Der Mond wird aufgegangen

Auf der Regierungsbank und in Ausschüssen geht es zu wie bei Hinz zu Kunz nach drei Bier: Du, was is'n eigentlich näher - New York oder der Mond? Worauf Kunz nicht lange fackelt: Der Mond natürlich! Den kann ich von hier aus sehen! Nach dieser Logik argumentiert die Regierung unter Merkel und jene fiktive unter Gabriel, Steinmeier oder Steinbrück, die in einer Krise harte Sparauflagen und Beschränkungen auferlegt, um sie in den Griff zu bekommen. Der Schuldenabbau durch Sparmaßnahmen ist jener Erdbegleiter, der angeblich viel näher sein soll, weil man ihn ja sehen kann. Wer spart, der hat am Ende mehr Geld: Das kann man sofort erkennen, denn man sieht ja, dass es für Privatpersonen genau so funktioniert.

Du, was is'n eigentlich zielführender - Sparen oder Inverstieren?, fragt Merkel solchen Experten, die bei der schwäbischen Hausfrau und ihrem in der Schürze versteckten Haushaltsbüchlein in Lehre waren; fragt sie Betriebswirtschaftler, die auf Volkswirtschaft machen, weil sie glauben, eine Gesellschaft sei nichts weiter als ein aufgeblasener Betrieb. Investitionen ohne Geld, so erzählen die, hätten noch nie etwas eingebracht, da habe Keynes nur romantische Vorstellungen verbreitet. Das ist nicht mal betriebswirtschaftlich, denn auch ohne liquide Mittel kann man investieren; Kredit nennt sich dieser Zauber. Nur hätten sie noch nie gesehen, dass Investitionen des Staates in Krisenzeiten etwas einbrächten. Mond oder New York? Diese Experten waren noch niemals in New York - sie haben es nie gesehen, sie können es sich nicht vorstellen, den Weg dorthin auch nicht. Aber wenn sie abends auf der Terrasse sitzen, dann greifen sie hinauf, fast sieht der Mond wie ein Taler aus, den sie zwischen Daumen und Zeigefinger klemmen können. Es ist also offensichtlich, dass der Erdtrabant näher ist als die Trabantenstadt.
Man investiert nicht mehr so viel in Mondfahrten wie noch vor Jahrzehnten; dafür ist die fehlende Investitionsbereitschaft, das Sparen bis aufs Blut, sowas wie der metaphorische Mond geworden, den man von überall aus sehen kann. New York taugt als Parabel weniger, denn es ist austauschbar. Die Befürworter der "Ankurbelung durch Sparen" sehen schon die Vororte jener Städte nicht, in der sie in Büros residieren. Als Herren der Stadt und des Erdkreises scheint ihnen der milchige Taler näher, als irgendwelche Siedlungen am Stadtrand. Es muss nicht New York sein, es kann alles sein, was hinter der Krümmung der Erde verschwindet. Und wo diese Krümmung beginnt ist Ansichtssache. Was dahinter liegt, ist so viel weiter als das, was Hunderttausende von Kilometer über uns schwebt. Aus den Augen, aus den Sinn - aus den Augen, hat kein' Sinn. Die Dialektik von Menschen, die nur glauben, was sie sehen oder was sie zu sehen glauben.
Sie meinen ja, gesehen zu haben, dass Sparsamkeit saniert. Als bei den Eltern der Geldbeutel ausgetrocknet war, sparte man sich hier einige Happen, dort einige Blatt Papier, lief noch eine Weile in durchgelatschten Schuhen herum, ließ den Schwimmbadbesuch sausen und trank einige Tage oder Wochen Leitungswasser - der Engpass konnte mit diesen Maßnahmen überbrückt werden. Sie haben es ja mit eigenen Augen gesehen; vielleicht hat auch Merkel sowas empirisch erfahren, vielleicht musste Vater Kasner hin und wieder theologisch sachgerecht zu kleine Brotlaibe brechen und teilen und hatte den Wein durch Saft auszutauschen, um die Klammheit dergestalt nach einer Weile zu vertreiben. Und weil es damals so schön klappte, ist das auch der Lösungsansatz für eine ganze Volkswirtschaft. In der sollen alle rationieren, geizen, knapsen, in der soll jeder mit weniger noch weniger kaufen, mit nichts nichts investieren, mit Luft Luft konsumieren - und dann soll es bald wieder aufwärts gehen...
Bei den Kasners funktionierte das womöglich so unkompliziert, weil die eigene Solvenz durch die Liquidität anderer Marktteilnehmer aufgefangen wurde; in einem liquiden Markt, kann sich der einzelne Solvente gesundsparen - temporär gelingt das jedenfalls. Für die griechische Wirtschaft ist das kein Modell, denn dort ist die Solvenz Massenspektakel und das Sparen des einen, ist das Knapsen des anderen, ist das Rationieren des Dritten, ist die verschärfte Solvenz des Vierten, ist das Hungern des Fünften und seiner Kinder. Wenn Geld so knapp ist, dass es nicht zirkulieren kann, dann erliegt der Kreislauf. Warfen die Kasners kein Geld in die Zirkulation, so erlag nicht gleich der gesamte Kreislauf - er hielt es einfach aus.
Hätte Vater Kasner damals einen Kredit aufgenommen, hätte er investiert, Theologen für sein Kolleg eingestellt, neue theologische Features eingebaut, teureren Wein gesegnet, was alles natürlich Quatsch ist und irrational zudem, so hätte zunächst auf der Sollseite ein dickeres Minus gestanden. Aber wer sagt, dass die Kasners letztlich nicht besser aus der Misere gekommen wären? Theoretisch jedenfalls, die Praxis jener Tage an jenen Orten hätte dies nicht zugelassen. Hätte er das aber hypothetisch damals zu gehandhabt, so wäre die Investitions- und Konjunkturpolitik von seiner Tochter Regierung womöglich nicht dermaßen geächtet. Sie würde New York, würde den Vorort wählen, den man aufgrund der geographischen Prämissen, der naturgesetzlichen Vorgaben zunächst nicht sehen kann, der aber so viel näher liegt als der Satellit hoch oben.
Der Mond ist aufgegangen - ein sparsamer Trabant, der die Sternlein golden prangen lassen soll. Man schweift in die Ferne, denn dort liegt das Gute doch so nah, scheint es. Ein Europa dieses sonderbaren Mondscheines steht in den Startlöchern, ist teilweise schon Wirklichkeit. Experten, die Sparsamkeit verordnen, leben auf dem hier metaphorisch benutzten Erdtrabanten - und das leider auch nur metaphorisch. Sie dorthin zu schießen wäre schön - aber wie gesagt, in bemannte Mondfahrten wird nicht mehr so viel investiert, als dass man ganze Cliquen verladen könnte. Oder man zieht einfach hinter die Gesteinskugel, verschanzt sich dahinter, in der Hoffnung, seine innere Ausgeglichenheit zu finden; hinter dem Mond fällt einem nicht gleich der Himmel mitsamt Sparsamkeitsengel auf dem Kopf. Biedermeier nannte man das zu Zeiten, da der Mond noch Ausleuchter etwaiger Romanzen war...
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