Die Zeuginnen | Margaret Atwood

Die Zeuginnen | Margaret Atwood

Titel: Die Zeuginnen (Der Report der Magd #2)

Autorin: Margaret Atwood

Übersetzerin: Monika Baark

Format: Hardcover

Preis: 25,00 €

Seitenzahl: 576 Seiten

Verlag: Berlin Verlag

ISBN: 978-3-8270-1404-7

Bewertung: 5 Sterne

Rezensionsexemplar

Inhalt

Der Report der Magd ist abgeschlossen. 15 Jahre nach dem Ende von Desfreds Report finden wir uns wieder in Gilead. Drei Zeuginnen berichten, wie der Fall des Staates begann und schließlich geschah: Tante Lydia, Agnes Jemima und Daisy. Drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, schildern ihre Sicht der Dinge und bringen Antworten auf so viele Fragen.


Ursprünglich hatte ich „Die Zeuginnen“ von NetGalley zugeschickt bekommen. Durch einen glücklichen Zufall habe ich dann bei einem Gewinnspiel gewonnen und durch einen Fehler dann nicht „Der Report der Magd“ als Schmuckausgabe zugesendet bekommen, sondern die frisch erschienene Fortsetzung dieses großartigen Buches. Also habe ich letztlich meine Lektüre nicht mit dem E-Book beendet, sondern dem Hardcover, das ich nun stolz mein Eigen nennen darf.

Der Einstieg in die Geschichte hat sich zu Beginn für mich ein wenig schwierig gestaltet. Es ist über anderthalb Jahre her, dass ich „Der Report der Magd“ gelesen habe und ich habe nicht daran gedacht, es eventuell noch einmal zu lesen. Ich musste mich in den ersten Seiten der Fortsetzung erst wieder hineindenken in die Welt von Gilead, dem Staat, in dem Frauen keinerlei Rechte mehr zugestanden werden. Sie dürfen keine hohen Positionen bekleiden, sie dürfen nicht mehr lesen oder schreiben. Sie dürfen nicht einmal wählen, was sie anziehen möchten. Entscheidungen treffen nur noch die Männer. Da es jedoch kaum mehr Frauen gibt, die Kinder bekommen können, gibt es sogenannte Mägde, die zu kinderlosen Ehepaaren gebracht werden, um ein Kind für sie zu bekommen und dann die Familie zu wechseln. In „Der Report der Magd“ geht es um eine solche Magd, die ihr Leben schildert und letztlich mit dem Satz „Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.“ endet. Ihr Bericht lässt etliche Fragen auf und nun, 30 Jahre später, soll „Die Zeuginnen“ Antworten bieten.

Anders als erwartet, knüpft die Fortsetzung jedoch nicht nahtlos an den Bericht an. Es sind 15 Jahre vergangen, die Welt hat sich weitergedreht und drei Frauen stehen im Mittelpunkt der Geschichte.
Zunächst Tante Lydia, die man bereits aus dem Report kennt. Eine skrupellose Frau, die kein Gewissen zu haben scheint. Tanten sind diejenige Frauen, die nicht heiraten, weil sie sich zu höherem Berufen fühlen. Sie fungieren unter anderem als Lehrerinnen für die Mädchen in Gilead. Ihnen ist es als einzige Frauen gestattet zu lesen und zu schreiben und deshalb schrieb Tante Lydia ihre Geschichte auf. Man erfährt wie sie zu dem Leben als Tante kam, wie sie ihre Machtposition erhielt und halten kann und welche Opfer sie deshalb bringen musste und noch immer bringt. „Die Zeuginnen“ gibt einen ganz anderen Blick auf diese so hart und unnachgiebig wirkende Tante Lydia. Die Welt ist eben nicht einfach schwarz und weiß. Vor allem nicht in Gilead. Nichts ist so wie es scheint und es lauern überall Gefahren. Tante Lydia hat dies sehr früh gelernt und ihre eigenen Schlüsse daraus gezogen. Vieles was sie getan hat, diente nur dazu, ihr eigenes Leben zu verlängern, aber letztlich doch nicht alles. Mein Blick auf diese Frau hat sich innerhalb des Buches sehr verändert, was ich großartig von Margaret Atwood fand. Sie zeigt wie ein Regime Menschen formen und verändern kann, aber auch, was mit denjenigen geschieht, die stärker sind, als andere. Es ist großartig die Erzählung von Tante Lydia zu verfolgen und wurde von Kapitel zu Kapitel spannender und auch brisanter. Die losen Enden der Erzählfäden wurden nach und nach zusammengefügt und ein Großes Ganzes erschien vor meinem Auge. Ich habe es sehr geliebt die Tante zu begleiten.

Eine weitere Zeugin war Agnes Jemima, ein junges Mädchen das in Gilead geboren und aufgewachsen ist. Wir lernen sie als naives kleines Mädchen kennen, die nichts kennt als das Leben in diesem totalitären Staat. Sie sieht nichts befremdliches darin, dass es Mägde gibt. Sie findet es normal von Tanten unterrichtet zu werden und hat sogar drei Marthas, weil ihr Vater ein wichtiger und hochrangiger Kommandant ist. Sie wirkt zunächst sehr naiv, selbstzufrieden und sieht überhaupt keine Probleme in der Welt von Gilead. Sie kennt schließlich nichts anderes als das, was man ihr in der Schule sagt. Ihr gesamtes Weltbild baut darauf auf, dass Frauen nur dazu da sind um reiche Kommandanten zu heiraten, Kinder zu bekommen, stets gehorsam und fromm zu sein. Doch dann stirbt Agnes Mutter und als sie eine Stiefmutter bekommt, die ihr zuträgt, dass sie von einer Magd abstammt, verändert sich Agnes Leben. Sie muss sehr schnell erwachsen werden und sich in der Welt von Gilead plötzlich anders zurecht finden. Ihre Mutter hat sie immer beschützt, von ihrer Stiefmutter kann sie dies nicht behaupten. Beide können sich nicht sonderlich gut leiden und diese Tatsache macht das Leben für Agnes schwerer. Schließlich kommt die Pubertät und damit ihre Heiratsfähigkeit und Agnes spürt, dass ihre Stiefmutter sie nur allzu gerne sofort aus dem Haus hätte, egal mit wem sie auch immer verheiratet wird. Agnes muss auf schmerzhafte Weise erkennen, dass sie in diesem System gefangen ist und wenn sie weiterhin ein gutes Leben haben möchte, dann muss sie das Spiel mitspielen ohne mit der Wimper zu zucken.

Die dritte Zeugin ist Daisy, ein Mädchen das in Kanada lebt und aufgewachsen ist. Als Nachbarn von Gilead setzen sich viele dort lebende Menschen dafür ein, Gilead irgendwie das Handwerk zu legen. Es gibt etliche Untergrundorganisationen die unter gefährlichen Bedingungen vor allem Frauen aus Gilead herausschleusen. Daisy selbst möchte sich auch dafür einsetzen, doch mit ihren 16 Jahren halten ihre Eltern sie für viel zu jung, um sich an den Demonstrationen zu beteiligen. Als sie jedoch unerlaubt trotzdem hin geht wird ihr gesamtes Leben auf den Kopf gestellt: ihre Eltern werden getötet und Daisy muss erfahren, dass sie für die Untergrundbewegung gearbeitet haben. Sie selbst steht nun auf der Abschussliste und muss untertauchen, um nicht ebenfalls eliminiert zu werden. Dabei wird ihr bewusst, dass sie mit Gilead sehr viel mehr verbindet, als sie auch nur ahnen konnte.
Daisys Sichtweise hat mir tatsächlich am wenigsten zugesagt. Zu Beginn eher noch, aber je weiter das Buch vorangeschritten ist, desto schwieriger habe ich es empfunden. Ich kann leider nicht wirklich ins Detail gehen, weil das massive Spoiler wären, aber sie hat teilweise die Wichtigkeit ihrer Unternehmungen überhaupt nicht verstanden und somit andere unnötigen Gefahren ausgesetzt. Das hat mich doch sehr genervt, auch wenn mir bewusst war, dass sie eben auch nur ein junger Teenager ist, der kurze Zeit vorher noch ein ganz normales Leben gelebt hat. Nichts hat sie darauf vorbereitet fliehen zu müssen und deshalb ist ihre Art vielleicht etwas verständlicher. Dennoch hat sie die Brisanz nicht erfasst, als es notwendig gewesen wäre. Erst gegen Ende beweist sie Mut und Stärke, was mir wiederum gefallen hat.

Die Handlung an sich war durchweg spannend. Die Grundstimmung ist immer noch bedrückend, beängstigend und hat mir teilweise eine Gänsehaut beschert. Ich kannte dieses Gefühl noch vom ersten Teil, doch es hat mich trotzdem noch erschüttert. Vor allem, weil nun noch viel mehr und teilweise grausamere Details ans Tageslicht gerückt wurden. Das Ende war für meinen Geschmack etwas zu schnell und nicht detailreich genug, dennoch habe ich an den Seiten geklebt und konnte es kaum glauben, als die Geschichte dann doch zu Ende war. Wieder hat es Margaret Atwood geschafft ein Ende zu schreiben, das offen ist, um als Leser, selbst nachdem man das Buch zur Seite gelegt hat, darüber nachdenkt, wie es nun weitergegangen ist. Man wird praktisch dazu gezwungen weiter zu überlegen, einfach weil man die Charaktere noch nicht loslassen kann. Trotzdem war das Ende passend, denn es hatte von Dramatik über Trauer und Glück alles dabei, was für diese Art Geschichte einfach perfekt ist. Die Verbindung zum „Report der Magd“ kann man erst ganz am Schluss erkennen und doch bleibt alles sehr vage, was mir wirklich auch gefallen hat. So ist es eben doch ein Geheimnis und alles irgendwie Spekulation.

Fazit

„Die Zeuginnen“ ist eine großartige Fortsetzung, mit wunderbaren Protagonistinnen, die ihre Sicht der Dinge auf unglaubliche Weise darlegen. Gilead wird von drei unterschiedlichen Seiten beleuchtet, die letztlich alle ihren Weg zum Großen und Ganzen finden. Ich bin auf der einen Seite sehr traurig, dass das Abenteuer nun zu Ende ist und auf der anderen Seite sehr froh, dass ich das Buch gelesen habe. Es war spannend, bedrückend und regt in jedem Fall wieder zum Nachdenken an. Es lohnt sich einen Blick nach Gilead zu werfen!


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