Die Königinnen des feministischen Roadmovies – Thelma & Louise

Achtung, Spoiler!

Okay, der Titel dieses Artikels klingt ziemlich sperrig und ich will auch nicht ausschließen, dass es noch mehr Königinnen des feministischen Roadmovies gibt – aber wenn “Thelma & Louise” sich mit etwas beschäftigt, dann ist es der Roadtrip als Weg zu sich selbst und feministische Gesellschaftskritik. Und verdammt, das war 1991 auch nötig! Und wahrscheinlich ist es das an den meisten Orten der Welt noch immer, machen wir uns nichts vor (und das schließt kein Land der Welt aus). Ich hab diesen Film schon oft genug gesehen, und trotzdem hat er immer wieder so recht und er macht mich wütend und am Schluss muss ich weinen, obwohl ich natürlich weiß, wie er ausgeht.

Und wisst Ihr, was ich diesem Film besonders hoch anrechne? Dass beide Frauen keine Darlings sind. Im Ernst, ich würde mit beiden nicht befreundet sein wollen, geschweige denn wie sie sein. Und trotzdem und gerade deswegen ist dieser Film so toll. Auch weil sowohl Thelma (gespielt von Geena Davis) ebenso wie Louise (gespielt von Susan Sarandon) eine äußerst liebenswerte und viel zu oft verletzte Seele unter ihrem teils verstörenden Gebaren haben. Und diese Seelen wollen auch am Ende des Films nicht liebgehabt werden, nicht von Männern, aber auch nicht vom Publikum. Ebenso wollen die beiden Frauen nicht ständig über ihre Probleme reden oder Verständnis entgegengebracht bekommen. Und wenn sie am Schluss sterben, so finden sie vorher doch sich selbst – und zwar ganz in ihrem tiefsten Inneren. Und wie kaum andere weibliche Filmfiguren vertreten sie das, was sie da gefunden haben, absolut konsequent. Und dabei sind sie weder pathetisch noch rührselig oder traurig. Sie sind einfach FREI. Und deshalb muss ich wohl immer weinen, wenn ich das Ende sehe. Dass sie sterben, ist irgendwie nicht so schlimm, aber ihre Freiheit ist unfassbar erhaben.

Und dabei fängt alles so trivial an in diesem deutlich überzeichneten Roadmovie: Die ziemlich “tussige” Thelma wird von ihrem widerwärtigen Mann herumkommandiert und wie ein Besitztum behandelt. Unerwarteterweise wirft er ihr an diesem Morgen eine Erniedrigung zuviel vor die Füße. Und Thelma, die sich nicht einmal traut, ihn zu fragen, ob sie mit ihrer Freundin Louise ein Wochenende in die Berge fahren kann (geschweige denn, es ihm einfach zu sagen), haut heimlich ab und hat wahrscheinlich nicht wirklich vor, wieder zu kommen: zwei große Koffer und offensives Flirten hadern mit ihrer Angst davor, ihrem Mann einfach davonzulaufen. Louise ist ähnlich zerrissen: Sie hat eine eher schwierige On-Off-Beziehung zu einem Musiker, mit dem sie eigentlich schon viel zu viele Jahre verbracht hat, aber er ist auch zu nett, als dass sie ihn verlassen könnte. Auf dem Weg ins Ferienhaus machen die Frauen Halt in einem Country-Club und Thelma feiert ihre zumindest vorübergehende Freiheit, in dem sie mit einem Mann flirtet und tanzt. Als der sie auf dem Parkplatz vergewaltigen will, weil er ihr Nein nicht akzeptiert, es sogar lächerlich findet, nachdem sie ja schließlich mit ihm getanzt hat, eilt ihr unversehens Louise zu Hilfe. Sie hat Thelmas Revolver in der Hand und erschießt den Mann, nachdem er ihnen erniedrigende Dinge hinterher ruft.

Und ja, Louise ist ganz schön herrschsüchtig. Sie macht Thelma oft zur Schnecke und erinnert damit durchaus an Thelmas Mann, der sich mittlerweile vor Polizei und FBI zu profilieren sucht, gern mit frauenfeindlichen Witzen. Louise lebt den aktiven Part in ihrer Freundschaft aus, während Thelma heult und verzweifelt ist und noch immer Blut im Gesicht kleben hat, weil der Typ sie vor der Vergewaltigung ordentlich geschlagen hat. Sie will zur Polizei und alles erklären, doch Lousie macht ihr klar, dass Frauen, die sich bei einer Vergewaltigung wehren, nachdem sie zuvor öffentlich Zuneigung zu dem Vergewaltiger bekundet haben wie Thelma, nicht als Opfer in einer Notwehrsituation gesehen werden. Später wird klar, dass Louise selbst diese Erfahrung in Texas machen musste und ich wette, dass es 1991 sehr vielen Frauen überall auf der Welt so ging. Und heute noch immer so geht.

Erstaunlicherweise erwacht in Thelma jedoch langsam der Lebenswille, ein echter Lebenswille, der sich den Umständen gegenüber nicht geschlagen gibt. Sie reißt einen Tramper auf, J. D., der ihr eine unglaubliche Liebesnacht beschert, dann beiden Frauen das gesamte Geld klaut und sie damit aus Verzweiflung einen Überfall begehen lässt. Doch anstatt sich elend und schuldig zu fühlen, ist es, als ob in Thelma etwas an die richtige Stelle rutscht. Und hier wechselt der Status zwischen den Frauen: Nun heult Louise, weil sie all ihre Stärke und Herrschsüchtigkeit aufgebraucht hat und einfach nicht mehr kann. Und Thelma entdeckt, dass sie leidenschaftlich gern und gut Geschäfte überfallen oder Polizisten kidnappen kann. Thelma entwickelt eine Abgebrühtheit, die gleichzeitig erfrischend menschenfreundlich und charmant ist, die weder die Zuschauer noch Louise ihr zugetraut hätten. Und Louise gewinnt wieder Kraft durch die Kraft ihrer Freundin, die ihre Opferrolle hinter sich gelassen hat und klar sagt, dass sie nicht mehr in ihr altes Leben zurück will.

Wenn Thelma am Ende von Polizei und FBI gejagt zu Louise sagt, dass sie einfach in den Abgrund des Gran Canyon fahren soll, ist klar: Es darf kein Leben mehr als Opfer geben, kein Leben als Gefangene. Der Tod ist die einzige Konsequenz, mit der beide Frauen ihre innere und äußere Freiheit behalten können, die sie zuvor in einer tollen Szene mit einem ekelhaft sexistischen Truckfahrer demonstriert haben.

Dass dieser Film bis heute diese unglaubliche Kraft hat, verdankt er einerseits den überzeichneten Figuren (und zwar Männer- wie Frauenfiguren), die den Film ins Beispielhafte heben und ihn für unendlich viele Frauen sprechen lässt, die das Opfer männlicher Gewalt wurden und sich nicht wehren konnten/durften, und es liegt an dem oscargekrönten Drehbuch von Callie Khouri und der Regie von Ridley Scott, sowie dem äußerst starken Spiel aller Hauptdarsteller (was auch Brad Pitt und Harvey Keitel mit einschließt).

Was denkt Ihr? Haltet Ihr den Film auch für wichtig in feministischer Hinsicht?

Filmstill aus Thelma & Louise

Filmstill aus Thelma & Louise