Der Mensch ist schlecht und der Kapitalismus nicht besser

Obwohl ich es ja eigentlich besser wissen müsste, schaue ich immer wieder mal bei Spiegel Online vorbei. Und tatsächlich findet man immer was, worüber man sich ärgern kann. Also abseits dessen, was der Spiegel als mehr oder weniger glänzendes Abbild der Gesellschaft oder genauer: der herrschenden Verhältnisse ohnehin schon zum Ärgern bereit hält. Der Kritiker, ein gewisser Georg Diez, schrieb eine Theaterkritik. Diese überschrieb er mit „Kapitalismuskritiker auf Karnevalsniveau“. Sonst hätte ich gar nicht genauer hingeschaut, denn Theaterkritiken sind nicht mein Leib- und Magen-Ding und schon gar nicht im Spiegel.

Aber diese hatte es wirklich in sich, denn sie handelte nur am Rande von der Aufführung, die ein solches Elendsballett sei, dass sie nur von der konservativen Theaterkritik gelobt werden könne. Statt dessen gab es eine vermutlich zukunftsweisende Lektion über die sieben Lügen des politischen Theaters inklusive ihrer Entlarvung. Darin kamen einige putzige Thesen vor, weshalb ich mich bemüßigt fühle, die Kritik zu kritisieren, obwohl ich die Aufführung nicht gesehen habe und zugeben muss, dass es sehr lange her ist, dass ich Gerhard Hauptmann im Rahmen meiner Schullektüre im Fach Deutsch gelesen habe.

Worum es eigentlich geht: Im Deutschen Theater der deutschen Hauptstadt werden derzeit „Die Weber“ aufgeführt, genau, dieses Stück von Gerhard Hauptmann. Jawohl, diesem Sozialromatiker, wie Diez ihn klassifiziert, dieser naive Gutmensch mit seinem falschen, schon zu seiner Zeit total altmodischen Menschenbild. Denn Gerhard Hauptmann habe schon damals nicht kapiert, dass der Mensch nicht gut sei. Jedenfalls wäre er nicht besser, wenn es den Kapitalismus nicht gebe. Sagt Diez. Gerhard Hauptmann aber war der Meinung, dass es den Menschen ohne die Ausbeutung durch Kapitalisten besser gehen könnte. Dieser Ansicht bin ich durchaus auch. Aber nicht Diez. Denn Diez glaubt, dass der Kapitalismus den Menschen aus seinem Elend befreit habe, ja, ihm Kühlschrank und Glühbirne geschenkt habe.

Geht’s doch? Romantischer und falscher kann man den Kapitalismus egal zu welcher Zeit kaum sehen: Der Mensch ist nicht gut, aber der Kapitalismus?! Mein lieber Schwan, der Kapitalismus weder etwas erfunden, doch etwas zu verschenken. Im Gegenteil. Die Glühbirne und der Kühlschrank sind tolle Erfindungen – aber die gibt es nicht, weil es Kapitalismus gibt. Auch im Kommunismus wollen die Leute Licht haben und ihre Milch kaltstellen. Glühbirnen und Kühlschränke würden ohne Kapitalismus vermutlich besser sein und länger halten – dazu habe ich an anderer Stelle schon mal etwas aufgeschrieben. Der Kapitalismus kann nicht besser sein, als die Menschen, die ihn veranstalten. Aber die Menschen veranstalten ihn nicht, weil sie ohne ihn noch schlechter (dran) wären. Sondern weil er sich für einige, die das Sagen haben, ganz besonders lohnt.

Aber das wars noch lange nicht. Diez kommt noch mit einem weiteren populären Irrtum um die Ecke: Der Kapitalismus der „Weber“ habe nichts mit „unserem Kapitalismus“ von heute zu tun. Damals sei es um Ausbeutung der Arbeiter gegangen, heute dagegen ginge es darum, dass die Arbeit an sich verschwinde. Das mit dem Schwinden der Arbeit ist eine interessante Sache, ich frage mich, warum noch immer so unglaublich viel zu tun ist, wenn die Arbeit verschwindet. Warum gibt es einen „Fachkräftemangel“ oder eine „Pflegenotstand“, wenns nichts mehr zu arbeiten gibt? Nicht Arbeit an sich, sondern vernünftig bezahlte Arbeit verschwindet, und das wiederum hat mit Ausbeutung zu tun.

Wenn Diez das Gefühl hat, nicht ausgebeutet zu werden, dann ist das schön für ihn und lässt darauf schließen, dass er für die Produktion von Unsinn ziemlich gut bezahlt wird. Er sollte aber nicht nur wie ein blöder Bildungsbürger im Theater rumhängen (die er genau dafür kritisiert), sondern sich mal mit den Leute unterhalten, die auch heute noch für ihr Geld richtig arbeiten müssen.

Millionen Menschen schuften auch in unserem Lande zu Löhnen unterhalb des Existenzminimus. Es wird weiterhin ausgebeutet, dass es nur so quietscht. Und wenn ihm das nicht reicht, dann kann er ja mal Näherinnen aus Bangladesch, Mexiko oder sonstwo befragen, Chinesen, die für Billigstlöhne Smartsphones und Computer zusammenschrauben oder Afrikaner, die sie wieder auseinandernehmen und damit sich und ihre Umgebung vergiften. Der Kapitalismus schenkt den Menschen neben einem beschwerlichen Arbeitsleben auch Armut, Elend und Umweltzerstörung ohne Ende. Es gibt Millionen und Abermillionen Menschen, die noch einen total altmodischen Arbeitsbegriff haben, weil sie die Ausbeutung am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Was die schlesischen Weber betrifft: Ihr Problem war eben nicht „nur“ die Ausbeutung, sondern gerade das Verschwinden ihrer Arbeit – durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls wurde ihre Handarbeit entwertet: Sie konnten nicht so schnell und unermüdlich weben wie die Maschinen. Der Kapitalismus hat den mechanischen Webstuhl nicht erfunden, oder wie Diez sagen würde, den Menschen geschenkt. Aber die Kapitalisten haben mechanische Webstühle eingesetzt, um mehr Geld zu verdienen. Damit haben sie nebenbei auch den Ausbeutungsgrad optimiert. Dass die Weber und viele andere Handarbeiter dadurch überflüssig und dem Elend preisgegeben wurden, war natürlich nicht Zweck des Fortschritts, sondern ein Kollateralschaden. Was den Leuten, die davon betroffen sind, aber auch nicht hilft.

Im Kapitalismus ist es immer so, dass eine effektivere Ausbeutung der einen zur Arbeitslosigkeit der anderen führt. Das hat nicht mit altmodischen oder modernen Arbeitsbegriffen zu tun, sondern ist ein Grundprinzip der kapitalistischen Produktionsweise. Die eben nicht, wie moderne Sozialromantiker glauben wollen, das edle Anliegen hat, die Menschen mit allem, was sie so brauchen zu versorgen und ihnen nebenbei das Leben durch die tollsten Innovationen so angenehm wie möglich zu gestalten. Wer so einen Unsinn glaubt und verbreitet, dem wird der Kapitalismus zum Dank vielleicht auch morgen noch ein Spiegel-Gehalt schenken.

Die traurige Wahrheit aber ist, dass dem Kapitalismus derartige Ansinnen völlig fremd sind. Hier geht es tatsächlich nur ums Kapital und darum, wie man aus Geld mehr Geld macht. Der Arbeiter oder der Mensch geht den Kapitalisten dabei heute genauso am Arsch vorbei wie das damals der Fall war.



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