Die Pendlertherapie


Meine Kurzgeschichte für einen Schreibwettbewerb zum Thema Bahnfahren
Vor ihrem Tod war alles anders. Damals hatte er dazu gehört, war mitgeschwommen im grossen Pendlerstrom, wurde täglich in die Hallen des Zürcher Hauptbahnhofes gespült. Er hasste das Gefühl, wie eine Wespe in einer Falle von zähflüssigem Sirup gefangen zu sein. Manchmal wünsche er sich, seinen Stachel einsetzen zu können, nur um möglichst schnell der Masse zu entfliehen. Eigentlich wiedersinnig, dass er als Therapeut damit nicht umgehen konnte.
Seine Überlebensstrategie hatte sich bewährt. Er stellte sich jeden Morgen an die selbe Stelle auf dem Bahnsteig. 3 Meter entfernt vom letzten Abfalleimer entfernt. So waren es nur einige Schritte bis zum hintersten Eingang der Zugkomposition. Meistens stand er 7 Minuten vor Zugseinfahrt bereit. So blieb ihm genügend Zeit um in den Pendlermodus zu schalten. Blick geradeaus, „Komm mir nicht zu nahe sonst knallst“ Gesichtsausdruck aufsetzen und in die Startposition gehen um im höflich drängenden Wettlauf auf die Türe nicht auf dem letzten Platz zu landen.
An diese tägliche Liturgie hatte er sich gewöhnt. Gekonnt meisterte er, nach dem Einsteigen, den täglichen Hindernislauf durch die vollgestopften Gänge. Trotz dem chronischen Mangel, setzte er sich nicht auf den ersten freien Platz. Er mied Abteile mit Schülern, die sich wegen den aufgesetzten Kopfhörern unangenehm laut unterhielten. Familien mit Kindern, die vor lauter Aufregung hyperventilierten, musste er auch nicht haben. Aber was er auf den Tod nicht ausstehen konnte, waren Menschen die in ihr Mobiltelefon brüllten, als müssten sie die Distanz zum Gesprächspartner mit der Stimme überbrücken. Dann fühlte er sich immer, als würde jemand auf seinen Nervenfasern Heavy Metal Musik spielen. In solchen Situationen hatte er sich schon oft eine Schreckschusspistole gewünscht, nur um ein paar Sekunde Stille im Zug zu erleben.
Doch das war alles vor diesem kalten Dienstagmorgen im Dezember. Sein wohlgeordnetes Leben fiel zusammen wie ein Kartenhaus. Nichts funktionierte mehr. Alle Überlebensstrategien waren so sinnlos geworden. Der Tag begann wie schon tausende vor aber keiner nach ihm. Obschon er die Menschen auf dem Bahnsteig nie grüsste, kannte er sie mit der Zeit vom Sehen. Es waren meistens die Gleichen, welche zur selben Uhrzeit in die Stadt fuhren. Eine stumme Kolonne von Arbeiterameisen auf dem Weg in den Bau. Die junge Frau hatte er allerdings noch nie gesehen. Sie fiel ihm sofort auf, weil sie seinen Platz neben dem Abfalleimer in Beschlag genommen hatte. Den Kopf gesenkt, die Mütze tief in die Stirn gezogen und die Hände in den Jackentaschen vergraben. So stand sie da, und wartete mit ihm auf den Zug.
Er ärgerte sich noch mehr, als sie sich vor ihm in Bewegung setze, nur um schneller im Zug zu sein. Mit einem lauten Knall wurde er aus seinem Pendlermodus gerissen und zurück in die Wirklichkeit katapultiert. Durch die Wucht des einfahrenden Zuges wurde ihr Körper praktisch vor seine Füsse geschleudert. Als er in die leblosen Augen blickte stockte ihm der Atem. Es war Rahel, die älteste Tochter seines Nachbarn. Der Strom hörte auf zu fliessen, die Zeit blieb stehen. Er nahm nur noch sich und die Frau wahr.
„Sie haben einen Schock erlitten, gehen sie nach Hause und ruhen sie sich aus.“ „Danke für den gutgemeinten Rat“, meint er zum Sanitäter. „Ich muss aber nach Zürich, dort warten Klienten auf mich, die meine Hilfe nötig haben.“ Als er wieder auf seinem Platz stand und auf den nächsten Zug wartete, wurde ihm Schwarz vor den Augen.
Es ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Seine Praxis in Zürich musste er aufgeben. Die Versuche in die Stadt zu fahren scheiterten alle kläglich. Das Umschalten in den Pendlermodus war nicht mehr möglich. Ständig sah er Rahel. Das brachte ihm sogar eine Anzeige ein. In der festen Überzeugung sie vor sich zu haben, packte er eine fremde Frau und zog sie vom Geleise weg. Danach liess er es bewenden und stieg in keinen Zug mehr ein.
„Du musst dich deiner Angst stellen“, riet ihm ein Kollege. „Versuche es doch einmal ganz entspannt an einem anderen Bahnhof, wenn die Arbeiterkolonne bereits verschwunden ist.“ So fuhr er mit dem Velo nach Rapperswil um mit einer Bahnfahrt nach Luzern, weit ab vom Pendlerstrom zu beginnen. Als Sicherheit nahm er ein Buch mit, nur im Fall wenn es wieder anfängt zu drehen. Der Versuch klappte. Er schwitzte zwar wie im Hochsommer und das an im November. Trotzdem konnte er die Bahnfahrt auf dem Rückweg ein bisschen geniessen.
Aus der bedrohlichen Masse von Mitreisenden wurden über die Tagen und Wochen Menschen mit Schicksalen. Ein Gespräch anzufangen bereitete ihm noch nie Mühe. Ein Grund warum er Therapeut geworden war. So kam es, dass er das Buch immer seltener mitnahm und stattdessen lieber zuhörte. Einigen konnte er sogar helfen, den Alltag auf ihrer Fahrt durch das Leben neu zu ordnen.
Auf die Dauer konnte er es sich nicht leisten, für die Kosten von seinem ungenutzten Gesprächsraum in Zürich aufzukommen. Zum Glück fand er einen Nachmieter, der sogar sein Mobiliar übernahm. Es wäre also naheliegend für die Schlüsselübergabe mit der Bahn in die Stadt zu fahren. Er überlegte lange. Nach einigem Zögern entschloss er sich, seiner Herausforderung zu stellen und auf ein Taxi zu verzichten.
Am nächsten Morgen ist er schon 2 Stunden vor dem Wecker wach. Nun kann er die Tipps welche er seinen Klienten auf den Weg gibt, 1:1 an sich selber umsetzen. Mit geschlossenen Augen erinnert er sich an all die schönen Stunden die er auf seinen Bahnfahrten durch die Schweiz erlebt hatte. Im Geiste ziehen der Bodensee, die Fahrt auf das Stockhorn und die Weiden im Jura an ihm vorbei. „Es ist alles gut, nichts wird passieren.“ Tief durchatmen. „So viele schöne Begegnungen und Gespräche. Das Bahnfahren hat mein Leben positiv verändert. Darum werde ich auch diese Fahrt nach Zürich überstehen.“
Am Bahnhof bringt er es doch nicht fertig seine Angst vollkommen abzuschütteln. Er wartet ganz an der Spitze am Bahnsteig und nicht an seinem alten Stammplatz. Das Einsteigen geht einfacher als befürchtet. Auf den Hindernislauf verzichtet er dieses Mal und setzt sich in das erste Abteil mit einem freien Platz. Ihm gegenüber ist ein junger Mann dem man ansieht, dass es ihm nicht gut geht. Früher als er noch mit dem Tunnelblick S-Bahn fuhr, fiel ihm so etwas nicht auf. Damals nahm er die Reisenden höchstens als Kulisse wahr.
Er schaut sein Gegenüber freundlich an und fragt ganz einfach: „Kann ich ihnen helfen?“ Was er nie für möglich gehalten hätte, passiert. Das Gesicht seines Banknachbarn erhellt sich. „Ich fahre nach Zürich ins Kantonsspital. Meine grosse Schwester liegt da seit einem Jahr im Koma.“ „Was ist denn passiert?“ Es ist als dreht jemand den Geräuschpegel in der S-Bahn zurück und hält den Sekundenzeiger fest. Der Augenblick, wenn sich zwei Seelenverwandte treffen.
Sie sind so ins Gespräch vertieft, dass sie vergessen am Hauptbahnhof auszusteigen. Auch wenn alle andern vom Pendlerstrom mitgerissen werden, er bleibt sitzen und hört dem jungen Mann zu. Als sie auf dem Rückweg zum zweiten Mal in den Tunnel vom S-Bahnhof einfahren, schreckt der der auf und entschuldigt sich. „Jetzt haben sie sicher wegen mir einen wichtigen Termin verpasst. Trotzdem danke, dass sie mir zu gehört haben.“ „Ganz im Gegenteil, ich habe gerade einen wichtigen Termin wahrgenommen.“
Seine Praxis in der Stadt hat er endgültig aufgegeben und arbeitet jetzt als Pfleger im Altersheim vom Nachbardorf. Dem Bahnfahren ist er treu geblieben. Neben seinen Ausflügen gleitet er an manchen Tagen freiwillig in den Pendlerstrom und fährt mit offenen Augen und Ohren in der S-Bahn Richtung Zürich. Meistens begegnet er jemandem, der in der Masse zu ertrinken droht. Bereits zwei Mal konnte er so Menschen vor dem endgültigen Aussteigen bewahren. Vielleicht begegnen sie ihm einmal.

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