Das Verwechseln von Erwachen und moralischer Reinheit

"Es geht im Leben nicht um den Tod oder das Leiden. Sondern alleine um die Moral. Nur um die eigene natürlich! Am Ende geht es nicht um Trauer oder Glück. Sondern um richtig oder falsch. Am Ende stehen wir alleine da vor unserem Gewissen. Auf der Leiter, die Jakob in der Bibel im Traum sieht, bin ich deshalb immer nur nach oben gegangen: Es gab Niederlagen, einige sogar. Aber ich habe - in guten wie in schlechten Zeiten - immer meiner eigenen Moral standgehalten. Das Leid vergeht. Das Gewissen? Bleibt." 
( Die kürzlich verstorbene Jeanne Moreau laut SZ.de)
Im Forum "Buddhaland" wird gerade die Fundamentalkritik des Unbuddhisten diskutiert. Seit Jahren versucht er ja seinen Standpunkt in immer neuen Formulierungen verständlich zu machen (ein Schicksal, das ich gewissermaßen mit ihm teile), und diesmal hat er ihn auf folgende Thesen kondensiert: Der Dharma sei nicht rein, es gebe im Laufe der Übertragung über die Jahrtausende einen Übersetzungsprozess, der es uns kaum möglich mache noch zu wissen, was einst oder im Osten überhaupt damit gemeint war, und die Prämisse der Erleuchtung von Meistern, die diese "Wahrheit" erfasst hätten, würde dazu beitragen, dass diese sexuell übergriffig werden könnten. In einem späteren Beitrag ergänzt der Unbuddhist noch: "Eine Erleuchtung die ich behaupten muss, ohne sie in irgendeiner Form belegen zu können, kann nicht Teil eines 'schlüssigen Gedankensystems' sein"
Bei einem der ersten Kontakte mit Matthias, dem Unbuddhisten, sprach er z.B. vom Chaos als einem kennzeichnenden Element unseres Lebens, und ich stimmte ihm zu. Im Laufe der Zeit bemerkte ich jedoch, dass auch er nicht umhin konnte, bestimmte Grundannahmen des Buddhismus als gegeben zu setzen, damit seine Kritik Sinn macht, so etwa - das dem Chaos ja quasi entgegengeetzte - Prinzip des bedingten Entstehens (pratitya samutpada). Hier sehe ich das erste Problem, da der Blick auf das, was Buddhismus ausmacht (ob es nun eine "Wahrheit" ist oder nicht) einseitig auf den des unerwachten Schülers verengt wird, der genau wie andere im Forum (einer fragt: Kann man denn die vier edlen Wahrheiten erneuern?) den Glauben an bestimmte Wahrheiten, Wege, Lehren noch nicht als bloß "geschickte Mittel" (upaya) erkannt hat. So ist es nämlich nach einer anderen Lesart, in der nach dem Erwachen bzw. einer entscheidenden Erkenntnis Wahrheiten keine Wahrheiten mehr sind, Dogmen sich erledigt haben und tatsächlich dem Chaos ein ebensolches Existenzrecht gebührt wie dem bedingten Entstehen oder dem Karma, nämlich das einer vorübergehenden Idee, die in sich das Kennzeichen von Leerheit (shunyata) trägt - und auch dies ist nur der Versuch einer verbalen Annäherung. Einige im Forum merken natürlich nicht, dass sie in diesen Dogmen gefangen sind ("Die Grundwerte Ethik, Meditation und Weisheit sind universal" meint da jemand, ohne zu verstehen, dass man sich schon bei der Definition dieser Begriffe überwerfen kann, ihre Universalität also nicht gegeben ist). Vor Kurzem noch meinte die ansonsten kritische Tychiades sogar, man habe sich eben an den Dharma als Instanz zu halten (statt an fehlerhafte Menschen), so als wäre man sich auch nur darüber einig, was das ist.
Wenn ich hin und wieder auf die Ursprünge des Chan hinweise, dann nicht, um einen "reinen" Buddhismus oder reines Zen zu (er)finden , sondern um den hierzulande meist einseitig von Dôgen-Lektüre oder von - in der Regel selbst ernannten - Rinzai-Lehrern verwirrten Suchenden die große Bandbreite des Zen mit seinen ursprünglich revolutionären und eine eigenständige (buddhistische?) Schule begründenden Geistern nahe zu bringen. In den kommenden Monaten werde ich hier ein paar weniger bekannte Lehrer vorstellen, deren Texte sich oft in englischsprachigen akademischen Arbeiten verstecken. Einen reinen Dharma jedoch muss ich nicht behaupten, im Gegenteil ist dieser Blog eine Fundgrube von "Unreinheiten", und diese sind eines der Kennzeichen schon des frühen Chan. 
Auch Erleuchtung muss nicht, darf aber behauptet werden, wie uns zahlreiche Koan-Sammlungen und Zitate von Meistern zeigen. Hier macht der Unbuddhist den gleichen Fehler wie Kobun Chino, als der junge Steve Jobs bei ihm anklopfte und meinte, er sei erleuchtet, und Kobun von ihm einen Beweis verlangte. Ich schrieb Kobuns angeblichem Dharma-Nachfolger Vanja Palmers nach einigem Hin und Her, bei dem er wiederholt nach meinen Motiven für meine Recherche fragte, dass ich Kobun nicht für erwacht halte (und dies ist ein Grund dafür), woraufhin Vanja den Schriftverkehr mit mir einstellte. Tatsächlich ist die Erleuchtung des Meisters, von dem sich jemand herleitet, für dessen eigenes Selbstbild in der Regel von Bedeutung. Ich glaube jedoch, dass für denjenigen, der tatsäclich von seinem "Erwachen" überzeugt ist, also einen wie der Buddha selbst, oder der ggf. ganz traditionell "bestätigt" wurde, diese Ansicht von anderen von geringer Bedeutung ist. Darum muss Erleuchtung auch nicht behauptet werden, kann aber. Darum muss sie auch nicht belegt werden (das ist eine Forderung von denen, die Deutungshoheit haben wollen - wie Kobun Chino - oder letztlich eben doch nach Gewissheiten im Buddhismus suchen), und sie muss im Zen auch nicht "Teil eines schlüssigen Gedankensystems" sein, da - wie ich oben schon sagte - m.E. Erwachen im Zen nicht alles erklärt, sondern gerade auch die Akzeptanz des Unschlüssigen beinhaltet. Mit anderen Worten sind gerade diejenigen Meister mit Vorsicht zu genießen, die behaupten, sie hätten mit dem Erwachen auf alles eine richtige Antwort gefunden.
Schauen wir uns nun genauer an, ob der Wunsch des Unbuddhisten, Erleuchtung möge Belege zur Folge haben, irgendwie erfüllbar ist. Schon befinden wir uns wieder in der gleichen Zwickmühle wie jener User, der meint, über Ethik und Weisheit könne man "universal" Einigkeit erzielen. Eine - nennen wir es mal vorsichtig - Lebensphilosophie wie das Zen, die Regelübertretungen im Kern ihrer "Heilslehre" (jenseits von Schriften usw.) ausdrücklich erlaubt, kann nicht andererseits wieder aufgrund von Dogmen widerlegt werden. Man muss nur einmal genau darauf achten, welche Spießer das auch in Foren immer wieder tun, es sind garantiert diejenigen, die auf Formalitäten herumreiten, organisierten Strukturen angehören und/oder im wesentlichen ein angepasstes Leben führen und damit beschäftigt sind, "was das so mit einem macht". 
Im Grunde ist man jedoch weithin so tolerant, dass auch Erwachte im Zen Geld, Luxusgüter und Fleisch auf der Pizza haben dürfen, denn wer mit Maßstäben etwa des Vinaya (Ordiniertenkodex) nach Lehrern sucht, wird kaum fündig werden. Die Frage, die sich - vor allem einem selbst - stellt, ist doch die, ob man von all den angenehmen Dingen auch lassen kann, also wie frei man im Umgang damit ist. Bei Besitz und Genussartikeln wird gerne darüber hinweggesehen, bei den vom Unbuddhisten gern aufgegriffenen Sexskandalen jedoch wird per se angenommen, dass diejenigen, die illegalen Sex oder legalen mit ihren Schülerinnen suchen, nicht davon lassen könnten. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass der materielle Luxus sich oft hinter den drei akzeptierten Grundbedürfnissen nach Nahrung, Wohnung und Kleidung verbirgt und der nächste Punkt auf der bekannten Bedürfnispyramide, die Sexualität, bei den Bürgern westlicher Sozialstaaten - die fast alle ein Dach überm Kopf, genug zu essen und zum Anziehen haben - den relativ größten Frust auslöst und entsprechend auch die größte Nervösität und den größten Neid. Die meisten haben nicht genug Sex oder nicht den, den sie sich wünschen. Das gilt für Buddhisten wie für Nicht-Buddhisten. Darum gehen auch die Leserzahlen bei derartigen Themen stets hoch, dieser Konflikt ist in vielen unbewältigt. Ob das bei allen in dieser Hinsicht kritisierten Zen-Lehrern so ist, bleibt die Frage, und sie ist oft ebenso wenig zu klären wie die, ob man dem Lehrer überhaupt ein Erwachen unterstellen kann. Ich habe gelegentlich darauf hingewiesen, wie Shimano und Sasaki mit den Vorwürfen umgingen und dass man daraus eine gewisse Reife ableiten kann, andere hingegen entdeckten darin nur einen weiteren Beweis von deren Soziopathie. Man sieht eben gern, was man sehen will.
Was also könnten realistische Erwartungen ans "Erwachen" - und dann an einen "Erwachten"  - sein?
- Erwachen verändert den Blick aufs Leben und die Welt, deren "Leerheit" individuell tief empfunden wird, was mit einem Gefühl "universaler" Verbundenheit einhergeht. Ich bezeichne das gern als "Schlüsserlebnis", das sich in verschiedener Intensität wiederholen kann. Im Zen heißt es allgemeinhin "satori" oder "kenshô".
Die meisten (aber nicht alle) Menschen, die solche Erlebnisse haben, suchen nach Bestätigung durch einen "Meister", einige "Meister" sind der Meinung, dass ohne ihre Bestätigung keine "Dharma-Nachfolge" und dergleichen behauptet werden könne. Nach meiner persönlichen Erfahrung finden sich viele Menschen außerhalb jedes buddhistischen Kontextes, die vergleichbare Schlüsselerlebnisse hatten, etwa Menschen, die dem Tode nahekamen (Soldaten, Kranke usw.) oder besonders tief an etwas gelitten haben ("ins Bodenlose fielen"). Der "Kontext" des Zen kann m.E. helfen, diese Erfahrungen fruchtbar zu machen, da andererseits auch eine Tendenz zum Nihilismus oder reinen Existenialismus lauert.
- Die wesentliche zu erwartende Konsequenz aus der o.g. Einsicht (die natürlich im objektiven Sinn ein Irrtum sein kann und nur jeweils subjektiv als "Wahrheit" daherkommt) ist die Fähigkeit, loslassen zu können, die sich m.E. auf natürliche Weise ergibt, aber auch konkret eingeübt werden kann. Losgelassen werden etwa Beziehungen, Besitz, Ansichten. 
Dennoch kann man um eine Beziehung "kämpfen", man kann Besitz "verteidigen" und Ansichten "vertreten". Obwohl es aber auch dem Erwachten unmöglich ist, bestimmte Formen des Leides sicher auszuschalten (etwa Körperliches oder den Verlust von geschätzten Menschen), findet er eine gleichmütigere und gelassenere Einstellung zu diesen Vorgängen als man sie gemeinhin unter Menschen beobachten kann. Anders ausgedrückt: Der Erwachte hat mehr Wahlmöglichkeiten, er kann tun und auch lassen. Je weniger er lassen kann, desto mehr verstrickt er sich in der Welt und desto weniger wird er seinem "Erwachen" gerecht. Da er jedoch weiterhin die Wahl hat (ja noch mehr als zuvor), kann er in den Augen der Allgemeinheit immer wieder als unangenehm auffallen.
- Wenn ein Erwachter zum Lehrer wird, gibt es niemanden (auch keinen namhaften Meister oder eine etablierte Organisation), der dafür garantieren kann, dass dieser lebenslang auf einem hohen Niveau loslässt, also die weithin gängigen Vorstellungen von großer Empathie ohne Selbstsucht verwirklicht. Das Scheitern auf einem Gebiet bedeutet jedoch nicht automatisch, dass keine tiefe Erkenntnis auf einem anderen Gebiet vorläge. So wie ein profunder Naturwisseschaftler, der sein Fach mit neuen Ideen weiterentwickelte, vielleicht von seiner Frau geschieden wird, weil er sie im Suff geschlagen hat, so kann der Erwachte, der um die Leerheit und Verbundenheit des Lebens weiß, zuweilen so handeln, als seien ihm andere Werte wichtiger. 
Dass vom Erwachten anders als von anderen Fachleuten nicht nur die fachspezifische Erkenntnis (hier der Leere des Daseins und der praktischen Anwendung im Loslassenkönnen) erwartet wird, sondern eine tadellose Lebensführung, ist - wie ich schon oft sagte - nicht nur der Zirkelschluss der vom Unbuddhisten kritisierten "X-Buddhisten", sondern auch der in seinen Kreisen aktiven "Y-Buddhisten" selbst. Er beruht auf dem gleichen Fehler, den Tychiades macht, wenn sie irgendetwas als heilig setzt (wie den "Dharma"), also auf dem Missverständnis, die für Unerwachte gelehrte Doktrin von "edlen Wahrheiten" und "(rechtem) achtfachen Pfad" würde die reine Metapher eines edlen und unfehlbaren Heiligen (Buddha) zur Folge haben. Diese Vorstellung ist zutietst theravadisch, wird aber auch von bekannten öffentlichen Figuren wie dem Dalai Lama und Thich Nhat Hanh und deren Eigendarstellung und Wahrnehmung gestützt (wozu das Verschweigen ihrer "Fehler" gehört). Sie zeigt, wie groß auch in hiesigen Zenkreisen die Verwirrung ist. Ich publiziere demnächst das etwa hundert Jahre alte Werk eines Sôtô-Professors ("Die Religon der Samurai"), der darauf hinweist, wie anders Zen in dieser Hinsicht ist und war, so dass noch einmal deutlich wird, dass es nicht erst einer Idealisierung durch D.T. Suzuki bedurfte, um Zen als eigenständige, originäre und originelle Form der Buddha-Interpretation zu sehen.
Mit anderen Worten ist tatsächlich die sexuelle Umtriebigkeit eines (angeblich, vorgeblich) Erwachten nicht anders zu bewerten als jedweder Mangel an Loslassenkönnen, etwa von Auto, Luxusuhr, Alkohol, teurer Kleidung, Dogmen usw. Und vor allem ist sie nicht anders zu bewerten als die aller anderen (angeblich, vorgeblich) Unerwachten. Genau so macht es idealerweise unsere Justiz. Buddhisten oder Unbuddhisten jedoch, ob sie nun die falschen Ideale postulieren oder kritisieren, haben zumindest nicht verstanden, worum es Zen wesentlich geht, wenn sie von so genannten "Zen-Meistern" etwas anderes erwarten als die Vermittlung einer tiefen Erkenntnis. Diese könnten sie, wenn sie offen dafür bleiben, dann sogar bei dem ein oder anderen moralisch Korrumpierten finden. Das funktioniert nur dann nicht, wenn sie von diesem auch noch moralische Lehren erwarten, die er nicht gegeben hat (was z.B. für Sasaki gilt) und so gleich doppelt zum Opfer ihrer eigenen Projektionen werden. Dass sie diese falschen Erwartungen wiederum haben, könnte damit zu tun haben, dass sie nach wie vor unerwacht sind bzw. nicht einmal die Grundlagen des Zen begriffen haben. Ich glaube nicht, dass Sasaki sich seinerseits mit solchen Erwartungen an seine Schüler/innen plagte.
Um zum obigen Zitat des Unbuddhisten zurückzukommen, verhält es sich also umgekehrt: So lange der Unbuddhist oder sonst wer keine Erleuchtung eines anderen behauptet, muss er von diesem auch keinerlei Beweise dafür einfordern. Ist Shimano in Matthias' Augen unerleuchtet, bedarf es also keines Belegs für dessen Erwachen mehr. Diese Belege zu haben meinen ja in der Regel diejenigen, die den Lehrer als erwacht ansehen. Und die können sich genau so täuschen wie ich, wenn ich jemanden als unerwachtet ansehe. Das Erwachen selbst ist eine intime, persönliche, subjektive Erfahrung, die objektiviert sofort in die Kritik geraten kann und für die es zumindest im Zen keinen allgemeingültigen überprüfbaren Kriterienkatalog gibt (auch mein obiger Versuch ist nur provisorisch). Diesen behaupten dann auch nur diejenigen, die krampfhaft daran festhalten, irgendein Konzept von fünf oder zehn Regeln oder 48 Bodhisattvagelübden könne dies ändern. Doch selbst wenn es kein einziges Gebot, keine einzige sila gäbe, ja, selbst wenn weder Recht noch Ordnung herrschten, würde jemand, der einen anderen etwa unter Ausnutzung seiner Vorschußloorbeeren, mit Lug und Trug in Sex hineinmanipuliert, daraus nur selten etwas für den anderen wirklich Hilfreiches und Schönes machen können - und der andere würde ihn das spüren lassen. Es sind also gwöhnlich nicht die Regeln und Gelübde, die den "guten" Menschen manifestieren, sondern seine empathische Fähigkeit, das Ausmaß, mit dem er das Leiden eines anderen absehen kann. Dies kann keine Regel oder Vorschrift der Welt fassen. Es gibt darum in der Zen-Tradition auch kaum Beispiele, die anhand sexueller Begegnungen verhandeln würden, dass ein Erwachter sich so zu verhalten habe, wie es sich der Unbuddhist oder andere vorstellen (abgesehen von der Abneigung gegen Heimlichtuerei). Thema ist vielmehr, ob der Schüler seine gängigen dualistischen Vorstellungen von dem, was gut und schlecht, was falsch und richtig ist, überwunden hat. Von demjenigen, dem das noch nicht gelungen ist, erwartet man im Zen jedenfalls auch nichts Brauchbareres an ethischen Erkenntnissen als von anderen.


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