Die Zeitung und ihre Leser und die Leser und ihre Zeitung

Jetzt war eine Weile Ruhe. Kein Moslem-Bashing, so gut wie nichts an Arbeitslosen-Schelte. Es war ruhig geworden in der Diekmännischen Verallgemeine. Fast meinte man, es habe sich nun endgültig aussarrazinisiert, endbuschkowskysiert - die Euro- und EU-Krise, die Krise der Finanzwirtschaft und des Systems als solches, all dieses Krisenallerlei, so dachte man, habe neue Prioritäten markiert. Vielleicht hat Springer, so hoffte man, endlich von der Spiegelfechterei gegen Halbmond und Hartz IV, Islam und Arbeitslosigkeit abgelassen. Wo Banken Milliarden abgreifen, wo Banker nicht in den gesellschaftlichen Wertekodex integriert sind, da können die Peanuts des Sozialstaates und die angebliche Desintegration von Menschen aus anderen Kulturkreisen, doch niemanden mehr jucken.

Weit gefehlt. Natürlich verwirft Springer nicht seine Kernkompetenzen. Ganz gewieft, wie man das schon in den letzten Jahren erlebte, verpackt er seinen (Sozial-)Rassismus in Erfahrungswerte. Man ließ in der Vergangenheit Sachbearbeiter der Arbeitsagentur sprechen, Vermieter und Nachbarn. Alle erzählten sie von ihren Erfahrungen mit Moslems und Hartz IV-Empfängern. Nicht dumm, wie Diekmann aufhetzt. Er setzt die publizistische Pogromstimmung in Erfahrungswerte. Wenn sich Menschen von der Straße eine solch traurige und bedenkliche Empirie angeeignet haben, dann muß doch wohl ein Gran Wahrhaftigkeit darunter zu finden sein. Die Zeitung des kleinen Mannes, von der Diekmann glaubt, Chefredakteur zu sein, gibt dem kleinen Mann und der kleinen Frau eine Stimme. Das ist perfide - man hetzt gar nicht mehr selbst, man läßt den zur BILD drängenden Stammtisch hetzen.

Momentan bedient eine junge Frau, die ihre Schulzeit in Berlin-Kreuzberg erlebte, jedes gängige Klischee - und wer daran zweifelt, rüttelt an ihrer Erfahrung. Wie könne man die Erfahrung von jemanden, der in Kreuzberg zugegen war, auch nur antasten? Man war doch nicht dabei! Die Erfahrung, sei sie auch noch so sehr auf eine von BILD abgerichtete Wahrnehmung zurückzuführen, ist unantastbar. Sie füttert die Ressentiments der kleinen Leute, für die Springer angeblich schreibt. Muslimische Schüler, die halbverhungert bis Mitternacht wachbleiben, um mit dem Sonnenaufgang wieder aufgescheucht zu werden - übermüdet in der Schule. Ramadan als Gefahr für das Abendland! Darüber ereifert man sich. Und judenfeindlich sind die jungen Muslime auch noch. Machokultur! Als gäbe es unter christlichen oder unchristlichen deutschen Jugendlichen keine rappenden Machos oder verbale Judenfresser.

Die andere große Erfahrung dieser jungen Frau ist das Dolce Vita von Hartz IV-Empfängern. Die angebliche soziale Benachteiligung, von der Analysen und Wohlfahrtsverbände berichten, ist eigentlich die Benachteiligung derer, die nicht Hartz IV beziehen. Wer vom Jobcenter lebt, der ist rundum versorgt, dem werden alle Kosten übernommen - inklusive Klassenfahrt. Und was haben die Hartz IV-Empfänger, die übrigens häufig auch noch Muslime sind, in Kreuzberg als Dank übrig: Sie verspotten die, die nicht auf Sozialhilfeniveau leben. Die wirklichen Reichen in diesem Lande, sie leben in Bedarfsgemeinschaften und beziehen Regelsatz. Wer mit offenen Augen durchs Land geht, der sieht das auch.

Man formuliert nicht nur, was den kleinen Mann umtreibt - man erteilt ihm das Wort. Die Zeitung des kleinen Mannes ist die Zeitung des kleinen (Sozial-)Rassisten, der von seinen bösen Erfahrungen berichten darf. Dabei bewegen sich Zeitung und Leser und Leser und Zeitung in einem Teufelskreis. Der Leser erfährt seine Umwelt mit den Prämissen, die seine Zeitung ihm geimpft hat - und die Zeitung sieht die Prämissen bestätigt, wenn der Leser in ihr zu Wort kommt, um sie empirisch zu verifizieren. Eine Symbiose. Da treffen sich Gleichgesinnte, die sich gegenseitig bestärken und die gemeinsame Weltsicht immer und immer aufs Neue für wahr erklären. Das sind fast schon sektiererische Strukturen. Ein Einbruch in dieses abgeschottete Milieu ist kaum möglich. Man bescheinigt einem "multikultisch verdummt" oder "sozialromantisch" zu sein, wenn man gegenteilige Ansichten hegt - die Zeitung und ihre Leser und der Leser und seine Zeitung, sie stützen sich gegenseitig gegen solche verwirrenden Einbrüche in die Abschottung der selbstinduzierten "Wahrheit".

In einer solchen Abgeschiedenheit zwischen zwei sich wechselseitig stabilisierenden Polen, wo also Zeitung (vor-)schreibt, wie der Leser zu erleben hat und wo der Leser bescheinigt, was die Zeitung (vor-)schrieb, worauf Zeitung wieder (vor-)schreibt und Leser wieder berichtet, erlaubt kein dezidiertes Hinterfragen. Kulturelle Attribute, die manches Benehmen von Menschen aus anderen Kulturkreisen erklärten, soziologische Analysen, die Verhaltensweisen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen verstehbar machen, oder einfach auch nur das, was man als unvoreingenommenes Auftreten bezeichnen könnte, es findet keinen Anklang in der Gemeinde der sich selbst stützenden Thesen und Wahrheiten. In einem solchen Mikrokosmos bleibt der Moslem auf ewig kulturell rückständisch und der Arbeitslose immer ein notorischer und undankbarer Faulpelz. Mehr Erkenntnisgewinn ist da nicht drin - mehr will Springer freilich auch gar nicht. Die Zeitung mit ihren Lesern und die Leser mit der Erfahrung, die er dank ihr schon erfuhr, bevor er sie mit eigenen Augen erfuhr, sind zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig recht zu geben, zu bestätigen und zu beglaubigen, sodass gar keine Zeit mehr dafür wäre, tiefgründige Erkenntnisse zu bergen.


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