Die Moral unserer Zeit

Die Moral unserer Zeit

Kants Totenmaske; die
klassische Ethik hat keine

Über viele Jahre hinweg hat sich das, was wir der Einfachheit halber stets als »die Wirtschaft« tituliert haben, ziemlich rüde, rücksichtslos, eigennützig, selbstsüchtig, garstig, barsch und fies gegeben. Die Politik sollte als Kapo und Erfüllungsgehilfe im Parlament maßgeschneiderte Reformen und den Sozialabbau betreuen und so die internationale Wettbewerbsfähigkeit garantieren und sicherstellen. In letzter Zeit vernimmt man jedoch menschelnde und vernünftig klingende Töne aus »der Wirtschaft«. Etwas, das wir Moral aussieht, wie Sitte und Anstand. Doch das darf man jetzt nicht falsch verstehen.
Nun hat der sächsische Teil der Wirtschaft etwas Angst vor den Reaktionen. Der Standort sei nach solchen Aktionen wie in Clausnitz in Gefahr. Deshalb soll Wirtschaftsvertretern zufolge die Politik »wirksam« dieser Entwicklung entgegentreten. Vor Monaten schon stellten die Vertreter der deutschen Wirtschaft fest, dass Flüchtlinge eine große Chance seien. Man könne sich den Menschen, die hier Zuflucht suchten, nicht einfach in den Weg stellen. Und als man Russland sanktionierte und alle deutsche Welt in Kriegsgeheul ausbrach, da waren es Konzerne, die dringlich davon abrieten und zu Friedensstiftern wurden.

Die Debatten um Flüchtlinge und »deutsche Platzhaltertypen«, die Bürgerkriegsverängstigten und Traumatisierten eine herzliche Unwillkommensunkultur bereiten, sind die reinste PR-Kampagne für eine ansonsten eher weniger als human bekannte Gesellschaftszone geworden. Plötzlich klingen Wirtschaftsverbände und Arbeitgebervertreter wie Sonderbotschafter der Vereinten Nationen oder Aktivisten von Amnesty International. Jedenfalls aber wie Agenten der Maßhaltung und der Vernunft. So weit haben wir es tatsächlich gebracht, dass wir »die Wirtschaft« als fast letzte Zuflucht der Besinnung und Klarsicht einordnen müssen. Neben Mob, Vollidioten, Rechtsverrückten sieht man ohne viel Zutun halt schnell mal wie jemand aus, dem der Mensch über alles geht.
Natürlich reden wir hier aber von jener Wirtschaft, die seit Jahren predigt, den Menschen nicht zu kurz kommen zu lassen, wenn es um Einsparungen und um die Ökonomisierung aller Lebensbereiche geht. Der Mensch soll nur als Arbeitskraft, Arbeitnehmer, Angestellter, als Humankapital halt, in den gesamtgesellschaftlichen Prozessen angesehen werden. Rechnet er sich, so ist er Mensch, so soll er bleiben. Falls nicht, dann bitte Entlassung, ohne zu generösen Kündigungsschutz, in verlängerter Probezeit oder gleich befristet und rein ins Unparadies der sozialen Absicherung, rein ins Fallmanagement der Hartz-IV-Behörde. Gegen die Wirtschaft, so sagte Kanzler Schröder, als sein Finanzminister die Reißleine zog - gegen die Wirtschaft, werde er keine Politik machen. Das hat er dann auch nicht und stattdessen das gemacht, was »die Wirtschaft« von ihm wollte. Zu Lasten von Sozialen und Demokratie und Sozialdemokratie.

Machen wir uns bloß nichts vor. Die Wirtschaft war nie ein Tummelplatz so profaner Ideologien wie Nationalismus und Rassismus. Mit allen Richtungen hat sie Geschäfte gemacht, aber nicht, weil die Ideen dahinter so stark wären, sondern weil sie zuweilen eben Profit und Marktvorteile garantierten. Wenn es heute mehr Rendite brächte, Boote im Mittelmeer zu versenken, dann lieferte sie eben Versenker. Moral und Anstand sind nicht die Aufgabe der Wirtschaft. Das wäre eine Bestellung, die man in Vorzeiten an die Politik richtete. Heute macht auch das die Wirtschaft. Aber natürlich nicht uneigennützig. Der Pöbel soll ja die Geflüchteten nicht in Ruhe lassen, damit die zur Ruhe kommen, sondern damit keine Geschäfte in Gefahr geraten. Moral als Selbstzweck, damit der Mensch Zweck bleibt und nicht Mittel? Fehlanzeige! Moralöses gibt es zur Beibehaltung der Auftragslage. Und klar sagt man dann auch, dass man Flüchtlinge brauche - sie erlauben ja vielleicht eine Abschaffung von Mindestlohn und garantieren eine hübsche Reservearmee, mit der man Arbeitnehmer fein unter Druck halten kann. Neue Geschäfte mit alten Methoden ...
Das Dumme ist, dass wir den »moralischen Appellen« des Wirtschaftsbaronats zuhören, sie zitieren und nachbeten, sie so zur Instanz machen. Aber mit klassischer Ethik hat das alles ja nichts mehr zu tun. Nichts mit Kant, nichts mit kategorischem Imperativ. Bestenfalls ist das ein hypothetischer Imperativ, der moralische Handlung nur dann vorschreibt, wenn am Ende was bei rumkommt. Utilitarismus eben, Nutzen- und Vorteilsethik. Aber wenn »die Wirtschaft« moralisiert, dann sind wir ganz Ohr. Das zeigt nur, welche ethische Instanz wir in DAX-Konzernen und Arbeitgeberverbänden haben. Sie bedienen die Moral unserer Zeit. Und an dieser Stelle sollte uns bewusst werden, wie ökonomisch wir unser Wertesystem bereits verfallen haben lassen.

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