Die Kunst des Zuhörens

Was können wir beim Zuhören über uns lernen? Kennen Sie den Unterschied zwischen einem ganz “normalen” Gespräch und der Situation, wenn Ihnen jemand wirklich zuhört? Wann haben Sie das letzte Mal ein richtig gutes Gespräch geführt? Wann haben Sie sich das letzte Mal wirklich verstanden gefühlt? Und wann haben Sie das letzte Mal einem anderen Menschen wirklich zugehört?

“Echtes” Zuhören unterscheidet sich häufig sehr stark von einem in unserem Alltag als “normal” erlebtem Gespräch.

Wie führen wir Gespräche?

Ich möchte Sie heute dazu einladen, sich Ihrer ganz individuellen Art und Weise bewusst zu werden, wie Sie Gespräche mit anderen Personen oder in Gruppen führen. Wenn Sie an ein Gespräch zurückdenken, betrachten Sie doch einmal die folgende Aspekte:

  1. Wie schnell erinnern Sie sich passend zu dem was sie gerade hören, an eigene Erlebnisse und Erfahrungen?
  2. Wie schnell schweifen Sie in Tagträume und eigene Probleme ab?
  3. Wie lange können Sie einer anderen Person zuhören, ohne selbst etwas von sich einbringen zu wollen?
  4. Wann fangen Sie an, die Worte, den Inhalt oder die Ihr Gegenüber zu Bewerten?
  5. Wie oft geben Sie dem Gegenüber Ratschläge, oder erzählen etwas zu Ihrer Meinung?
  6. Wie oft gehen Sie zum nächsten Thema über, ohne das gerade besprochene wirklich verstanden zu haben?
  7. Welche Nonverbalen Botschaften können Sie aufnehmen?
  8. Wie oft verwenden Sie im Gespräch die Worte “ich/mir/wir”?

Was fällt Ihnen sonst noch zu den Gesprächen ein, die Sie führen? Möglicherweise habe Sie auch Lust, diese Beobachtung über die nächsten Tage fortzuführen.

Der Alltag

In Alltagsgesprächen sind die meisten von uns einen Dialog gewohnt, in dem wir ständig unsere Geschichten austauschen. Wenn wir ein Anliegen erzählen, wird das Gesagte häufig um eine Geschichte des Zuhörers ergänzt, der seine eigenen Erfahrungen mitteilen möchte. Schon recht schnell versucht jeder – in der Regel ohne bewusste Absicht – den Fokus des Gesprächs auf seine Erfahrung umzulenken. Wir bekommen sehr schnell Ratschläge, selbst wenn wir keine wollten. Wir haben nicht das Gefühl, der Andere hat uns wirklich verstanden und trotzdem bekommen wir sehr schnell Meinungen und Interpretationen über das was wir “falsch” gemacht haben und was wir “besser” machen könnten.

Zugegeben, meine Formulierung ist etwas überspitzt aber wenn Sie lernen genau hinzusehen – oder besser hinzuhören, dann werden sie feststellen, dass die Beschreibung oft nicht sehr weit von der Realität entfernt ist.

Nun gut, was wäre dann eine andere Art in ein Gespräch zu gehen? Wie können wir eine Unterhaltung führen, aus der beide Seiten zufrieden herausgehen? Wir können wir unserem Gegenüber die Chance geben, sich wirklich verstanden zu fühlen? Wie können wir eine respektvolle Diskussion führen, selbst wenn sie möglicherweise inhaltlich keine Übereinstimmung finden?

Heute möchte ich hierzu den aus meiner Sicht wichtigsten Punkt ansprechen: “Das Zuhören”.

Zuhören – einmal anders

Wenn Sie Lust haben und für sich darin eine mögliche Bereicherung für Ihren Alltag sehen, Gespräche mit Freunden, in der Familie oder im Beruf verändern zu können, dann lade ich Sie dazu ein, die folgenden Gedanken für sich in den nächsten Tagen auszuprobieren. Diese Gedanken können insbesondere hilfreich sein, wenn jemand mit einem Anliegen auf Sie zukommt. Versuchen Sie diese Aspekte in Gesprächen zu verwenden und beobachten Sie die Veränderung. Was verändert sich genau? Können Sie das beschreiben? Wie geht es Ihnen in den Gesprächen?

  1. Konzentrieren Sie sich voll und ganz auf Ihren Gegenüber und schweigen Sie – wenn Sie diese volle Konzentration entwickeln, werden die gehörten Worte weniger mit den eigenen Erfahrungen abgleichen. Dennoch werden Gedanken hochkommen und möglicherweise auch der Wunsch, diese dem Anderen zu erzählen. Erkennen Sie den Wunsch rechtzeitig und bleiben sie still. Lassen Sie den Gegenüber einfach erzählen, ohne ihn zu unterbrechen, ohne etwas zu ergänzen. Konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, was Sie bei Ihrem Gesprächspartner wahrnehmen und weniger was bei Ihnen geschieht. Haben Sie schon einmal versucht ihren Gegenüber für 5 Minuten einfach nur reden zu lassen und voll und ganz bei dem Erzählten zu bleiben?
  2. Stellen Sie Fragen – Das sind zu Beginn die einzigen Beiträge, die sie nutzen, um das Gespräch zu vertiefen. Gehen Sie doch einfach einmal davon aus nichts – wirklich nichts zu verstehen. Es gibt viele Worte mit sehr unterschiedlicher Bedeutung. Sind Sie sicher, immer die richtige Bedeutung zu verstehen? Fragen sie nach, bis sie wirklich verstehen, was der Gesprächspartner gerne möchte.
  3. Reflektieren Sie das Gehörte – Sie können das Gesagte in Ihren Worten wiederholen, oder einfach nur nonverbal bestätigen, dass Sie die Person “gehört” haben. Die Körpersprache sagt viel über die Qualität des Zuhörens aus. Beobachten Sie sich selbst, ob sie Augenkontakt halten und sich dem Gegenüber bewusst zuwenden.
  4. Verzichten Sie auf eine Bewertung – Sie müssen das Gesagte weder für gut noch schlecht heißen. Sie müssen es nicht zensieren. Sollte dennoch Bewertungen aufkommen, dann schauen Sie mehr auf Sich, denn diese Bewertungen sagen auch sehr viel über Sie, den Zuhörer aus. Möglicherweise benötigen Sie gerade etwas, um das Gespräch weiterführen zu können.
  5. Verzichten Sie auf Ratschläge - Sie haben eine gute Idee, was dem Gesprächspartner ganz sicher helfen würde oder helfen könnte? Zu Beginn der Übung würde ich auch hier vorschlagen, dass Sie diese nicht äußern.
  6. Versuchen Sie einmal in einem Gespräch über eine gewisse Zeit auf die Worte ich/mir/wir zu verzichten.

Insbesondere das Schweigen, war für die meisten Personen, die ich kenne (und auch für mich) am Anfang eine Herausforderung. Sie werden möglicherweise feststellen, dass es bei dem schlichten Vorhaben auch nicht bleiben wird, sondern es viel Übung bedarf, wirklich einmal 5 Minuten zu schweigen. Ich meine dabei nicht, für einige Minuten nichts zu sagen, sondern in dieser Zeit, vollständig auf seinen Gegenüber konzentriert zu sein und nicht eigenen Gedanken zu verweilen und abzudriften. Die eigenen Gedanken sind schnell und wollen nur zu gerne etwas Wichtiges dazu beitragen. Im Sinne der Achtsamkeit, erkennen Sie diese Gedanken und Bilder und kehren ohne innere Bewertung wieder zum Gespräch zurück, z.B. ganz nach dem Motto – “ach, da bin ich doch einmal wieder bei mir gelandet …. danke, dass ich es bemerkt habe. Nun konzentriere ich mich wieder auf meinen Gegenüber”.

Zuhören – eine Kunst?

Wenn sie gutes Zuhören lernen wollen, dann üben Sie. Ohne ein bewusstes Üben, gelingt es den wenigsten von uns (ich bin sogar der Meinung, niemandem). Wenn Sie die Qualität der Gespräche steigern wollen, dann holen Sie sich das Feedback. Denn niemand kann besser bewerten, ob ihm “zugehört” wurde, als derjenige, der das Gespräch gesucht hat.

Es braucht keine Schicksalsschläge oder irgendwelcher großen Ereignisse oder Anliegen, dass ein “gutes” Zuhören hilfreich wäre. Nutzen Sie die Möglichkeiten im Alltag, in ganz normalen Gesprächen, z.B. wenn der/die Mitarbeiter/in mit einem Problem kommt, der/die Ehepartner/in von seinen Ereignissen berichtet, beim nächsten Telefonat mit einem Verwandten, oder einem Gespräch mit den Kindern.

Zuhören – Ratschläge wirklich tabu?

Nun werden Sie möglicherweise sagen, ich muss doch eine Meinung äußern können. In meiner Rolle als Vorgesetzter, als Vater oder Mutter, usw. wird es doch von mir erwartet, dass ich Meinungen vertrete und Entscheidungen treffe.

Sie werden feststellen, dass es viele Situationen gibt, in denen Sie heute aus Gewohnheit sehr schnell eine Meinung äußern oder eine Entscheidung für die andere Person treffen wollen. Versuchen Sie herauszufinden, wann das wirklich notwendig ist und wann die Person, die mit einem Anliegen zu Ihnen kommt, sehr wohl selbst in der Lage ist für sich eine gute Lösung zu finden.

Noch eine letzte Anmerkung: In der Literatur wird häufig davon gesprochen, dass Ratschläge (Rat – Schlag), ein gutes Gespräch eher stören und nicht hilfreich sind. Das stimmt nach meiner Erfahrung auch für die meisten Situationen. Allerdings vertrete ich für bestimmte Situationen eine andere Meinung. Es gibt sehr wohl Umgebungen, in denen es nötig ist, unsere Meinung und unseren Rat (im Sinne von Vorschlag und Idee) zu äußern. Der Gegenüber ist dann aufgefordert, aus den vorliegenden Ideen und Vorschlägen, das passenden für sich zu wählen … oder eben nichts. Ich würde Sie auch dazu einladen, dass Sie solche Ideen und Vorschläge nur  dann einbringen, wenn Sie das vorher nachgefragt haben: “Interessieren Sie dazu meine Ideen und Gedanken?

Viel Spaß bei der Umsetzung. Wie immer, freue ich mich über Ihr Feedback.

Ich wünsche Ihnen weiterhin eine achtsame Zeit, Ihr Olaf Karwisch

Zitate:

  • “Solange man selbst redet, erfährt man nichts.” (Marie von Ebner-Eschenbach)
  • Die höchste Stufe des Zuhörens ist es, dem Partner die Unterstützung zur Selbstklärung zu gewähren.
    (Christoph Thomann/Friedemann Schulz von Thun, Klärungshilfe)
  • Reden können ist nicht so viel wert wie zuhören können. (Chinesisches Sprichwort)

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