Die Notwendigkeit von Feindbildern

„Eckehardt, die Russen kommen!“ Wer kennt ihn nicht, den legendären Ausruf von Klempnermeister Röhrich aus „Werner Beinhart“. Und er hat ja auch jahrelang seine Schuldigkeit getan, der böse Russe. Wann? Na, als er – mindestens drei Meter fünfzig groß und mit dreißig Zentimeter langen Reißzähnen – mit scharrenden Hufen hinter der ostdeutschen Grenze nur auf eine Gelegenheit gelauert hat, über den bösen Klassenfeind herzufallen, um ihm all seinen Wohlstand zu entreißen. Und natürlich seine viel beworbene Freiheit.
Wahrlich finstere Zeiten waren das damals.

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“Die Russen kommen” – Foto: © Jerzy Sawluk / pixelio.de

Naja, jedenfalls bis 1990. Da hat der böse, bedrohliche Russe nämlich einfach zusammengepackt, ist wieder auf knapp eins achtzig geschrumpft und heimwärts gestiefelt. Und hat so bei diversen Rüstungskonzernen der westlichen Welt eine Panik ganz neuen Ausmaßes ausgelöst. Ohne Gegner kein Wettrüsten, kein Star Wars, kein SDI, kein Bedarf an Raketen mit immer höherer Reichweite und Treffergenauigkeit und immer mehr und größeren Sprengköpfen. Ohne Wettrüsten keine milliardenschweren Regierungsaufträge. Das war nicht nur eine Katastrophe, das war ein mittelschwerer Weltuntergang.

Jedenfalls für all jene, auf die es wirklich ankommt in unserem Wirtschaftssystem.

Und was hatten die sich zuvor abgerackert, um das Feindbild in die Köpfe ihrer Bevölkerungen zu hämmern. Über Jahrzehnte wurde daran gefeilt! Ja, im Ernst! Ich weiß, das ist kaum zu glauben bei dem Tempo, mit dem die „Westliche Wertegemeinschaft“ heute in Umgang mit anderen Nationen zwischen Freund- und Feindmodus hin und her switcht. Aber zum damaligen Zeitpunkt blieb man einem funktionierenden Feindbild noch relativ treu. Was vermutlich auch mit der bis dato gültigen NATO-Doktrin zu tun hatte. Dem Verteidigungsbündnis gegen die kommunistische Bedrohung. Da hatte man über Jahrzehnte hinweg die Steuerzahler etlicher Länder geschröpft, um eine Streitmacht aufzustellen, die ihresgleichen suchte (und doch um Himmels Willen nie finden sollte), war immer reicher geworden durch die Entwicklung neuer Waffentechnologien und immer ausgefeilterer Möglichkeiten, aus kaum den Kinderschuhen entwachsenen, begeistert strammstehenden patriotischen Nachwuchs-Knopfdrückern Massenmörder zu machen … und dann dreht der Feind sich einfach um und geht nach Hause! Frechheit, sowas!

Der Bevölkerung der NATO-Staaten jetzt einreden zu wollen, dass man das Wettrüsten gegen die finstere Bedrohung „Kuba“ unbedingt fortsetzen müsse, schien wohl nicht besonders aussichtsreich, nehme ich an. Hätte ja passieren können, dass der eine oder andere die Lupe hervorkramt, um den neuen „großen Satan“ auf dem Globus mal in Augenschein zu nehmen. Man weiß schließlich nie, auf was für bekloppte Einfälle manche Menschen so kommen, wenn sie zwischen „The Next Topmodel“ und „Dschungelcamp“ zu viel Zeit haben.

Versuche, durch Kino-Events wie „Independence Day“ neue Star-Wars-verträgliche Feindbilder in diverse Köpfe zu pflanzen, waren wohl auch nicht so erfolgreich, wie ich hörte. Trotz des hohen patriotischen Anspruchs, denn immerhin waren es ja die Amerikaner (logisch, wer sonst?), die dem Rest der Welt gezeigt haben, wie man ET auf wahrhaft heroische Weise in den Hintern tritt. Dennoch soll wohl aus den Kinosälen der Jubel bei der Explosion des Weißen Hauses bis draußen auf die Straßen zu hören gewesen sein. Und nein, das waren keine Privatvorstellungen für fundamentalistische Islamisten, sorry. Schon blöd, wenn man die Denkschemata der Menschen erst in jahrelanger Kleinarbeit auf Ballerspielniveau absenkt, und dann plötzlich bemerken muss, dass sich sowas auch negativ bemerkbar machen kann…

Okay, SETI und Hollywood schafften also auch in enger Zusammenarbeit kein neues Feindbild her. Zu schade aber auch. Dazu kam noch, dass mit dem Sturz des Ostblocks und der Auflösung des „Warschauer Vertrages“ die NATO eigentlich ihre Existenzberechtigung verloren hatte, sie sich aber nicht auflöste, sondern entgegen aller Absprachen und Vereinbarungen munter nach Osten erweiterte. Man brauchte also nicht nur neue Feinde. Man brauchte auch neue Aufgaben. Eine neue Doktrin.

Nun, zumindest letzteres war überhaupt kein Problem. Inzwischen darf die NATO tatsächlich hochoffiziell außerhalb ihres Hoheitsgebietes operieren. Ihre neue Aufgabe: Sie sichert den Nachschub an Ressourcen.

Das muss man sich einfach mal einen Moment lang auf der Zunge zergehen lassen. Die Sicherung des Ressourcennachschubes … Hallo?! Also ich persönlich finde die Dreistigkeit, dass man uns nicht einmal mehr so richtig gekonnt in die Tasche lügt, ziemlich … nun ja, dreist eben. „Hey, wir ermorden in Eurem Namen mal eben ein paar Millionen Menschen, damit wir uns weiter an fremdem Öl und Gas bereichern können. Aber keine Sorge, in den Nachrichten bekommt das Kind dann einen anderen Namen…“ Dazu gehören schon Eier wie Kokosnüsse. Oder Massenvernichtungswaffen.

Wo die zu sichernden Ressourcen liegen, ist mittlerweile wohl jedem Deppen bekannt. Das Öl kommt vorwiegend aus dem Mittleren Osten, wo die „Westliche Wertegemeinschaft“ bereits seit Jahrzehnten selbst oder in Stellvertreterkriegen Regierungen stürzt und Menschen zu Millionen hinschlachtet, um den Nachschub nicht abreißen zu lassen. Und wenn ich von der „Westlichen Wertegemeinschaft“ spreche, so rede ich auch von unserem Land. Achtundsechzig deutsche Firmen waren zum Beispiel daran beteiligt, das Waffenembargo gegen den Irak zu brechen und Saddam Hussein für acht Jahre Krieg gegen den Iran auszurüsten. Genauso, wie es Deutschland war, das ihm die Kurzstreckenraketen mit Giftgas verscherbelt hat, die dann gegen Israel eingesetzt wurden. Nur, damit das nicht in Vergessenheit gerät.

Das Gas hingegen liegt vorwiegend in Russland. Und das ist ein potenzielles Problem. Denn dem russischen Bären das Fell über die Ohren zu ziehen, ist etwas anderes, als einem vergleichsweise unbedeutenden irakischen Diktator nach einem abrupten Freund-Feind-Switch zwischen die angstvoll zusammengekniffenen Hinterbacken zu treten. Daran sind schon Napoleon und Hitler gescheitert – und zwar schon bevor Mischka in seiner Höhle all die hübschen Massenvernichtungswaffen aufgestapelt hat, die nach westlichem Verständnis allein den NATO-Staaten vorbehalten sein sollten.
Seit einem Jahr können wir jetzt beobachten, was in der Ukraine los ist – naja, sofern man die Mainstreammedien und ihre teilweise mehr als verbrecherische Propagandaschau meidet. Fünf Milliarden US-Dollar „Demokratisierungskosten“ tragen dort inzwischen blutige Früchte. Ganz so geklappt wie geplant, hat der Demokratie-Export zwar nicht, sonst hätte die NATO jetzt einen Militärstützpunkt in Sewastopol, aber wenn man schon mal den Fuß in der Tür hat, dann kann man auch ruhig gleich die Einrichtung zerschlagen. Und den Russen ordentlich in den Vorgarten kacken. Der Bürgerkrieg tobt. Und genau wie in Afghanistan (dem Spielplatz der Taliban), im Irak (wo die ISIS sich offenbar pudelwohl fühlt) und in jedem anderen Land, dessen Regierung von der „Westlichen Wertegemeinschaft“, also von USA, EU und deren Verbündeten aus strategischen und Wirtschaftlichen Gründen demontiert wurde, sind es auch hier wieder die einfachen Menschen, die den Preis zahlen. In Blut und Tränen.

Auf der anderen Seite der Gleichung stehen zum einen die Konzerne. Sie sind weiterhin im Geschäft. Fette Rüstungsaufträge, finanziert durch Steuergelder der NATO-Mitgliedsstaaten, garantieren ihnen den gewohnten Wohlstand und künftiges Wachstum. Die Ressourcen fließen zum gewohnt günstigen Preis. Was scheren sie also ein paar Millionen Tote auf diesem Weg? Wo die herkommen, gibt es noch genug andere. Viel zu viele nach dem Geschmack der Herren im Edelzwirn, mit denen sie im Kampf um besagte – und leider auch begrenzte – Ressourcen in Konkurrenz treten müssen.

Auf der anderen Seite der Gleichung stehen auch die Regierungen, die uns immer noch weismachen, wir könnten mit unserem Wahlverhalten Einfluss auf ihre Politik nehmen. Regierungen, deren Vertreter nach eigenem Bekunden nichts dagegen haben „Atombomben auf Schurkenstaaten zu werfen“, wenn der Nachschub an Ressourcen bedroht scheint.
Wie wenig unser Wahlverhalten mit der tatsächlichen Politik zu tun hat, sieht man wohl am besten bei den Grünen. Die Partei, die einstmals (also vor ihrem Aufstieg in die Regierung) noch für den Austritt Deutschlands aus der NATO plädiert hat, stimmt jetzt ganz ungeniert für Auslandseinsätze der Bundeswehr und hat ganz offensichtlich auch keinerlei Probleme mit ukrainischen Faschisten. Kein Wunder, dass ein Herr Özdemir sich auf seinem Balkon heimlich im experimentellen Gartenbau versuchen muss. Ist bestimmt schwierig, sich selbst unter solchen Umständen jeden Morgen im Spiegel zu betrachten. Ganz ehrlich? Angesichts dessen, was inzwischen aus der NATO geworden ist, dürfte es eigentlich auf der ganzen Welt nicht genug Drogen geben, um den Anblick einigermaßen erträglich zu machen.

Ja, die NATO. Einstmals war sie die stolze Verteidigungsmacht gegen die kommunistische Bedrohung. Durch die neue Doktrin allerdings wurde sie hochoffiziell zu seiner Bande von Söldnern degradiert, bestens ausgerüstet und mit Geheimdienstinformationen versehen, deren Aufgabe darin besteht, für ihre Warlords das Öl und das Gas am Fließen zu halten. Und zwar durch millionenfachen Massenmord an unschuldigen Menschen. Wobei die Warlords perfider Weise nicht einmal selbst für den Sold derjenigen aufkommen, die sie zur „Befreiung“ und zum „Schutz“ der Ressourcen, also zur Wahrung ihrer Interessen entsenden. Das tut weiterhin der brave Steuerzahler. Der Normalbürger. Der kleine Mann. Derjenige, der den Opfern der Ressourcenkriege am ähnlichsten ist, und der wahrscheinlich der Nächste auf der Liste der zu vernachlässigenden Kollateralschäden sein wird.

Willkommen im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Globalisierung ist so cool.

von Heidi Langer

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Quellen – weiterführende Links

Foto: © Jerzy Sawluk / pixelio.de


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