Die Uhr • Ein Gedicht von Hugo Salus

Uhr mit römischen Ziffern

Ich seh vom Fenster eine Straßenuhr,
Die als sein Schild ein Uhrenhändler führt,
Durch dürre Zweige so bis Mitte Mai,
Bis die Allee zum Frühlingsblühn erwacht.
Ganz deutlich auf dem weißen Zifferblatt
Seh ich die dicken Knospen dann gedeihn,
Bis eines Tags die römische Sechs verschwindet,
Weil just ein keckes Reis die Knospen brach.
Zu Anfang Juni, wenn die Blumenmädchen
Mit duftigen Körben an den Ecken stehn,
Und auch mein städtisch Frühlingsherz erwacht,
Verschwindet schon ein Viertel meiner Uhr,
Nur kurz erscheinend, wenn ein Windstoß fährt.
Im Juli wiegen sich auf linden Lüften
Viel tausend grüne Blätter hin und her
Und decken mir das halbe Zifferblatt
Mit dichtem Schleier, und ein kecker Zweig,
Wie übermütig Blätterfähnchen schwingend,
Dreht sich bedenklich fast zur XII hinauf.
Jetzt im August, da ich sehr früh erwache,
- Denn heute, heute endlich kann ich fliehn
Und atme morgen schon des Waldes Hauch
Auf hohen Bergen und der Matten Duft -
Ist mir die ganze Uhr wie in ein Grab
Hinab gesunken und die Zeit mit ihr:
Und morgen seh ich Wiesen, Wälder, Alpen!

Uhr mit römischen Ziffern – Quelle: gartenclassics.eu