Déjà vu mit Fahrrad

Gehört einem weiter, was man verliert? Was bleibt von verlorenen Dingen? Warum fällt es so schwer, sich von Objekten zu trennen und warum kaufen wir immer neue Dinge nach?

Stefan Wipplinger stellt in seinem ersten abendfüllenden Stück „Hose Fahrrad Frau“, bis 22. November im Volx/Margareten Fragen, die den Zeitgeist einer Generation auf den Punkt bringen.

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Escalator to heaven

Das einzige Ausstattungsstück auf der Bühne ist ein Fließband. Es liefert die Schauspieler, die sich roboterartig zu einem kleinen Walzer (Bernhard Eder) bewegen und ihrem täglichen Leben nachgehen. Es ist je nach Bedarf Bett, Bar, Tisch oder Lieferant für alles, was das Herz begehrt: Fahrrad, Frau, Hose, Gebärmutter. Was immer gebraucht wird – das Fließband liefert.

In episodischen Szenen treten Personen auf, die danach streben, ihre emotionalen Löcher auf die unterschiedlichsten Arten zu stopfen. Sie sind auf der Suche. Auf der Suche nach Geborgenheit, Heimat, Vergnügen, Bestätigung, Freiheit und Liebe.

Michaela (Alina Ilonka Hagenschulte) will um jeden Preis ein Kind, kann aber keines bekommen, was sie sich nicht verzeihen kann. Trotzdem lässt sie sich von ihrem Plan nicht abbringen. Ihr Mann „Kleidermessy“ Alf (Lennart Lemster) kann sich von nichts trennen, auch nicht von dem Gedanken, ein Kind zu zeugen. Adoption ist für ihn keine Option, weshalb Michaela vorschlägt, ihre Freundin Janne (Caroline Knab) um eine Leihmutterschaft zu bitten. Nach dem Motto: Wenn man keine funktionierende Gebärmutter hat, kann man sich ja eine leihen.

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Die quirlige Janne hat hingegen ganz andere Pläne. Sie möchte mit Tom (Manuel Ossenkopf) ihre Wohnung tauschen. Anstatt tatsächlich in die neue Wohnung zu ziehen, verbringt sie aber die Zeit lieber in ihrer alten Wohnung – gemeinsam mit Tom, der ihr rasch ergeben ist. Um herauszufinden, ob die Sache mit der Leihmutterschaft etwas für sie wäre, schläft Janne doch mit Alf. Auf dem Allzweckfließband, versteht sich.

Ein weiteres Viererpaar besteht aus einem Bruder (Enrique Fiß), der mit seinem Freund (Markus Bernard Börger) seine Schwester (Gudrun Tielsch, Gast des Volkstheaters) sucht, um sie aus dem Besitz ihres jetzigen Ehemanns (Günther Wiederschwinger, Ensemblemitglied Volkstheater) zu befreien.

Planlosigkeit, ob all der Möglichkeiten

Die Personen versuchen ihr Leben zu planen und durch das Anhäufen von sichtbaren Dingen ihre unsichtbaren Unsicherheiten zu verstecken. Im Handumdrehen spielen sie dann wieder mit dem Gedanken, alles hinzuwerfen. Was sie haben, das wollen sie nicht und was sie wollen, das können sie nicht haben.

„Ihr Antrieb ist Verlorenheit“, so Wipplinger. Der junge, oberösterreichische Autor möchte die Probleme der Generation der 20- bis 30-Jährigen nicht einfach als „Luxusprobleme“ abtun, denn für die Betroffenen sind sie real und erdrückend. „Hose Fahrrad Frau“wurde 2015 zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen.

„Dinge sind, wie sie sind. Sie sind genügsam und nicht nachtragend.“

Sie füllen unsere Wohnungen, bereiten uns Freude, belohnen und unterhalten uns. Sie sind immer da, wenn sie gebraucht werden. Vor allem Alf flüchtet sich in die falsche Geborgenheit materieller Gegenstände. In einem Monolog Alfs werden die Grenzen zwischen besitzen und besessen sein überschritten. Besonders augenscheinlich wird dies dadurch, dass alle Gegenstände, die während des Stücks gebraucht werden, ausschließlich durch das Ensemble imitiert werden. Ob Fahrrad, Toilette oder Hose mit Model-Attitüde – den Dingen wird so viel Bedeutung beigemessen, dass sie fast schon lebendig sind.

„Ich behalte nur was ich brauche, dich brauche ich nicht.“

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Nur einer fällt nicht in den mechanischen Robotertanz mit ein. Obwohl ihn alle für obdachlos halten, ist er doch eigentlich ein reicher Besitzloser. Der sogenannte Penner im Federmantel (Stefan Suske, Ensemblemitglied Volkstheater) fungiert als weiser Narr und gutes Gewissen, das das Verhalten der Darsteller hinterfragt. Als seine Möbel anfingen, mit ihm zu sprechen, ihn zu bedrängen und zu bedrohen, trennte er sich von allem Materiellen. Nun genügt ihm ein Schlafplatz und etwas zu essen. Für ihn ist ausschließlich Schlafen lebenserhaltend und wichtig. „Alles andere ist Beschäftigung.“

Das minimalistische Bühnenbild von Thea Hoffmann-Axthelm (ebenso Kostüme) bleibt über alle Episoden hinweg konstant, nur durch das Fließband ausgestattet. Es dient zum Auf- und Abgang von der Bühne und als Allzweckmöbel. Erst in der letzten Szene, die viel Raum zur Interpretation lässt, werden die Schauspieler und Schauspielerinnen durch tatsächliche Möbel ersetzt. Die Kostüme sind sportliche Alltagskleidung und, wie das Bühnenbild, in Schwarz-Weiß gehalten. Nur der freigeistige Penner trägt einen auffälligen Federmantel mit roter Mütze und rotem Band. Die Produktion unter der Regie von Holle Münster (Prinzip Gonzo) ist eine Koproduktion des Max Reinhardt Seminars mit dem Volkstheater, wobei sich das harmonische Ensemble sowohl aus Studierenden im 3. und 4. Jahr, als auch Mitgliedern des Volkstheaters zusammensetzt. Holle Münster erhielt 2014 von der Zeitschrift Theater heute und 2015 vom Online Journal Nachtkritik Auszeichnungen für ihre Arbeiten.

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Münster, ebenfalls Absolventin des Max Reinhardt Seminars, versteht es, philosophische Überlegungen mit amüsanten Wortgefechten im leicht frankophil-cineastischem Stil zu einem kurzweiligen Theatererlebnis zu machen. Die jungen Talente des Max Reinhardt Seminars bewiesen neben den anerkannten Volkstheatermitgliedern nicht nur Ausdrucksstärke, sondern auch höchste Professionalität. Diese Inszenierung sollte man sich nicht entgehen lassen.

Weitere Infos und Termine auf der Homepage des Volkstheaters.


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