Die letzte Patrone

Sich eine, die letzte Patrone für sich selbst aufzuheben: das ist auch Würde.

Es gibt zweierlei Arten menschlicher Würde. Die eine, sie drängt nicht in Ecken. Ins Elend abgegleitet, einen unanfechtbaren Rechtsanspruch auf Hilfe und Fürsorge zu haben: das ist eine solche Gattung von Würde. Hier tritt man der Not würdig entgegen. Vor dem Elend zu stehen, kurz vor dem Moment, da der Häscher sein Opfer greift und in eine unerträgliche Zukunft verschleppt, die letzte Patrone einzulegen, um sich selbst zu beenden: das ist auch Würde. Eine defensive Würde. Sie wird nicht würdig vertreten, sie weicht unwürdigen Zuständen aber mit einem letzten gebotenen Akt der Würde aus.

Menschenwürde, wie sie die manchmal zu theoretische Demokratie versteht, ist ein Rechtsanspruch - Menschenwürde, wie sie die Kräfte des freien Marktes verstehen, ist ein Revolver mit einer letzten Patrone, den man für den Fall der Fälle in der Schublade aufbewahrt. Sinnbildlich. Aber auch als konkrete Vorstellung in den Gedankengängen mancher neoliberaler Missionare und Markttheologen. Sie empfänden es als würdige Handlung, wenn Menschen, die aus der Produktivität fielen, noch einmal einen produktiven Augenblick hätten. Wie auch immer sie sich dann auch wegmachen - man ist ja liberal, man kann sich aussuchen, wie man verschwindet. Revolver oder Madagaskar, Schlinge oder unter die Brücke. Würde, wie sie sie verstehen: keine Unkosten erzeugen.

Von spätrömischer Dekadenz haben sie ja bereits gesprochen. Römischen Bürgern, die gesündigt, die empfindlich gegen den Kodex der römischen Gesellschaft verstoßen haben, wurde eine letzte Chance erteilt. Der Sünder konnte sich das Leben nehmen und sein Ansehen bleibt erhalten. Würde, die sich durch geöffnete Pulsadern schleicht. Frei nach Mario Puzo wissen wir, dass auch die Mafia dieses würdevolle Verhalten honorierte. Damals, im zweiten Paten, als Tom Hagen Frank Pentangeli eröffnete, dass seine Würde und die seiner Familie erhalten bliebe, wenn er sich nicht weiter erhalten würde. Ob die, die römische Dekadenz in der staatlich verordneten Armut witterten, ob diese sozialdarwinistischen Romanisten wohl auch an die blutige Würde römischer Bürgersleut' dachten? Es steht doch außer Frage für diese Leute, dass Personen, die ihre Arbeit verlieren und damit ihre Würde, die schwerste aller Sünden begangen haben. In einem System, das Arbeit adelt und für den götzenhaft verbrämten Lebenssinn schlechthin erachtet, da ist es schon mehr als eine Ordnungswidrigkeit, plötzlich ohne Arbeit zu sein. Blasphemie!

Ist nicht die alte japanische Tugend, jene, die sich im Bushido nachblättern läßt, etwas, das wir auch hier verinnerlichen sollten? Verliert man die Würde, die einem nur durch den Verlust der Arbeit abhanden kommen kann, so verliert man sein Gesicht nicht, wenn man es von der Erde tilgt. Bei Arbeitslosigkeit: Selbsttötung - in Japan soll das nicht selten vorkommen. Hier noch zu selten; sehr zum Leidwesen der neoliberalen Weltenlenker.

Daher die Sozialwesen und die Fürsorgen so gestalten, dass man nicht zu würdig lebt. Das wäre ja kontraproduktiv. Mehr Beschäftigung schaffen, damit diejenigen, die ins soziale Loch fallen, auch wieder Hoffnung haben: auch das wäre nur kontraproduktiv. Wie lassen sich denn Börsengewinne notieren, wenn nicht durch Abbau von Arbeitsplätzen? Wer personell aufstockt, der stockt auch Verluste auf, der macht, dass die Anleger mehr als verstockt reagieren. Der neoliberale Eifer weiß, dass er staatlich finanzierte soziale Auffangbecken, wenn schon nicht abschaffen kann, so doch modifizieren. Sie dürfen nicht in Würde leben lassen, sondern die Option attraktiv machen, sich würdevoll aus dem Leben zu verabschieden. Kein Rechtsanspruch sollen sie sein, sondern letzte Patrone. Der Sozialstaat soll aktivieren, meinen die neoliberalen Stimmen. Verständlich gemacht heißt das, dass er so verstümmelt werden muß, dass er zum Selbstkostenpreis läuft. Er soll den Leistungsberechtigten bildhaft machen, dass ein letzter würdevoller Schuss, ein wenig von diesem römischen Stolz, sich bei Sünde gleich selbst mit dieser aus der Welt zu verabschieden, eine annehmbare Option ist. Aktivieren soll er: die letzte Patrone...


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Literarisches von der FBM18