Der weiße Mann und die Integration

Der weiße Mann und die Integration Man nannte sie die »fünf zivilisierten Stämme«. Die Seminolen, Creek, Choctaw, Chicksaw und Cherokee waren indigene »Nationen« aus dem Appalachen-Gebiet. Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts hatten sie ihre Jagdgründe am Rande der jungen Vereinigten Staaten. Bei den fünf Stämmen fing der Wilde Westen an. Aber wild waren die fünf Stämme gar nicht. Nur kurz währte ihr Aufstand gegen die Weißen, dann sahen sie ein, dass sie nie wieder alleine auf ihrem Land sein würden. Lösungen mussten her. Und die lagen in den Annäherung an den europäischen (sprich: weißen) Lebenstil. Und so nahmen diese Indianer langsam weiße Gewohnheiten an. Sie waren eh von jeher sesshafte Völker gewesen. Jetzt sattelten sie um, legten sich europäische Kleidung an und druckten Zeitungen. Die Cherokee erfanden hierzu eine gesonderte Schrift. Sie bestellten Felder und handelten mit Geld. Manche erlangten große Farmen und wurden selbst zu Sklavenhaltern. Einige besonders widerliche Exemplare ihrer Völker fingen die Angehörigen anderer Stämme und verkauften sie an Sklavenhändler.

Man fing an die Kinder von weißen Missionaren erziehen zu lassen und schickte sie zu weißen Lehrern. Einige wenige nahmen das Christentum an. Sie wurden Farmer und Handwerker und bezahlten mit Dollars. Skalps waren nicht mehr ihre Trophäen. Manche von den braven Neubürgern hatten noch Skalps von Schädeln geschält. Doch diese Zeiten waren vorbei. Sie hatten wirklich fast alles geändert. Ja, sie erkoren sich sogar Delegierte, die mit Washington im politischen Dialog standen. Selbst eigene Verfassungen gaben sie sich. Das sahen die jungen Vereinigten Staaten zwar nicht so gerne, aber noch hielten sie still, denn mit neuen Elementen einer Gesellschaft musste man Geduld üben. Außerdem kämpften sie 1812 als Verbündete Seite an Seite mit den Amerikanern gegen die Briten.
Nie zuvor in den jüngeren Geschichte der Menschheit mag sich ein Volk so drastisch in neue Lebensverhältnisse integriert haben. Und solange die USA östlich der Appalachen noch genug Lebensraum für neue Siedler bot, koexistierte man friedlich, wenn man die fünf Stämme auch nicht als US-Bürger betrachtete. Aber der Raum im Osten wurde enger. Ab da half alle Integration nicht mehr. Der Indianerfresser Andrew Jackson wurde Präsident und der hauchte seiner Zeit einen neuen Geist ein. Plötzlich spielte die Herkunft und die Hautfarbe dieser Beinahe-US-Bürger doch wieder eine Rolle. Um eine moralische Legitimation für den nun beabsichtigten Landraub zu erlangen, behauptete man frech, diese Wilden würden sich nicht richtig integrieren wollen. Sie seien immer noch zu fremd. Was man an ihrer Verfassung sehen könne - denn wie dürfe es sein, dass sich da eine Gruppe eigene Regeln innerhalb der Union übertrage? Man sprach noch nicht von der Parallelgesellschaft, meinte aber wohl genau dies.
Man erkannte ihre Selbstverwaltung ab, verschärfte den Ton und forderte keine Integration mehr, weil man nun auf dem Standpunkt beharrte, dass die ohnehin kaum machbar sei. Die kulturelle Verschiedenheit sei einfach zu groß, hieß es jetzt. Publikationen hetzten gegen die fünf Stämme oder versuchten es konziliant, indem sie sie zu überzeugen versuchten, dass es doch keinen Zweck hätte, den Weißen und sich selbst vorzumachen, dass es noch was werden würde mit einer Begegnung auf Augenhöhe. Man blendete alle Anpassungen aus und versteifte sich darauf, die Reste der kulturellen Herkunft, die sich die Autochthonen bewahrt haben, als Beleg für deren Integrationsunwillen zu diskreditieren. Weil die Anpassung also nicht hundertprozentig geschah, entzog man den Stämmen jenen guten Ruf, den sie noch einige Jahre zuvor genossen hatten. Das Land, das sie besiedelten, war einfach für die Weißen zu wertvoll, als dass man es den Wilden hätte überlassen wollen. Aus Europa rollten beständig Einwanderer heran und alle wollten sie Boden. Irgendwer musste draufzahlen: Die Indianer. Die, die den Weißen am nächsten lebten, das waren nun mal die fünf Stämme.
Und so deportierte man sie, jagte sie fort, weiter nach Westen, ins unwirtliche Oklahoma. »Männer wurden auf den Feldern oder Straßen ergriffen, Frauen vom Spinnrad fortgezerrt, Kinder beim Spielen«, berichtete ein Augenzeuge damals. »Trail of Tears« nannte man diese Vertreibung und den langen Marsch in den Westen; den Pfad der Tränen, weil auf diesen Gewaltmärschen so viele Menschen starben und in der Prärie zurückblieben. Es waren traumatische Zeiten für die fünf Stämme. Auch dort wurden sie weiterhin diskriminiert, sie fügten sich beinahe kampflos ihrem Schicksal, gingen nach Oklahoma, passten sich den weißen Plänen an und finden auch in der neuen Heimat keine Anerkennung. Man will sie jetzt total assimilieren, wie man das mit allen Stämmen plant. Man schert ihnen die Haare und verbietet die Muttersprache. Religion und Kultur sollen sie aufgeben, endlich weiße Standards annehmen, zivilisiert werden. Erst in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts wird Washington den Ureinwohnern Rechte gewähren.
In letzter Zeit wird hierzulande wenig von Integration gesprochen. Man hat es wohl aufgegeben. »Die wollen sich doch gar nicht einfügen«, sagen die Leitkulturattachés dann. Das Problem ist jedoch etwas anderes: Was integriert ist und was nicht, wird völlig einseitig entschieden. Man mag die Landessprache sprechen, nach den Regeln und Gesetzen leben, aber wenn man bestimmte Riten und Gebräuche einhält, in den eigenen vier Wänden die Herkunftsprache spricht, dann entzieht man ihnen das Vertrauen. So bleibt man ewig »der Türke« oder »der Moslem«. Dasselbe hat man vor vielen Jahren in diesem Lande den Juden unterstellt. Sie waren angepasst, deutsche Bürger, haben im Weltkrieg gekämpft, Steuern bezahlt, waren in Vereinen aktiv. Aber sie galten als »der ewige Jude«, weil sie halt nicht immer alle kulturellen Bräuche aufgaben und sie weiterhin pflegten. Man musste keine Peies tragen, es reichte schon aus, dass man am Sabbat die Tram mied, um als integrationsunfähig angesehen zu werden.

Integration ist in einem solchen Klima gar nicht möglich. Denn man betrachtet sie als Einbahnstraße, als etwas, was »die Fremden« zu verrichten haben und unter keinen Umständen die Einheimischen. Letztere definieren einfach nur, was sie für angepasst halten und was nicht. Und wenn man mit dem Auftrag herangeht, möglichst viele Punkte der Unangepasstheit zu finden, dann findet man die auch. Der weiße Mann hat es noch immer verstanden, das Fremde als das hinzustellen, das unwillig ist, wo er selbst unwillig war, einige Schritte darauf zu zu gehen.
Die fünf zivilisierten Stämme sind nur eine Episode aus dieser traurigen Geschichte der (weißen) Menschheit, in der Zusammenleben scheitert, weil die Leitkulturalisten es so wünschen. Danach strengten sich die Juden vergebens an. Doch der weiße Herrenmensch ist nicht bestechlich, er schnuppert am Stallgeruch und sondert aus. Moslems können sich heute bemühen wie sie wollen – man wird immer etwas finden, das man ihnen zum Vorwurf macht. Wer Integrationswillen in einem Klima fordert, in dem man Integration als Ziel ohnehin für aussichtslos hält, weil ja die Verschiedenheiten angeblich nie überbrückt werden könnten, der geht auch über Leichen.

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