Der Schlieffen-Plan und seine Folgen

Imperial-deutsche Blitzkriegsvorstellungen:
August 1914; September 1939

Heute vor hundert Jahren, am 4. August 1914, stimmte die gesamte SPD-Reichtstagsfraktion der Vorlage der damaligen Reichsregierung zu und bewilligte die sogenannten „Kriegskredite“. Dies war ein politikgeschichtlicher Meilenstein zum Großen Krieg und für den nun beginnenden Ersten Weltkrieg, der als mehrmonatiger Kurzer Krieg etwa bis Ende 1914 geplant war und bis Anfang November 1918 dauern sollte.

Kriegskredite - Weg in den Abgrund

1914: SPD stimmt für Kriegskredite – Foto: © gemeinfrei

Grundlage für die reichsdeutsche Kriegsführung war der auf einer Denkschrift des General Alfred Graf v. Schlieffen vom Großen Generalstab 1905/06 entwickelte (und später modifizierte) strategische Plan, demzufolge ein sogenannten Zweifrontenkrieg durch den Angriff auf Frankreich siegreich geführt werden könnte. Unser Autor, der Sozialwissenschaftler Dr. Richard Albrecht, beschäftigt sich in der konzentrierten Form einer Forschungsskizze zu dieser Dimension des ersten „großen Weltfest des Todes“ (Thomas Mann) mit dem militär- und politikgeschichtlichen Phänomen des bisher zwei Mal gescheiterten deutschen Blitzkriegs und hinterfragt dieses nach wie vor praktikabel erscheinende militärische Leitkonzept.
Der Erstdruck des Beitrags erfolgte im Augustheft von soziologie heute (7. Jg. 2014, Heft 36, S. 16-18). Wir danken Autor und Redaktion für die Erlaubnis zur Netzpublikation in politropolis. (Red.)

„Der Schlieffen-Plan gilt bis heute als einer der kühnsten Operationspläne der Militärgeschichte. Entwickelt vom Chef des Großen Generalstabs der preußisch-deutschen Armee um die Jahrhundertwende, zielte er darauf ab, einen Zwei-Frontenkrieg gegen Frankreich und Russland zu führen und zu gewinnen.
Das französische Heer sollte nach einem schnellen Vorstoß durch das neutrale Belgien von überlegenen deutschen Kräften umfasst und vernichtet werden, bevor die russische Armee vollständig mobilisiert und kampfbereit war. Dann sollten die siegreichen deutschen Armeen – falls Russland nach der französischen Niederlage nicht ohnehin zur Aufgabe bereit war – nach Osten verlegt werden, um dort weiter zu kämpfen.“ Soweit das Tausend-Dokumente-Projekt.(1)

SchliefenPlanWikimedia

Schlieffen Plan de 1905“ von Schlieffen_Plan_fr_1905.svg: Lvcvlvsderivative work: Furfur – Diese Datei wurde von diesen Werken abgeleitet:Schlieffen_Plan_fr_1905.svg . Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

FRIEDRICH ENGELS ÜBER DEN WELTKRIEG (1887)
„Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm.
Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse. Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen endlich seine unvermeidlichen Früchte trägt.“
(Zitat nach Marx-Engels-Werke [=MEW] Band 21. Berlin 1962: 350f.)

Auch die deutsch(sprachig)e wikipedia geht ausführlich und mit einem kritischen Hinweis auf den Schlieffen-Plan ein: „Der Schlieffen-Plan war ein strategisch-operativer Plan des Generalstabs der preußischen Armee im Deutschen Kaiserreich. Er wurde nach seinem Autor Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen benannt und bildete eine Grundlage der deutschen Operationen zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Der 1905 entwickelte Schlieffen-Plan sah für den Fall eines möglichen Zweifrontenkrieges vor, zunächst die Masse des deutschen Heeres im Westen gegen Frankreich einzusetzen, mit dem Nordflügel die französischen Befestigungen zu umgehen und das französische Heer entscheidend im Rücken zu fassen. Nach einem Sieg über Frankreich innerhalb weniger Wochen sollten die deutschen Truppen nach Osten verlegt werden, um gegen Russland vorzugehen. Schlieffens Absicht war, auf diese Weise den Krieg gegen Frankreich und Russland in zwei aufeinander folgende Feldzüge aufzuteilen. Die Umsetzung des Plans im Ersten Weltkrieg 1914 scheiterte, weil sich die dem Plan zugrunde liegende politische und militärische Ausgangslage inzwischen weiter zu Ungunsten Deutschlands verändert hatte. Der deutsche Angriff auf das neutrale Belgien, das dem Durchmarsch deutscher Truppen nach Frankreich nicht zugestimmt hatte, war Anlass für den Kriegseintritt Großbritanniens […] Der Schlieffen-Plan […] war Vorbild des späteren Blitzkrieges Hitlers.“(2)

Und unter „Geflügelte Worte“ wird dort ausgeführt: „Als Alfred Graf von Schlieffen 1905/06 aus dem Amt des Generalstabschefs ausschied, hinterließ er seinem Nachfolger Helmuth Johannes Ludwig von Moltke die Denkschrift, welche die Grundzüge des Plans enthielt. Moltke passte den Schlieffen-Plan der veränderten strategischen Lage an. Der offensive rechte Flügel, der durch Belgien stoßen sollte, behielt zwar die im ursprünglichen Plan vorgesehene Stärke, zusätzliche Kräfte wurden aber dem defensiven linken Flügel zugeteilt. Entgegen Schlieffens Rat wurde vom Jahre 1909 ab das Kräfteverhältnis zwischen dem rechten und dem linken deutschen Flügel geändert. Im Plan des Grafen Schlieffen war dieses Verhältnis noch 7:1, nun verschob es sich auf 3:1.“(3)

Damit ist auch zum völkerrechtswidrigen Charakter des gescheiterten „Projekts“ mit dem im „Schlieffenplan vorgesehenen Einmarsch in Luxemburg und Belgien“ und dessen Billigung durch die damalige Reichleitung um Bethmann-Hollweg (4), damit (so der letzte Reichskaiser Wilhelm II am 4. August 1914) “Ihr wieder zu Hause sein [werdet], ehe noch das Laub von den Bäumen fällt” (5), das Nötige angemerkt.(6)

„DIE IDEE DES VERNICHTUNGSKRIEGES“
Der „Schlieffenplan“ wird als „Kriegsszenario“ für den „Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Rußland“ und geplanter „Angriffskrieg“ gegen beide vorgestellt, bei dem „die belgische Neutralität verletzt werden mußte“. Dieser „Kriegsplan“ verkehrte das „Verhältnis von Politik und Krieg“ unter dem Vorrang des „Dogma der ´Vernichtungsschlacht´“. In Schlieffens „Vernichtungsphantasien“ würden als Ausdruck des „Zusammenbruchs strategischen Denkens“ im Sinne von Clausewitz´ „Kriegswerk und Kriegsziel“ identisch. Schlieffen hätte sich letztlich einen „Krieg in Permanenz“ vorgestellt, in dem die „Gesamtbevölkerung für den Krieg“ mobilisiert würde.
(Quelle: J. P. Reemtsma, Die Idee des Vernichtungskrieges. in: H. Heer; K. Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 81997, S. 377-491, Zitate S. 388-394; vgl. Carl v. Clausewitz: Vom Kriege (1832). Achtes Buch: Kriegsplan http://www.clausewitz.com/readings/VomKriege1832/Book8.htm; Alfred v. Schlieffen, Der Krieg in der Gegenwart; in: Deutsche Revue über das gesamte nationale Leben der Gegenwart, 34 (1909) 1: 13-24; Emil Lederer, Zur Soziologie des Weltkrieges; in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 39 (1915) 3: 347-384)

Und doch fehlt die nicht nur spezifisch kriegsbezogene, sondern allgemeiner die weitergehende sozialwissenschaftliche, systematisch-kritische und politik-historische Sicht auf Tiefenschichten der besonderen imperial-deutschen Blitzkriegskonzeption(en) 1914 und 1939. Der deutsche Reichskanzler führte in seiner zweiten Obersalzberger Geheimrede vor den Oberkommandierenden am 22. August 1939 zum (zunächst auf den 26. August 1939 terminierten, dann auf den 1. September 1939 verschobenen (7) ) Angriff auf Polen zum Blitzkrieg aus: “Generaloberst von Brauchitsch hat mir zugesagt, den Krieg gegen Polen in wenigen Wochen zum Abschluss zu bringen. Hätte er mir gemeldet, ich brauche zwei Jahre, oder auch nur ein Jahr dazu, so hätte ich den Marschbefehl nicht gegeben und mich vorübergehend statt mit Russland mit England verbündet. Denn wir können keinen langen Krieg führen.”(8)

Dieser Hinweis verweist, im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Vorstellung des Kurzen Krieges vor dem und zu Beginn des Ersten Weltkrieg/s 1914, auf eine Besonderheit des ns-faschistischen Blitzkriegs: dessen Protagonist als im Ersten Weltkrieg meldegängerisch aktiver „Frontsoldat“(9) im ersten „großen Krieg der weißen Männer“ (Arnold Zweig) zeichnet sich aus durch auf ideologisch bestimmten Lernblockaden beruhender nachhaltiger Erfahrungsverkehrung.

Auch dies wäre, wenn der Schlieffenplan-Komplex heuer als Anathema gilt (10) aus vergleichender Sicht für ein kritisches intellektuelles Porträt der historisch doppelt gescheiterten Leitkonzeption des militärischen Unternehmens Blitzkrieg heraus zu arbeiteten.

von Richard Albrecht

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©  Autor (2014).  Info über Dr. Richard Albrecht

Lesetipp: Adam Hochschild, TO END ALL WARS. A Story of Protest and Patriotism in the First World War. London: Pan Books, 2013, xx/448 p., 9.99 ₤ [12 €]

Quellen – weiterführende Links

Schlieffen-Plan – Grafik: © „Schlieffen Plan de 1905“ von Schlieffen_Plan_fr_1905.svg: Lvcvlvsderivative work: Furfur – Diese Datei wurde von diesen Werken abgeleitet:Schlieffen_Plan_fr_1905.svg . Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

(1) Alfred Graf von Schlieffen, Denkschrift “Krieg gegen Frankreich” [Schlieffen-Plan], Dezember 1905
(2) Wikipedia: für die damals „Preußisch-Sibirien“ genannte Eifel war die erschlossene Eisenbahnlinie von Remagen (Rhein) bis Adenau ein verkehrsinfrastruktulles Schlüsselprojekt, „das keine wirtschaftlichen, sondern ausschließlich militärische Gründe hatte.“ (Udo Kandler, Die Eifelbahnen Köln–Trier und ihre Nebenstrecken. Eisenbahn Journal Sonderausgabe, II/90: 4f.)
(3) Wikipedia/Liste geflügelter Worte: “Macht mir den rechten Flügel stark
(4) Willibald Gutsche, Sarajewo 1914. Vom Attentat zum Weltkrieg. Berlin 1984: 140
(5) Barbara W. Tuchman, Daheim wenn das Laub fällt (8. Folge); in: Der Spiegel 19/64, 6.5.1964
(6) Zum Gesamtzusammenhang aktuell: Aus Politik und Zeitgeschichte, Erster Weltkrieg, 64 (2014) 16/17, 56 p.
(7) Zur Terminsverschiebung Richard Albrecht „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Adolf Hitlers Geheimrede am 22. August 1939. Aachen 2007: 52-58
(8) Hitler-Zitat nach Albrecht 2007: 90-92, hier 90 [p.1]; Transkription mit Quellenhinweisen: 86-89
(9) Thomas Weber, Hitler´s First War [2010]; Hitlers erster Krieg. Der Gefreite im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit. Dt. Stephan Gebauer. Berlin 2011
(10) Vgl. Tagungsberichte Bericht 1; Bericht 2 ; dagegen Gerd Krumeich; in: Erster Weltkrieg: 3-8


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