Die Faszination von Helden

 

Wie die Menschheit auf einen Orakel-„Paul“ gewartet hat…

von Dennis Riehle, Konstanz

Was für ein Aufschrei! Sondersendungen und Live-Berichterstattungen. „Paul“ hat wieder einmal gesprochen: Diesmal war zwar der Aufwand nicht mehr so gewaltig wie bei der Vorhersage des Fußball-Sieges von Spanien oder Deutschland, doch auch heute kam es zu neuer Gewissheit: In Oberhausen entschieden die Tentakel der Unterwasserkrake über den nächsten Machthaber im Kreml.

Und glaubt man der Aussagekraft von Pauls Entscheidungen während der Weltmeisterschaft, dann dürften zukünftig Wahlen oder Spiele unnötig werden. Denn immerhin hat die Welt ein neues Orakel, das die Zukunft in Präzision in seinen Fresstöpfen zutage bringen kann. Das Prinzip ist einfach: Dem Tier werden Möglichkeiten bereitgestellt – und je nach Hunger und Zufall bleibt es dort stehen, wo es an diesem Tag am günstigsten ist. Ein Statistik-Professor raufte sich zwar bereits die Haare, denn solch eine Trefferquote ist eigentlich unerklärlich und wissenschaftlich nicht nachweisbar. Und doch hat man es im Aquarium im Rheinland geschafft: „Paul“ macht all die Sorgen überflüssig, worüber bisher gebangt und geängstigt wurde. Paul ist Wahrsagen pur – und die Menschen glauben an ihn.

Wie soll man zukünftigen Generationen noch verkaufen können, dass im Weltgeschehen doch noch ein Rest Unsicherheit bleibt? Dass selbst Prognosen weiterhin einen Unsicherheitsfaktor beinhalten? Scheinbar hat nicht nur Deutschland seine Sensation gefunden. Niemand braucht mehr fragend vor Großereignissen stehen, die Ungeduld bekommt eine neue Faszination. Nein, niemand wird mehr wissen wollen, wie sich Vorgänge wirklich entwickeln; allein die Ungewissheit, wohin „Paul“ diesmal tendiert, ist noch der einzige Grund, zitternd vor den Fernsehbildschirmen zu sitzen.

Gut, die Situation mag zugespitzt sein. Doch passt sie wunderbar in Entwicklungen, wonach nicht mehr Gott im Mittelpunkt dessen steht, was Menschen erwartet. Bereits die Faszination um Bischöfin Margot Käßmann, die wie kaum eine andere Person in den letzten Jahren die Herzen der Bevölkerung an sich zog, oder der Stolz auf Lena, die Deutschland in ein neues „Eurovision Song Contest“-Fieber stürzte und verloren gegangenes Selbstbewusstsein in Minuten kittete – all sie sind zu neuen Helden im Land geworden. Ob Müller oder Podolski, ob Klose oder Mertesacker – nein, wofür brauchen wir noch einen Gott? Wir haben unseren Sinn gefunden. Und jetzt noch „Paul“, der uns nicht nur Siege prognostiziert, sondern für den mittlerweile Liebeslieder geschrieben werden – er reiht sich in dieses wohlige Gefühl ein, was sich offenkundig viele wünschten: Unklarheit braucht es nicht mehr, die Wege sind klar aufgezeigt. Traurigkeit ist vorbei, denn wir können uns über die Triumphe unserer Idole freuen. Und das Streben nach Freiheit à la Mainstream wird uns noch leichter gemacht – die Vorreiter predigen schon auf den Kanzeln.

Mir kommt all das bekannt vor: Schalten wir durch die Fernsehprogramme dieser Zeit, werden wir mit astrologischen Prophezeiungen nur so beworfen. Alles wird gut, alles liegt in unseren Händen – oder besser in denen, die dafür ausgewählt erscheinen. Die neuen Helden beenden ein Warten, das die Kirchen offenbar so unmenschlich noch unterstützen: Nicht morgen, nicht nächste Woche, nicht in der Ewigkeit wird das Gute in diese Welt kommen – nein, es ist bereits schon da. Gott, der uns die Gelassenheit lehrt, wird zum Vertröster, der den Spaß am Hier und Jetzt kaputt machen möchte. Die Argumentationen sind stets die gleichen, auch in der Entdeckung der Angebeteten aus Oberhausen, Hannover oder Südafrika.

Hat der Glaube versäumt, die Menschen in ihren aktuellen Lebenssituationen abzuholen? Oder weshalb bekommen diejenigen Auftrieb, die das Glück zeitnah unter die Leute bringen? Gott ermutigt dazu, das Leben auf ihn auszurichten. Und damit dem Geheimnis um so manch einen Zweifel und Ungeduld standzuhalten. Gott will uns selbst schützen, wenn er uns davor bewahrt, neue Götter auszuwählen. Denn Vertrauen in etwas, was kurzfristige Lösungen anbietet, steht auf weichem Grund. Die Sehnsucht nach allem Planbaren, nach Sicherheit und Geborgenheit in Zeiten, in denen wir durch Krisen und Leid gehen müssen, ist allzu menschlich – doch sie verleumdet die Existenz nach etwas viel Größerem.

Weil wir es nicht erwarten können, dass Gott unsere Wege weisen wird und nicht verstehen, dass er uns auch durch so manche Tiefe und Dunkelheit gehen lässt, um Erfahrung zu sammeln, dass er sein Tun so verschlüsselt und im Verborgenen zeigt– weil wir all das zu kompliziert und unpraktisch empfinden, suchen wir einfachere Türen: Sie öffnen uns zwar die Wege zu scheinbar Ecken- und Kantenlosem, doch sie lenken unser Leben in Bahnen, die uns in die Irre führen. Weg von der Barmherzigkeit des Herrn, hin zu dem, wohinter Profit, Macht und Eigennutz stehen. Wer sich für menschliche (oder andere) Helden ausspricht, der verkennt, dass er damit in Unbeständigkeit investiert. Denn der erste Fehltritt Pauls wird kommen – aber Gottes Zusagen halten immer!

 


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