Der Wegwerf-Wahnsinn im Gasometer

Ich rege mich ja immer mal wieder darüber auf, dass die perversen Auswüchse der kapitalistischen Produktionsweise mit dem angeblichen Fehlverhalten der Verbraucher weggelogen werden. Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird Günther Jauch den alten Gasometer auf der Roten Insel in Berlin-Schöneberg einmal mehr mit heißer Luft füllen, und einschlägige Talknasen werden ihn dabei unterstützen. Das Thema ist laut Ankündigung: „Essen für die Tonne – Wie stoppen wir den Wegwerf-Wahnsinn?„

Nicht verschimmelt, nicht verdorben, nicht einmal geöffnet und trotzdem im Müll: Millionen Tonnen essbarer Lebensmittel werden in Deutschland jährlich weggeworfen. Handel und Verbraucher entscheiden meist nach Ästhetik und Mindesthaltbarkeitsdatum und selten danach, ob die Lebensmittel noch genießbar sind. Was steckt hinter der Wegwerf-Mentalität? Welche Rolle spielen Industrie und Handel? Was kann der Verbraucher tun? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Hunger in der Welt und unserer Verschwendung?

Die Antwort, die dabei nicht gegeben werden wird, ist ganz einfach: Lebensmittel sind auch nur eine Ware, wie alles im Kapitalismus Ware ist. Und sie werden nicht nach Bedarf produziert, sondern wegen des erwarteten Profits. Es liegt eben nicht an den Verbrauchern, die gar nicht alles verbrauchen können, was ein keineswegs vernünftig durchdachter, geplanter, sondern im Gegenteil ein von freien Akteuren vollgemüllter Markt ihnen bietet: Jeder Produzent produziert so viel er mit dem Einsatz der ihm zur Verfügung stehenden Mittel heraus holen kann oder will – und wenn er das Zeug nicht los wird, weil es einfach zu viel davon gibt oder besseres, oder die Leute einfach nicht genug Geld haben, um alles zu kaufen, was Produzenten sich so ausdenken und munter produzieren, dann wird es eben vernichtet. Dann sind zwar nicht alle Menschen gesättigt, aber der Markt. Auf dem Markt geht es aber nicht darum, möglichst viele Leute vernünftig und gesund zu ernähren, sondern maximalen Profit zu erzielen. Und genau deshalb ist der Wegwerf-Wahnsinn nicht zu stoppen. Es sei denn, man entschiede sich endlich, aus der kapitalistischen Wirtschaftsweise auszusteigen. Aber eher geht ein Wirtschaftsweiser durch ein Nadelöhr, als dass er zu Vernunft käme. Und so kann man sich diese Sendung getrost ersparen, davon mal abgesehen, dass es ohnehin nicht schön ist, dass inzwischen aus die abgelegensten Ecken von Berlin verjaucht werden.

Ein Blick in meinen Mülleimer

Ein Blick in meinen Mülleimer

Vernunft führt direkt in die Krise

Aber trotzdem noch ein paar weiterführenden Gedanken, wo ich schon mal dabei bin: Wenn alle Leute vernünftig handeln würden und tatsächlich nur das kauften, was sie zum Leben brauchen, dann ginge doch unser treffliches System gar nicht mehr auf und wir hätten für immer die schönste Krise.

Verrückt: Auf der einen Seite werden die Verbraucher ausgeschimpft, weil sie sich im Konsum zurück halten, statt ordentlich Geld in die Wirtschaft zu pumpen, ständig lese ich derartige Konsumentenschelte, die blöden Verbraucher sollen doch mal ihre Zukunftsängste vergessen und ihre dämliche Konsumzurückhaltung aufgeben, und kaufen, kaufen, kaufen, und zwar nicht nur Sonderangebote und Billigkram, sondern Qualität, am besten deutsche Wertarbeit. Vom Sparen ist noch nie eine Wirtschaft gewachsen und wachsen muss sie bekanntlich, nur darauf kommt es an. Auf der anderen Seite schimpft man mit ihnen, wenn sie ihr versehentlich zu viel gekauftes Toast-Brot wegwerfen. Das ist lächerlich und verlogen.

Davon mal abgesehen, dass immer mehr Menschen auch in Deutschland es sich gar nicht mehr leisten können, so viele Lebensmittel zu kaufen, dass noch etwas zum Wegwerfen übrig wäre, was passierte denn mit den Lebensmitteln, die nun mal produziert worden sind, aber halt im Regal liegen bleiben?

Genau, die werden dann nicht von den ignoranten Verbrauchern weggeworfen, sondern vom Ladenbesitzer bzw. Filialleiter der sie nicht losgeworden ist. Gut, der ist vielleicht noch so freundlich, die gerade erst abgelaufenen Sachen an die nächste Tafel weiter zu reichen, die sie dann an Bedürftige verteilt, also diejenigen, die nicht mal mehr genug Kohle haben, um sich genug Essen zu kaufen. Aber das ist doch keine Lösung für das Problem der Überproduktion hierzulande bei gleichzeitigem Mangel in vielen anderen Regionen dieser Welt!

Menschenverachtende Mildtätigkeit

Es ist nur wieder diese angeblich menschenfreundliche Mildtätigkeit, die bei mir Brechreiz auslöst: Was wir nicht brauchen, geben wir den Armen. Wie wäre es mit einem System, das erst gar keine Armen mehr produziert? Und das auch sonst vorhandene Ressourcen vernünftig einsetzt, so dass erst gar nicht zu viel und schon gar nicht zu viel minderwertiger Dreck produziert wird, mit dem die Leute abgefüttert werden, die sich qualitativ hochwertiges Zeug nicht leisten können?

Das ist die gleiche Lüge wie mit dem Markt, über die ich mich auch immer wieder aufrege: Es ist kein Verteilungsproblem. Wenn es nur das wäre, dann könnte man die Sachen ja einfach anders verteilen. Aber es ist halt nicht so einfach.

Es ist kompliziert, denn es ist ein Geldproblem, es ist ein Kapitalismus-Problem, es das grundlegende Problem unserer geldbasierten Warenwirtschaft: Wenn der Bauer nichts an seinen Gurken verdient, schmeißt er die Ernte halt weg – wie es in der EHEC-Hysterie vor einigen Monaten durchaus vorgekommen ist. Wenn afrikanische Länder mit billigem Weizen aus US-amerikanischer oder europäischer Überproduktion überschwemmt werden, dann lohnt es sich für die einheimischen Bauern nicht mehr, vor Ort Hirse oder was auch immer anzubauen. Und wenn der Weizen teuer wird, wie es gerade wieder der Fall ist, dann haben die Leute in Afrika halt Pech: Sie können sich nichts mehr kaufen und mal schnell noch was anbauen funktioniert auch nicht, wenn der Magen schon leer ist. Oder wenn das Land, auf dem die Leute früher ihre Nahrungsmittel angebaut haben, jetzt von einer internationalen Agrar-Heuschrecke aufgekauft wurde. Die für Märkte produziert, in denen es zahlungskräftige Verbraucher gibt. Ja, das Thema Lebensmittel ist komplex.

Ach ja, ich sehe sie da alle in der Runde sitzen, gruppiert um das knautschige Welpengesicht von Jauch, die Aigner Ilse von der CSU (Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz), die es traurig findet, dass so viel weggeworfen wird, obwohl sie als Landwirtschaftsministerin doch dazu aufrufen müsste, dass die Leute den Bauern die Scheunen leer kaufen, egal was sie mit dem Zeug dann machen. Dafür wird sicherlich auch der Hauptgeschäftsführer Hauptverband des Deutschen Einzelhandels Stefan Genth plädieren, nur dass der sicherlich der Ansicht ist, dass die Leute nicht direkt beim Bauern kaufen sollen, weil dann seine Branche pleite ginge – also lieber in den gutsortierten Laden gehen, der die abgefahresten Südfrüchte bereit hält, auch wenn die so selten nachgefragt werden, dass sie fast immer im Müll landen. Kapitalistisch gesehen geht das voll in Ordnung, wenn sie vorher wenigstens verkauft wurden – damit haben sie ihren Zweck erfüllt. Und wenn die teure Drachen- oder Sternfrucht lange genug dekorativ im Obstkorb gelegen hat, kann man sie beim besten Willen nicht mehr an die Tafeln weiter reichen. Aber wie gesagt, der Produzent und der Händler leben nicht davon, dass die Leute ihr Zeug essen, sondern davon, dass sie es kaufen. Das ist der eigentliche Grund für den Wegwerfwahnsinn. Wird so aber keiner sagen.

Es reicht nicht alles schlimm zu finden

Starköchin Sarah Wiener wird Qualität und nochmals Qualität predigen, was völlig okay ist, ein gut gekochtes Essen aus besten Zutaten ist allen Menschen jeden Tag zu gönnen – aber wer hat denn die Zeit, die Muße und das Geld, jeden Tag aus erlesenen Zutaten ein leckeres und gesundes Essen zu bereiten? Wer die Zeit hat, hat nicht das Geld, vermutlich auch nicht die Inspiration, die positive Energie oder was auch immer. Und man braucht auch eine gewisse Ruhe und wiederum Zeit, so ein Essen dann entsprechend zu genießen. Das geht nicht mal schnell in der Mittagspause oder nach den ganzen Überstunden am Abend.

Ja klar, jeder kann bei sich anfangen. Ich bin unbedingt dafür, dass Menschen ein Bewusstsein für gutes Essen, Genuss, Qualität entwickeln und das auch ausleben. Ich finde es total schade, dass so viel Müll produziert wird. Und es ist total schlimm, dass weltweit eine Milliarde Menschen hungern. Aber das Bewusstsein erfordert noch etwas mehr, als alles irgendwie schlimm zu finden. Nämlich zu erkennen, dass der Fehler im System liegt. Denn nicht nur Nahrungsmittel werden weggeworfen, sondern auch Menschenleben. Menschen werden als Arbeitskraft genauso zu Ware, und damit gekauft, verbraucht und weggeworfen, wie die Lebensmittel, die sie ernähren. Man kann nicht Kapitalismus haben wollen und mündige Verbraucher. Wenn alles zur Ware wird, spielt das, was die Menschen wollen, keine Rolle mehr.