Die Linke kommt wieder!

Wenn es denn wirklich stimmte, dass Die Linke ohne Lafontaine nichts mehr sei, dann wäre es um sie nicht schade. Alleine mir fehlt der Glaube. Das nenne man nun von Hoffnungslosigkeit getragene Hoffnung oder eine Jetzt-erst-recht!-Mentalität oder einfach nur naiv. Bloß wer Die Linke und Lafontaine zu Synonymen erklärt, so meine ich bescheiden, der greift die Prämissen jener bürgerlichen Medien auf, die beide, Die Linke wie Lafontaine, kujoniert haben. Und gleichgesetzt.
Lafontaine war das Zugpferd, das ist schon wahr. Ohne ihn hätten sich vermutlich die lila Balken bei diversen Landtagswahlen überall in Westdeutschland lediglich unter fünf Prozent gehalten. Gleichwohl tragen sich die Absichten der Partei doch von selbst - auch ohne Lafontaine. Wenn sie jetzt in die Bredouille geraten ist, dann muß das kein dauerhafter Zustand sein. Andere Parteien zeigen das auf, obwohl sie viel maroder und malader durch die Fährnisse irren. Keine Namen hierzu, mir graut davor.

Sicherlich sind es auch die Piraten, die das Protestpotenzial professioneller aufgefangen haben und daraus ihren Zulauf rekrutieren - das hat Die Linke verpasst. Und dann suggeriert Funk und Presse ja auch, dass linke Politik unnötig sei, weil a) die Regierung linksgerückt genug ist, und weil b) es linke Konzepte derzeit nicht braucht, weil wir c) wirtschaftlich gesund, d) bestens für die Zukunft gerüstet und e) gesund aus der Krise gekommen sind, was wir f) der Exportvizeweltmeisterschaft verdanken. Das ist jener Vizetitel, der die Löhne des Binnenmarktes stagnieren bis sinken läßt - aber man ist halt stolz darauf, jemand zu sein in der Welt. Und sei es nur derjenige Depp, der für weniger Geld dasselbe tut, wie sein europäischer Nachbar, der dafür aber kein globaler Vize sein darf.
Und dann natürlich noch dieses ernste Problem. Ernst halt. Was mich anwidert zu thematisieren, weil es das analytische Geseiere der bürgerlichen Presse ist. Führungsschwäche nennen sie das dann. Aber gut, auch das ist ein Faktor. Ernst beeindruckte mich bis er Parteivorsitzender wurde. Was danach geschah - keine Ahnung. Vielleicht ließ er sich von der Porsche-Geschichte beeindrucken, vielleicht ist der so hartgesotten wirkende Ex-Gewerkschafter doch eher zartbesaitet. Nur an Ernst alleine kann es auch nicht liegen. Personen machen Parteien, das ist schon wahr - aber sie sind nicht die Partei. Und sie lenken auch nicht den allgemeinen Zeitgeist. Weder kann Ernst alleiniger Niedergangsgrund sein, noch ist Lafontaines Abtritt vor dem Auftritt die vollumfängliche Zerstörung der Partei, wie man landauf landab, blogauf blogab, lesen kann.
Dass Menschen Menschen wählen, das ist binsenweise. Sie suchen sich Köpfe aus, die sie ertragen können. Wahlen sind nichts anderes als das Sondieren des Erträglichen zwischen all dem Unerträglichen. Was dabei jeweils erträglich oder unerträglich ist, ist persönlicher Geschmack. Die Hölle sind immer die Anderen - es gilt, die zu wählen, die etwas weniger nach Schwefel riechen. Aber eine Person alleine macht nicht die Partei - und schon gar nicht das Konzept, das Programm und die Leitidee einer Partei aus. Es finden sich doch immer wieder Köpfe, die erträglich genug erscheinen, ihre Partei neu abzuspulen.
Die Idee einer linken Alternative ist doch nicht gescheitert, nur weil ein ehemaliger Sozialdemokrat diesmal nicht zurückkehrt. Ich will niemanden zu nahe treten, aber Lafontaine ist bald Siebzig. Selbst wenn er es nochmal gemacht hätte: Wielange wäre das gegangen? Gesund scheint er nur bedingt zu sein; seit seiner Erkrankung sieht er ausgemergelt und abgekämpft aus. Das Alter? Der Krebs? Wielange also wäre es gegangen? Und was wäre dann gewesen? Vielleicht ist nicht nur Bartsch der Grund seines Nein, vielleicht ist es auch so, dass er einfach nicht mehr gesund genug ist, kraftvoll genug. Wäre dann irgendwann mit Lafontaine auch Die Linke gestorben? Wäre dem so, so wäre Die Linke ohnehin nicht mehr zu retten gewesen und die Idee einer linken Alternative nicht erst dann, sondern schon in ihrer Ursprünglichkeit gescheitert.
Bartsch macht natürlich Sorgen. Er wird als Reformlinker gerufen. Und das von der Bürgerpresse! Das will was heißen. Nichts Gutes natürlich. Allerdings gibt es doch genug Köpfe, die Die Linke tragen können, ohne Lafontaine zu bemühen. Wagenknecht, Kipping, Gysi. Lafontaine ist doch kein absolutes linkes Wesen, keine rötliche Gottesgestalt.
Die Zeit für linke Politik wird kommen. Hollande hat mit solchen Vorschlägen seine Präsidentschaft gemacht. Mal sehen, was daraus wird - und in Griechenland steht der Sinn auch nach Linksruck. In Spanien wird er kommen - in Italien vielleicht auch, Berlusconi kann nicht die Antwort Italiens auf jedes Problem sein. Das wird jedenfalls dann geschehen, wenn die EU bis dahin noch freie Wahlen erlaubt. Und wenn die Zeit reif ist, dann klappt es auch hierzulande mit einem Nicht-Lafontaine an der Spitze.
Dass Personen die Geschichte machen, stimmt nur bedingt. Wer den Niedergang einer Partei an Namen heftet, der hat - tut mir leid, das so zu formulieren - ein sehr statisches geschichtliches, oder sagen wir lieber: soziologisches Verständnis. Das galt auch bei der FDP - der Niedergang ist nicht Westerwelle zu verdanken. Er kam aus vielen Gründen. Es sind Bewegungen, Strömungen, Empfindungen, allgemeine Gefühle und Erregungen, Enttäuschungen oder Euphorie, die Geschichte machen. Zeitgeist könnte man das nennen - oder wie Hegel: den Weltgeist. Es sind Denk- und Fühlweisen, die sich aufgrund ökonomischer, technischer, religiöser oder juristischer Vorbedingungen absondern. Das Sein, das das Bewusstsein macht. Die Kunst nimmt hier ihren Anfang - nebenbei bemerkt. Dieser Überbau schärft die systemimmanenten Absichten - Personen führen aus, aber sie sind nicht die Schmiede, sie sind die Träger des Zeitgeistes. Bonaparte war fürHegel die Reinkarnation des Weltgeistes zu Pferde - er war nicht der Antreiber des Weltgeistes, sondern der berittene Erfüllungskaiser. Was für die große Geschichte gilt, kann auch auf kleine Parteien angewandt werden.
Man neigt dazu, die Geschichte zu personalisieren. Lincoln führte Krieg gegen den Süden, Hitler gegen die Welt und Bush gegen den Irak. Aber sie waren nur Träger allgemeiner Stimmungen und Bereitschaften - sie führten an und aus, das ist wahr. Jedoch wäre die Geschichte vielleicht ganz ähnlich verlaufen, hätte es sie nie gegeben. Wenn Zeiten reif werden, wenn Stimmungen schwappen, dann geschieht, was sich anbahnt, ob mit oder ohne einzelne Personen. Es gibt genug Menschen hienieden, auf die "zurückgeriffen" werden kann. Ein anderer Krieg, den Bush führte, war der gegen den Alkoholismus. Das scheint ein persönlicherer Kampf gewesen zu sein; einer, bei dem er nicht Träger allgemeiner Stimmungen war, sondern Hauptperson, ausführendes Subjekt - und vielleicht ist nicht mal das richtig. Denn in einer Gesellschaft, die den Suff nicht verurteilt, ihn vielleicht sogar toleriert oder gar glorifiziert, hätte Bush niemals einen Entzug gemacht. Der Mensch ist in seinem Milieu, im Sturm der Geschichte, nicht unbedingt von freien Willensentscheidungen gesteuert. Was nicht heißt, dass er keinen freien Willen an sich hätte. In einem gewissen Rahmen existiert er.
Lafontaine ist nicht Die Linke - war er nie. Der linke Niedergang der letzten Monate macht natürlich desillusioniert. Doch Die Linke ist nicht auf dem Weg zum Tode. Daran glaube ich nicht. Nicht, weil ich links denke. Dazu braucht es keine Partei. Nicht für mich. Ich bin wie ich bin, ob mit Die Linke oder ohne - ob mit Lafontaine an der Spitze oder mit Bartsch - ob sie, wie in Berlin, den Sparkurs mitträgt oder keynesianisch predigt. Sie ist für mich nicht unerheblich - aber eben auch nicht geheiligter Boden.
Die Linke ist zweifellos krank. Mehr als Schnupfen fürwahr. Ihr Umfeld macht sie krank. Aber sie wird doch gesunden, denn es gibt einen Bedarf für linke Politik, auch wenn man davon derzeit wenig vernimmt. In Deutschland glaubt man noch, es gehe rechtskonservativ weiter, der Neoliberalismus könne dort, quasi wie in einem Biotop, überleben, während er in Europa immer mehr in Bedrängnis gerät und von linken oder linksliberalen Alternativen torpediert wird. Schöne oder geschönte Zahlen unterstreichen die Erkenntnis, wonach das Weiter so! alternativlos richtig sei. Die Linke kommt noch ins Spiel - der Neoliberalismus tobt sich hier noch aus; ein Weilchen noch, hoffentlich kürzer als befürchtet. Seine Hinterlassenschaften werden die Aufgaben von Die Linke. Wie immer in diesem Land, wenn das rechte Spektrum in die Scheiße gegriffen hat, dann sollen es die Linken richten, die Suppe auslöffeln, die andere schlecht gekocht haben - Ebert, übernehmen Sie!
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