Die zwei Epochen der Securitate. Neueinstellung:Wider Geschichstfälschungen

Dieter Schlesak
DIE ZWEI EPOCHEN DER SECURITATE
VORBEMERKUNGEN
Nein, es geht hier nicht nur um Literatur, es geht um eine falsche Heldenlegende und um eine Verwechslung und Vermischung von Literatur und Widerstand. Ja, mehr noch, um eine Trennung von Literatur und Widerstand. Ein angeblicher Widerstand gegen das rote Regime, ein Widerstand, den es nicht gegeben hat, der nichts als Literatur ist, wird weltweit als aktive politische Widerstandsleistung vorgeführt, ins Politische stilisiert. Anstatt die wirklichen, die literarischen Werte zu preisen, wird er als politische Tat peinlicherweise mit höchsten Ehren bedacht– und der jungen Generation als Beispiel vorgeführt.
Da ich mit meinem Werk und meinem ganzen Leben als Autor diesen Themen eng verbunden bin, aber nicht nur die eine Epoche der Securitate, die der Tauwetterzeit des Ceauşescuregime, sondern auch die harte Gulag-Periode miterlebt habe, sowie die Nazizeit, dann den Heimatverlust und das Exil, diesen Themen mein Leben als Autor gewidmet habe, ich also in der Lage bin, diese Heldenlegende - peinlich berührt - zu durchschauen, erscheint auch mir (und noch vielen anderen meiner Generation!) diese angemaßte Widerstandslegende wie eine moralische Beeinträchtigung auch des eignen Lebenswerkes. So dass ich (wie andere auch!) nicht schweigen kann!!
Ich sehe mich, gemeinsam mit meinen noch lebenden Altersgenossen, als letzte Augenzeugen und auch als Augenzeugen der Augenzeugen, die der Wahrheit und niemals der Karriere und dem taktischen Machtspiel verpflichtet waren. Was seinen Preis hat und Machtverlust bedeutet. Ich glaube deshalb kaum, dass wir etwas an dem durch geschickte jahrelange Taktik gewonnen Machtspiel und an der verhärteten Öffentlichkeitsmeinung etwas ändern können. Und jetzt nach dem durch Öffentlichkeitsmacht gewonnenen antikommunistischen Widerstandsanspruch der "Aktionsgruppe Banat" und der neuen Nobelpreisträgerin, riskieren wir sogar, dass nun mit dem Finger auf uns gezeigt wird, wenn wir diesen Anspruch nicht akzeptieren, sondern ihn als peinlich empfinden!
Wir müssten wissen, dass die hohe „Währung öffentliche Aufmerksamkeit“ , auch wenn sie mit Täuschungen und Schein umgeht, nicht mehr korrigierbar ist. Es gibt dafür große Beispiele in der Geschichte. Nein, dieses festgefahrene Bild heute von der selbsternannten Anti-Ceauşescu-Liga, den Anti-Securitate-Kämpfern und „Helden“ in der Öffentlichkeit, können wir Älteren sicher nicht mehr ändern. Eine Tatsache, die nicht nur mich zur Verzweiflung treibt, doch durchaus mit der Einsicht einhergeht, dass auch Macht-Mangel eine Art moralische Schuld bedeutet, weil sie notwendige Wahrheiten nicht durchsetzen kann, zusehen muss, wie Halbwahrheiten oder gar Lüge und Betrug triumphieren!
Der folgende Aufsatz ist also wichtig, um Geschichtsfälschungen wenigstens zu offenbaren und als solche anzuprangern! Und ich habe vor, nach dem Dokumentar-Roman über den siebenbürgischen Auschwitzapotheker, der es zu einem weltweiten Erfolg gebracht hat, nun auch über die zwei Epochen der Securitate und über das Spiel, das auch heute noch mit ihr getrieben wird, ein ganzes Buch zu schreiben Und es wäre schön, wenn auch hier Aufklärung weltweit Erfolg hätte.
Der folgende Aufsatz kann nur ein stark verkürztes Bild von dieser Problematik geben.
DIE ZWEI EPOCHEN DER SECURITATE, IHRE FOLTERMETHODEN, IHRE DISSIDENTEN UND INFORMANTEN.
Persönliche Erfahrungen
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„Der zu Verhörende wurde mit dem Kopf nach unten aufgehängt… Mit einer Sonderzange wurden ihm die Fingernägel ausgerissen … Seine Fußsohlen wurden mit einer Stichflamme gebrannt … die Hoden wurden mit einem dicken Bleistift oder einer dünnen Weidenrute so lange geschlagen, bis das Opfer unter fürchterlichen Schreien in Ohnmacht fiel, und in vielen Fällen verstarb. (Methode des Securitate-Folterers Franţ Ţandără, der auch nasse Sandsäckchen zu Schlägen auf Rückgrat und Nieren benützte. Sein Bekenntnis erschien am 21. März in der Zeitschrift „Singur“ in Bukarest) …Schreckensschreie oder Stöhnen von nahen Verwandten wurden dem Opfer zu Gehör gebracht… Schläge mit einem Prügel auf den Kopf des Opfers … Tritte mit dem Stiefelabsatz in den Mund, die Zähne des zu Verhörenden … Hetzen eines Wolfshundes auf das nackt an einem Pfahl festgebundene Opfer … Isolierung des Gefangenen über Wochen und Monate in engsten Zellen, wo er nur stehen konnte …“
Die Quellen sind inzwischen weitgehend zugänglich, vor allem durch den offiziellen „Raport Final“, eine Art Schwarzbuch des rumänischen GULAG, erschienen in Bukarest 2007 im Humanitas Verlag. Die Aufzählung der Foltermethoden stammt aus diesem Bericht. Der ehemalige politische Häftling Cezar Zugravu zählt in seinem Bericht „Die Foltermethoden der Securitate“ Einundvierzig „Methoden“ auf.
Es wird neuerdings zum Thema Securitate viel Unsinn geschrieben, noch mehr gequatscht und angegeben; man kann sich der vielen selbstgerechten Moralisten, Widerständler, Dissidenten und tapferen Autoren der späteren, der sanften Tauwetter - und Ceauṣescu-Zeit kaum erwehren. Vergessen aber wird die Folter- und Schreckenszeit vor 1965 mit über zwei Millionen Opfern. Man muss dabei nicht auf die vielen Memoiren, etwa von N. Steinhardt, Lena Constante, auf das Buch über das furchtbare, jede Vorstellung überschreitende Folter-Experiment in den Zellen des Gefängnisses von Piteṣti in Südrumänien (im „Raport Final, S. 598-614), die Gefängnis-Romane von Paul Goma oder auf das Dokumentar-Buch über das Folterregime der stalinistischen Hölle, das 1959 auch fünf deutsche Schriftsteller traf, zurückgreifen. (Es ist deutsch 1993 im Verlag IKGS der Münchner Uni unter dem Titel: „Worte als Gefahr und Gefährdung“ erschienen). Wie sehr es dem Terror-Regime darum ging, jeden Glauben, jede Identität zu zerstören, die menschliche Würde mit Füßen zu treten, das Gewissen umzukehren, um ein negatives glaubensloses Hasssubjekt in seinen Zwangsdienst nehmen zu können, zeigt im unerträglichen Extrem die „Reeducare“ (Umschulung, Umerziehung) im Vernichtungsgefängnis Piteṣti: „Die delierierende Phantasie von Eugen Ţurcanu – schreibt Virgil Ierunca, der das wohl wichtigste Buch zum „Phänomen Piteṣti“ 1991 in Bukarest veröffentlicht hat, „wurde vor allem dann entfesselt, wenn er es mit Studenten zu tun hatte, die an Gott glaubten und versuchten, ihren Glauben nicht zu widerrufen. So wurden diese jeden Morgen „getauft“, indem ihr Kopf in einen Kübel mit Fäkalien und Urin getaucht wurde, während die Umstehen die Taufformeln psalmodieren mussten.“
Ein Blick in den außerordentlich akribisch und mit einer Überfülle an Dokumentar-Material belegten offiziellen „Raport Final“ über die rote Diktatur, wo auch diese Details ausführlich zitiert werden, genügt, um zu erkennen, wie relativ harmlos die siebziger und achtziger Jahre im Verhältnis zur stalinistischen Zeit der fünfziger und sechziger Jahre waren. Unter den vielen Folterberichten und Fällen aus dem rumänischen Gulag, gibt es im „Raport Final“ nur wenige aus der Ceauṣescu-Zeit. Das gleiche gilt für die Untersuchungen der roten Verbrechen in Rumänien durch die Gedenkstätte Sighet (Memorial- Sighet), die von der bekanntesten rumänischen Lyrikerin Ana Blandiana und ihrem Ehemann Romulus Rusan begründet wurde, und dessen erschütternder Bericht, „Chronologie und Geografie der kommunistischen Unterdrückung in Rumänien,“ Fundaţia Academia Civică, 2008, kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist.
Ich habe diese Quellen, ohne die ein Verständnis der Securitate und ihrer Spitzel- und Folterwelt unmöglich ist, in keiner der inzwischen massenhaft erschienenen Artikel zum Nobelpreis 2009 an Herta Müller oder zum IM-Fall Werner Söllner gefunden. Auch die beeindruckenden Augenzeugenberichte einer Zeitschrift des rumänischen Schriftstellerverbandes „Memoria“ nicht. Wichtig ist „Memoria“, vor allem Nr. 1/1990, weil sie Fakten aufklärt, die die Securitate-Verfolgung der Autoren in Rumänien betrifft. „Memoria“ zeichnet schlimmste Folterberichte auf. So auch jene aus der Folterkammer „camera 4-spital“ Piteṣti, jener einmaligen Erfindung der Securitate, wo Häftlinge sich Tag und Nacht gegenseitig foltern mussten, einmalig in der ganzen Gulag-Geschichte. All diese Berichtewurden gleich nach dem Fall der Diktatur von Betroffenen veröffentlicht!
In „Memoria“ wird auch der vielen Toten und Verschwundenen gedacht, sogar eine Suchliste wird veröffentlicht. Doch kein einziger Bericht oder Fakt stammt aus der Tauwetter-Zeit Ceauṣescus. Und die Aufarbeitungs-Moral heutzutage ist in den meisten Fällen nichts als ein Mäntelchen, das sich alle, auch jene, die keine Ahnung vom Stoff haben, umhängen. Und die sich ausschließlich mit der Ceauṣescu-Zeit beschäftigen, die im Verhältnis harmloser, aber sehr viel bunter und „mediengerechter“ ist.
Mit einer Ausnahme, der kurzen Analyse des Literaturkritikers Gerhardt Csejka, der objektiv und präzise die ganze kommunistische Epoche ins Blickfeld rückt und nicht nur den harmloseren Tauwetter-Ausschnitt, dabei auch dem Rufmord-Opfer Werner Söllner gerecht wird. Csejka schreibt über die „Zäsur“, die das „Tauwetter“ der Ceauṣescu-Zeit ab 1965 charakterisiert: „Zu den kulturpolitisch relevanten Folgen dieser Zäsur gehörte eine deutliche Reduktion der Angst, sich mit einem falschen Wort um Kopf und Kragen zu reden (oder zu schreiben). Auch der Gedanke an die ständige Präsenz der Securitate-Lauscher war in der Folgezeit weit weniger verhaltensbestimmend als in der Zeit davor.“ (Büßen für die Schurken. IM ja, Spitzel nein? Der Tagesspiegel, 12.12.2009.) Csejka, der selbst Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“ war, ist Jahrgang 45, er hat die Zeit des fürchterlichen rumänischen Gulag noch am eigenen Leib miterlebt, die fast zehn Jahre Jüngeren der „Aktionsgruppe“ hatten keine Erinnerung daran. Nirgends sonst wird der Folterepoche der Stalinzeit vor Ceauṣescu und der wirklichen Opfer gedacht, jener in den Untersuchungs- und Foltergefängnissen Ermordeten, der in den Securitate-Kellern oder in den Lagern am „Kanal“ und im Donaudelta Umgekommenen.
Es gab freilich auch in der Ceauṣescu-Zeit Einzelfälle von Morden, doch beschränkte sich die Securitate auf diese, die massenhaften Verhaftungen, die oben beschriebenen Foltermethoden, und den physischen Genozid gab es nicht mehr, unter Ceauṣescu gab es wenige Prozesse; dazu gehört etwa der Prozess gegen Widerständler und ganzer Gruppen und „Rädelsführer“ von Arbeiteraufständen, etwa in Kronstadt, oder gegen die freie Gewerkschaft SLOMR mit etwa 2000 Mitgliedern. All das war auch ein Resultat der größeren Freiheitsmöglichkeiten, undenkbar in der Gulag-Zeit. Es gab also nicht nur den Literatenwiderstand der „Aktionsgruppe Banat“ (der als Randerscheinung in den Quellen kaum, meist keine Erwähnung findet!), da sie nur im Alleingang wirkte und keinerlei Verbindung oder gar Solidarität mit den realen sozialen Aktionen zeigte. Was heute zu heftigen Reaktionen und sogar Angriffen, etwa des Bürgerrechtlers Paul Goma oder des SLOMR-Mitbegründers Carl Gibson gegen die Aktionsgruppe geführt hat. Beide Kontrahenten, Goma und Gibson, saßen jahrelang im Gefängnis, Goma auch in der Gulag- und Folterzeit. Was man von den Banater Literaten nicht behaupten kann. Sie unterstützten diese Initiativen nicht, wussten vielleicht gar nicht von ihnen. Goma, der „rumänische Solschenitzyn“, hat sie in einem Artikel auf seiner Webseite (Fragment de jurnal, 9 octombrie 2009) heftig attackiert, und spricht etwa der neuen Nobelpreisträgerin jeden Anspruch auf Dissidenz ab. Die „Aktionsgruppe“ habe sich 1977, als Goma sich der tschechischen Charta zur Verteidigung der Menschenrechte anschloss, selbst eine Charta gründete, geschwiegen. Und Carl Gibson hat die Banater Literaten in seinem Buch „Symphonie der Freiheit“ (Dettelbach, 2008) ebenfalls heftig angegriffen.
Die Methoden des kommunistischen Königs Ceauṣescu waren andere als bisher, persönliche Rachakte einer les majestatis: er ließ auch Gegner der deutschen Minderheit einfach ermorden, so wurde Georg Horn 1987 von Securitate-Leuten vor der Deutschen Botschaft in Bukarest erschlagen, und Roland Kirsch wurde noch 1989 in seiner Temeswarer Wohnung ermordet.
Die Morde waren freilich auch zur allgemeinen Einschüchterung und als "Exempel" gedacht, wie andere Morde auch. Sie sollten weiter die Schreckenserinnerung an die Zeit vor 1965 aufrechterhalten, und diese Traumata lebten vor allem in den Älteren weiter, ließ sie weniger mutig sein als die Jüngeren, auch die jungen Literaten, die unbelastet davon waren und sich so freier und verwegener bewegen konnten! Und diese Verwegenheit war ein Produkt eben dieser neuen freieren Zeit.
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In der gegenwärtigen Pressekampagne geht es jedoch nicht um Todesfälle, sondern vor allem um eine späte „Dissidenz“, um Verhöre und Verfolgungen, Drohungen und Erfindungen der Securitate, die auch diffamierte, ja, dazu, etwa im Falle von Herta Müller, diese möglicherweise zur IM stilisierte, um mit allen Mitteln einzuschüchtern und zu entwürdigen (Müller hat sich verteidigt und ausführlich in der ZEIT darüber berichtet). Es ging also um Traumata und um den Seelenschmerz von AutorInnen in einer Zeit, da es die wirklichen Schrecken gar nicht mehr gab. Es geht vor allem um diese literarische Dissidenz dieser jungen und weniger von Schreckenserinnerungen belasteten Autoren in der Tauwetterperiode des „dynastischen Kommunismus“ nach 1965, die nun die ganze Aufmerksamkeit und das Medienecho allein auf sich lenkt. Zu bedenken ist auch, dass die Alltagsangst im Ceauṣescu-Staat samt den drei F (foame, frig, frică, Hunger, Kälte, Angst) für die gesamte Bevölkerung, nicht nur für die Literaten galt; der oberste Bonze, der Herr der eigenen Eitelkeit mit Zepter und unsichtbarer Partei-Krone setzte Angst als Regimekitt ein, die ebenfalls alle täglich erfuhren. Die Securitate jener Zeit war so nur eine Angst- und keine Foltersecuritate, sie diente als Angstproduzent und Herrschafts-Instrument der Partei, und war kein Vernichtungsinstrument mehr. In dieser gewandelten Form freilich, war sie besonders wichtig. Es ging nach 1964/65 nicht um Gefängnis, Lager und Folter, die in einem geheimen Partei-Dokument von 1967 als Verhörmethode sogar kritisiert und als abgeschafft betrachtet wurden, sondern es ging nur noch um psychischen Terror (hinter dem aber kein fürchterlicher Gulag und kein mögliches Verschwinden stand wie in der Zeit vorher! Und das wusste jeder!). Es ging nur um Einschüchterung als „Prophylaxe“, um das Entstehen von Widerstand und politischer „Delinquenz“ von vorneherein zu verhindern! Außerdem musste ja in der lächerlichen Zepterwelt des kommunistischen Dynasten, die diplomatische Außenwelt (auch nach einigen internationalen Abkommen! Und Aufnahme des Landes in die UNO) eine gute Figur machen, um Gelder und Ehren zu ergattern; alles im Dienste der regierenden Familie. Die Dissidenz jener Jahre spiegelt dann auch diese clownartige, doch sinistre Theaterwelt der Macht wider, und war nicht die tödliche Dissidenz der endfünfziger Jahre, wo es sogar noch bewaffnete Partisanen in den Karpaten gab (bis 1961).
Doch zurück zum heutigen Echo im westdeutschen Medienbetrieb 2009 auf das Literaturecho der ehemals jungen rumäniendeutschen Autoren in jener finsteren Theaterwelt der Ceauṣescu-Zeit. Leider ist inzwischen auch der Fall des eigentlichen Opfers aus der „Aktionsgruppe“, William Totok unklar, seine Rolle widersprüchlich, er, der 1975 acht Monate Haft erleiden musste - einzig publizistische Entlarvung aus dem Westen, erzwangen seine Freilassung, ist nicht zweifelsfrei ein "Märtyrer".(Jene alte publizistische Aktion setzte damals mit Recht auf die Eitelkeit der Parteikönige („dynastischer Kommunismus“), auf deren Sorge um ihren Ruf und die Gelder aus dem Westen. Es gab damals in der Tauwetter- und Öffnungszeit diese schöne Macht der Westmedien, um gefährdete Kollegen zu schützen! Ich darf darauf hinweisen, dass ich selbst mit einem Artikel in der „Frankfurter Rundschau“ und einer Sendung im hr, beteiligt war.) Und der Autor Helmuth Frauendorfer, der auch bei der Securitate „unterschrieb“, aber dann unter Risiko, die Mitarbeit verweigerte, erhält als Opfer kaum Aufmerksamkeit. Wichtiger sind jetzt andere, eben die Literaturdissidenten, die dazu noch vom roten Regime gepäppelt wurden (Herta Müller nahm mit Dank den Preis des kommunistischen Jugendverbandes und andere zwei politische Preise im roten Rumänien an!) oder Parteimitglieder waren, sogar veröffentlichen und in den Westen reisen durften. Auch Müller durfte mehrfach für ihre Bücher in den Westen reisen. Was ist das für eine seltsame Dissidenz?
Ich gebe zu, dass auch ich, wie viele Kollegen, es andererseits und "schizophrenerweise,“ Herta Müller danke, dass sie die rumäniendeutsche Literatur aus ihrer provinziellen "Ecke" geholt und weltweit bekannt gemacht hat. Uwe Wittstock hat das in der "Welt" gut beschrieben. Die Nobelpreisträgerin will freilich von solch einer "Stellvertretung" nichts wissen, sondern reklamiert den Preis einsam für sich, nennt auch außer Oskar Pastior keinen einzigen anderen Kollegennamen.
Auch stimme ich keinesfalls in den Jubel ein, den die Kritik weltweit zur "Atemschaukel" angestimmt hat, sondern bin da eher mit Iris Radisch einer Meinung, die im Sommer 2009 in der "ZEIT" das Buch scharf kritisiert, ja, verrissehn hat. Nach dem Nobelpreis ist dann auch Iris Radisch "umgefallen" und kennt nur noch Lob. Jetzt haben die Leser das Wort, die zuerst hunderttausendfach das Buch gekauft haben, inzwischen liegt es, die Enttäuschung ist groß, und ich höre aus Italien, aus Deutschland, aus Rumänien nur vernichtende Kritik der Leser, die diesen Aufstieg nicht begreifen können, und sich betrogen fühlen!
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Im Dezember 2009 wird, ebenfalls mit bereitwilliger und naiver West-Medienhilfe, nicht nur der wirklichen Opfer nicht gedacht, sondern es werden neue Opfer produziert, die als Täter vorgestellt, - denn zum Guten gehört ja das Böse – jene Diktaturzeit anschaulich und fast greifbar machen. Vor allem diese mutige und hochmoralische Leid- und Widerstandsgröße ist es, die weltweit Bewunderung erweckt, bei mir Bewunderung auch für das taktische Geschick und die Art, wie man aus Wenigem Viel machen kann. All dieses verhilft dazu, dass man die Securitate neu auferstehen lassen kann, da sie ja als Werk- und Lebensthema weiter gebraucht wird. Vorzeigbare Täter sind willkommen. Dabei geht es, wohlgemerkt, nicht um die kriminellen Zuträger und Denunzianten aus der Folterzeit, die Menschenleben auf dem Gewissen haben, sondern es geht ausschließlich um Täter aus der Theaterwelt des kommunistischen Königs, um mehr oder weniger harmlose und schwach gewordene Opfer der Hauptideologie der Securitate jener Zeit: die Einschüchterung!
Ich spreche hier vor allem vom Fall Werner Söllner, der inzwischen – was er mit seinen Gedichten und seiner Dinescu-Übersetzung so nicht schaffen konnte – nun auch Literaturfremden als IM-Bösewicht präsentiert, medienbekannt wird wie ein bunter Hund.
Es mag sein, dass diese ganze emotionsgeladene Kampagne in Interviews und Beiträgen Material liefert, wo Augenzeugen im Lebens- und Erinnerungsvergleich beim Umgang mit ihren eigenen Securitate-Akten wertvolle eigene Erfahrungen beitragen; ja, all das kann die Grundlage und der Anstoß für spätere ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen sein, doch die Securitate-Akten dürfen niemals als Quelle von Tatsachen oder gar von Wahrheitsbehauptungen wie in den erwähnten Artikeln, eingesetzt werden! Zur Zeit aber ist alles vorbelastet und, wäre es ein Straf-Prozess, müssten die Zeugen wegen „Befangenheit“ abgelehnt werden.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass die wirklichen Täter, Folterknechte, deren Namen sogar bekannt sind, „Führungsoffiziere“, soweit noch am Leben, frei herumlaufen, ihre Pensionen als „Staatsbeamte“ genießen, während ihre durch Angstmethoden angeheuerten Opfer im „freien Europa“ nun zur Verantwortung gezogen, riskieren, dass ihre Karrieren und ihr Berufsleben, ja, ihr Leben zerstört wird; einige Selbstmorde wurden bekannt. Die eigentlich Schuldigen wurden nie bestraft.
Wir wissen, dass der Kollege Werner Söllner bei einer Tagung am 8. Dezember 2009 in München zum späten Thema „Securitate“, seine Zuträgertätigkeit und Mitarbeit offenbarte, sich dazu entschloss, eher entschließen musste! Und zerknirscht dann auch Interviews gab und in einem beeindruckenden Auftritt in 3sat bekannte, dass er zwar nach 30 Jahren nicht mehr genau wisse, was er wirklich getan habe, doch durch einen ungeheuren Angstdruck, dem er nicht lange widerstehen konnte, sondern – er bezichtigte sich selbst – Charakterschwäche gezeigt habe, im Dienste des Geheimdienstes Gedichte und andere Texte von Kollegen, darunter auch Texte von Richard Wagner, Herta Müller, Johann Lippet, Gerhart Ortinau, William Totok u.a., „interpretiert“ und nach „systemfeindlichen Inhalten“ ausgeforscht habe. Er sollte also dem berühmten „Versteckspiel in der Metapher“ auf der Spur sein, was fast ein Hohn für die rumäniendeutsche Literatur jener Zeit (1971-75, aber auch für meine Zeit nach 1959-1968) war, eine kleine Literatur, die damit groß geworden war, indem sie ihre Sprache unter solchen Gefahren geschärft hatte, und so Werte schaffen konnte, die sie dann bis zum Nobelpreis hinauf katapultierte. (Der Preis ist nicht nur für literarische Werte, die ja in hohem Maße da sind, wenn auch angezweifelt, so etwa von Iris Radisch in der ZEIT ("Kitsch oder Weltliteratur? 20. August 2009), sondern – leider- vor allem für einen „mutigen Widerstand“ gegen die Diktatur und nun stellvertretend für alle Dissidenten, in welchem Regime auch immer, verliehen worden!!!).
Das Gegenteil von der nun in den Himmel gehobenen Kollegin Müller ist Werner Söllner, kein schlechterer Autor, aber einer, der ins Inferno der Ächtung verstoßen wurde. Bittere und zerknirschte Bekenntnisse hat er, der sensible Lyriker und gewissenhafte Mensch, den ich als aufrichtigen, ausgewogenen und sehr leidensfähigen Schriftsteller kenne, selbst unter Schock geliefert. Denn seine Akte lag auf dem Tisch oder zumindest in den Köpfen der Teilnehmer, so dass er in Vorausverteidigung sozusagen gezwungen war, diese „mutige“ Tat zu begehen, seine „Jugendsünde“ (er war Student und 20 Jahre alt), seine geheimdienstphilologische Tätigkeit unter dem Decknamen „Walter“ zu gestehen. Es war eine gefährliche Offenbarung, deren Folgen ihm sicher klar waren. Vor allem ein negatives Image als Autor und Poet, der seinen Namen in die finsterste Ecke verbannt, sehen muss. Seine Fürsprecher, Eva Demski, Gerhard Mahlberg (im hr), Gerhardt Csejka, vor allem aber Michael Markel, der schon bei der Tagung sagte, dass Söllners „Interpretationen“ ihn vor Schlimmem bewahrt, ja, ihn gerettet haben, wurden jedoch sofort von Richard Wagner im Blog der „Achse des Guten“ attackiert und Söllner an den Pranger, ja an die Wand gestellt. (Vor allem auch in der FAZ vom 16.Dezember 2009).
Man darf freilich nicht vergessen, dass der Fall im Securitate-Schriftstellerbereich symptomatisch ist, dass solche geheimdienstlichen Text- „Deutungen“ auch im Falle der fünf deutschen Schriftsteller (Bergel, Scherg, Siegmund, von Aichelburg, Birkner) 1958-1959, also in der härtesten Zeit, eine große Rolle gespielt haben. Immer ging es um diese literaturversteckte interlineare „Tat“, die ein verstecktes “feindliches“, ja „regimefeindliches“ Denken offenbarte, bis hin zum angeblich „umstürzerischen“ Bewusstsein. Das vom Regime am meisten verfolgte, gefürchtete wilde Tier, war der Wahrheitsträger Sprache, und damit in erster Reihe Literatur und Witz! (Beim 1959 verurteilten rumäniendeutschen Autor Hans Bergel war es etwa schon das von „Geheimdienstphilologen“ aufgedeckte Gegensatzpaar „Fürst und Lautenschläger“, Dichter contra Diktatur, das ihm zum Verhängnis wurde!)
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Doch zurück zum unglücklichen Werner Söllner: Auch wenn alles wahr wäre, was gegen ihn vorgebracht wird, darunter „Tatsachen“, diese „Entlarvung“ hätte 1975 geschehen müssen, als sie noch geholfen hätte, das war damals aber unmöglich. So bleibt die Frage offen, wem hilft sie heute, und wozu das alles? Aufarbeitung? Wahrheit? Oder Rache, gekoppelt mit den Vorteilen des hellen Rampenlichts?
Allerdings, auch wenn wir vom wirklich wahrheitsmäßig Authentischen und der Substanz ausgehen, und diese „Aufarbeitung“ als wichtiges historisches Pensum ansehen, bleibt die Frage: Wer kann, wer darf da anklagen, und mit welchem Beweismaterial. Nun ergibt sich auch hier eine unangenehme Tatsache: Jene, die anklagen, haben möglicherweise kein Recht, kein Mandat dazu, denn einige haben selbst, zumindest als Parteimitglieder bis 1985 mit dem Regime kollaboriert. Und die Partei war es doch, die der Securitate die Aufträge gab (Die Securitate:Directia Generala a Securităţii), als Parteiinstrument wurde vom Sekretariat des Zentralkomitees der RAP (PMR ) am 10. Juli 1948 durch das „Dekret“ Nr. 221 gegründet, und ihre Terror- „Aufgaben“ festgelegt, die sich im Wesentlichen bis 1989 nicht verändert haben. Doch darf man nicht vergessen, dass die Beziehung Partei-Securitate sich veränderte. Und dass die Partei eher schwächer, die Securitate stärker wurde. Dass auch viele in die Partei eintraten, weil sie sonst einen führenden Posten gar nicht haben durften. Und viele sogar eintraten, um mehr Macht zu haben, positiv die Dinge zu verändern. Aber auch Gründe des sozialen Vorteils gab es freilich, so dass der Status des "einfachen" Parteimitglieds und überhaupt diese Mitgliedschaft sehr differenziert gesehen werden muss.
Aber wenn Söllner, sollte es wirklich stimmen, zur Zerschlagung der Aktionsgruppe so mit beigetragen hat, wäre das ein nun unvergessliches literaturhistorisches Phänomen in der Geschichte der Aktionsgruppe und damit in der rumäniendeutschen Literatur, die via Nobelpreis ja nun auch für die deutsche Literaturgeschichte eine viel größere Bedeutung hat als bisher! Und da ist noch etwas, was mich im „Fall“ Söllner besonders aufbringt: Vergleichbar wie er hat auch der Romancier Eginald Schlattner, aber in einer ganz anderen Zeit, gehandelt, dem Druck nachgegeben, unter ganz anderem lebensbedrohendem Druck, und er saß zwei Jahre im Gefängnis, wo er „bearbeitet“ wurde, so dass er als Kronzeuge der Anklage gegen fünf Kollegen auftreten musste, was freilich wenig bedeutet, da die Rollen im Schauprozess, sowie dessen Ausgang von der KP schon vorher festgelegt wurden. Oder ein anderer Fall: nach jahrzehntelangem Gefängnis wurde der rumänische Lyriker Ion Caraion, der 7 (11) Jahre gesessen hatte (wegen vier in den Westen geschickter Gedichte!), der initiativreichste Autoren-IM, der Secu-Portraits über viele Kollegen schrieb. Schlattner hat in seinem großen und sehr wichtigen Roman „Rote Handschuhe“ (Wien, 2000), vielleicht den besten Roman über diese Zeit geschrieben, wo er hautnah und aus dieser Gewissenslage heraus, diese Erfahrungen verarbeitet, als Grundargument für seinen erzwungenen "Verrat", auch Gewissensgründe vorbringt, dass er von der Zukunft des Kommunismus damals überzeugt gewesen sei (viele andere Autoren, auch in Ostdeutschland, waren damals 1960 „Überzeugte“, wie wir das nannten! Und ich nehme mich nicht aus!) Doch Söllner im Jahre 1974?! Er hatte weder im Gefängnis gesessen, noch drohte ihm Verhaftung, die einzige Drohung mit der ihn „Hertza“, sein "Führungsoffizier" dazu brachte, IM zu werden, war die Exmatrikulierung aus der Uni. Und man fragt sich heute: wäre diese Exmatrikulation nicht ein geringerer Preis gewesen als die jahrzehntelange Gewissensnot? Und ob dieser Preis damals 1971 auch wirklich zu zahlen gewesen wäre, steht sehr in Frage. Nicht nur Herta Müller verweigerte sich in jenen Jahren, sagt sie, sie habe aber der Verweigerung ihrer Mitarbeit wegen ihren Job als Übersetzerin verloren; Helmuth Frauendorfer, Mitglied der Gruppe, der nach eignem Bekenntnis (Interview mit Helmuth Frauendorfer: In den Fängen der rumänischen Securitate, Stern.de, 17.12.2009), zuerst sogar „unterschrieben“ hatte, dann aber jede Mitarbeit verweigerte und alles sogar „dekonspirierte“, Kollegen offenlegte, was einer strafwürdigen Tat gleichkam, hatte keine Folgen zu erleiden! Und mir ging es in den viel härteren Zeiten um 1960, als Redakteur der „Neuen Literatur“ in Bukarest, genau so, ich verlor ebenfalls - als ich die Mitarbeit verweigerte - meinen Posten nicht, sondern wurde nur weiter verfolgt und bedroht! Ich hatte seltsamerweise das gleiche Argument, die Mitarbeit zu verweigern, wie Herta Müller: ihr „Charakter“ mache sie zu solchen „Diensten“ ungeeignet. Ich hatte das gleiche Argument – 1960 als mir das drohte, was Schlattner geschah! Ich wurde nicht entlassen! Hatte ich es meinem guten Chef, Emmerich Stoffel, Mitglied des ZK, zu verdanken? Und ich war ja immerhin Redakteur der „Neuen Literatur“, einer Enklave im Regime, die besonders scharf beobachtet wurde! (Für Lyrik verantwortlich, der ähnliches, auch in jener viel gefährlicheren Zeit! schon damals betrieb: Versteckspiel in der Metapher! Und das gleiche „Versteckspiel“ auch meinen Kollegen, denen ich ihre Gedichte in der Zeitschrift veröffentlichte, empfahl! - Gab es denn keine Wanzen in meinem Redaktionszimmer? Ich war verrückt mutig damals. Dass mir nicht mehr geschah, war ein großes Wunder! Es waren wohl nicht nur die evangelischen Schutzengel aus Siebenbürgen, die mir geholfen haben, nachdem ich mich einigen meiner Kollegen offenbart hatte, also voller weiterer Angst auch Strafwürdiges tat, nämlich „dekonspirierte“. Doch weder Müller, Frauendorfer, noch ich sollten uns auf unsere Verweigerung etwas einbilden! Es gab einige, die es taten, ich kenne auch einige Fälle aus jener harten Zeit.
Unser aller Widerstand (mit einigen Ausnahmen, es gibt auch genug TMs und Schwächlinge zuhauf, die nur aus familiären und Karrieregründen schon mal in die Partei eintraten, ohne allgemeinen Nutzen, doch auch kaum allgemeinem, außer vielleicht persönlichem moralischem Schaden; doch gab es nicht nur eine Minderheit unter den Rumäniendeutschen, sondern es gab mehr Landsleute als bekannt, die versuchten, auf ihre Art leise und unbemerkt dem Regime zu trotzen, es gab sie in allen Bereichen, nicht nur in der Literatur, sogar die Kirche (und da bin ich mit der Haltung von Kollegin Herta Müller, die auch die Evangelische Kirche Siebenbürgens der Securitate-Mitarbeit verdächtigt, ganz und gar nicht einverstanden!), Lehrer, aber auch viele Leute in den Betrieben, Hochschullehrer, Journalisten, Kritiker, Bauern, Angestellte, Beamte, Autoren, Fernsehleute etc.etc. die mit Taktiken der Idiotie des Systems trotzten! Und es gab auch bei Zensur-Mitarbeitern „Interpretationen“, die Gedichte und Menschen retteten. Auch Söllner half dem Hochschullehrer Michael Markel durch seine Geheimdienstphilologie. In meinem Fall wurde von einer Kollegin durch „Interpretation“ politischer Gedichte in Interlinearversion, mein Gedichtband „Grenzstreifen“ ermöglicht, und ich vor Securitate-Folgen bewahrt, politische Gedichte wurden von ihr als Natur- oder Liebesgedichte interpretiert! Es war eine Studienkollegin bei der Zensur, die mich und meinen Band rettete, so dass mir nichts geschah, sondern der Gedichtband „Grenzstreifen“ mit regimekritischen Gedichten, 1968, erscheinen konnte! Ihr sei Dank. Wie viele andere Bücher und Menschen sie auf diese Weise gerettet hat, weiß niemand. Auch Parteieintritte, wie bei Wagner, Absprachen, zumindest mit der Zensur und der Partei, gar dem ZK, wie im Falle Stoffels oder des Redaktionskollegen und Romanciers Arnold Hauser, konnten auch als taktisches Manöver, als ein Sich-Einlassen mit dem Teufel eingesetzt werden. Auch bei den Rumänen wurde so gearbeitet, ich denke an den Fall des großen rumänischen Philosophen Constantin Noica, der viele Jahre in den Securitate-Kellern gesessen hatte, und der dann nur mit bis zum Verrat reichenden Kompromissen, sogar mit Securitate-Mitarbeit, seine „Akademie“, eine Gesprächrunde auf der Hohen Rinne“ bei Hermannstadt, zu der auch der spätere Außenminister Andrei Pleṣu gehörte, in den Bergen aufrechterhalten konnte! Alles Methoden, die es möglich machten, dass sowohl eine rumänische als auch eine deutsche Kultur überhaupt weiter bestehen konnte, die dann 1989 neu zum Vorschein kam!
Nachdem ich nun immer mehr Material zum Fall Söllner, auch „Report Final“ gelesen habe, zweifle ich immer mehr an dieser einseitigen, durch die deutsche Öffentlichkeit bekannt gewordene diffamierende Darstellung, wie auch bei den anderen Fällen, bei denen jene, die das „Gewissen der Nation“ und Moralapostel spielen und sich aufspielen, sich karrieregerecht zur Selbstprofilierung in der Öffentlichkeit zur Schau stellen!
Schon aus Fairness muss dieser Vernichtungsaktion gegen Werner Söllner entgegengetreten werden. Nicht Gerhard Mahlberg, nicht Eva Demski, sondern Gerhardt Csejka zitiere ich dazu (Büßen für die Schurken. IM ja, Spitzel nein? Der Tagesspiegel, 12.12.2009.) Csejka ist da völlig unverdächtig , da er selbst zur „Aktionsgruppe“ gehört hat, deren Texte Söllner im Auftrag der Securitate deuten musste, und dieses ist eigentlich sein einziges „Delikt“: „Ehe keine Kopie der (handschriftlichen?) Originalberichte von Werner Söllner vorliegt, lässt sich nicht darüber urteilen, ob er jemandem zum Schaden oder (wie offenbar im Fall des Klausenburger Germanisten Michael Markel) zu dessen Gunsten berichtet hat… Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass er ein Spitzel war, also jemanden im Sinne der Securitate-Vorgaben ausgehorcht hat…Diese Sorte IMs ist in den Akten massiv vertreten, ja es lassen sich da noch einmal Abstufungen der Verwerflichkeit beobachten. Bei aller nötigen Deutlichkeit der Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Nichttätern wäre es eine unerträgliche Verwischung des tatsächlichen moralischen Reliefs der beteiligten Menschenlandschaft und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn die übelsten Schurken unerkannt und ungeschoren davonkommen und einer, der sich mit seiner Schuld spät aber doch dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt, quasi auch für die größten Schweine büßen muss.“
Diese IMs, die wirklich dazu beigetragen haben, dass Menschen vernichtet wurden, oder etwa Söllners "Führungsoffiziere", genießen einen unverdienten Ruhestand im Osten oder Westen, und sie würden über all diese Auseinandersetzungen unter „verrückten Schriftstellern“ nur höhnisch lachen.
Gekürzt aus: Dieter Schlesak, „SECURITATE vor Gericht. Augenzeugenberichte, Dokumente und persönliche Erfahrungen“ in Vorbereitung als Parallelerscheinung zum Dokumentarroman „Capesius, der Auschwitzapotheker, 2006, 2.Aufl. 2009
Dieter Schlesak, geboren in Siebenbürgen, 12 Jahre Redakteur der „Neuen Literatur“ in Bukarest, Lebt in Stuttgart und in Camaiore/Lucca. Essayist, Romancier, Lyriker, über 30 Bücher. Mitglied des PEN.
Viele Preise und Auszeichnungen, zuletzt Dr.h.c. der Universität Bukarest, Preis der Kulturstiftung Baden-Württenberg 2007.

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