Diese Zeit reißt viele Wunden

Diese Zeit reißt viele Wunden

Quelle: Westend Verlag

Die Finanzbranche und speziell der Hochfrequenzmarkt haben die Kontrolle über Unternehmen an sich gerissen, daraufhin zur Steigerung des kurzfristigen Renditedenkens beigetragen, das nichts weiter als ein Kontrollinstrument ist, die Arbeit entregelt, die solidarische Sicherung zerstört und die Normalarbeitszeit quasi abgeschafft und somit die Privatsphäre der Menschen durchlöchert und treiben in letzter Instanz die Privathaushalte vor sich her. So jedenfalls lautet in nuce die These Friedhelm Hengsbachs zur Beschleunigungsgesellschaft. Ähnlich hatte es der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich schon vor einigen Jahren formuliert. Für ihn waren die neuen Kommunikationstechnologien, die Zeitersparnis für jedermann versprachen und auch hielten, gleichermaßen auch Antreiber nicht nur marktimmanenter Prozesse, sondern hetzten als Impulsgeber letztlich auch die gesamte Gesellschaft vor sich her. Reich nannte das die Geburtsstunde eines Superkapitalismus, der nicht zuletzt auch die Demokratie gefährde. Hengsbach sieht das ganz ähnlich und fordert eine Rückkehr zur Gerechtigkeitsfrage.
In Die Zeit gehört uns analysiert Hengsbach das Phänomen Zeit und den Umgang mit ihr im Neoliberalismus. Er tut das als Ethiker, Soziologe und Philosoph.

Normierte Zeiteinteilungen und Handlungssequenzen waren stets zur Verfestigung der elitären Machtsphäre gedacht. Wie die Zeit zu ticken habe, wann etwas gemacht werden soll und wann nicht, das ist nicht nur einfach so in der Praxis und aus naheliegenden Gründen entstanden, sondern stets auch eine Frage der Machtverhältnisse, der ökonomischen Verteilung und der Produktionsarrangements gewesen. Die Zeit erhielt erst mit den Menschen eine Skala. Nun verröchelte sie nicht mehr ungemessen, sondern in Einheiten. Der Naturbezug und der Biorhythmus fand aber auch im Zeitalter der Uhr noch rudimentär Berücksichtigung, scheinen aber heute immer mehr ins Hintertreffen zu geraten. Der heutige Mensch der industrialisierten Welt lebt in der künstlichen Zeit, aber immer weniger in den in ihm schlummernden biologischen und evolutionär bedingten zeitlichen Prämissen. Die innere Uhr liegt immer weniger im Trend. So nehmen fest eingeplante wöchentliche Ruhezeiten ab, wird das Wochenende der Flexibilität am Arbeitsmarkt geopfert, werden Schicht- und Wechselschichtmodelle zum Standard und die Nachtarbeit zur Normalität. Der durch die Beschleunigungsdynamik entstandene Druck im Arbeitsleben erzeugte ein (noch) ungeschriebenes Gesetz der Allerreichbarkeit, dem sich Arbeitnehmer beugen sollen. Die Ruhe kann jederzeit gestört werden, wenn sie sich denn überhaupt je einstellt.
Die Deutsche Post garantierte letztes Jahr, dass Pakete, die bis zur Mittagsstunde des 22. Dezembers bei der Post abgegeben würden, auch wirklich an Heiligabend die Empfänger erreichten. Folglich stellte DHL auch am 23. Dezember 2012, einem Sonntag, Pakete zu. Diese Feiertagsarbeit gesellte sich zu den sowieso überlangen Schichten aufgrund des Weihnachtsgeschäfts. Vor vielen Jahren hätte die Bundespost vermutlich keine Garantie gegeben, allerdings freudlich darauf hingewiesen, Pakete zur Weihnachtszeit rechtzeitig zur Post zu bringen. Die beschleunigte Gesellschaft läßt eine solche Erinnerung zur Pünktlichkeit, die entschleunigen soll, gar nicht mehr zu. Der Paketzusteller ist auch dann pünktlich, wenn der Absender es nicht ist. Service nennt sich das. Und der geht zulasten der Angestellten.
Dies ist nur eines der vielen kleinen und größeren Beispiele des beschleunigten Alltages. Wie die Beschleunigung Stress erzeugt und Arbeitsverhältnissen eine Flexibilität abringt, die unnatürlich ist und die dennoch diesem Sog der Schnelligkeit unterliegt und psychische wie körperliche Folgeschäden verursacht, läßt sich fast überall aus den gesellschaftlichen Verhältnissen explizieren. Es ist ein alter Hut, wenn man wie Hengsbach auch auf die Zunahme psychischer Erkrankungen durch Zeit-, Kosten- und Anpassungsdruck und Mobbing, als makaberes Ventil zum Druckablassen gegen das schwächste Glied einer Gemeinschaft, oder auf die Verdichtung von Burnout-Syndromen hinweist - aber ein Beleg für die Beschleunigung scheinen diese Zahlen durchaus zu sein.

Diese Zeit reißt viele Wunden

Ausschnitt aus Dalís
"Die Beständigkeit der Erinnerung"

Hengsbach stellt fest, dass wieder mehr gearbeitet wird. Zudem vermische sich Freizeit und Arbeitszeit immer stärker. Was er leider nicht berücksichtigt: Die Wege zum Arbeitsplatz und zurück sind für viele Menschen heute lang und zeitintensiv. Der Mensch ist somit mit seiner Erwerbsarbeit oft viel länger beschäftigt als es die reine Arbeitszeit auf dem Papier vorgibt. Gestaltete sich das Leben von lohnabhängig Beschäftigten früher noch nach privaten und beruflichen Aspekten, so arrangiert sich ein solches Leben heute verstärkt mit den Notwendigkeiten, Vorgaben und Nachteilen einer Arbeitsstelle. Auch zwei Stunden An- und zwei Stunden Rückfahrt sind nach den Geboten der Flexibilität und den Maßgaben der Arbeitsämter noch zumutbar. Die Politik stellt sich nicht gegen diese Beschleunigung und versucht nicht mal die Symptome abzumildern. Stattdessen kippen immer wieder Ladenschlussgesetze und erschweren es den Angestellten im Handel, die ohnehin schwierige Gratwanderung zwischen Familie, Hobby, Entspannung und Beruf gelingbar zu machen. Andere Aspekte der allgemeinen Beschleunigung, wie der stetige Kosten- und Lohndruck, dem die Menschen ausgeliefert werden, tun das Nötige dazu, dass das zur Ruhe kommen fast nicht richtig mehr gelingen mag. Immer mehr Menschen klagen darüber, dass sie nach Arbeitsende nicht mehr abschalten können. Sie sind so in der Beschleunigung, dass ein Abbremsen nur schwer umsetzbar ist.
Der immer maroder werdende, stets neuerdings aufs Tapet kommende Kündigungsschutz und ganz generell der Sozialabbau, sind gleichwohl Folgen dieser Kultur der Beschleunigung. Das Schwinden von Normalarbeitsverhältnissen zugunsten von Teilzeit- oder Minijobstellen ist dem Mantra der Flexibilität geschuldet. Die herrschende Ökonomie ist eine Ökonomie der Kälte, weil sie in steter Eile ist, keine Zeit hat, um darauf zu sehen, was einer Gesellschaft wichtig zu sein hat und was nicht. Der Markt ist der gehetzte Exekutor der sozialen Kälte.
Dieser eilige Rhythmus, der über den Hochfrequenzhandel alle Teile der Gesellschaft erfasst hat, mag nicht kalkuliert gewesen sein. Da er aber nun mal in der Gesellschaft ist, hat er sich sicherlich nicht als Nachteil für die Eliten der Wirtschaft erwiesen. Sie haben Interesse daran, den Takt weiterhin so forsch anzuschlagen. Entschleunigung ist deren Ziel sicher nicht. Sie normieren unsere Zeit, füllen sie mit Gehetztheit, takten den Alltag und reißen viele Wunden in Personen und Gesellschaftsgruppen, zerstören soziale Gefüge und erklären mit Unschuldsmiene, all das sei notwendig, um den Wohlstand zu erhalten.
Man kann nur hoffen, dass Hengsbachs soziologisch-philosophischer Abriss des Phänomens Zeit und des gesellschaftlichen Umgangs mit ihr, kein zeitloses Werk wird, sondern zur Abhandlung über einen Zeitgeist, der sich irgendwann wieder gedreht hat.
Die Zeit gehört uns. Widerstand gegen das Regime der Beschleunigung von Friedhelm Hengsbach ist im Westend Verlag erschienen.