Die Psychologie des Spendens. Die Bereitschaft zu helfen (Teil 4)

Die Psychologie des Spendens. Die Bereitschaft zu helfen (Teil 4)

„Und gebt aus von dem, womit Wir euch versorgt haben, bevor zu einem von euch der Tod kommt und er dann sagt: “Mein Herr, würdest Du mich doch auf eine kurze Frist zurückstellen! Dann würde ich Almosen geben und zu den Rechtschaffenen gehören.” [63:10]

Assalamu Alaikum Warahmatullah liebe Leser und Geschwister im Islam,

in den letzten vier Wochen hatte ich die Möglichkeit mir ein paar Gedanken über das Spenden zu machen, Ihr hoffentlich auch. Wenn wir etwas zurück denken, habe ich viel über das immaterielle Spenden geschrieben. Unter einer Spende verstehen wir meistens eine Abgabe in Form von materiellen Gütern, wie Geld oder sogenannten Sachspenden. Aber bevor ich etwas aus meinem Besitz spende, muss sich zunächst mal die Bereitschaft entwickeln, Hilfe zu leisten.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs. Ein Gedanke, der meine Psychologie des Spendens beeinflusst, ist der, dass ich nichts besitze. Ich bin lediglich der Verwalter dessen, worüber Gott mich verfügen lässt. Gott hat uns Menschen als Statthalter bzw. Verwalter auf Erden eingesetzt (2:30) und alles was Gott in unsere Obhut gibt, ist Risq, ist Versorgung. Wir haben die Ehre, unser sogenanntes Hab und Gut von Gott zu erhalten, um in verantwortungsvoller Weise damit umzugehen und einzusetzen, für unser Wohl aber auch für das Wohl anderer. Führe ich mir das jeden Tag bewusst (und das ist die Kunst) vor Augen, ist für Egoismus kein Platz in meinem Leben. Exkurs Ende.

Wie entwickle ich die Bereitschaft zur Hilfe? Zum einen wurde der Mensch mit allem, was dazu notwendig ist, ausgestattet. Der Mensch hat, von Beginn der Menschheitsgeschichte an, gelernt, dass es unverzichtbar ist, zu kooperieren, also zusammenzuarbeiten, um die Gemeinschaft am Leben zu erhalten. Seit dem ersten Artikel wissen wir, dass das Ausbleiben von Kooperation sogar hemmend für die Entwicklung einer Gemeinschaft sein kann (Axelrod, 1987), aber das Aufgeben der Fixierung auf sich selbst (spontane Egozentrik) zum Überleben der Menschen in einer Gemeinschaft beitragen kann (Voland, 2010). Die Lebensweise des Islam ist sehr stark auf ein Leben in Gemeinschaft ausgelegt und indem wir ein Gemeinschaftsgefühl leben, kommt es zu einer Synchronisierung über bspw. das gemeinschaftliche Gebet und dies trug laut Voland (2010) schon immer zu einem verbesserten körperlichen wie geistigen Wohlbefinden des Einzelnen (und damit auch der Gemeinschaft) bei.

Über den Stellenwert des Spendens, werden wir in vielen Versen des Korans aufgeklärt. „Und verrichtet das Gebet und entrichtet die Abgabe. Und was ihr für euch selbst an Gutem vorausschickt, werdet ihr bei Allah finden. Was ihr tut, sieht Allah wohl.“ [2:110] Die Tatsache, dass die Entrichtung der Abgabe (Zakat) im selben Atemzug mit dem uns vorgeschriebenen Gebet erwähnt wird, sollte uns die Wichtigkeit dieser Säule des Islam verdeutlichen. Aber auch unabhängig von der Zakat, werden wir mit „Und gebt aus von dem womit Wir euch versorgt haben, …“ [63:10], dazu angehalten einen Teil von dem was uns Gott gegeben hat, „für den Dienst an anderen aufzuwenden, denn das ist Großmut und Ibaada.“ (Jusuf Ali, 1996)

Im zweiten Artikel bin ich auf den Altruismus eingegangen. Das uneigennützige, selbstlose Denken und Handeln, scheint in uns Menschen zu stecken. Ob dieses Verhalten nun angeboren ist oder erlernt wird, ist erst mal nicht wichtig. Das Potenzial, anderen Menschen in verschiedenen Situationen zu helfen, auch wenn es bedeutet, seine Zeit, seine Energie oder seinen Besitz zu opfern, ist definitiv vorhanden, denn Gott hat uns diese Fähigkeit einverleibt. „Und sie geben das, was sie selber begehren einem Bedürftigen, einer Waisen und einem Gefangenen zur Speise, (und sie sagen): “Fürwahr, wir speisen euch um Allahs willen, wir wollen keine Belohnung von euch und keinen Dank.“ [76:8,9] Mit diesem Vers wird auch klar, welche Motivation hinter einem solchen Verhalten steckt. Wenn wir bei der strikten Definition des Altruismus bleiben, gibt es diesen nicht, da die Hoffnung auf Belohnung, sei es der Lohn Gottes oder die Anerkennung von Mitmenschen, keine wirklich selbstlosen Motive sind. Aber dies mindert in keiner Weise eine Tat, die aus Hilfsbereitschaft und reinem Herzen geschieht. Letztendlich ist es schön, wenn man sich zu denen zählen kann, die anderen den Vorzug vor sich selbst geben, „auch wenn sie selbst unter Entbehrungen leiden…“ [59:9], denn jeder kann sich neben dem wunderbaren Gefühl geholfen zu haben, der Belohnung Gottes erfreuen. Außerdem hat auch eine Gemeinschaft etwas davon. Wenn sich eine Gemeinschaft um den Einzelnen kümmert, entsteht innerhalb der Gemeinschaft eine Atmosphäre der Wiedergutmachung. Wir gewöhnen uns daran einander zu helfen und können uns sicher sein, dass wenn wir uns in einer schwierigen Situation befinden, ebenfalls Hilfe erhalten. In einer solchen Gemeinschaft ist es auch nicht entscheidend, wie viel man spendet, sondern, dass man es tut. Der Bystander-Effekt lehrt uns, dass Ignoranz und das Abwälzen der Verantwortung auf andere nicht nur Verhaltensweisen sind, die Fern unserer Lebensweise ist, sondern sich auch langsam einschleichen kann. Daher ist es wichtig, die Augen offen zu halten, sich umzusehen und zu erkennen, wenn ein Mitglied unserer Familie, Gemeinde oder Gesellschaft unter Entbehrungen leidet und Hilfe benötigt, auch in materieller Hinsicht. Hier in Deutschland leben wir im Überfluss, das können wir nicht verneinen. Gott hat uns mit vielem gesegnet. Die Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es nicht selten vorkommt, dass Essen weggeworfen wird, sollte uns klar machen, dass wir nicht nur verlernt haben, verantwortungsbewusst mit dem umzugehen, was wir haben, aber auch das Gefühl für den Wert dessen, was wir besitzen, verloren haben.

Die Idee des Spendens ist, etwas von sich mit anderen zu teilen. Wenn wir uns daran erinnern, dass alles was wir glauben zu besitzen, die Versorgung von Gott (Risq) ist, dann wird es uns leichter fallen, unseren Wohlstand mit anderen zu teilen. Denn auch das was ein Bedürftiger als Spende erhält ist letztendlich eine Versorgung von Gott. Erinnern wir uns wieder an die Ansar, die den Muhajirun mit allem was sie besaßen zur Seite standen und sie aus tiefer Geschwisterlichkeit und Gastfreundschaft in ihrer Mitte aufnahmen, haben wir ein Beispiel an dem wir uns orientieren können, denn „Ihr werdet die Güte nicht erreichen, bevor ihr nicht von dem ausgebt, was euch lieb ist. Und was immer ihr ausgebt, so weiß Allah darüber Bescheid.“ [3:92]

Ein wichtiger Aspekt, der uns zum Spenden ermutigt, ist die Transparenz. Die Gemeinschaft muss daran erinnert werden, wie sehr und in welcher Art die Spende des Einzelnen, zum Wohl der Bedürftigen beigetragen hat, so kann eine positive Einstellung zu Spenden aufrechterhalten werden (Knowles, Hyde & White, 2012). Weiterhin stellen Knowles et al. (2012) fest, dass die Wahrnehmung einer moralischen Verantwortung bzw. Verpflichtung ein entscheidender Faktor ist, der unser zukünftiges Spendenverhalten beeinflusst. Die meisten jungen Probanden, die an dieser Studie teilnahmen, gaben an, an Organisationen zu spenden, die sie als für sie persönlich wichtig empfanden. Daher sollten wir uns alle gegenseitig die Wichtigkeit der Unterstützung Bedürftiger vor Augen halten. Indem wir uns daran erinnern, dass wir alle Geschwister in Adam sind und alle Statthalter Gottes auf Erden sind, können wir einen persönlichen Bezug zueinander aufbauen. Damit werden Nationalität, Hautfarbe, Gesinnung und Weltanschauung zur Nebensächlichkeit und wir erkennen unsere Verantwortung gegenüber unseren Geschwistern, Mitmenschen und der gesamten Schöpfung.

Abdullah ibn Amru ibn al-As (r) erzählte: Eines Tages fragte ein Mann Allahs Gesandten (s): “Wie diene ich dem Islam auf die beste Weise?” Er antwortete: “Indem du (anderen) zu Essen gibst und (ihnen) den Friedensgruß erbietest, ob du sie kennst oder nicht. (Al-Bukhari und Muslim)

In diesem Sinne, hoffe ich, mir und Euch das Spenden näher gebracht zu haben. Eine Spende kann in vielfältiger Weise gegeben werden. Sie muss nicht immer finanziell sein, aber auch das ist wichtig. Denn mit jeder Spende, reinigen wir auch unser Vermögen. Ihr habt sicher schon oder werdet noch die Zakat-ul-Fitr (Abgabe vor dem Festgebet) entrichten. Aber wir sollten das Spenden zu einer Gewohnheit in unserem Leben machen. Gott liebt die freiwilligen und regelmäßigen Taten und mit regelmäßigen Spenden erinnern wir uns regelmäßig an unseren Wohlstand und können uns selbst beweisen, dass wir Herr über unser Ego sind. Das wunderbare Gefühl in unserer Brust ist eine angenehme Begleiterscheinung und belohnt uns unmittelbar nach dieser guten Tat. Und nicht nur das, Gott verspricht uns Wiedergutmachung:

“Was immer ihr an Gutem spendet, das ist für euch selbst, und ihr spendet nicht, es sei denn aus Verlangen nach dem Angesicht Allahs. Und was immer ihr an Gutem spendet, das soll euch voll zurückerstattet werden, und es soll euch kein Unrecht zugefügt werden.” [2:272]

An dieser Stelle bleibt mir nur, euch Id Mubarak zu wünschen. Möge euer Fasten angenommen werden. Möge Gott euch reichlich segnen und euch viele Gelegenheiten geben, zu spenden, sei es materielle oder immaterielle Hilfe. Möge Gott uns Hilfe erfahren lassen, wenn wir sie bedürfen und mögen wir in einer Gemeinschaft aufwachsen und leben, in der sich der eine um den andere kümmert. Mögen wir in einer Gemeinschaft leben, in der wir uns weder schämen um Hilfe zu bitten, noch Hilfe zu spenden und möge Gott uns ein Leben in Zufriedenheit schenken. Amin.

Mit herzlichen Grüßen,

Wassalamu Alaikum Warahmatullah,

Euer Bruder Aaroun Abdurrahim Schabel

Die Psychologie des Spendens. Die Bereitschaft zu helfen (Teil 4)


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