Die Zeitreise (1)

Prolog:

Zugegeben – ich habe mir wirklich einige Zeit gelassen, bis ich diesen Artikel hier publiziert habe. Womöglich hat sogar der eine oder andere Leser befürchtet, dass mein „Auslandszivildienst-Blog“ jetzt zuende ist.

Mitnichten. Auch weiterhin tätige ich Reisen. In welchem Umfang und wohin wird sich geben, sobald ich eine Stelle gefunden habe. Derzeit befinde ich mich noch auf der Suche danach, bin aber optimistisch etwas im Ausland zu finden.

Deswegen heute meine erste Reise nach Polen…

Zeitreise:

Es ist einer dieser Tage in diesem polnischen Regensommer – nasses Wetter, kalter Wind und eine ordentliche Portion Melancholie dringen trotz guter Jacke immer tiefer in meine Kleidung ein.

Łańcut Hauptstation - bitte alles einsteigen!

Łańcut Hauptstation - bitte alles einsteigen!

Ich befinde mich in Łańcut, dass zwar mit „Landshut“ eingedeutscht wurde, aber im Polnischen als „Wanjzut“ gesprochen wird. Ein mittelgroßer Ort im Osten von Polen. Der Bahnhof wird gerade zerstört und neu aufgebaut, weswegen der Parteienverkehr in einem Container stattfindet. Meine Karte habe ich jedoch schon in Krakau gekauft. In Polen kann man internationale Karten nur in größeren Städten kaufen. Da Landshut keine solche ist, musste ich nach Rzeszów fahren, um ein zuvor falsch ausgestelltes Billett umzutauschen.

Der Zug kommt mehr oder weniger pünktlich an – da es ein Nachtzug ist, wird mir ein Schlafabteil zugewiesen, in dem das mittlere Bett zugeklappt wurde, um eine Art Bank zu erhalten.

Mein Genosse im Coupé ist ein Ukrainer, der in Krakau an der Universität Russische Geschichte lehrt und gerade auf der Heimfahrt ist. Kiew wird er morgen gegen 10 erreichen. Englisch hat er gelernt, kann es aber nicht mehr, wir halten die Konversation auf Polnisch und Russisch und verstehen einander sogar irgendwie.

Przemyśl Glówny! Aussteigen auf eigene Gefahr! Vorsicht: Regen von oben

Przemyśl Glówny! Aussteigen auf eigene Gefahr! Vorsicht: Regen von oben

Ob mich Przemyśl interessiert, fragt er mich. „Sicher“ antworte ich, es gibt kaum eine Stadt, die mich nicht interessiert, aber bei diesem Wetter hält sich meine Begeisterung doch sehr in Grenzen. Wir werden dort zwei bis drei Stunden bleiben und man hätte Zeit, sich ein wenig umzusehen.

So verführerisch das auch ist, bei einem Wolkenbruch eine k.u.k. Grenzstadt anzuschauen – ich befürchtete, dass mein Zug nicht an dem Ort bleiben würde, an dem ich ihn verlassen hätte. Mein Gegenüber grinst verständnisvoll.

Warum wir so lange warten müssen?

Przemyśl (sprich: Pschemeschl – wobei das ‘e‘ nach einer Kreuzung zwischen ‘e‘ und ‘ö‘ klingt)- für das ich beim besten Willen keinen deutschen Namen finden kann war nicht nur zu Kaisers eine Stadt nahe dem wilden Osten, sondern ist es noch heute. Nur hat das Land einen anderen Namen bekommen. War es einst das russische Zarenreich, so steht heute die Ukraine auf der Landkarte.

Die polnisch-ukrainischen Arbeiter trotzen dem Regen

Die polnisch-ukrainischen Arbeiter trotzen dem Regen

Was sich jedoch nicht verändert hat, ist dass man im Osten nicht auf den selben Schienen fährt, wie im Westen. Während die Westzüge einen Radabstand von 1435mm haben, besitzen die Ostzüge 1524mm. Entweder steigen also alle Zuginsassen um, oder man verbreitert den Zuguntersatz. Während dieser Prozedur witzelte ich mit einem Franzosen, dass das nur bei ukrainischen Zügen passiert. Russische Züge würden über diesen Abstand einfach drüberrasseln, da sich bei der Rückfahrt das Metall ohnehin zurückbiegen wird.

Der hier auch...

Der hier auch...

Einer der Arbeiter...

Einer der Arbeiter...

Schwebezustand

Schwebezustand

Unser Waggon befindet sich in einer Art Schwebezustand, irgendwelche Maschinen heben ihn, während der Zuguntersatz entweder verbreitert oder ausgetauscht wird. Erörtern konnte ich es nicht, da mich die Arbeiter zurückgepfiffen hatten, als ich ausgestiegen bin, um den Prozess zu dokumentieren. So unglücklich war ich dann darüber auch nicht, da mich die von oben kommenden Wassermassen schon fast komplett durchnässt hatten. Während ich also triefend und tropfend durchs Fenster fotografierte, sprangen Arbeiter durch den Zug, um auch von innen bestimmte Halterungen austauschten. Der vorher erwähnte Franzose sah das ganze auch zum ersten Mal – er und sein Bruder hatten dasselbe Ziel wie ich, nur gingen sie länger dahin um als Volontäre einen Friedhof zu säubern. Kost und Logis stellte ihre Organisation zur Verfügung, Anfahrt berappten sie selbst.

Auch im Zug arbeiten die Herren fleißig

Auch im Zug arbeiten die Herren fleißig

Diese Maschinen werden verwendet. Und gleich 6 Stück zur selben Zeit

Diese Maschinen werden verwendet. Und ziemlich viele auf einmal

Nach einiger Zeit kam das Grenzpersonal und sammelte die Pässe ab. Kein allzu schöner Moment, muss ich gestehen. Der Zug setzte sich dann wieder in Bewegung, um ein paar Kilometer später wieder zum stehen zu kommen. Die Grenze war passiert, der Grenzschutz durchsuchte den Zug nach Drogen und polnischen Flüchtlingen und dann setzten wir die Reise – endlich wieder mit Pass (und neuem Stempel) fort.

Willkommen in der Ukraine

Willkommen in der Ukraine

Zwar verliert man durch die Achsenschraubprozedur einiges an Zeit, eine Stunde jedoch geht auch dann „verloren“, wenn man beispielsweise illegal einreisen würde. Während Polen ganz im Osten der mitteleuropäischen Zeitzone liegt, ist was frühe Abenddämmerungen und noch frühere Morgendämmerungen verursacht, ist die Ukraine eine Stunde später unterwegs.

Ab dem passieren der Grenze geht es dann mehr oder weniger ohne Probleme dahin, bis kurz vor zwölf die erste wichtige Stadt passiert wird. Oder – wo man aussteigt:

Um 23:59 – drei Minuten vor der geplanten Ankunft – erreichten wird den imperialen Bahnhof der alten Stadt Lemberg – das heutige Lviv im Westen der Ukraine.

Die Ankunft des Zuges war wirklich außerordentlich pünktlich

Die Ankunft des Zuges war wirklich außerordentlich pünktlich

Seit Jahren träumte ich schon davon, endlich dahinzukommen – und jetzt setze ich meinen ersten Schritt auf ukrainischen Boden.

Lemberg - die ersten Schritte außerhalb des Bahnhofs

Lemberg - die ersten Schritte außerhalb des Bahnhofs


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