Der Tag des Apfelkuchens

IMG_1905Oder: Das Post-it

Ich backe einen Apfelkuchen. Zum ersten Mal. Christina feiert in ein paar Tagen ihren

9. 29. Geburtstag.

Nein, das ist kein Tippfehler. Ich meine: zum 9. Mal 29 – wohlgemerkt nach eigenen Angaben!

Frag mich eben, ob wir wohl nächstes Jahr zu ihrem 10-jährigen Jubiläum ihres 29. Geburtstages was außergewöhnlich Besonderes machen? Ist ja sozusagen doppeltes Jubiläum in einem. Christina?

Jedenfalls möchte ich ihr zur Feier des Tages einen Apfelkuchen backen. Auf meine Frage:

„Was wünschst du dir zum Geburtstag?“

erhielt ich als Antwort:

„Einen Kuchen fürs Büro, damit ich nicht selbst backen muss….. Ich hol ihn dann Mittwoch abend ab.“

Okay, also zwei Apfelkuchen – einen fürs Büro und einen für zuhaus. Naja, wenn ich schon dabei bin…

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Berühmt und berüchtigt

Eine einzigartige Komposition aus zwei Lagen des saftigsten Mürbeteigs, die gemeinsam eine Schicht fein geraspelter Äpfel umarmen. So war der Apfelkuchen meiner Mom.

Wenn ich als Kind vom Spielen nach Hause und mir dabei der süßliche Duft von Zimt entgegen kam, kannte ich kein Halten mehr. Genau diesen – ich kanns nicht anders beschreiben – ultramegahammergeilen Apfelkuchen will ich nachbacken.

Ich weiß noch genau, wie Mom sagte:

21 Esslöffel Milch – nicht mehr und nicht weniger – gehören in den Teig und vergiss nie: 2/3 der Masse nimmst du für den Boden, 1/3 für den Deckel.“

Dummerweise ist das auch schon so ziemlich alles, was ich noch vom Familienrezept in Erinnerung habe. Menno. Was würde ich grad für eine Standleitung hoch zum Himmel geben!

Das ist auch der Grund, weshalb ich heute schon backe. Ist nur zur Probe. Will mich ja nicht vor Christina, ihrer Familie, Freunden UND ihren Arbeitskollegen blamieren. Das wäre etwas viel Blamage auf einmal.

Ganz genau so sah es gestern wohl auch Lilly. Sich nur ja nicht blamieren! Dabei sagte ich ihr noch mit einem Augenzwinkern bevor sie ging:

„Jetzt krieg mal keine Panik. Ich mach ihm ja keinen Heiratsantrag, alles ganz easy.“

Die Vorgeschichte

Als Lilly hier das erste Mal in ein Freizeitzentrum ging, begleitete ich sie dahin. Schon aus einiger Entfernung sah ich einen großen, dunkelhaarigen, jungen Mann davor stehen.

Ist das jetzt ein Jugendlicher oder ein Betreuer?

Wir näherten uns weiter.

Der scheint ja nicht ganz unattraktiv zu sein. Oh Gott, bitte lass das kein Betreuer sein! Darauf bin ich jetzt sowas von gar nicht vorbereitet.

Ich trug ein unförmiges Blümchenkleid, das mir im wahrsten Sinne des Wortes bis zu den Knien hing und dazu meine ausgelatschten Sandaletten. Die ungemachten Haare hatte ich zuhaus schnell mit irgendeiner Spange unkontrolliert nach oben geklemmt. Es war einfach definitiv nicht der Look, der mein „wundervolles Ich“ zum Vorschein bringt sondern eher mein „so-siehst-du-mich-frühestens-nachdem-du-dich-bereits-unsterblich-in-mich-verliebt-hast-Ich“ – oder eben:

„Ach Mist, schon so spät? Ja Lilly, ich beeil mich ja schon!“

Da hätt ich mir auch gleich wieder meinen <<Pony>> schneiden lassen können ;-)  Du weißt, was ich meine. Aber wer kann schon immer und überall bereit für Überraschungen sein?

(Randnotiz: Künftig immer und überall bereit für Überraschungen sein. Und: Nicht mehr so trödeln.

Nein, warte. Das mit dem „nicht mehr so trödeln“ bitte streichen. Das wird nicht funktionieren.)

Bei ihm angekommen und ja, er ist tatsächlich ein Betreuer, aber – huch – viel zu jung. Vielleicht maximal 25 Lenzen. Puh, nochmal Glück gehabt. Dennoch: recht schnuckelig. Wäre ich 10 Jahre jünger, würd ich doch glatt mit ihm auf einen Drink gehen wollen.

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Wir stellten uns vor und kamen locker ins Gespräch. Über Musik, Lokale und seinen Freund, der nach Vorarlberg in meine Geburtsstadt gezogen war.

Indes stand Lilly noch immer neben mir. Bereits sichtlich gelangweilt. Die anderen Kids schienen auch schon ungeduldig darauf zu warten, dass er endlich zu ihnen stößt und ich kam mir ohnehin völlig deplatziert vor. Erzählte ihm was von alternativer und rockiger Musik, die ich gern höre und steh dabei vor ihm im beispielhaftesten Hausfrauen-Look, der glatt vom Coverbild der „Petra“, „Heidi“ oder wie die alle heißen, hätte gesprungen sein können. Kurz:

Ich fühlte mich wie eine Hochstaplerin.

Eine alte, uncoole und unsexy Hochstaplerin. Also unterbrach ich kurzerhand unser Gespräch und huschte in meinem Petra-Blümchenkleid von dannen (gegenüber dem ich zugegeben seither eine gewisse Gereiztheit empfinde… böses Kleid…. *murmle*).

Wenige Stunden später

„Und? Wie wars?“

„Voll super! Hab die ganze Zeit mit den Betreuern Tischfußball gespielt.“

„Das ist ja nett. Und wie sind die so?“

„Alle sooo lieb! Und der Moritz hat noch voll viel über dich gefragt. Was du arbeitest und so.“

„Wirklich? Hehe. Naja, die jungen Kerle….“

„So jung ist der aber nicht mehr, Mama. Er ist schon DREISSIG!“

„30?“

„Ja! Also eh voll alt.“

(*hüstel*)

„Aha. Soso. Ihr habt also Tischfußball gespielt… und… also…. sag mal…. was hat er denn noch so gefragt… über mich??“

….

Verflixt und zugenäht!

Warum hab ich nur diesen plötzlichen Abgang gemacht?

Hätte ich nicht einfach Lilly, die anderen Kids und die Tatsache, dass er sich eigentlich mit ihnen und nicht mit mir beschäftigen hätte sollen, ignorieren können? Und mein nicht-wundervolles-Ich gleich noch mit?

Und jetzt?

Soll ich Lilly nochmal hinbringen als wäre sie eine Orientierungs-Legasthenikerin? Nee, am Ende ist er gar nicht da.

„Gib Lilly einfach das nächste Mal einen Zettel mit deiner Nummer mit.“

Mensch, warum bin ich nicht darauf gekommen? Natürlich! Ein Post-it. So klein und doch schon so effektiv. Danke Christina, bekommst dafür auch gleich zwei Geburtstagskuchen.

Doch bevor ich meine Tochter als Brieftaube missbrauchen und mit dem Post-it beauftragen konnte, musste ich mir einen Nachmittag lang Mut zusprechen:

Ich bin eine klasse, wahnsinnig heiße und coole Frau! Ich bin eine klasse, wahnsinnig heiße und coole Frau!…“

Quasi in Dauerschleife. Hab ich zuvor noch nie gemacht, so eine Selbstbeschwörung. Wobei ich irgendwann das „und coole“ wegließ. Ich sag nur: Hochstaplerin. Aber ich muss gestehen, es zeigte seine Wirkung. Am nächsten Tag hab ich Lilly das Post-it mitgegeben und war danach höllisch stolz auf mich. Doch cool bin  8-)

4 Wochen sind vergangen

Und das Post-it, nach dieser Zeit schon dementsprechend abgegriffen und zerknittert, wandert noch immer zwischen Lillys Hosentaschen und unserem Küchen- bzw Couchtisch hin und her.

Nach seinem Urlaub machte nämlich Lilly Urlaub. Beim nächsten Aufeinandertreffen war er dann „plötzlich verschwunden“ bevor Lilly eine Gelegenheit ergreifen konnte. Ein anderes Mal erschien es ihr „keinen passenden Moment dafür“ gegeben zu haben.

(Komisch, denn ich hätte gedacht, sein „und wie geht’s deiner Mama so?“ wäre die perfekte Vorlage dafür gewesen… :roll:  )

Und gestern kam sie mit den Worten nach Haus:

 „Was ist, wenn er eine Freundin hat?? Lassen wirs doch einfach sein, hm?“

<<Was wäre, wenn…>>

Das hatten wir doch schon. Scheiß drauf! (pardon, es ging grad kurzfristig mit mir durch)

  • Hey meine Süße, entschuldige mal – auch nochmal, dass ich dich für solche Zwecke missbrauche – aber ich hab einen ganzen Nachmittag lang debile Selbstgespräche geführt.
  • Nicht nur Christina hängt mittlerweile, wie bei einer Krimiserie, fast schon täglich gebannt am Handy und wartet auf die aktuelle Info von mir:

Kam es heute zur Post-it-Übergabe oder nicht?

  • Meine Standard-Abfrage an Lilly bevor sie die Wohnung verlässt, ob sie auch alles dabei hat: „Handy, Schlüssel und Fahrkarte?“ hat sich inzwischen erweitert auf:

„Handy, Schlüssel, Fahrkarte und das Post-it?“

  • Heute hätte ich ihr außerdem beinahe meinen Einkaufszettel für den Apfelkuchen anstatt das Post-it mitgegeben.

Es einfach sein lassen?

Nach dieser ganzen Vorgeschichte? Nix da! Das Post-it muss gut machen, was das Blümchenkleid ausgefressen hat. Auch wenn meine Erinnerung an die flüchtigen 10 Minuten der Unterhaltung mit ihm eigentlich schon ziemlich verblasst ist und er am Ende aus demselben Grund Lilly fragen könnte:

„Hab ich deine Mama denn überhaupt schon mal irgendwo gesehen?“

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Ja selbst wenn er ein <<Tee schlürfender Katzen-Hasser, der noch bei seiner Mama wohnt>> ist oder es noch 4 Monate dauern sollte -> dieses abgegriffene, zerknitterte Post-it muss an seinen Empfänger überbracht werden! Die Story muss ein Ende finden. Ob und was dabei herauskommt, ist nun beinahe schon sekundär. Aber auf halbem Weg aufgeben ist für Anfänger. Und Uncoole  8-)

Dasselbe gilt übrigens für den ultramegahammergeilen Apfelkuchen. Der erste Versuch war schon recht lecker, aber (noch) nicht saftig genug. Heute auf ein Neues.

Wetten wir?

Was wird wohl zuerst gelingen?

  1. der ultramegahammergeile Apfelkuchen
  2. die Übergabe von dem Post-it oder
  3. Christinas 10-jähriges Jubiläum   ;-)

<<Zum Ergebnis>>


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