Der Fall Kachelmann

Ich frage mich von Zeit zu Zeit, warum ich mich eigentlich - obwohl doch jetzt so sehr an den Nervenenden - eher selten mit den, nennen wir sie mal: Quotenträchtigen - Themen auseinandersetze, die einem die Nachrichtenlandschaft bietet und die sogar einen politischen Hintergrund haben. Ein solches Thema wäre der Fall Kachelmann.

.... nein, eigentlich nicht. Eigentlich ist das schon die Antwort: Ich finde nicht, dass das ein politisches Thema ist. Ich finde streng genommen nicht mal, dass mich dieses ganze Verfahren überhaupt etwas angeht, und dabei war der Angeklagte ein Wettermann, und Wetter ist ja mein zweites großes Thema. Trotzdem. Ich staune eigentlich nur darüber, wieviele Leute dazu eine Meinung haben, und wieviele unterschiedliche Meinungen dabei zustande kommen, und wie sie sich aufs Blut streiten, sich die Kommentare stapeln und keine Beleidigung, keine Unterstellung, kein Klischee ausgespart bleibt.

Ich kenne Herrn Kachelmann nicht. Ich kenne auch die Dame nicht, die ihn verklagt hat. Und, das wäre der einzige denkbare Grund, aus dem ich mich sonst beteiligen würde, ich war auch nicht dabei. Ansonsten wäre ich wohl der meistgelesene Blog der Welt. So bleibe ich eher unbemerkt, aber zumindest muss ich mich auch nicht fragen, was ich da eigentlich treibe.

Und das müsste ich, würde ich mich an den Hexenjagden beteiligen, die da draussen seit über einem Jahr stattfinden. Völlig egal, wen von beiden ich nun zum Bösewicht erkläre, wenn ich mit schwerer Symbolik belade, stigmatisiere, verallgemeinere und zugleich seine Bürgerrechte abspreche, allen voran das auf Privatsphäre: Die moralische Autorität, die ich mir dabei anhefte, geht quasi mit der ersten Überschrift verloren. Denn, ich wiederhole mich: Ich war nicht dabei, ich kenne keinen der Beteiligten, und was Kriminalexperten und Juristen nicht finden, werde ich - vom Redaktionstisch, vom Besucherstand und schon mal garnicht von zu Hause aus - auch nicht klären können: Die Wahrheit.

Es ist dennoch tausendfach versucht worden, von Profis und Amateuren, von Promis und Leuten wie Du und ich. Bemerkenswert ist dabei eigentlich nur, wie oft ich Formulierungen gelesen habe, die eingestehen, dass man nie herausfinden wird, was nun eigentlich passiert ist, dass es fürchterlich ist, dass es alle besser wissen. Und wie fürchterlich es ist, dass der - oder die - so instrumentalisiert werden, um deren - oder dessen - Opferrolle zu beweisen. Um dann, ebenso unvermeidlich, eine eigene Agenda anzuhängen, die ebenso unvermeidlich mit einer schlecht versteckten eigenen Version der Wahrheit vermengt wird, bis das wie auch immer geartete Anliegen in Nebel des Konjunktivismus Schiffbruch erleidet.

Mal ehrlich: Wie man ein Dutzend Artikel über Herrn Kachelmann schreiben kann und sich dann im vorletzten darüber ereifert, wie er doch nie wieder ein normales Leben wird führen können nach all dem Schmutz, und wie doch seine Karriere ruiniert wurde - gibt es sowas wie einen temporären Gehirnstillstand? Oder eben auch: Wie soll die Anklägerin jemals wieder ein normales Leben führen nach all dem Trubel - unter anderem auch von meiner Zeitung, meinem Blog, meinen Sendungen? Zumindest haben wir da eine Antwort: Es gibt definitiv temporären Gehirnstillstand.

Die tragische Komik dieser Artikel liegt auch darin, dass sie sich meist für eine von beiden Seiten eingesetzt haben, dann das Elend dieser Seite wortreich beschrieben und garnicht merkten, dass sie einer der Gründe dafür sind. Ob nun sogenannte Männerrechtler Herrn Kachelmann zu ihrem persönlichen Jesus erkoren oder Frauenrechtler der Gekreuzigten die Dornenkrone aufsetzten - beide kamen nie auf die Idee, dass sie die Schrecken des Prozesses auch und gerade für den bzw. die eigene Sympathieträger(in) nur weiter steigerten, und das wohlgemerkt, ohne irgendetwas Positives zu bewirken.

Und für den Fall, dass es ihnen doch irgendwann bewußt wurde, kam dann der ausgestreckte Zeigefinger- auf die bösen Anderen. Das hier ist ja auch einer, werden Sie sagen - ja, stimmt, aber immerhin habe ich nicht über Monate vorher den unbekannten Kronzeugen oder gleich Richter gespielt.

Und nochmal: Ich war nicht dabei. Und zu beweisen, dass andere mit ihrer Vorverurteilung falsch liegen, indem ich meinen eigenen Fall präsentiere und mich gleichzeitig in moralischer oder gar logischer Überlegenheit zu wähnen, ist originell. Meine eigene politische Agenda auf einen ungeklärten Strafprozess zu stützen und sie auch dann noch auf diesen wackeligen Säulen weiterzubauen, wenn das Ergebnis des Prozesses im Großen und Ganzen ist: Es gibt keins - das ist auch originell.

Ebenso originell wie das Verständnis von Recht und Rechtsstaat, dessen man ansichtig werden konnte in den letzten Monaten, angefangen beim erwähnten Recht auf Privatsphäre bis hin zu elementaren Grundsätzen nicht nur unserer Justiz, sondern unserer - nee, 'ne Nummer kleiner geht nicht - Zivilisation.

Wie oft ich gelesen habe, dass der Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" in diesem Fall aus welchem Grund auch immer anzuzweifeln sei - ich müsste eigentlich viel erschütterter sein. Oder auch, wie oft ich gelesen habe, nun müsste die Klägerin stattdessen angeklagt werden - das ist so gesehen noch dämlicher, denn das hat sich aus exakt dem selben Grund auch erledigt. Und das war's. Fertig. Das ist alles, was ich aus der Ferne dazu schreiben kann. Denn, ein letztes Mal: Ich war nicht dabei.

Erledigt ist dann auch das Stichwort: Es ist keine besonders risikoreiche Wette, die ich einginge, würde ich prophezeien, dass die diskutieren Probleme, die schweren gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die großen politischen Agendas, die quasi im Nebenprogramm des Prozesses gelaufen sind, mehr oder weniger exakt jetzt verstummen werden. Zumindest bis zum nächsten großen Prozess. Sozusagen als letzter Todesstoss der Anhänger gegen ihre eigenen Ziele werden sie sich anderen großen Themen annehmen, und der Fall Kachelmann bleibt mit den politischen Kreuzzügen leichengefledert im Staub der Meute zurück, die zum nächsten Fressen weiterzieht.

Immerhin gibt es trotzdem noch Wetter.

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