Der Zauberer

Ich habe in meinem Leben schon viele Menschen getroffen: Nette Menschen und unfreundliche, witzige und langweilige, schöne und häßliche, unglaublich kluge und unfassbar dumme und das manchmal sogar in ein und der selben Person.
Ich habe viele Menschen kennengelernt. Menschen, die mir auf Anhieb sympathisch waren, viele, die mir gar nichts sagten, ein paar, die ich von Anfang an doof fand und ein paar kostbare, wenige, mit denen ich von Anfang an auf einer Wellenlänge lag.
Am meisten beeindruckt aber hat mich von all diesen Menschen der Zauberer.

Das erste Mal traf ich den Zauberer vor vielen, vielen Jahren. Wir wurden einander von der Verwandtschaft männlicherseits vorgestellt und ich unterhielt mich gut. Der Zauberer, das ist ein ganz dufter Typ: Nett, witzig, unterhaltsam, kameradschaftlich. Und hat – ganz wichtig! – nie versucht, mich anzubaggern.
Ja, das brachte ihm schon Pluspunkte ein. Nichts hasse ich so sehr wir Typen, die meinen, mich anbaggern zu müssen, obwohl sie wissen, dass ich in festen Händen bin, das finde ich unter aller Sau! Und wehe der Schl*mpe die meint, Herrn L. angraben zu müssen …

Ich lernte also X, den Zauberer, kennen und ab und zu sah man sich auf dieser oder jener Party, bei dem oder dem auf dem Geburtstag, hier und da halt so.
Und irgendwann dann kamen wir ins Gespräch. Und ich stellte schon bald fest: Wow, was für eine tolle Type! Witzig, unterhaltsam, freundlich. Zuvorkommend, ohne mich anzubaggern, kennt jeden, sprüht vor Charme und ist überhaupt ein sehr netter Mensch!
Gut: Ein bisschen von sich eingenommen, stimmt schon, und hört sich zweifellos gern selber reden. Aber … na ja, geht mir ja an guten Tagen nicht viel anders, was? :-D
Man kann also sagen, ich begann, den Zauberer zu mögen!

Irgendwann trafen wir wieder aufeinander und wieder kamen wir ins Plaudern. Hatten jede Menge Spaß miteinander und schließlich war ich froh, ihn auf Veranstaltungen zu sehen; bedeutete die doch auch, wenn Herr L. sich anderweitig unterhielt, einen lustigen Abend.
Denn hätte ich mit Herrn L. immer, nur, dass der sich auch mit anderen Menschen unterhalten will, die … ich sage mal: Mein Pokerface und meine Geduld dann doch schonmal arg strapazieren. Zudem liegt Herr L.s Sozialkompetenz soweit über der meinen, dass durchaus ein Vergleich zwischen thronendem Herrscher und Irgendwass-im-Straßenstaub angebracht wäre.
Man kann also sagen, ich begann, mich über den Zauberer zu freuen.

Und er erzählte die tollste, aufregendsten Geschichten!
Da war dieser eine Tag, an dem er als Junge beim Klassenausflug die Biege gemacht und sich stundenlang alleine in Großstadt durchgeschlagen hat, und es dann noch in wirklich allerletzter Sekunde wieder pünktlich zurück zum Zug schaffte und so jedem Ärger entging.
Oder die Geschichte, als seine Mutter damals erfuhr, dass sie schwanger war: Da war sie nämlich grade bei einer Freundin zu Besuch auf dem Bauernhof. Und als ihr Frauenarzt anrief, dass sie ein Kind erwarte, war sie so verdutzt, dass sie sich doch glatt vor Schreck an eine Kuh gelehnt hat. Die ihr dann prompt auf den Fuß trat und ihr die Zehen verstauchte.
Oder das eine Mal vor ein paar Jahren an Ostern, als er sich beim Osterfeuer so hat volllaufen lassen, dass er aus Versehen im Vorgarten seiner Nachbarn eingeschlafen ist!

Gut, zugegeben: Sich auf Klassenfahrten nicht an die Regeln zu halten, ist nicht in Ordnung. Und von einer Schwangerschaft überrascht zu werden … kann ich im Grunde nicht empfehlen, Ich habe damals auf jeden Fall NICHT gelacht. Und was ich von Leuten halte, die sich derart besaufen, dürfte mittlerweile bekannt sein.

Aber trotzdem … waren die Geschichten irre komisch! Wie die erzählt hat! Großartig! Ich stand einfach da und kam aus dem Lachen und Staunen nicht wieder raus, ganz ganz großartig! :-)

Nur irgendwas ziept. Was, weiß ich nicht. Nur, dass es da ist. Etwas zerrt und zupft an mir. Irgendwo tief drin und ich weiß nicht, was. Aber es irritiert mich maßlos.

Auf der Heimfahrt dann brüte ich vor mich hin.
“Schatz, Du bist so still?”, kommt es von der Fahrerseite.
“Es ist so …”, sage ich langsam und versuche, meinen Verdacht in Worte zu fassen. “Ich überlege grad … also der X, der hat doch einen älteren Bruder, oder?”
Herr L. überlegt kurz. “Ja, ich glaube schon! Und eine jüngere Schwester, glaube ich. Wieso?”
“Na ja”, überlege ich.  “Also wenn seine Mutter schon eine Mutter war .. wieso sollte es dann so ein Schock gewesen sein, dass sie wieder schwanger gewesen ist? Ich meine, beim zweiten Kind ist das doch eigentlich lockerer, oder nicht?”
“Äh, ja!?”, antwortet-fragt Herr L.
“Ja, und außerdem”, spinne ich den Faden weiter, “wie konnte denn der Frauenarzt überhaupt wissen, dass die Mutter grade bei der Freundin auf dem Bauernhof war?”
“Molly-Maus”, lacht Herr L., “Ich habe keine Ahnung, worum es hier grade geht, aber das hört sich etwas wirr an!”
Ich ignoriere ihn und denke laut weiter. “Also. Woher hatte der Arzt die Telefonnummer? Von den Eltern der Mutter? Aber wer sagt den schon einem Arzt: ‘Ach nee, die ist grade n nicht da, versuchen sie es mal da und da!’, hallo? Und selbst wenn … als die Mutter mit dem X schwanger war, das müsste so in den spätern60ern oder frühen 70ern gewesen sein … Welcher BAUERNHOF konnte sich denn damals schon ein Telefon leisten? Und überhaupt Telefon: Damals gab es für Zivilisten noch gar keine schnurlosen Telefone, also wenn nicht grade eine Kuh in der Küche stand … Schatz, hörst Du mir überhaupt zu???”
Herr L. kriegt sich nicht mehr ein vor Lachen.
“Schatz”, kichert er und verschluckt sich fast, “Alte, was laberst Du?”
Jetzt muss ich auch lachen. Aber dann werde ich wieder ernst. Zu viele DInge gehen mir im Kopf herum.
“Schatz, jetzt mal ernsthaft”, sage ich, “wenn bei einer Klassenfahrt in der 8. Klasse einer fehlt, dann fällt das schon vorher auf. Auf jeder Klassenfahrt, auf der ich bisher war, wurden die Schüler VORHER gezählt, also, bevor es wieder zum Zug ging. Man traf sich dann und dann VOR dem Bahnhof, dann wurde durchgezählt und DANN erst ging man geschlossen zum Zug. Und NATÜRLICH ist dann den Lehrern aufgefallen, wenn einer gefehlt hat. UNd NATÜRLICH wurde der dann suchen gegangen. Und Ärger gab es bei der kleinsten Verspätung, und zwar JEDE MENGE!”
“Äh, ja!”, sagt Herr L. und schüttelt den Kopf. “Molly-Maus, jetzt sag mir doch endlich mal, worum es überhaupt geht!”
Aber ich bin noch nicht fertig. “Und beim Osterfeuer abgeschossen haben will er sich? So ein Spinner!”
Ich weiß nämlich, dass er seit seinem 16. Lebensjahr in der freiwilligen Feuerwehr dient. Und den Jungs und Mädels von der freiwilligen Feuerwehr in Urheimat ist es strengstens verboten, während eines Osterfeuers im Bezirk Alkohol zu trinken! Die haben dann ALLE Dienst, rein vorsorglich, und wie sich schon oft zeigte: zu Recht! Und da er immernoch im Verein ist, KANN er sich gar nicht an einem Osterfeuer betrunken haben, die Osterfeuerregel ist in unserer Urheimat nämlich strenger Teil des Ehrenkodexes!

Oh je: Langsam habe ich das Gefühl, mein Gehirn rotiert!

Vorsichtig wende ich mich Herrn L. zu, der schon gespannt wie ein Flitzebogen ist. Jetzt gilt es, vorsichtig zu sein!
“Du-hu, Herr E-hel?”, taste ich mich vorsichtig heran.
“Jetzt spuck`s endlich aus, Weib, oder ich fahre rechts ran!”, werde ich zum Dank leicht angegrummelt.
OK, dann mal los: “Du kennst doch den X, `ne?”
“Ja? Was ist mit dem?”
“Du magst den doch, oder?”
“Geht so”
“Also … äh …!”
“MOLLY!”
“Kannessein,dassderesmitderWahrheitnichtimmersoganzgenaunimmt?”, stoße ich hervor. Uff, jetzt ist es raus!
Und Herr L. bekommt einen Lachanfall.

Er lacht und lacht und muss so sehr lachen, dass er kurzerhand rechts ran fährt. Stellt den Motor aus und biegt sich vor Lachen.
Ich bin sowohl erleichtert, dass er nicht sauer ist, als auch verwirrt: “Alter, was geht mit Dir denn ab?”
“‘Es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt'”, prustet Herr L. und hält sich den Bauch, ‘”ob das wohl sein kann?'”
“Hallo?” Ich gebe zu, ich komme mir grad irgendwie verarscht vor …
Endlich beruhigt sich mein Mann ein bisschen.
“Molly-Maus!”, keucht er, “Molly-Maus, kennst Du die Redensart: ‘Der lügt, sobald er das Maul aufmacht’?”
Ich nicke.
“Da hast Du`s!”, sagt  Herr L. und bricht wieder in lachen aus. “Ehrlich, Molly, das war die Untertreibung des Jahres! X ist der größte Lügenbold im Lande! Den kannste bei Sonnenschein und 30 Grad nach dem Wetter fragen, und der sagt Dir, dass es kalt ist und regnet!”
Sicher witzig, mein Anblick, wie ich so starre und mir die Kinnlade offensteht.
Dann aber: “Mooomentmal! Wenn das so ein Lügenbaron ist … Alter, warum hast Du mir das denn nicht gesagt?”
Herr L. schüttelt den Kopf. “Also erstens mal, meine Süße, weiß das jeder, wirklich JEDER im Umkreis von 50km. Und zweitens MAl HABE ICH Dir das gesagt. Vor Jahren schon, erinnerst Du Dich? Bevor wir da auf Tobis Party sind?”
Ja tatsächlich, da war mal was … “Stimmt, genau. Du hast gesagt, dass bestimmt auch wieder dieser eine Spinner da ist, der nur Scheiße labert und, dass ich auf dessen Mist bloß nicht reinfallen soll!”
Ich heule auf. “DER war das? Alter, das wusste ich doch nicht! Du hast mich doch immer mit dem reden sehen und alles, warum hast Du denn nichts gesagt????”
“Na, ich dachte doch, Du machst Dir mit dem `n Gaudi!”, verteidigt sich Herr L.
“Ahrg!” Den Rest der Fahrt brüte ich schweigend vor mich hin.

Gehe im Geiste all die Storys durch, die mir der Zauberer im Laufe der Jahre aufgetischt hat. SO überzeugend. So echt!
Ja, da waren ein paar Schoten bei, bei denen ich das leise Gefühl hatte, er hätte das Ganze etwas ausgeschmückt, übertrieben. ABer gut: Das machen Viele, einfach, um sich ein kleines bisschen interessanter zu machen, ist nicht viel dabei. SO lange man bei der Wahrheit bleibt.
Autsch!
Ich beiße mir vor Scham auf die  Zunge, als mir einfällt, wie oft ich immer gestaunt habe, mit großern Kulleraugen, und so Sachen gesagt habe wie: “Ehrlich? Da habe ich ja gar nichts von mitgekriegt …!?”

Zorn steigt in mir auf.

Wenn er jetzt ein Betrüger wäre … Beruflich etwas in der Richtung machen würde, dann … würde ich ihn als Soziopath einstufen. So aber … Er hat nie wen abgezockt oder um Geld oder sonstwas angegangen, das wüsste ich. Scheint also ein waschechter, notorischer Lügner zu sein. Aus welchem verlangen auch immer, vermutlich ein krankhaftes Aufmerksamkeitsbedürfnis, keine Ahnung.
Und so, wie er das durchgezogen hat – nicht nur bei mir, auch bei anderen, wir unterhielten uns ja auch in Gruppen – also … Wahnsinn. EInfach nur Wahnsinn.
So aufrichtig, so ehrlich und ohne mit der Wimper zu zucken. Und wann immer einer einen Einwand fand, ein Logikloch in einer seiner Geschichten, konnte er das souverän grade bügeln, das Logikoch schließen und charmant weglachen.

Ich kann nicht fassen, dass ich darauf reingefallen bin!

Wenn ich den das nächste Mal sehe, dann … GRRRR!

Aber am Schlimmsten, am Allerallerschlimmsten ist, dass ich es nicht gemerkt habe, dass ich ihm geglaubt habe. Ich, die ich mich des gesunden Menschenverstandes rühme. Und mir auch tatsächlich was auf meine Menschenkenntniss einbilde.
Das hat mich wirklich sehr erschüttert.
ich bin manhchmal etwas naiv, ja, und gebe Menschen prinzipiell einen Vertrauensvorschuss. Aber eigentlich bin ich recht gut im Durchschauen der Leute. Dachte ich zumindest bisher.

Abends – wie liegen längst im Bett und Herr L. ist schon weggedämert – stupse ich meinen Mann an. “Du-hu, Herr E-hel?”
“Wsnfr?”, grumpft er.
Ich setze mich auf. “Du, aber was ist, wenn wir ihm Unrecht tun? Also dem X? Ich meine, vielleicht hat er sich ja nur blöd ausgedrückt und so, also, weil dr wirkt doch immer so ehrlich und aufrichtig und alles unsd was, wenn-”
Weiter komme ich nicht, weil mir Herr L. ein Kissen ins Gesicht drückt.
Keine Sorge: Nur ganz kurz.
Dann dreht er sich um und schläft weiter.
Meine Nachtruhe aber ist genau wie mein Glauben an mich für heute Nacht wie weggezaubert.


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