Der jüngste Tag kommt tröpfchenweise

Der jüngste Tag kommt tröpfchenweise

Wenn die Vögel vom Himmel fallen, die Bienen sterben und tote Fische in den Flüssen treiben, naht auch bald für den Menschen die letzte Stunde. Wenn Geld zum alles bestimmenden Götzen geworden ist, die Menschen jedes Mass und jede Moral verloren haben, dann hat die dunkle Macht das Zepter übernommen. Armageddon ist nicht mehr weit.

Doch wer auf den großen Knall wartet, der geht irr. Der jüngste Tag kommt tröpfchenweise. In Wirklichkeit hat er schon längst begonnen. Doch die meisten von uns merken nichts.

Eingelullt durch Dauerwerbung und Spiele, eingezwängt zwischen Arbeit und Konsum, nehmen wir die Ereignisse draußen vor der Tür nur noch gefiltert wahr. Sie passieren jenseits des Pixelschirms und berühren uns nicht.

So haben wir verlernt, Eins und Eins zusammenzuzählen. Wir haben vergessen, wie alles auf dieser Welt zusammenhängt. Denn wir wollen nicht mehr zur Natur gehören. Das wäre ja unnatürlich, schließlich sind wir die Krone der Schöpfung und genügen uns selbst, denken wir.

Schnee stört, wenn er vom Himmel fällt, genauso wie tote Vögel. Die Straßen haben blank zu sein. Autofahren ist schließlich ein Menschenrecht. Bäume gehören ins Cheminée, Hähnchen auf den Grill und Fische auf den Teller. Alles andere interessiert uns nicht. „Schau, das i-Phone zeigt mir den Weg“, sagt der Junge und stolpert durch den Wald. Aus den Ohrstöpseln hämmert die Musik.

Armin hat Recht, wenn er sagt, dass die Welt ein Irrenhaus sei. Nur so ist es möglich, dass ein Hedgefonds-Manager dreihunderttausendmal mehr verdient als ein Lehrer. Nur so ist es möglich, dass Armeen hochgerüstet werden, während Millionen hungern. Nur so ist es möglich, dass wir unvermindert Raubbau treiben, als hätten wir eine Erde in Reserve.

„Hurra, wir leben heute, nach uns die Sintflut!“, lautet die Devise. Sie wird nicht auf sich warten lassen. Denn nach den Vögeln sind die Menschen dran. Nur werden wir nicht vom Himmel fallen. Der hat uns schon längst verlassen.

Eigentlich sollten wir uns fürchten, doch ich fürchte, dass wir auch das verlernt haben. Euer Traumperlentaucher



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