hecktüren, Trennwand.
Wir haben das Fahrzeug im September 2010 beim langjährigen Händler unseres Vertrauens sehr günstig erworben. Die gute Ausstattung sowie die Robustheit nebst relativ großer Bodenfreiheit sprachen für den Iveco als Basis. Dann begann unsere Odyssee! Wir waren uns stets einig, dass Alltagstauglichkeit und Nutzwert vor Design und Komfort gehen. Wir haben beschlossen, dass der Campingbus kein Saisonkennzeichen erhält, so dass er notfalls auch im Winter mal kurzzeitig bewegt werden kann. Bei Plusgraden ist er eh zu fahren wie ein Pkw - allein bei Schnee und Eis macht sich der Heckantrieb negativ bemerkbar.
Durch den Ausbau sollten in jedem Fall eine bequeme Sitz- und Arbeitsgelegenheit, ein Schlafplatz für zwei Reisende (quer), eine Kochgelegenheit, Heizung sowie Wasser/Abwasser und ausreichend Stauraum entstehen. Am Fahrerhaus sollte zu keinem Zeitpunkt eine Veränderung vorgenommen werden. Schließlich würde man dort auch einen dritten Reisenden sitzen und schlafen lassen können (als kurzzeitige Notlösung). Der ganze Hickhack bis zur Fertigstellung am 12. Januar 2011 findet sich in meinem Wegweiser für wohnmobile Einsteiger

Drei Anläufe Campingbus

. Das Basisfahrzeug war jetzt durch die Einbauten ca. 330 kg schwerer geworden. So sah es dann außen aus:In die Schiebetür und rechts hinten wurden zwei doppelt verglaste Seitz-Fenster mit Mückenschutz- und Verdunklungsrollo verbaut. Die Hecktüren haben zwei ebensolche (kleinere) Fenster bekommen. Über der Sitzgruppe befindet sich ein Mini-Heki. Und vorn links ein Entlüftungs-"Pilz". Alle Lackflächen wurden penibel aufgearbeitet und konserviert. Da, wo nötig, wurden Lack-Ausbesserungsarbeiten vorgenommen. Der Hohlraum wurde ebenfalls konserviert, Unterbodenschutz inklusive. Der Innenraum von vorn nach hinten: Das Original-Radio haben wir durch eines mit USB- und SD-Kartenslot ersetzt. Die Sitzpolster wurden professionell gereinigt (im Mai 2011 sind dann die Sitz- und Rückenflächen komplett neu bezogen worden). Ein Rückspiegel wurde an der Frontscheibe angebracht. Der Tisch ist absenkbar und dient bei nichttouristischer Nutzung als Arbeitsplatz.
Für die Frontscheibe und die Seitenscheiben der Türen haben wir hochwertige Isolationsmatten (Sonne, Kälte, Sichtschutz) typgerecht gekauft. Für die Einstiege konnten wir passgenaue textile Schmutzmatten erwerben, der Teppichboden für den Boden im Fahrerhaus wurde ebenfalls speziell angefertigt. Am Rückenteil der Doppelsitzbank haben wir einen großen "Organizer" für allerlei Krimskrams befestigt.
Die Stufe des Einstiegs an der Schiebetür wurde ebenfalls textil belegt. Knoblochs genialer Türstopper STOPSY findet sich in der Führung der Schiebetür. So kann mittig die Tür arretiert werden, was beim Kochen und bei Schlechtwetter praktisch ist. Die serienmäßige Trennwand wurde entfernt. Die Innenwände sind mit 10 mm Armaflex isoliert und an den Seiten, den Türen und am Himmel vollständig verkleidet. Die Möbelplatten sind hochwertig, nahezu kratz- und schlagfest und absolut unempfindlich gegen Nässe.
Auf Reisen ist es abends angenehm, mal bei einem Glas Wein zu klönen (drei Gäste könnte man bequem einladen). Auch ein Film lässt sich am Notebook so mal schauen. Der Umbau zum Querbett mit einer 1,46 m breiten Liegefläche dauert maximal drei Minuten, also morgens und abends ein klein wenig Mühe - aber nicht wirklich der Rede wert. Das wird aber schnell zur Routine und jeder Handgriff sitzt dann spätestens nach dem dritten Umbau.Unter dem L im Heck befinden sich die starke Bordbatterie, die beiden Gasflaschen und für uns ausreichend Stauraum, der auch dann zugänglich ist, wenn die Hecktüren geschlossen bleiben (sehr wichtig!). Auf der Beifahrerseite wurde ein kleines Regal angebracht, auf der Fahrerseite kamen später noch textile kleine Ablagemöglichkeiten an die Wand.
Im Bereich der Schiebetür steht ein ausreichend dimensionierter Küchenblock mit einem Spülbecken nebst zweiflammigem Gaskocher (Dometic), ferner je ein von außen zugänglicher 19 Liter Frisch- und Abwasser-Kanister. Das Frischwasser kommt also aus dem Wasserhahn.
Was sprach für diesen Mini-Wasservorrat? Das Wasser kann niemals brackig werden, Chemie jedweder Art ist überflüssig. Überall dort, wo wir hinfuhren, war Wasser in guter Qualität ausreichend verfügbar. Für solch geringe Nachfüll-Mengen braucht es weder Transport-Hilfsmittel noch Schlauch. Sehr selten muss man für so wenig Wasser auch noch bezahlen. Für alle Fälle haben wir noch eine 20 Liter-Reserve (Kanister), die auch dank Saugpumpe mit Brausekopf zum Duschen verwendet werden kann. Zum Kochen verwenden wir grundsätzlich nur stilles Mineralwasser.
Drei Anläufe zum CampingbusHinter dem Fahrersitz befinden sich zwei Schränke: Ein Hochschrank mit Kleiderstange und Spiegel, der auch die Porta Potti-Toilette aufnimmt. Daneben ein Unterschrank, über dem der Kompressor-Kühlschrank (65 l) mit kleinem Tiefkühlfach logiert. Darüber gibt es noch eine kleine Ablagefläche. Die Innenbeleuchtung: LED-Leuchten, im Heck eine Leselampe. Geheizt wird mit einer Webasto-Dieselheizung, stufenlos regelbar. Diese haben wir bereits bei Minusgraden getestet und für gut befunden. So müssen wir zum Heizen nicht auf das kostbare (und nicht überall erhältliche) Propangas zurückgreifen. Wir führen meist nur eine 3-Kilo-Gasflasche mit, eine weitere können wir noch im Gaskasten verstauen. Vorteile:
Ein robustes mehrzweckfähiges und alltagstaugliches Fahrzeug für zwei (notfalls für kurze Zeit auch drei) Personen, das unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten entspricht (Unterhalts- und Folgekosten). Ein neuer und hochwertigen Innenausbau, der nach menschlichem Ermessen auf Jahre nicht grundlegend erneuert werden muss. Ein relativ kleines und unauffälliges Fahrzeug (Wendekreis, Parkfläche). In der warmen Jahreszeit ist dieser Campingbus auch ein "rollendes Büro".
Nachteile:
Keine komplette Stehhöhe innen. Begrenzter Stauraum und "Wohn"-Fläche. Kein wohnmobiles Badezimmer. Die Liegefläche ist für Personen jenseits der 1,80 m ungeeignet. Das wird bewusst in Kauf genommen. Für uns überwiegen die Vorteile.
Mehr Reisemobil brauchen wir nicht!
PS: Dieser Campingbus begleitete uns bisher sehr zuverlässig mehr als 60.000 km durch 23 europäische Länder.

Drei Anläufe zum Campingbus

Schreibender vielreisender Backpacker und Reisemobilist