Der Direktor muss die Musik und die Musiker lieben

Der Direktor muss die Musik und die Musiker lieben

Patrick Minard (c) OPS


Interview mit Patrick Minard, dem Generaldirektor des OPS, des Philharmonischen Orchesters von Straßburg

Herr Minard, Sie sind jetzt seit  – ich glaube – etwas über 10 Jahre Direktor vom OPS

Es sind exakt 10 Jahre. Im März 2000 wurde ich berufen und im Juli 2000 habe ich beim OPS begonnen.

Wie würden Sie Ihre Rolle, oder Aufgabe als Direktor kurz beschreiben?

Ich bin ein Garant der Institution und schütze diese vor etwaigen Beeinträchtigungen, die sie in Gefahr bringen könnten.  Wenn Sie so wollen, bin ich auch der Verteidiger des Orchesters.

Gegen wen oder was müssen Sie das Orchester verteidigen?

Gegen vielerlei Einflüsse, die dem Orchester schaden können. Ich muss es zum Beispiel gegen ein Programm verteidigen, das weder für das Orchester noch für das Publikum gut wäre. Oder, wenn es notwendig ist, muss ich die Interessen des Orchesters auch gegen politische Einflüsse verteidigen. Wenn Sie so wollen, garantiere ich für die Umstände, die das Bestehen des OPS ermöglichen.

Was ist dazu notwendig, was sind die wichtigsten Eigenschaften, die der Direktor eines Orchesters mitbringen muss?

Er muss die Musik und die Musiker lieben. Er muss die Psychologie von Musikern verstehen und ein „intuitives“ und nicht „objektives“ Management wie z. B. in einem Aktienbetrieb  führen.

Was meinen Sie genau mit intuitivem Management?

Die Leitung eines Orchesters unterscheidet sich wesentlich von den Managementaufgaben eines Fabrikvorstandes. Ich muss im Interesse der Institution auf meine eigene Intuition hören. Ich muss im Interesse der Musiker handeln, zu Ihnen Vertrauen aufbauen, aber gleichzeitig die institutionelle Seite im Auge behalten und beachten.

Die Managementleitung ist bei den Konzerten des OPS immer präsent. Das ist auffallend, ist das in Frankreich allgemein so üblich?

Das kann ich nicht sagen, ob das allgemein üblich ist. Bei uns ist es so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz , eigentlich empfinden wir das für natürlich. Einerseits ist es so, dass man, wenn man den ganzen Tag im Management arbeitet, man leicht vergessen könnte, wofür man eigentlich arbeitet, man kann die Musik darüber leicht vergessen. Und andererseits ist es aber auch wichtig den Musikern im Orchester zu zeigen, dass wir hinter ihnen stehen, mit ihnen ein Team bilden.

Das OPS zeichnet sich in der Zusammensetzung dadurch aus, dass es eine sehr ausgewogene Altersstruktur hat. Es gibt viele junge Musiker aber auch viele, die schon eine große Erfahrung aufweisen. Wer ist denn für die Auswahl verantwortlich?

Die Zeit!

Die Zeit, was heißt das genau?

Seit meiner Direktionszeit wurden in den 10 Jahren ca. 20-22 Musiker neu aufgenommen, das sind im Schnitt zwei im Jahr. Es ist ein natürlicher Abgang. Es ist aber wichtig zu wissen, dass ein Orchester nur mit jungen Musikern allein nicht funktioniert. Wir nehmen gerne bei der Besetzung der Solostellen junge Leute, weil sie oftmals hoch motiviert sind und jene, die schon länger beim Orchester sind wieder mitreißen können. Aber den Klang eines Orchesters machen zum großen Teil jene Musiker aus, die schon lange beim Orchester selbst sind. Wenn man bedenkt – ältere Musiker hatten die Gelegenheit mit Dirigenten zusammenzuarbeiten, die die Wurzeln ihrer Erfahrungen noch im 19. Jahrhundert hatten. Das ist eine enorme Bereicherung für das Orchester an sich, denn die erfahrenen Musiker machen den Klang eines Orchesters aus. Das OPS kann sich auf seiner Alterspyramide entspannt ausruhen, weil sie so ausgewogen ist.  Ein Orchester nur mit jungen Solisten allein kann nicht wirklich gut sein. Das haben auch verschiedene „Experimente“ gezeigt, in denen man hochrangige und ausgezeichnete Dirigenten einem Orchester vorstehen ließ, die nur aus jungen Solisten bestanden. Nach zwei, drei CD-Aufnahmen wurden diese Experimente wieder eingestellt, weil man gemerkt hat, dass das so nicht funktioniert.  Aber oftmals ist es auch nicht die freie  aktive Auswahl, die bestimmt, wie das Orchester zusammengesetzt ist, sondern auch, was sich aus den Umständen ergibt, was auch pflichtmäßig eingehalten werden muss. Die Rotation in einem Orchester ist enorm wichtig, aber auch sehr fragil. Deswegen ist das intuitive Management, von dem ich vorher sprach, unerlässlich. Zu wissen, intuitiv zu erfassen, wer an welche Stelle passt und warum.

Wie gestalten sich bei Ihnen die Neubesetzungen?

Wir schreiben die neue Stelle aus, die dann im Wettbewerbsverfahren besetzt wird. Die Musiker spielen bei uns hinter einem Paravent, sodass wir sie nicht sehen können und unbeeinflusst bleiben. Das Gremium setzt sich aus dem musikalischen Direktor, dem Konzertmeister, einem  Spezialisten des jeweiligen Instrumentes  zusammen, den wir einladen, aus einer Vertretung des Orchesters sowie dem betreffenden Stimmführer.

In dieser Saison werden viele Stücke gespielt, die man nicht oft hört oder die in Straßburg schon lange nicht gespielt wurden. Ist das eine große Herausforderung für die Orchestermusiker?

Ja, schon. Denn wenn man neue Stücke erarbeitet, dann braucht es eine gewisse Zeit, bis man den Stil des jeweiligen Werkes wiedergeben kann. Das OPS hat oft eine doppelte Identität. Sowohl eine deutsche, als auch eine französische, was sich aus der Geschichte bedingt.  Das heißt, das Repertoire des Orchesters ist nicht wirklich in der französischen Musik verankert. Auch der jetzige musikalische Direktor, Marc Albrecht, hat seine Wurzeln nicht in der französischen Musik, was sich auf das Programm ebenso auswirkt. Die Geschichte des OPS ist stark mit jener Europas verbunden und war auch immer von den jeweiligen künstlerischen Leitern mitbestimmt. Einer der wichtigsten war Ernest Bour. Unter ihm erlebte das Orchester Glanzzeiten; er war stark in die zeitgenössische Musikszene eingebunden, was sich auch auf das Orchester auswirkte. Ich habe Gespräche mit der Leitung des Festivals Musica geführt, weil wir die Absicht haben, mit diesem Festival in Zukunft zusammenzuarbeiten. Das wird dann unter einem neuen künstlerischen Leiter stattfinden, von dem wir uns auch wünschen, dass er in Straßburg direkt lebt. Es ist wichtig, dass er seine Verbindungen zu den Institutionen vor Ort verstärkt und direkten Kontakt pflegt.

Wir sprachen über Marc Albrecht, dessen Zeit als künstlerischer Leiter ja ausläuft. Wenn er das OPS dirigiert, ist das zu hören, denn er hat eine eigene Art, die Stücke sehr genau zu analysieren, ist dann aber in seinem Auftritt sehr emotionell.

Ja, man könnte sagen, Marc Albrecht sucht die Emotion in der Genauigkeit und nicht im Pathos. Er sucht immer das Konzept in der Musik, wie es auch zum Beispiel der Geiger Christian Tetzlaff , oder der Pianist Lars Vogt machen. Er entdeckt in den Werken, zum Beispiel den spätromantischen, jene zeitgenössische Komponente, die ihnen zur Zeit ihrer Entstehung eigen war. Das ist nicht immer einfach in der Erarbeitung von Stücken, denn einige Musiker verstehen diese Art des Zugangs nicht.

Es steht ja nicht nur die Bestellung eines neuen künstlerischen Leiters an, sondern es wird auch darüber gesprochen, dass das PMC umgebaut werden soll. Wird das das OPS direkt betreffen?

Oh ja, sehr stark sogar. PMC bedeutet ja „Palais de la musique et des congrès“ – also ein Gebäude für die Musik und für Kongresse. Als es gebaut wurde, stand die Musik im Vordergrund, aber in den letzten Jahren hat sich das hin zu einer stärkeren Kongressnutzung entwickelt. Das bedeutet aber, dass wir mittlerweilen große Schwierigkeiten haben, unsere Proben durchzuführen. Und diese Schwierigkeiten wirken sich bis nach Mulhouse aus, da unser Orchester ja auch die „Filiature“ (Opernhaus von Mulhouse) mitbespielt. Bis jetzt konnten der Direktor in Mulhouse, der Direktor der Oper hier in Straßburg, in der unser Orchester ja auch spielt, und ich diese Herausforderungen meistern. Aber es wird jetzt immer schwieriger. Es wird schon seit langer Zeit über den Neubau der Oper gesprochen, aber hier gibt es noch nichts Konkretes. Das OPS ist jetzt ein Orchester ohne ein eigenes Haus, über das es jederzeit verfügen kann. Deswegen würden wir uns wünschen, dass es zu einem Neubau von einer Konzerthalle käme, in der das OPS seine Proben ungestört abhalten kann –  unter Umständen auf dem Ausstellungsgelände. Büros, die diesem Neubau angeschlossen sind, wären auch sehr sinnvoll. Die Halle sollte eine Mehrzweckhalle sein, die aber auch gleichzeitig als Aufnahmeraum verwendet werden kann. Die Konzerte könnten dann nach wie vor im Salle Erasme stattfinden, der ja 2000 Sitzplätze hat. Aber die Proben könnten in dem kleineren Raum ungestört abgehalten werden, was ja jetzt unser größtes Problem der Koordination mit den Kongressveranstaltern ist.

Haben Sie einen Wunsch für das Orchester, eine Zukunftsvision?

Ja, eigentlich schon. Ich würde mir so etwas wie eine Partnerschaft mit einem anderen europäischen Orchester wünschen. Ich könnte mir vorstellen, dass es zu einem gegenseitigen Austausch kommt. Zu einem Austausch unserer Solisten, aber auch der Dirigenten. Es wäre möglich, dass unser Orchester einmal für zwei oder drei Wochen in der Partnerstadt arbeitet und auch umgekehrt. Es ist ja sehr spannend, welche kulturellen Unterschiede es gibt. Alleine, wenn man daran denkt, dass die Bassisten in Deutschland den Bogen anders halten als in Frankreich! Oder auch die Arbeitszeiten der Orchester, die gänzlich unterschiedlich sind und einen anderen Arbeitsrhythmus vorgeben.  Es könnte hier zu einem gegenseitigen Austausch des Programms kommen. Man könnte auch die Schüler der Konservatorien gegenseitig austauschen und ihnen die Erfahrung des anderen Landes zuteil werden lassen. Unter Umständen wäre Dresden eine gute Wahl. Aber ich wünsche mir vor allem, dass das OPS einen künstlerischen Leiter bekommt, mit dem es wahrhaft Eins wird.

Was ist Ihrer Meinung nach das Highlight dieser Saison ?

Das sind die Gurrelieder die nicht nur in Straßburg, sondern auch danach in Paris, im Saal Pleyel gespielt werden. Sie sind ein ganz wichtiger Moment für das Orchester, aber auch für Marc Albrecht selbst. Sie stellen ein Verbindungsglied in der Musik dar, aber noch mehr. Sie fungieren auch als Verbindungsglied des Orchesters zwischen Marc Albrecht und seinem Nachfolger.

Ich danke Ihnen sehr herzlich für das interessante Gespräch!

Datum der Veröffentlichung: 03 November 2010
Verfasser: Michaela Preiner
In folgenden Kategorien veröffentlicht: Melange

Schlagwörter: Interview, Marc Albrecht, OPS, Orchestre Philharmonique Strasbourg, Patrick Minard, Philharmonisches Orchester Straßburg

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