Die Welt und das gute Leben

Das Thema “Glücklich sein” hat viele Variationen. Vor einigen Tagen (oder sinds schon Wochen, durch meinen Unfall bin ich in ein Zeitloch gefallen) fragte sich beispielsweise ein Autor der konservativen Welt, wie denn gutes Leben ginge. Und wie das bei solchen Fragen immer ist, geht dann erstmal die Tirade los, wie gedankenlos und egoistisch der Lebensstil des modernen westlichen Menschen doch ist, der immer nur mehr will und keinen Gedanken an seine Mitmenschen oder seine Umwelt verschwendet. Der immer noch mehr arbeitet und gar nicht dazu kommt, sein Leben zu genießen. Und weil er ja so viel schuften muss, in seinen Selbstbelohnungshandlungen immer maßloser wird und Ressourcen verschleudert ohne Ende ohne auch nur ein Gramm glücklicher geworden zu sein. Bezeichnenderweise sind ja mehr als drei Viertel aller deutschen Arbeitnehmer mit ihrem Job (und vermutlich auch mit ihrem Leben) irgendwie unzufrieden.

Da könnte man vermuten, dass es vielleicht auch an den unschönen Lebensbedingungen liegt und nicht allein an den Menschen, die ihre Lebenszeit mit öden, oft auch noch schlecht bezahlten Tätigkeiten totschlagen müssen, um am Ende irgendwie über die Runden zu kommen. Auf diesen naheliegenden Gedanken kommt der Welt-Autor erstaunlicherweise nicht, die in seinem Welt-Artikel erwähnten Beispielmenschen für den Ausstieg in ein besseres Leben sind samt und sonders solche, die als Besserverdiener die komfortable Wahl zwischen Noch-Besser-Verdienen oder “einfach besser leben” hatten und sich für “einfach besser leben” entschieden haben. Viele Nicht-so-gut-Verdiener haben eine solche Wahl gar nicht, weil jedes “Downshifting” schlicht existenzgefährdend wäre.

Für die meisten Normalverdiener, die mit ihrem Gehalt eine Familie ernähren müssen, ist der Verzicht auf die jährliche Flugreise nach Übersee keine nach reiflicher Überlegung beschlossene ethische Großtat, sondern mangels Geld völlig selbstverständlich. Genau wie der Verzicht auf dicke Autos oder beheizte Swimmingpools.

Überhaupt ist es putzig, in einem Blatt dass sich ansonsten so vehement für Marktwirtschaft und Kapitalismus einsetzt, das Lob der Bescheidenheit zu lesen, wie Johannes von Antiochia um 400 nach Christi seinen Zeitgenossen predigte: “Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht. Arm ist nicht, wer wenig hat, sondern wer viel begehrt.” Ich bin extrem gespannt, wie lange man das aktuelle Wirtschaftssystem mit Verzicht und Bescheidenheit am Laufen halten kann. Wie geht das zusammen mit der grundlegenden Notwendigkeit von immer mehr Wachstum?!

Es ist keineswegs so, dass ich für maßlosen Konsum und hirnlose Verschwendung bin – im Gegenteil. Aber wenn ein Loblied für Verzicht und Armut gesungen wird, ist ja klar, wer verzichten soll: Diejenigen, die zwar nichts haben, aber auch gern mal was hätten. Es ist ja klar, dass das System vor die Wand fährt, wenn alle sich dicke Autos, Flugreisen und jeden Tag ein Spanferkel leisten wollen. Also lobt man die Tugend der Bescheidenheit und die Verlierer können sich was drauf einbilden, nicht so egoistische Verschwenderärsche zu sein, wie die Großkopferten, die erst in den Himmel kommen, wenn ein Kamel durch ein Nadelöhr geht. Wobei sie den Himmel ja schon auf Erden haben und ihnen das Jenseits schnurzpiepegal sein kann.

Ein gutes Leben für alle Menschen wäre schon eine feine Sache. Und dafür müsste man nicht mal die Menschen ändern, sondern nur das System.



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