Der Exfreund und das Pflaster. Eine Liebesgeschichte. Teil 2 der Erzählung

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Den ersten Teil der Erzählung lesen…

Exfreund_Pflaster
Der Exfreund und das Pflaster
Eine Liebesgeschichte

Teil 2 der bislang unveröffentlichten Erzählung
von Ralf Boscher

 4.

Im Moment der Auftragsvergabe wusste ich natürlich noch nicht, dass die beiden beste Freunde sind, also Kumpels, oder – wie sie es dann ausdrückte – Seelenverwandte. Es war aber auch ein zu herziger Zufall, dass sie sich auf diesem Wege, über die Gelben Seiten, wiedertrafen. Das Schicksal hatte sie Jahre zuvor getrennt, zog er doch mit seiner damaligen Freundin in eine andere Stadt. Sie hatten sich in Folge dessen aus den Augen verloren (wohl auch weil die Freundin unangebrachte, besitzergreifende Eifersucht an den Tag legte). Und da er nicht wusste, wie er die durch seine eigene verliebte Kurzsichtigkeit getrennte Verbindung wieder hätte aufleben lassen können (und wohl auch aus Scham, weil er eine sich dann doch als kurzfristig herausstellende Affäre über eine langjährige Freundschaft gestellt hat), hatte er sich, als er zurück in die Stadt zog, nicht gemeldet.

Jedenfalls jetzt waren die beiden wieder vereint. Und ich muss sagen, der Boden ist wirklich toll geworden. Was ich ihm auch anerkennend sagte, als ich den Scheck ausstellte und dann nach meiner Packung Kippen griff. „Wenn du hier rauchst, hätte ich mir die ganze Arbeit sparen können!“, sagte er in diesem Moment, während er meinen Scheck in seiner Brieftasche verstaute. Dann legte er mir seine große Hand auf Schulter und fügte hinzu: „Angela hat damals auch geraucht, also bevor sie mich kennengelernt hat. Viel geraucht. Fast zwei Packungen am Tag. Wie enervierend ich das fand. Und schau sie dir heute an, sieht kaum einen Tag älter aus als damals. Und dass nur, weil sie die Zigaretten gelassen hat. Komplett. Mir zuliebe. Und jetzt schau dir den Boden an. Auch die Wände. Das ist das Unerträglichste an meiner Arbeit. Wie oft kommt mir das doch unter! Du gibst dir Mühe, schaffst ein optimales Umfeld. Aber was nutzt die ganze biodynamische Aufarbeitung, wenn da einer daher kommt und alles gleich wieder vergiftet.“ Er holte den Scheck aus seiner Brieftasche heraus. „Das hättest du dir sparen können, wenn du hier qualmst!“

Ich war geneigt, ihm den Scheck aus der Hand zu reißen, diesen in Brand zu stecken und mir am brennenden Scheck meine Zigarette anzuzünden. Aber diese Enthüllung machte mich reaktionslahm, da sie mich nachdenklich machte. Denn dass Angela mal geraucht hatte wie ein Schlot, war neu für mich – genauso neu wie die von ihm geäußerte völlige Abkehr Angelas vom blauen Dunst. Mein Informationsstand war, dass sie immer mal wieder, nach Lust und Laune, eine Zigarette rauchte. So hatte ich sie kennengelernt. Unser erster Abend. Sie unterwegs mit einer Freundin. Ich gefiel ihr. Sie bat mich um eine Zigarette. Wir kamen ins Gespräch. Mir gefielen ihre Augen, ihr Blick, mit dem sie mich durch den Qualm der Zigarette ansah, während sie mir zuprostete und dann den von ihr georderten Tequila kippte. Später dann, als für mich klar war, dass mir noch viel mehr an ihr gefiel als ihre Augen, die erste Zigarette danach. Und auch wenn Angela, vor allem im Vergleich mit mir, nicht oft rauchte, eine Zigarette danach war immer drin. Insgeheim bewunderte ich sie für ihre Konsequenz, dass sie nur in besonderen Momenten zur Zigarette griff, nie in dieses Verhalten des Suchtrauchens abdriftete, das ich von mir kannte. Aber das habe ich nie geäußert. Denn eigentlich war das Rauchen nie ein Thema zwischen uns gewesen. Bis wir den Mietvertrag unterschrieben hatten und uns voller Vorfreude daran machten, zu planen, wie wir unsere erste gemeinsame Wohnung gestalten, uns Prospekte mit Farben ansahen und beschlossen, einen Fachmann an unsere Böden zu lassen. Plötzlich schlug sie bezüglich meines Rauchens andere Töne als in den Monaten zuvor an. Ich war irritiert. Sie kam zu mir in die WG, plötzlich roch es in unserer Küche, ja in unserer ganzen Wohnung, erst recht in meinem Zimmer, schlecht, nach kaltem Rauch, eklig und ungemütlich. Sie wedelte mit ihren Händen, wenn ich mir eine Zigarette anzündete, wollte kein Lokal mehr besuchen, in dem geraucht wird. Sie mochte sich nur noch selten in meinem Arm kuscheln, wenn wir uns eine DVD ansahen oder das Licht gelöscht hatten, um zu schlafen. Denn mein Pyjama müffelte nach Rauch…

Die Information, dass sie früher sehr starke Raucherin gewesen war, hätte mich diesem Umschwung mit mehr Verständnis begegnen lassen. Denn dann hätte ich gedacht: Jetzt, da wir zusammenziehen, da unsere Beziehung auf ein ganz neues Level gehoben wird, regt sich die Angst, wieder in die alte Sucht zurückzufallen. Schließlich ist es ein Unterschied, mal auf Besuch bei mir in meiner WG mit Zigaretten konfrontiert zu werden, als tagtäglich in der eigenen Wohnung. Vielleicht sah sie mich morgens beim ersten Kaffee in der Küche eine erste Zigarette rauchen, bevor es zur Uni bzw. zur Arbeit geht. Mich rauchen, wenn wir uns nach unserem Tagwerk wiedersehen und in der Küche unseren Tag Revue passieren lassen. Rauchen in unserem Wohnzimmer, während wir uns eine DVD ansehen. Ja, rauchen auf dem Klo… Und so sah sie sich zurückfallen in ihre alte Gewohnheit, glücklich überwunden, bei jeder Gelegenheit nach einer Zigarette zu greifen. 2 Schachteln am Tag. Das schaffte ich selbst dann nicht, wenn ich nach der Arbeit in der Kneipe noch in einen Club weiterzog, um bei ein paar Drinks und einigen Tänzen zu entspannen. Kurz, ihr früherer Zigarettenkonsum wäre eine hilfreiche Information gewesen, um ihrem Umschwung gelassen zu begegnen.

Stattdessen gab es hässliche Szenen, als sie mir die Pistole auf die Brust setzte: Entweder rauchst du nur in deinem Zimmer oder wir treten vom Mietvertrag zurück! Ein Rücktritt, der so ohne Weiteres nicht möglich gewesen wäre, aber nun gut, es wäre ja nur Geld gewesen (für den Makler), das verbrannt worden wäre. Mein Geld wie gesagt.

Weil mir die glückliche Zukunft, die mir aufgrund unseres Zusammenziehens vorschwebte, sehr wichtig war, lenkte ich schließlich ein. In voller Kenntnis ihrer Suchtvergangenheit wäre ich sicherlich nicht so hartnäckig gewesen. Aber ihr Verhalten in der Zeit zuvor, ihre doch recht rigide Abkehr von mir wegen des Rauchens, hatte doch einen gewissen Stolz in mir geweckt. Immerhin hatte sie mich als Raucher kennengelernt. Meine Nähe hatte sie immer gemocht, nein, geliebt. Das sollte plötzlich anders sein? Ein Irrtum gewesen sein?

All das ging mir in dem Moment, als ihr Exfreund sagte, sie hätte früher 2 Schachteln geraucht und dann komplett mit dem Rauchen aufgehört, ihm zuliebe, durch den Kopf. Angela ging souverän über diese Enthüllung hinweg, indem sie lächelte und den Scheck wieder zurück in seine Brieftasche schob. Was gab es da auch noch zu sagen, wir hatten uns schließlich darauf geeinigt, dass ich nur in meinem Zimmer rauche und das nur bei geöffnetem Fenster. Ein kleines Opfer. Einer glücklichen Zukunft stand nichts mehr im Wege.

5.

Er rauchte nicht. Hatte nie geraucht, sagte er. Denn Soßen werden rechts herum gerührt, der Abfall selbstverständlich getrennt, Waschmittel fraglos aus Baukästen aus dem Bioladen zusammengestellt. Und wenn er mal einen Rotwein genießt, dann nur aus Demeteranbau, wie er mir am ersten Abend in unserer neuen, frisch renovierten Wohnung mit der Hand auf meiner Schulter versicherte, als er mir die sich später als unerträglich holzige, sauer schmeckende herausstellende Plörre als Willkommensgeschenk überreichte.

Ja, der erste Abend in unserer neuen Wohnung. Ich hätte ihn mit Angela gerne alleine verbringen wollen. Normalerweise war ich weder abergläubisch noch esoterisch angehaucht. Aber dieser erste Abend schien mir für unsere gemeinsame Zukunft doch eine besondere Bedeutung zu haben. Gerade so als würde ich doch an so etwas wie einen Zauber des Anfangs glauben. Als ginge es darum, eine bestimmte Stimmung zu schaffen, die Atmosphäre in unserer Wohnung auf eine Weise mit Leben zu füllen, dass uns die Schwingungen durch die Zeiten tragen. Oder um es prosaischer auszudrücken: Ich wollte mit hemmungslos auf eine glückliche Zukunft anstoßendem Sex die ganze Wohnung einweihen. Natürlich ging das nicht. Wie ich zu verstehen hatte. Immerhin hatte er doch einen halben Tag geopfert, um uns beim Umzug helfen, ganz zu schweigen von den vielen Stunden, die er mit unseren Böden verbracht hatte. Dass er gut für seine Arbeit an den Böden entlohnt wurde, Freunde von mir einen ganzen Tag für den Umzug geopfert hatten und ich geplant hatte, für alle Helfer ein Fest zu veranstalten, galt als Argument nicht sonderlich. Schließlich hatte er sich schon angemeldet. Es wäre ja auch unhöflich gewesen, ihm abzusagen. Mindestens ebenso unhöflich, wie mich nicht zuvor zu fragen… Aber nun gut, der erste Abend. Wer will diesen schon im Streit verbringen, vor allem da die Präliminarien wegen des Rauchens schon extrem Konflikt geladen gewesen waren. Der Klügere gibt nach, dachte ich. Hätte ihm beinahe, als er unsere Wohnung betrat, die Hand auf die Schulter gelegt. Aber er hätte ja nicht gewusst, warum. Zudem kam er mir zuvor. Es geht doch nichts über einen Biowein! Ein sehr kluger Ausspruch, der ihm ein liebliches Lächeln meiner Freundin einbrachte – und einen stolzen, vielleicht sogar, wie ich fand, ein wenig nach Anerkennung lechzenden Hinweis von ihr, dass die Wände unserer Wohnung mit Biofarbe gestrichen seien. Dann kam die Aktion mit dem Scheck, die Enthüllung ihres früheren Zigarettenkonsums, und ich ging in mein Zimmer, öffnete das Fenster und rauchte eine Zigarette.

Lachen hörte ich sie aus der Küche. Es geht doch nichts über die Vertrautheit alter Freundschaft. Als ich zu den beiden in die Küche kam, rührte sie gerade die Soße für unsere Spagetti an, genauestens begutachtet von ihm, hinter ihr stehend, seinen Kopf beinahe auf ihrer Schulter ablegend. „Rechts herum rühren, bei Tomatensoßen die einzige Richtung!“, sagte er und legte ihr dann eine Hand auf die Schulter.

6.

Es dauerte drei Wochen und sie äußerte zum ersten Mal ihre Ansicht, es sei keine gute Idee gewesen, mir das Rauchen im Zimmer zu erlauben. Wenn ich alleine wäre, ok. Aber ich hätte ja auch einige Male Besuch gehabt.

„Und dann hockt ihr die ganze Zeit in deinem Zimmer und qualmt. Und der Rauch zieht durch die Ritzen und die ganze Wohnung stinkt nach Zigaretten!“

Besuch war kein gutes Thema. Denn die Besuche ihres Exfreundes schienen sich zu einer Gewohnheit zu entwickeln. Rauchen war in diesem Zusammenhang überhaupt kein gutes Thema. Denn ein paar Tage vor Angelas erster Missfallensäußerung war er, kurz bevor ich zur Arbeit musste, wieder einmal mit dieser essighaften Demeter-Plörre unter dem Arm aufgetaucht. Sie würden zusammen kochen, sagte Angela, die wohl vergessen hatte, mich zu informieren. Aber okay, das war erst ihre zweite Arbeitswoche. Klar, dass sie viel im Kopf hatte, manches vergessen konnte. Keine große Sache, jedenfalls keine, die ich in diesem Moment, als er neben mir stand und ich auf dem Sprung zur Arbeit war, kommentieren wollte. Doch dann begann ihr Exfreund plötzlich zu schnüffeln. Seine Nase zuckte und seine Nasenlöcher bebten. Wenn mir in diesem Moment nicht zum ersten Mal bewusst geworden wäre, wie groß doch seine Nase ist, hätte ich diesen Anblick lächerlich gefunden. Als er mir dann auch noch seine Hand auf die Schulter legte und mit trauriger Stimme sagte: „Schade, drei Wochen nur, und eure Wohnung hat ihre Reinheit verloren.“, da konnte ich mich eines Kommentars nicht mehr enthalten. Kräftig schlug ich die Türe zu, als ich zur Arbeit ging.

Als ich spät in der Nacht nach Hause kam, roch unsere Wohnung wie ein orientalisches Gewürzhaus. Jedes Zimmer hatte seine ganz eigene Note. Selbst vor meinem Zimmer hatten sie nicht Halt gemacht (hier hatten sie Nag Champa verwendet). Wie mir Angela am nächsten Tag mitteilte, hätte es ihr Exfreund nicht in der für seinen – und natürlich auch für ihren Geschmack – unerträglich nach kaltem Rauch riechenden Wohnung ausgehalten. Und so wäre er schnell zu sich nach Hause gefahren, bzw. hätte sich ein Taxi gerufen („wie süß, dass ihm unser Wohlbefinden so am Herz liegt!“, meinte Angela) und hätte einige Räucherstäbchen geholt, um mit ihr zusammen die Wohnung zu reinigen. Mein Einwand, dass er in meinem Zimmer nichts verloren hätte, erwiderte sie nur mit einer hochgezogenen Augenbraue. Ich könne doch froh sein, dass sie sich jetzt wesentlich wohler fühlen würde in unserer Wohnung. Das käme mir doch auch zu Gute, meinte sie und küsste mich auf die Wange.

7.

Ich habe nie daran gezweifelt, dass sie mir treu ist. War ich blind? Zu vertrauensvoll? Ab einem gewissen Alter gibt es immer einen Exfreund, der noch präsent ist. Einen besten Freund, einen Kumpel, ja, vielleicht sogar einen Seelenverwandter. Warum per se so engherzig sein und eine solch innige Verbindung unterbinden?

Doch spätestens bei dem Kuss auf die Wange hätte ich aufhorchen müssen. Meine Küsse hatten ihr immer gefallen, nein, sie hatte es geliebt, mich zu küssen. Meine Küsse waren die Schubraketen gewesen, von denen sie sich in den Himmel unserer Zweisamkeit hatte empor tragen lassen. Wie könnte man auch mit einem Menschen zusammen sein, dessen Küsse einen nicht tief im Herz berühren, aufwühlen, ja erregen? Doch nun wich sie vor meinen Küssen zurück, erwiderte sie, wenn überhaupt, nur flüchtig. Verlegen lächelnd drehte sie sich aus meinen Umarmungen heraus. Angespannt blickte sie zur Decke, wenn ich mich im Bett versuchte, mich ihr zu nähern.

Die vierte Woche unseres Lebens in der gemeinsamen Wohnung. Als ich eines Nachts von der Arbeit kam, lag ein Buch im Hausflur. Allen Carrs „Endlich Nichtraucher“.

Im Nachhinein betrachtet kann ich natürlich sagen: Ihr lag wirklich etwas daran, mit mir glücklich zu bleiben, an unserer Beziehung zu arbeiten. Wäre es anders, dann hätte sie einen solchen Versuch nicht gestartet. Dass ich rauchte, machte ihr wirklich zu schaffen. Auch wenn sie mich so kennengelernt hatte. Das musste ich akzeptieren. Hätte ich vielleicht akzeptieren können, wenn in dem mir vor die Füße gelegten Buch nicht diese Widmung gestanden hätte. Ich meine, konnte Angela wirklich so im Stress sein (auf ihrer Arbeitsstelle entwickelte es sich nicht nach ihren Wünschen), dass sie dies einfach übersah?

„Mein Prachtweib! Lies – und entscheide. Zigaretten oder ich? Vergifte dich oder lebe in Ekstase. Ich weiß, du hältst das Buch in der Hand und findest mich enervierend. Doch lies, denke an unsere Küsse, an deine Orgasmen, so oft, so vielfältig, wie du sie noch nie erlebt. Denke an meine Lippen, meine Hände. Lies und entscheide!“

Konnte das denn wahr sein? Es war wahr. Schwarz auf weiß. Und Angela beschönigte, als ich sie darauf ansprach, nichts.

Ja, dies Buch hätte ihr Exfreund geschenkt. Und ja, sie hätte sich damals entschieden. Jedenfalls solange sie zusammen waren. Keine Zigaretten mehr. Sie hätte dies noch nie erlebt. Er kam zu ihr, betrat den Hausflur. Legte ihr eine Hand in den Nacken und küsste sie. Ihr ganzer Körper hätte zu zittern begonnen. Wenn sie einen Slip getragen hatte, wäre der schlagartig durchnässt gewesen. Hätte sie auf einen Slip verzichtet, wäre ihr der Saft die Schenkel hinab gelaufen. Das geschah nicht nur in der Abgeschiedenheit der Wohnung, sondern auch an öffentlichen Orten wie einem Restaurant. Er berührte sie, küsste sie – und schon floss sie über vor Erregung. Und dann hätte sie die erschütterndsten Orgasmen gehabt, nur weil er ihr sanft den Unterarm streichelte, während er sie küsste. In seiner Nähe wäre sie eine aufs äußerste gespannte Gitarrenseite gewesen – er hätte nur hauchen brauchen und sie wäre in solch ekstatische Schwingungen geraten, dass sie sich nicht mehr unter Kontrolle gehabt hätte.

Und allen Ernstes legte sie mir nach diesen Offenbarungen nahe, dieses Buch zu lesen. „Lies – und entscheide. Zigaretten oder ich?“, meinte sie, und ich glaube sogar, dass ihr nicht bewusst war, dass sie ihren Ex zitierte. Ja, ich glaube sogar, dass sie die ganze Zeit über nicht das Gefühl gehabt hatte, mich zu betrügen. Denn eigentlich wollte sie doch mit mir glücklich sein. Ja, eigentlich hätte sie immer mich, uns, unser zukünftiges Leben im Blick gehabt. Zudem sei ja eigentlich auch nichts passiert. Es wäre so eine Art elektrostatisches Echo aus der Vergangenheit gewesen, dass die Härchen in ihrem Nacken hätte sich aufrichten lassen, als sie ihn das erste Mal seit Jahren wiedersah. Nichts Bewusstes. Nichts gegen das sie sich hätte wehren können. Diejenige, die ein Blitz trifft, trifft sie eine Schuld? Und sie hätte sich beileibe nicht exponiert. Sich bedeckt gehalten. Sei quasi vor dem Gewitter in Deckung gegangen, als sie spürte, wie sich die Luft zwischen ihrem Exfreund und ihr atmosphärisch auflud. Nie hätte sie sich dem Strom an Empfindungen aus einer vergangen geglaubten Vergangenheit hingegeben. Nie mich betrogen. Unsere gemeinsame Zukunft aus dem Blick verloren. An ihrer Liebe zu mir gezweifelt. Nie zugelassen, dass ihr Exfreund sie wieder so in ekstatische Schwingungen versetzte, wie sie es damals erfahren hatte.

So.

Dieses kleine Adverb machte für mich den großen Unterschied. Denn nachdem ich nächtens das Buch vorgefunden hatte, begann ich zu ahnen, wie blind ich gewesen war. Oder mehr noch: Wie blind Angela doch war, da sie die Realität vor sich und mir leugnete.

Real war: Gleich bei ihrer ersten Begegnung mit ihrem Exfreund hatten sich nicht nur die Härchen an ihrem Nacken aufgerichtet. Sie hatten sich geküsst. Und es wäre bereits bei dieser ersten Wiederbegegnung noch mehr passiert, wenn er sie nicht von sich geschoben hätte, weil sie nach Rauch roch. So. Das erzählte sie mir – und fügte allen Ernstes hinzu, dass sie sich nichts dabei gedacht hätte, einfach darüber hinweg gegangen sei. Es bedeutete ihr nichts. Besagtes Echo aus vergangenen Zeiten. Also quasi ein Kuss in einem parallelen zeitlichen Universum. Nicht heute, sondern damals stattfindend. So. Somit hätte sie nie zugelassen, dass ihr Ex sie heute wieder so packt wie damals. Sie hätte sich einfach umgedreht und sei zu mir in die Gegenwart und Zukunft zurückgekehrt. Wobei ihr, und das müsse sie ehrlich zugegeben, bewusst geworden sei, dass sie mein Rauchen doch störe. Weil sie sich natürlich Sorgen mache. Um mich. Um unsere Zukunft. Die, wenn ich weiter rauche, natürlich in Gefahr sei. Ich solle nur einmal an die schlimmen gesundheitlichen Folgen denken. Und sie wolle doch lange mit glücklich sein. Wie sie tränenreich beteuerte. Ebenso tränenreich, wie sie beteuerte, dass seine Abfuhr wegen des Rauchgeruchs, den sie ja nur wegen mir an sich haften hatte, natürlich keine Rolle dabei gespielt hatte, dass sie mir gegenüber plötzlich so vehement die Zigaretten zum Thema machte. Natürlich nicht.

8.

Erkenntnisse, die ich meinen Lebtag nicht vergessen werde. Denn natürlich – auch wenn Angela nicht müde wurde zu betonen, nie zugelassen zu haben, dass ihr Exfreund sie wieder so in ekstatische Schwingungen versetzt wie damals – hatten ihre ekstatischen Vibrationen, trotz anhaftenden Rauchgeruchs, ausgereicht, ihren Exfreund olfaktorisch so zu betäuben, dass die beiden im Bett gelandet sind. Im Bett ihres Exfreundes. Im Bett von Angela und mir. Ja, selbst auf dem von ihm biodynamisch bearbeiteten Boden hatten es die beiden getrieben. Das Erstaunlichste an der ganzen Angelegenheit ist weniger, dass ich nicht sofort auszog, sondern dass sie keinerlei Schuldbewusstsein hatte. Vielmehr: Sie hatte nicht das Gefühl, dass sie schuld daran sei, unsere Beziehung ein Messer in den Rücken zu stoßen. Die Schuld läge allein bei mir. Bei mir, der ich mit meinem Rauchen sie daran hindern würde, ganz und gar in unserem gemeinsamen Leben anzukommen, sich auf unsere Zukunft einzulassen.

Ich hätte sie gewissermaßen in die Arme ihres Ex getrieben. In dem Moment, da ihr bewusst geworden wäre, dass es keine Zukunft geben würde, wenn ich nicht mit dem Rauchen aufhöre, hätte ich, wenn mir etwas an ihr liegen würde, mit dem Rauchen aufhören müssen. Wenn ich nicht über ihren Herzenswunsch hinweggegangen wäre, hätte sie nie auf dieses Echo aus der Vergangenheit geantwortet. Dann hätte sie diese, ja, so könnte man es sagen, Übersprunghandlung nie begangen, denn eigentlich wolle sie doch mich. Aber rauchfrei. Und da ich ihr das nicht hätte geben wollen, hätte sie, also so quasi als Stellvertreter für ihre Herzenswünsche, ihren Ex geküsst. Ja, wegen mir hätte sie sogar ihren Job verloren, wäre ihr in der Probezeit gekündigt worden, weil sie zu oft gefehlt hatte. So aufgewühlt wäre sie gewesen, weil ich ihr nicht das geben wollte, was sie brauchte, dass sie nicht hatte zur Arbeit gehen können. Völlig kopflos hätte sie vor dem Bürogebäude ihrer Arbeitsstelle gestanden. Die Hand schon an der Tür. Und dann wäre sie doch umgekehrt. Wäre zu ihm gegangen, obwohl sie sich ja lieber wieder zu mir ins Bett gekuschelt hätte. An mich geschmiegt. Aber ich würde ja immer nach der Arbeit wie ein riesiger Aschenbecher voller erkalteter Zigaretten riechen. Und so hätte sie schweren Herzens bei ihm Trost gesucht. Denn im Gegensatz zu mir hätte er ihr zugehört. Hätte er sie verstehen können in ihrer Pein.

Ich war gelinde gesagt erstaunt. Denn offensichtlich glaubte sie diesen Schwachsinn wirklich. Und ich war wütend. Verletzt. Hat er dich immer von hinten genommen, damit er den Rauch aus deinem Mund nicht riecht, weil du mich zuvor geküsst hast?, so fragte ich sie. Ich war rachsüchtig. Und ich war nach wie vor in sie verliebt.

Vielleicht sollte ich noch einmal überdenken, dass man nicht jeden freundlichen Exfreund einfach mit dem Auto überrollt, dachte ich. Aber würde dies etwas ändern? Sie wieder ohne Wenn und Aber in meine Armen sinken lassen? Nein. Also ließ ich, so verlockend die Vorstellung auch war, ihn zu überfahren – und dann den Rückwärtsgang einlegen und mit Vollgas noch einmal über ihn hinüber… – von diesem Gedanken ab. Vielmehr kaufte ich Nikotinpflaster.

Ende Teil 2 der Erzählung

Den ersten Teil der Erzählung lesen…

Teil 3 (von 3) der Erzählung folgt in Kürze

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