Günter Wallraff undercover bei RTL - Wie tief kann man sinken!?

Da reibt man sich die Augen aus dem Kopf. Denn heute ermittelt Wallraff - natürlich verdeckt wie eh und je. Nur das Wo, auf welchem Sender, das erzeugt Staunen? Es geschieht heute Abend bei RTL. Der Trailer zu diesem RTL Special zeigt einen cowboyesken Wallraff in Lederjacke und eitler Positur, den Rücken zum Zuseher gewandt; dann dreht er sich siegessicher um, nuschelt etwas davon, dass sich was ändern müsse und dass es ihn jetzt exklusiv bei RTL gäbe. Stolz schwingt im Genuschel mit. Mit der üblichen wallraffschen Leichenbittermiene starrt er dem RTL-Zuschauer ins vermutete Gesicht. Ein Clip ganz in RTL-Format: Dramatisch, mit brachialer Musik unterlegt, effekthaschend. Wallraff selbst wirkt hierbei wie eine illustre Mixtur aus diversen RTL-Sternchen, tut patent wie Zwegat - kokett wie Bohlen - tapsig wie Rach - blinzelt wie Klöppel dramatisch ins Objektiv - das gelingt ihm alles zusammen; Multitasking als Schmierentragödie. Was aber hat Wallraff eigentlich mit dieser Gilde zu schaffen?
Wo sonst der Undercover Boss seine Angestellten bespitzelt, dort ist nun Wallraff undercover zu bestaunen. Das sei nur konsequent, könnte man ja als Einwand bringen. RTL halt, ein Undercover-Sender halt. Im besagten Trailer vernimmt man eine Stimme aus dem Off. Die erklärt, dass Wallraff sich maskiere, um Ausbeutung zu enttarnen - der Undercover Boss ist eher der, der ausbeutet und nun auch noch seine Belegschaft aushorcht und ausspäht. Das ist nicht konsquent, denn beides gehört nicht zusammen - letzteres ist die Pervertierung von investigativen Journalismus', für den Wallraff steht wie kein anderer.

Wen will Wallraff denn eigentlich via RTL erreichen? Dieselben Zuschauer etwa, die nachmittags Mitten ins (geistige Ab-)Leben zappen und dort Laien bei ihren ersten und hoffentlich hoffentlich letzten Schauspielversuchen beobachten? Oder die, die es geil finden, wenn Rach, Int-Veen und Kollegen Menschen bloßstellen? Bedienen Wallraff und Bohlen etwa diesselbe Klientel? Oder sitzt Wallraff in einigen Jahren gar neben Bohlen in dessen Fachjury für schauerlichen Geschmack? Natürlich undercover, natürlich maskiert als Rapper oder anderer Musikus, als Fachmann demnach?
Aber mal ohne Jux. Wird denn die BILD tagsdrauf berichten, was RTL an Köstlichkeiten ausgestrahlt hat? So macht es diese Zeitung doch stets, wärmt die lahmen Geschichten um Rach, Jauch oder Bause nochmals auf, um dieselbe Kundschaft zu bedienen, die auch RTL versorgt mit diesen zu Wichtigkeiten erhobenen Nichtigkeiten. Die Ärzte sangen über die BILD, dass sie aus "Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht" bestehe - das könnte auch für jenen Fernsehsender gelten. RTL ist BILD in bewegten Bildern. Eine mit Kamera festgehaltene BILD-Zeitung. Gut, die Titten sind meist so bedeckt, dass man nur Warzenhöfe, nicht aber Nippel selbst sieht. Anstand wahren und so - man berichtet entrüstet über Sexskandale, empört sich klein- und spießbürgerlich über Anzüglichkeiten, reicht aber im nächsten Bericht schon die blanken Brüste einer Blondine nach. Es ist also kein Zufall, dass Springers Primus mit Bertelsmanns Verlautbarungsorgan gemeinsame Wege beschreitet.
Und bei diesem Sender, bei diesem "BILD auf Kanal", bringt Wallraff einen investigativen Bericht? Der wird dort freilich Special gerufen - wie ja auch Wallraff dort kein investigativer Journalist ist, sondern ein Undercover-Spezialist. Macht ja auch mehr her. Ausgerechnet er, der mit Springer im Clinch lag und unterschwellig immer noch liegt. Erst kürzlich meldete das Axel-Springer-Hochhaus noch, dass Wallraffs Texte von der Stasi diktiert seien - da war er wieder, der olle Vorwurf, Wallraff hätte die westdeutsche Gesellschaft mit kommunistischem Klassenkampfgetöse infiltriert. Und was steht dann morgen in der BILD-Zeitung? Lobt sie den verhassten Intimus? Schimpft sie ihn und RTL? Entblößt sie ihn als Scharlatan? Oder schweigt man mal ausnahmsweise auf diesen Seiten, die das Land bedeuten?
Niveaulos ist Sender wie Zeitung. Aber nicht nur das. Dokumentationen oder Journalismus laufen dort stets mit product placement über den Äther. So brachte Punkt 12 letztens mal wieder eine "Doku" zur Rente - weitere Infos wurden online deklariert, Klicken Sie doch mal drauf!, die warme Empfehlung. Weitere Fakten gab es keine, aber einen Werbetext einer Versicherung nebst Tabellen aus jenem Hause. Das war aber zu erwarten, denn der Bericht ließ schon vermuten, dass da jemand Riester verkaufen wollte, nicht aber informieren. Information und Aufdeckung sind nicht das Metier von RTL - zu Skandalen in Unternehmen schweigt man sich aus, wie eben auch das Diekmännische Blatt. Man erinnere sich, als Lidl undercover unterwegs war und seine Mitarbeiter aushorchte und dabei ein empörter Aufschrei durch das Land ging. BILD berichtete nicht - und RTL, sonst Fan von Undercover-Aktionen, spulte das nur kurz in den Nachrichten ab, ansonsten Schweigen. Empört ist man gerne auf RTL. Über Promis, schlechte DSDS-Kandidaten, Hartz IV-Empfänger, Messis oder Bauern, die die ihr zur Seite gestellte verliebte Stadt-Trulla nicht haben wollen. Empörung zu gegenständlichen Aspekten des Lebens wird dort jedoch nicht laut. 
Der kritische Sender RTL also? Wallraff, der viel geleistet hat in seinem journalistischem Leben und der, trotz aller Kritik, durchaus sauber gearbeitet und dokumentiert hat, bis an die Grenzen der körperlichen Erschöpfung - dieser Wallraff passt in etwa zu diesem Sender, wie ein Gedicht Rilkes auf die Bühne des Supertalents. Wallraff hat viel eingesteckt. Von Springer, von der CSU, als junger Mann von den Obristen in Griechenland. All das nur, um eines Tages bei RTL zu landen? Dieser Schritt ist ein eklatanter Bruch in seiner journalistischen Biographie.
Ach Günter!, will man da rufen. Warum positioniert er seine Dokumentationen neben Promi-Titten und Dschungelcamp-Starlets, die durch das RTL-Programm gereicht werden, wie der Salzstreuer beim Eieressen? Oder ist er undercover hinter den Kulissen von RTL selbst zugange? Das erklärte einiges! Warum platziert er seine Recherchen nicht mehr bei der ARD? Oder wahlweise beim ZDF? Nicht, dass da alles astrein liefe - aber dort wäre er angemessener aufgehoben. Aber doch nicht bei RTL, wo die Oberflächlichkeit Programm ist, die fehlende Freude an Tiefgründigkeit programmiert. Man darf ahnen, dass man Wallraff entschärft, wenn er nicht schon von ganz alleine so altersmilde geworden ist, dass er es gehorsam gleich selbst tut. Das Kritischste an seinen Auftritten wären dann nur noch die dramatischen Trailer, die von kritischen Journalismus phantasieren  - dies vielleicht in Zukunft sogar regelmäßig, in Wallraff exklusiv. Am Folgetag gibt es Wallraff dann bei Punkt 12 nochmal aufgewärmt zum Mittagessen, zwischen "kritischen Berichten" zu Sonnenmilch und dazu gereichten Markenempfehlungen oder neu gestrafften Wangen einer F-Prominenten.
Ach Günter...
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