"Das unbesiegte und unbesiegbare Wolgograd"


Diese Formulierung enthielt das Kondolenztelegramm, welches der serbische Präsident gestern - nach dem ersten Anschlag in Wolgograd - an seinen rußländischen Amtskollegen sandte. Das ist nicht nur Zuspruch, Aufmunterung und historische Remineszenz, es zeigt auch die Stimmung in Stadt und Land nach den beiden Terrorattacken.
Die Anschläge
Der erste Anschlag ereignete sich am Sonntagmittag um 12.45 Uhr Ortszeit am Haupteingang des Wolgograder Hauptbahnhofs. Wie in vielen öffentlichen Gebäuden in Rußland, so befanden sich auch dort Metalldetektoren und Durchleuchtungsgeräte für das Gepäck. Jeder, der den Bahnhof betreten wollte, mußte diese Schleuse passieren. Der Attentäter wollte die Kontrolle offenbar umgehen und sich vorbeidrängeln, hinein in das Innere des Bahnhofsgebäudes. Dabei stellte sich ihm ein 29-jähriger Polizeibeamter in den Weg, so daß sich der Attentäter sofort auf den Weg in das ihm verheißene Paradies machen mußte. Leider hat er dabei viele Menschen mitgenommen: 17 Tote und 45 Verletzte.
Vielleicht muß man dabei sogar von Glück sprechen, denn eine Explosion in einem der beiden Hauptsäle das Bahnhofs wäre noch weitaus verheerender gewesen. Zum Zeitpunkt des Anschlags befanden sich dort mehrere hundert Menschen, die u.a. auf drei Fernzüge warteten. Wegen starken Nebels war der Wolgograder Flughafen während der letzten Tage immer wieder geschlossen worden. Deshalb hatten sich viele Menschen, die in die bevorstehenden Neujahrsferien reisen wollten, für eine Fahrt mit der Eisenbahn entschieden. Somit war der Bahnhof überdurchschnittlich gut besucht. Mitten im gefüllten Wartesaal hätten die 10 kg TNT-Äquivalent der am Körper getragenen Bombe höchstwahrscheinlich erheblich mehr Opfer gefordert.
(Es ist übrigens nicht das erste Mal, daß ein Selbtmordattentäter seine Sprengladung vor einer Metalldetektorkontrolle gezündet hat. Solche sinnvollen Einrichtungen führen naturgemäß manchmal zu Stauungen, so daß der Terrorist doch noch eine größere Anzahl anderer Menschen mit in den Tod nehmen kann. Hier werden sich die Sicherheitsexperten Wege überlegen müssen, die Kontrollstellen zu entwirren und eine eventuelle Explosion auf einen möglichst kleinen Raum zu begrenzen.)
Daß es nicht nur den einen Selbstmörder gab, war schon gestern Abend zu erahnen, nachdem im demolierten Bahnhofsgebäude eine nicht explodierte Splitterhandgranate gefunden worden war. Warum der zweite Attentäter bis zum heutigen Morgen gewartet und nicht schon gestern zugeschlagen hat, um ebenfalls in sein Paradies zu reisen, wird wohl nur Allah wissen.
Heute morgen um 8.25 Uhr, mitten im Berufsverkehr am (vor-)letzten Arbeitstag des Jahres, hat er jedenfalls 4 kg TNT-Äquivalent in einem vollbesetzten Oberleitungsbus der Linie 15 in der Katschinzew-Straße zur Explosion gebracht. Dadurch starben 14 Menschen, 28 Verletzte wurden in die Wolgograder Krankenhäuser verbracht. Nahe der Route des Trolleybusses befindet sich übrigens eines der Spitäler, in dem viele der gestern verletzten Menschen behandelt werden. Ob der Terrorist eigentlich dorthin wollte? 
Das war übrigens der dritte Bombenanschlag, der sich binnen weniger Monate in Wolgograd ereignet hat. Bereits am 21. Oktober hatte sich dort eine Attentäterin in einem Bus in die Luft gesprengt und sieben Menschen mit in den Tod gerissen.
Die Reaktionen
Gestern nachmittag liefen dann die Anti-Terror-Pläne ab wie ein präzises Uhrwerk. Die Verletzten wurden binnen kurzer Zeit in die Krankenhäuser gebracht, das Katastrophenschutzministerium schickte von seinem Zentralen Rettungsdienst in Moskau medizinischen Personal, Psychologen und Ausrüstung per Flugzeug nach Wolgograd, um die örtlichen Hilfskräfte, insbesondere in den Kliniken, zu unterstützen. Einige der transportfähigen Schwerverletzten (dem Anschein nach mit Brandwunden) wurden zwischenzeitlich in Spezialkliniken nach Moskau und Petersburg geflogen. Im Laufe des heutigen Tages, nach dem zweiten Attentat, wurden ein Feldlazarett und weiteres Personal und Material in die Stadt an der Wolga eingeflogen, um die Behandlungskapazitäten zu erweitern.
Für die Verletzten und die Hinterbliebenen der Toten haben Regional- und Föderationsregierung Hilfsgelder bereitgestellt. Unterdessen sind auch die Aufräumarbeiten vorangeschritten. Der Bahnhof, auf den tagtäglich tausende Menschen angewiesen sind, war heute schon wieder benutzbar. (Obwohl die letzte umfangreiche Rekonstruktion des Baudenkmals erst wenige Jahre zurückliegt, wird die nächste im Frühjahr beginnen müssen.) Die Buslinie, welcher der heutige Anschlag galt, wird ab morgen früh wieder nach Fahrplan verkehren. Die über eine Million Einwohner will schließlich transportiert werden.
Besonders bemerkenswert war und ist die Reaktion der Bürger Wolgograds. Obwohl deutsche Zeitungen - die Toten sind noch nicht unter der Erde! - ätzten, die Rußländische Föderation sei ein verfallener Koloß auf tönernen Füßen und die Anschläge würden Präsident Putin lediglich als Vorwand dienen, zeigte sich in der betroffenen Stadt ein gänzlich anderes Bild, was nicht zum Mythos von den egoistischen Russen und ihrer zerfallenden Gesellschaft passen will.
Bereits am Sonntag waren spontan hunderte Bürger zum Hauptbahnhof geeilt und halfen bei der Bergung der Verletzten. Taxifahrer brachten Familienangehörige kostenlos in die Krankenhäuser. Heute haben sich über tausend Menschen in medizinischen Einrichtungen eingefunden, um Blut zu spenden. Dabei kam es zu mehrstündigen Wartezeiten. Andere Freiwillige helfen bei der Betreuung der Betroffenen. Nicht zu vergessen die Blumen, Kerzen und das Kinderspielzeug, die die Menschen an den Orten der Attentate niederlegen.
Gäbe es das alles, wenn die rußländische Gesellschaft tatsächlich das wäre, was deutsche Kommentatoren ihr andichten: atomisiert, von der finsteren Putin-Diktaur unterdrückt und kurz vor dem Auseinanderfallen?

Die Sicherheitsbehörden
Gestern lag das Augenmerk noch zuvörderst auf der Hilfe für die Verletzten und auf dem Beginn der Ermittlungen, insbesondere der Spurensicherung. Heute haben jedoch nicht nur die Kriminaltechniker und Ermittler noch mehr zu tun bekommen, es müssen auch verstärkte Maßnahmen für die Sicherheit der Bürger getroffen werden. Nach Wolgograd wurde zusätzliches Personal von Polizei und Bereitschaftspolizei verlegt. Beim Bestreifen von Straßen, Bussen etc. werden sie von Freiwilligen aus den örtlichen Kosakenverbänden unterstützt.
Um die Wolgograder Sicherheitskräfte zu unterstützen, ist heute Alexander Bortnikow, Chef des Nationalen Antiterrorkomitees und Direktor des Föderalen Sicherheitsdienstes, in die Stadt gereist - wie vor ihm bereits die stellvertretende Premierministerin Olga Golodez und die Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa. Am heutigen Abend ist in der Stadt eine erste große Fahndungswelle angelaufen. Von den Sicherheitskräften wurden mehrere hundert verdächtige Personen kontrolliert und davon etwa zwei Dutzend festgenommen, zumeist wegen unerlaubten Führens von Schußwaffen und Verstößen gegen das Aufenthaltsrecht.
Doch solche Großfahndungen werden wohl nur bedingt bei der Ergreifung der Hintermänner helfen. Besser geeignet sind Spezialoperationen, bei denen gezielt gegen bestimmte Terrorverdächtige vorgegangen wird. Sie finden im Nordkaukasus regelmäßig statt, wenn die Behörden Wind von einer Bombenwerkstatt oder einem Waffenversteck bekommen. So gab es auch heute wieder Zugriffe an drei verschiedenen Orten. Die Resultate konnte man im Fernsehen bewundern: Sprengstoff, 3 leichte Granatwerfer im Kaliber 37 mm und ein paar der dazugehörenden Granaten. Kein besonders beeindruckendes Arsenal, wenn man bedenkt, womit die Terroristen der 2000er Jahre ins Gefecht gezogen sind. Aber immer noch genug, um unter den Einwohner einer Großstadt Schaden anzurichten.
Daß man die Hintermänner früher oder später finden und zur Strecke bringen wird, daran besteht bei mir kein Zweifel. Die Verantwortlichen fast aller Anschläge der Vergangenheit wurden entweder festgenommen (was bei den Märtyrerkandidaten die Ausnahme ist) oder aber im Feuergefecht getötet. Das ist nur eine Frage der Zeit. Die Islamisten werden offenbar nervös. Heute haben in Dagestan zwei Terroristen anläßlich einer allgemeinen Verkehrskontrolle aus heiterem Himmel das Feuer auf die Polizeibeamten eröffnet. Der Fahndungsdruck, unter dem sie stehen, muß also sehr hoch sein, denn sie haben den anschließenden Schußwechsel nicht überlebt.
Die Täter
Die beiden jüngsten Attentate zeichnen sich dadurch aus, daß die beiden Täter männlichen Geschlechts waren. Bisher waren in diesem Kontext fast ausschließlich Frauen, die sog. "schwarzen Witwen", aufgefallen. Anscheinend ist der Vorrat an solchen Frauen erschöpft. Der Täter vom Hauptbahnhof konnte mittlerweile als Pawel Petschenkin identifziert werden. Er war wohl ethnischer Russe aus der Republik Mari-El, der sich 2010 nach Dagestan begeben und dort einer Terrorbande angeschlossen haben soll. Seine Eltern hatten ihn versucht, ihn zurückzuholen, doch ohne Erfolg.Die Ermittler gehen davon aus, daß beide Anschläge zusammenhängen.
Das ist insofern bemerkenswert, als auch in den Wolgograder Anschlag vom Oktober ein Russe, der keine persönlichen Bindungen an die Kaukasusregion hatte, involviert war. Ihm erschien der Islam vor allem wegen seines Frauenbildes (Schleier, Unterordnung usw.), was sich doch stark von dem im Rest der rußländischen Gesellschaft unterscheidet, interessant. Und, einmal in diese Subkultur eingetaucht, kam dann eins zum anderen. Offenbar hat Rußland langsam auch ein Problem mit "home grown terrorism" in Gestalt von Personen, denen man das eigentlich nicht zutrauen würde, die der Islamismus in seiner radikalen Gestalt jedoch aus persönlichen Gründen in seinen Bann zieht.
Der politische Hintergrund
Als ich gestern die ersten Bilder aus Wolgograd sah, mußte ich spontan denken: Was dort abläuft, hast du doch schon einmal gelesen. Vor zwei oder drei Jahren hatte die Jamestown Foundation, eines der Zentren der Russophobie in den USA, eine Konferenz in der georgischen Hauptstadt Tiflis durchgeführt, auf der darüber diskutiert wurde, ob man Rußland nicht am besten dadurch schaden könnte, indem man kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Sotschi ein paar Terroranschläge inszeniert. Die Stiftung hatte darüber seinerzeit in ihrem E-Mail-Rundbrief auch ganz offen berichtet. Und nun ist genau das eingetreten - ein komischer Zufall ...
Das offensichtliche Ziel der Anschläge ist das Provozieren von Auseinandersetzungen zwischen den Nationalitäten, die in der Rußländischen Föderation leben. Die russische Mehrheitsbevölkerung soll zu Ausschreitungen gegen Muslime, insbesondere aus dem Nordkaukasus, angestachelt werden. Dies würden die Islamisten dann in den ausländischen Medien wiederum als Xenophobie der bösen Russen, gegen die man sich mit weiteren Terroranschlägen "wehren" müsse. Gegen diese Absicht stehen allerdings die religiösen Führer Rußlands. Der orthodoxe Metropolit von Wolgograd ruft dazu auf, nicht nach Feinden zu suchen, sondern sich im herzlichen Gebet zu vereinen. Und der Mufti von Ufa betont, solche Selbstmordattentae könnten mit keiner religiösen Auffassung begründet werden. Hoffentlich bleibt es in dieser Hinsicht ruhig und Nawalnyj und seine "demokratischen" Konsorten gießen nicht weiteres Öl ins Feuer, indem sie gegen Kaukasier hetzen.
Aus aller Welt treffen zwar Beileidsbekundungen in Moskau ein, doch bei manchen bestehen erhebliche Zweifel an der Aufrichtigkeit. Islamistische Terroristen aus Rußland werden doch vielerorts (leider auch in Deutschland) hofiert, als romantische Freiheitskämpfer verklärt und mit dem schützenden Status eines "politischen Flüchtlings" versehen. Und bestimmte US-Senatoren haben bereits mehrfach gefordert, man solle sie doch mit Waffen versorgen. (So, wie die islamistischen Rebellen in Syrien.)
Und der ohnehin - wie 1980 - geplante Boykott der olympischen Spiele ließe sich mit Sicherheitsbedenken viel einfacher begründen. (Überhaupt war es doch naiv von den Russen, zu glauben, der "Westen" würde ihnen eine Olympiade zugestehen. 1980 war man in der "freien Welt" angeblich um das Schicksal des afghanischen Volkes besorgt. Nachdem 21 Jahre später dieselben Staaten dann Afghanistan besetzt hatten, forderte niemand einen Ausschluß dieser Staaten von den Spielen. Die letzten Winterspiele fanden durchweg in Ländern statt, die sich am Afghanistankrieg beteiligt und Besatzungstruppen gestellt hatten, nämlich in den USA [2002], Italien [2006] und Kanada [2010]. Von ernstzunehmenden Boykottaufrufen war in diesen Fällen nichts zu vernehmen. Manche dürfen eben alles ...)

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