Der bahnfahrende Mensch

Bahngleise

Bereits im letzten, verlinkten, Beitrag ging es um Bahnreisen, nun möchte ich meine eigenen Beobachtungen zum besten geben.
Beobachtungen, die ich in vielen Stunden im Fernverkehr – vor allem auf der Strecke Münster-Freiburg – gemacht habe.
Bei diesen Fahrten ist mir aufgefallen, dass der “Bahnreisende an sich” in verschiedenen Formen auftritt, die man durchaus kategorisieren kann. Die Liste ist nicht abschließend und manchmal sind die Übergänge fließend, doch haben sich Vorkommen in dieser Art gehäuft bestätigt:

  1. Herrenreisegruppe A
    Diese Herren mittleren Alters zeichnen sich häufig durch rote Gesichtshaut aus. Nach der letzten Rasur für ein ganzes Wochenende wird bereits früh morgens damit begonnen, im Rudel Premium-Pilsener aus der 0,5l Dose zu trinken. Rasierwasser, Haargel, schwarze Jacken, Blue-Jeans, “City-Hemd”. Ziel der Reise ist häufig Düsseldorf. Auf der Hinreise sind diese Reisenden angenehmer als auf der Rückreise, da auf dieser lautstark, mit gelegentlich verwaschener Sprache über die Abenteuer der Reise gesprochen wird.
  2. Herrenreisegruppe B
    Eigentlich die jüngere Ausgabe der Herrenreisegruppe B. Es handelt sich bei diesen Reisenden häufig um Mitglieder eines Sportvereins – Fußball in den meisten Fällen. Auffällig ist hier im Vergleich zur Reisegruppe A der spärlichere Bartwuchs, der höhere Einsatz von Haargel und billigem Deo sowie die häufig einheitliche Sportoberbekleidung. Diese Reisenden beschallen sich gelegentlich mit geschmackloser Diskomusik aus Mobiltelefonen, tragbaren Computern oder ähnlichen Geräten, mancherorts auch mit angeschlossenen Lautsprechern. Bei diesen Reisenden ist die Vielfalt der Getränke größer. Koffein in hoher Konzentration trägt dazu bei, das ganze Abteil noch kreativer Unterhalten zu können. Der Rudelälteste, oft ein abgestelltes Mitglied der Herrenreisegruppe A als Übungsleiter, verfällt Angesichts des Verhaltens wahlweise in das gleiche Muster, dass er noch aus seiner Jugendzeit kennt oder resigniert, da ihm die Jugend seine Rudelführung abspenstig gemacht hat.
  3. Damenreisegruppe A
    Besonders gefürchtet ist die Damenreisegruppe A, besonders die Unterspezies “Kegelclub”. Da Bier nur in gemischter Form geschätzt wird, setzt man hier – auch angesichts des Problems adäquater Toiletten – auf Alkohol in höherer Konzentration. Das berüchtigte “Pikkolöchen” oder Glasfläschchen süßesten Likörs mit Fruchtaroma werden feierlich gelupft, um Mut und Kraft für die zu erwartenden Abenteuer zu tanken. Gelegentlich kreuzen sich die Wege dieser Gruppe mit denen der Herrenreisegruppe A. Eigens dafür wurden von privaten Anbietern “Partyzüge” als Reservat eingerichtet.
  4. Der Nerd
    Dieser blasse, meist allein, höchstens zu dritt reisende Zeitgenosse teilt sich seiner Umwelt nur dadurch mit, dass er über die Serien, die er auf seinem Laptop sieht, schmunzelt. Wenn man nicht gezwungen ist, ständig auf den Bildschirm zu sehen, durchaus ein erträglicher Mitreisender.
  5. Der Geschäftsmann A
    Für ihn ist Reisezeit gleich Arbeitszeit. Still und emsig arbeitet er auf seinem Thinkpad an E-Mails und Excel-Tabellen. Er hat wenig Gepäck, findet seinen reservierten Sitzplatz zügig, stellt keine dummen Fragen und ist auch sonst recht angenehm. Ausnahme sind jedoch Verteilungskämpfe um die zwischen den Sitzen angebrachte Steckdose; hier wird er unerbittlich.
    Gelegentlich nutzen diese Reisenden eine spezielle Sichtschutzfolie, um die wichtigen Geschäftsgeheimnisse nicht neugierigen Blicken preiszugeben. Ebenso häufig ist leider das per Smartphone eingerichtete Netzwerk passwortgeschützt.
  6. Der Geschäftsmann B
    Im Gegensatz zum Geschäftsmann A ist er extrovertierter. Es wird gesteigerter Wert darauf gelegt, die Mitreisenden an der Arbeit teilhaben zu lassen. Dazu greift er vor allem auf lautstarke Telefongespräche zurück, in denen dem Gesprächspartner deutliche Anweisungen erteilt. Zu diesen Gesprächen zieht er sich auch gerne in den ausgewiesenen Ruhebereich zurück, um anschließend ähnliche Kämpfe zu führen wie der Geschäftsmann A beim Thema Steckdosennutzung.
  7. Die Geschäftsfrau A
    Groß sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht. Die erfolgreiche Geschäftsfrau schafft es allerdings, in ihrer großen Reisenthel-Tasche ein MacBook Pro zu verstauen und telefoniert und tippt gleichzeitig. In Sachen Multitasking ist diese Spezies unerreicht. Sie schafft es gelegentlich auch, gleich mehrere Reihen Mitreisender zu nerven.
  8. Reiseamateur gehobenen Alters
    Wenn man in einem gewissen Alter von den Nachfahren gezwungen wird, die Urlaubsreisen mit der Bahn zu erledigen, werden dieser Spezies die Schwächen bewusst, die die ausschließliche Nutzung des Autos für berufliche Zwecke und Erholungsreisen verursacht hat. Unsicherheit über Verortung des reservierten Sitzplatzes, Bedeutung der verschiedenen Formulare, die die Kinder oder das Reisezentrum im Umschlag gebündelt mitgegeben hat, Probleme mit dem für Bahnfahrten ungünstig großen Koffer und vieles mehr.
    Helfende Hände beim Verstauen des Gepäcks werden oft mit den Worten “Nein, lassen sie, ich bekomme den in Koblenz (gerne auch Mainz, Mannheim oder  Karlsruhe) nicht wieder herunter”. Erst wenn man versichert, dann noch anwesend und ungebremst hilfsbereit zu sein, darf man die circa 60 Kilo auf die viel zu schmale Ablage wuchten – oder besser zwischen zwei Sitzreihen* verstauen (* nur im IC / EC). Beim Verladen des Gepäcks durch Hilfspersonen, insbesondere beim Ein- und Aussteigen aus dem Zug am Zielbahnhof wird penibel darauf geachtet, dass die Hilfsperson sachgerecht mit dem Gepäckstück umgeht. Das Tragen eines Trolleys am Griff, der für das Ziehen gedacht ist, wird mit scharfer Stimme kritisiert.
    Die erfreute Reaktion dieser Reisegruppe, wenn der IC oder EC an der Rheinstrecke   die Loreley umfährt, entschädigt für alles Ungemach.
  9. Gelegenheitsreisender “Tennis”
    Ich kann nicht genau ergründen, warum ich diesen, eng mit Gruppe 8 verwandten Typus mit der Sportart Tennis assoziiere. Es ginge auch “BMW-Cabrio”, “Golf” oder “Sylt”. Für diese Typen ist eine Bahnreise in der zweiten Klasse ein Ungemach. Glücklicherweise treffen sie dann aber immer auf einen Artverwandten, mit dem sie sich darüber austauschen können. Auffallend ist dabei, wie offen Familienverhältnisse, wirtschaftliche Situation und medizinischer Status preisgegeben werden, um kurz danach die Auffassungen über Politik im Allgemeinen und Verkehrs- und Umweltpolitik im Besonderen auszutauschen. Die Standpunkte sind innerhalb dieser Gruppe häufig deckungsgleich.
    Interessant ist auch das zu beobachtende Verhalten, das bereits kurz nach Fahrtantritt per Mobiltelefon die Verwandt-/Bekanntschaft am Zielort über die Abfahrt des Zuges in Kenntnis gesetzt wird. Ursache dafür mag sein, dass man mit der Bedienung des iPhones der vor-vorletzten Generation etwas überfordert ist und dies halt seine Zeit in Anspruch nimmt.
  10. Ich.

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