Deichkind: Geniale Lieferanten

Deichkind: Geniale LieferantenDeichkind
Schwabenhalle, Augsburg, 18. Februar 2020
Auch wenn es unfreiwillig komisch war – eine Richtigstellung ist schon angebracht: Auf der Autobahnabfahrt zum Augsburger Messegelände war vor Konzertbeginn noch der warnende Hinweis vermerkt: „Deichkind – Staugefahr!“ Das kann man so nicht stehenlassen, denn wenn die multitalentierten Chaoten aus Hamburg etwas tunlichst zu vermeiden wissen, dann ist das jedwede Art von Gefühlsstau. Keiner anderen deutschen Band gelingt es (und dies schon seit knapp zwanzig Jahren) so gut, ihr Publikum von der Notwendigkeit vollkommener körperlicher und geistiger Hingabe zu überzeugen. Und man weiß das auch erst dann wirklich zu schätzen – gelungene Tonträger hin oder her – hat man Deichkind wenigstens einmal live bei der Arbeit erlebt. Schon die Mischung des Publikums ist beachtlich, Partygranaten und Feierbiester treffen auf nerdige Rap-Hipster, vollbärtige Dadrocker moschen mit durchgeknallten Karnevalisten, das verliebte Pärchen knutscht enthemmt unter umherfliegenden Bierbechern und über allem wabert der süßlich Duft sorgsam gedrehter Kräutervielfalt, es könnte bunter nicht sein.

In einem Interview haben die Herren kürzlich erzählt, dass sie zwar die Verschiedenartigkeit ihres Anhangs zu schätzen wissen, diesen aber gern jederzeit und völlig gewissenlos in Mithaftung nehmen, wenn es um Dinge geht, die ihrer Meinung nach wichtig und unerläßlich sind. Subversiv ist das nun nicht mehr, eher frei heraus, und so gibt es zu brachialer Bassmucke gepflegtes Nazibashing, sehr viele kluge Reime über die Dumpf- und Stumpfheit spießbürgerlicher Gemütlichkeit und Doppelmoral, darf man sich im Vorprogramm den Partisanenklassiker (noch immer sehr en vogue) in der Originalversion anschauen und auch der unvermeidliche Lars Eidinger gibt sich in einem Video-Intro als performatives Medium die Ehre. Soll heißen: Lass die Sau raus, folge deinen Instikten, aber bitteschön zu unseren Bedingungen. Wohlwollende Nötigung nennt man das wohl, nie war sie wichtiger als heute und nirgends sonst macht sie so viel Spaß. Denn so wie Deichkind musikalisch nicht nur einem bestimmten Genre folgen, sondern genüßlich alle Stile mischen, die ihnen in den Kram passen, so treten sie auch auf der Bühne nicht nur als Band, sondern in vielerlei mehr Gestalt auf: Hip-Hop-Kolchose, Improtheater, Ballettensemble, das Faß rollt raus, der Donut kreiselt, es geht ans „Limit“.
Deichkind: Geniale Lieferanten
Sie nehmen ja auch gern mal die eine oder andere hohle Phrase auf’s Korn, doch diese hier passt zu gut: Die Erwartungen waren nach dem furiosen Album „Wer sagt denn das?“ sicher nicht eben klein, aber Deichkind machen, was man sich erhofft hatte – sie liefern. Und zwar vollumfänglich: Dreißig Songs in zweieinhalb Stunden, die neuen gehen (was nicht bei allen Künstlern selbstverständlich ist) durch die Decke, die anderen hinterher. Selbst ganz alte Sachen wie „Bon Voyage“ und der lässige Mitgröler „Komm schon!“ sind auf der Liste, während die Halle dampft und kocht, gibt’s Umbaupausen und Kostümwechsel in Rekordgeschwindigkeit. Und ganz ehrlich: Wer einen Track wie „Knallbonbon“ so auf die Bretter gezaubert bekommt, dem kann wirklich keiner was! Da oben herrscht derweil Hochbetrieb, die Kulissen formieren sich minütlich neu, Ästhetik ist alles und funktioniert bis ins kleinste Detail. Nach reichlich Bierkontext dann das letzte Bühnenbild: Vor dem Emoji-Scheißhaufen in Übergröße schwingt der Wrecking Ball, dazu tanzt der aufgekratzte Haufen eine Polonaise zu den Klängen von Creams „White Room“. Weird. Und Fakt: Das verdammte Deutschland hat zur Zeit nichts Vergleichbares zu bieten.
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