Der Müllmann ist da NOVUM 4/12

Der Müllmann ist da NOVUM 4/12

Der Müllmann ist da! – Sag ihm wir brauchen nichts!

Dieser Gag von Groucho Marx bringt auf den Punkt, was selbst die europäischen Abfallrichtlinien auch nicht besser sagen können. Die Definition dessen, was Abfall und was Produkt ist, ist nämlich nicht zu klären. Das was übrigbleibt, wenn die Show vorbei ist, ist Müll. Die Kompetenz von Designern, sich mit der anderen Seite ihrer Arbeit, deren Hinterlassenschaften und Folgen zu beschäftigen, ist noch gering.

Denn die Message des Auftraggebers rüberzubringen, koste es was es wolle, ist ja gerade das Wesen vieler Designaufgaben. Werbung und Marketing? Tja, wo und wie man die Tonnen von Müll, die durch Werbung entstehen wieder loswird, ist eigentlich egal, weil wir ja in Deutschland so gute Entsorgungssysteme haben, könnte man sagen. Kritische Umweltwissenschafler wie beispielsweise Norbert Kopytziok merken sogar an, das die Tonnen von Broschüren, die die wechselnden Regelungen der Trenn- und Sammelsysteme bewerben im Grunde schon einen riesigen Teil der Müllmassen ausmachen.

Die Recyclingquoten in Deutschland sind gut
Wir sind ein Volk von fleissigen Sammlern. Von den 450kg Müll, den wir pro Kopf und Jahr verursachen, wird einiges recycelt. Die Recyclingquote von Papier liegt  bei über 80% , der Hausmüll wird zu 48% wiederverwertet (Quelle: Umweltbundesamt ) Glasrecycling ist schon Tradition und der Sperrmüll hilft als Ersatzbrennstoff, auch noch CO2 einzusparen – es ist herrlich, sagt man uns Verbrauchern.

Professionell, beispielsweise als Grafikbüro, müsste uns aber noch viel mehr interessieren: Nämlich welche Verfahren z.B. zur Verwertung von Papierfasern eingesetzt werden und wie das Auswaschen der Druckfarben, das sog. De-Inking vor sich geht. Und was ist dran, wenn der Umweltchemiker und Cradle-to-Cradle Erfinder Michael Braungart als Statement die erste amerikanische Auflage seines Buches auf Kunststoff drucken ließ? Die Tinte sei besser abwaschbar und obendrein sei der sortenreine Kunststoff besser zu recyceln als Papier, das ja nichts anderes ist als ein Verbund von Fasern, Füllstoffen und letztlich Farbresten. Die Schlämme aus dem Papierrecycling sind für Braungart ein katastrophales Giftgemisch – und für uns eine Möglichkeit, den Einsatz von Papier aus der romantisch verschwommenen Sicht zu holen.

Vintage – gern, nur alt darf es nicht aussehen
Blicken wir auf ein anderes System: Neulich in der Sortieranlage für Leichtverpackungen, organisiert durch das duale System, den grünen Punkt : Hier hilft deutsche Ingenieurkunst, die unterschiedlichen Kunststoffarten auf den langen Fließbändern die Fabrik durchwandern, präzise auseinander zu sortieren. Selbst dem sichtlich begeisterten Techniker beschleicht beim Anblick der auf dem Hof aufgetürmten Plastik-Ballen der Gedanke, ob wir das alles wirklich brauchen. Die perfekte Technik ist beruhigend, aber fungiert sie angesichts der Zweifel sogar der direkt beteiligten nicht auch als Feigenblatt einer wild gewordenen Wachstumsphilosophie? Wenn wir etwas wegwerfen, schaffen wir uns den Rest, das Ungewollte gründlich aus dem Sinn. Wir sind die Ästhetik des Alten und Gebrauchten nurmehr über Vintage-Trends gewohnt. Wie sich Stoffe aus unserer eigenen Umgebung beim Altern verhalten, mögen wir nicht – die Hochglanzoptik ist noch heute das Aushängeschild des Luxus, der  den Exzess vonZeichen und Material zur Grundlage hat.

Papier aus Schaf-Dung
Was können wir also tun? “Machen sie es doch aus Kamelscheisse!” sagte einmal ein Professor zu mir auf die Frage nach umweltfreundlicherem Modellbau. Was damals als zynische Breitseite gegen eine naive Studentin gemeint war, ist heute Realität, beispielsweise in Form des Papiers Poopoo ( http://new.poopoopaper.com/)das aus Schaf- und anderem Tierdung hergestellt wird.

Für uns Gestalterinnen und Gestalter ist es also wichtig, auf mehreren Ebenen des wohl größten “wicked Problem” unserer Zeit zu wirken: Auf der technischen Ebene, indem wir uns mit umweltfreundlichen Materialien befassen, auf der Bildebene, indem wir Motive und Ästhetik im Spiegel der Müllproblematik hinterfragen und weiterentwickeln. Auf der Strukturebene haben wir die Möglichkeit, uns mit unserer Arbeit dort zu positionieren, wo wir persönlich stehen und Prozesse beeinflussen können.

Denn eines ist klar: Upcycling-Projekte, das Arbeiten mit Resten aller Art mag aus einem Blickwinkel nur naives Basteln sein – aus anderer Perspektive ist das kreative Verwerten von Abfall eine soziale Praxis, die dazu dient, den eigenen Konsum, die eigenen Wünsche in frage zu stellen und Kulturtechniken zu etablieren, die einen vielleicht ein kleines bisschen von der Rolle des ohnmächtigen Konsumenten befreien.

Es ist ein Thema ohne einfache Hintertür; keine Studie, keine Erkenntnis und auch keine Technik wird uns helfen, das Müllthema abschliessend zu lösen. Neben den Unsicherheiten, die es  zur Sprache zu bringen gilt, könnte  eine Aufgabe für uns Designer sein, an unserem Dilemma zu arbeiten.

 

ü

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