Die Gutmenschen, die ich so kenne

Den Gutmenschen haben sie neulich mal zum "Unwort des Jahres" gekürt. Na gut, eine Kür ist es ja nicht gerade. Die Wahl erfolgte völlig zurecht, wenn man den Begriff so verwendet, wie es derzeit einige tun, wenn man also "Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert", dann ist er zweifelsohne negativpreiswürdig. Gleichwohl zeigt sich hier, dass es im täglichen Gebrauch Worte und Begriffe gibt, die man so und ganz anders meinen kann. Ich oute mich an dieser Stelle: Ich gebrauche zuweilen dieses Unwort auch. Ich meine dann nur ganz andere als ehrenamtliche Helfer, engagierte Menschen und altruistische Charaktere. Ich für mich benenne Personen damit, die ein gutes Motiv als Ursprung haben, sich aber dann in etwas verrennen. So habe ich vor Jahren den "Gutmensch" begrifflich kennengelernt.
Noch etwas vorneweg an die, die jetzt unken, dass ich gewissermaßen ein Wort aus dem Jargon der Nationalsozialisten verwende. Es gibt ja einige Theorien, wonach der "Gutmensch" terminologisch bereits bei den Nazis angelegt war. Sie hätten es irgendwie von dem jiddischen "a gutt Mensch" abgeleitet, es zynisch aufgeladen. Heute bin ich der Ansicht, dass das eine Konstruktion ist, der fromme Wunsch eines Philologen wahrscheinlich, der seine politische Anschauung in seine Theorie einbauen wollte. Die beiden Worte, die in darin stecken, sind viel zu unspezifisch, als dass man da klar eine terminologiegeschichtliche Aufarbeitung vollziehen könnte. Mit "gut" und "Mensch" ließe sich in jeder Generation, ohne einem etwaigen Vorwissen von dieser Komposition, immer wieder dieselben Termini erstellen. Und sie würden mit ziemlicher Sicherheit auch entstehen. Die einzelnen Worte sind wie gesagt einfach nicht spezifisch genug. Genau wie jener Ansatz, dass Hitler selbst den "Gutmenschen" erschaffen habe, weil er in seiner "Kampfschrift" immer wieder abwertend von gutmütigen Menschen sprach. Doch das ist hanebüchen. Es beweist aus meiner Sicht lediglich, dass schlechte Menschen immer zum spöttischen Zynismus zulasten jener fähig waren, die so viel besser waren als sie. Das Wort "Gutmensch" ist deshalb noch lange nicht Nazijargon.
Ich habe den Begriff anders kennengelernt. Das ist Jahre her, ich denke so um die Jahrtausendwende. Ein Gutmensch war damals einer, der das Gute will, aber das Schlechte betreibt, anfacht oder einfach nur in Kauf nimmt. Ein pazifistischer Grüner zum Beispiel, der Frieden durch Bundeswehreinsätze herstellen wollte. Ein Gutmensch ist jemand, der ein durchaus nachvollziehbares, ja vielleicht sogar anzustrebendes Ideal verfolgt, dazu aber Mittel anwendet, die überhaupt nicht mehr mit dem Guten vereinbar sind. Militante Nichtraucher fallen mir da noch ein; oder Leute, die aus Überzeugung und aufgrund des Tierschutzes kein Fleisch mehr essen, dafür auch werben und gleichzeitig alle Fleischesser als Mörder hinstellen und für nicht ganz normal erachten und ihnen einen moralischen Strick daraus drehen. Um Moralin geht es solchen immer. Es ist der Rohstoff, mit dem der Gutmensch hausieren geht. Und wer dem moralischen Anspruch nicht akzeptiert, den geht es mit ganz unmoralischen Mitteln wie Diskreditierung und Diffamierung an den Kragen.
In der "Zeit" vom 14. Januar diesen Jahres wird von der "Debatten-Polizei" an amerikanischen Hochschulen berichtet. Es geht darin um Trigger Warnings, also um die Entwicklung, dass Studenten künftig von ihren Professoren wegen des traumatisierenden Inhalts in Ovids "Metamorphosen" gewarnt werden wollen, bevor sie es lesen müssen. Da sich mancher Professor weigert, unterstellt man ihm allerlei, von fehlender Sensibilität angefangen bis hin zur sexistischen Einstellung. Sachlich geht es jedenfalls nicht mehr zu. Diese Leute haben vielleicht ein gutes Ziel vor Augen, aber sie verlieren dabei jedes Maß und jeglichen Realismus, werden zu Kriegern einer Idee, die ja eigentlich eher von "kriegerischen Inhalten" warnen und bewahren will. Slavoj Žižek schrieb erst kürzlich im "Philosophie Magazin Nr. 01/2016 über diese Entwicklung. Dass "das Subjekt [...] geschützt und im Voraus vor allen potenziellen Störungen gewarnt werden [muss]", ist seines Erachtens ein Kokon. Aber Studenten müssten "raus aus dem Kokon", denn die Welt ist kein Schutzraum, man muss sich ihr stellen. Es gibt nun mal Dinge, die uns traumatisieren können, wenn wir sie erlesen, davon hören oder sehen. Indem man Zeilen überfliegt, weghört oder -sieht, ist es nicht einfach weg. Die Kindertaktik zugehaltener Augen und Ohren klappt leider nicht. Žižek findet aber, man brauche gebildete Leute, die hinsehen und sich nicht einigeln. Gut, das alles führt an dieser Stelle zu weit. Zurück zum eigentlichen Faden.
Viele Studenten in den Vereinigten Staaten führen nun einen Kampf für eine oberflächlich betrachtet "gute Sache". Aber sie verlieren den Maßstab. Ein anderes Beispiel ist, dass man einem Professor sofort Rassismus unterstellte und einen Kampagne gegen ihn startete, weil er zwei asiatische Studentinnen miteinander verwechselt hatte. Das erinnert stark an Philipp Roths "Der menschliche Makel", in dem ein weißer Professor aufgrund rassistischer Vorwürfe suspendiert wurde, weil er zwei Studenten, die noch nie eine seiner Vorlesung besucht hatten, als immer abwesend notierte und sie daher im Scherz "dunkle Gestalten" nannte. Er wusste nicht, dass die beiden Afroamerikaner waren. Man erfährt im Verlaufe des Buches, dass der Professor selbst aus einer schwarzen Familie stammt, ein angeborener Gendefekt war verantwortlich für seine weiße Haut. Der Aufschrei dieser Gutmenschen mäht alles nieder, könnte man aus dieser Story ableiten.
Sich so heillos zu verfransen zwischen "guter Sache" und "schlechtem Stil": Das ist es, was ich als "Gutmenschentum" kenne. An deutschen Universitäten geht es nicht so viel anders zu. Es ist nur (noch) etwas ruhiger. Der Frankfurter AStA sieht Unisex als größtes Projekt des Augenblicks an; Unisex-Toiletten müssen deswegen nun unbedingt an Hochschulen. Kritik daran ist obsolet, sofern man nicht als Sexist betitelt werden möchte. In dieser Sache sind einige Studenten wahre Gutmenschen. Wenn dieselben jungen Leute aber am gleichen Abend ehrenamtlich helfen, um Geflüchteten ein halbwegs angenehmes Dasein im Exil zu bereiten, dann sind sie nicht Gutmenschen, sondern eben Leute, die etwas Gutes tun wollen. Und ihren Einsatz verbal zu verteidigen gegen die Menschenhasser, das ist legitim. Solche aber, die nicht helfen können oder wollen dann in die moralische Garotte zu wickeln, das ist schon wieder etwas anderes.
Denn der Gutmensch verbeißt sich in was, wird zu einem unleidlichen Mitmenschen, entzündet Shitstorms und verweigert im Namen seiner hehren Gesinnung jegliche Toleranz anderen Ansichten gegenüber. Er selbst will natürlich toleriert werden. Voll und ganz. Aber jeder, der nicht exakt dasselbe schlussfolgert, der braucht keine Akzeptanz zu erwarten. Harald Martenstein brachte vor weniger als einen Jahr in seiner Kolumne eine passable Definition für das, was ein Gutmensch ist: Einer der "glaubt, dass er, im Kampf für das, was er für "das Gute" hält, von jeder zwischenmenschlichen Rücksicht und jeder zivilisatorischen Regel entpflichtet sei. Beleidigungen, Demütigungen und sogar Gewalt sind erlaubt". Problem war bei diesem Text nur, dass er das als Neudefinition des Begriffs "Gutmensch" empfahl. Aber das war und ist nicht neu, das ist exakt der Gebrauch des Wortes, den ich seit Jahren kannte.
Gutmenschen, kenne
Ist nun die "Kür" des Begriffs zum "Unwort des Jahres" ein Fehlgriff? Gar nicht. Denn die Rechten haben ihn ja umgedeutet. Das haben sie nicht aktuell getan. Seit Jahren gebrauchen sie den Begriff als Label für Naivität, weil man Alten, Kranken und Fremden hilft. Sie verspotten so den Einsatz. Jetzt ist das Wort eben massentauglich geworden. Ursprünglich hätte man aber jemanden als Gutmenschen bezeichnet, wenn er etwas tut (sei es nun helfen oder etwas anderes) und sein Tun als Maßstab für alle auferlegt und sich arrogant artikuliert und einen "heiligen Krieg" entfesselt, weil nicht alle so ticken, wie er es tut. Die Umdeutung dieses Begriffs ist durchaus preiswürdig. Denn für mich war mancher Grüne, der Hartz-IV-Beziehern Bioprodukte ans Herz legte oder Kriegseinsätze absegnete, damit das muslimische Patriachat geschwächt würde, das Paradebeispiel für einen solchen Typus. Dass es hilfsbereite Menschen sein könnten, habe ich nie in Betracht gezogen.
Und da es immer auch um Deutungshoheit geht, auch oder gerade bei Begriffen, weigere ich mich das Wort in meinem alltäglichen Gebrauch einzuschränken oder totalitär abzuschaffen. Ich sage es ohnehin nicht so oft. Aber eine Schere im Kopf lasse ich nicht zu. Es kommt auf die Deutung an. Und dieser Text ist ein Versuch, den Begriff zu deuten. Wer mir was anderes unterstellt, wer mich jetzt anfeindet und mich moralisch diskreditieren möchte, der kommt dem nahe, was ich unter dem Wort verstehe.


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