Das PeerBlog: Eine Kopfgeburt aus dem Niemandsland der PR

Von Jan Falk


In Peer Steinbrücks Wahlkampf ist bislang noch nicht viel gelungen. Auch im Internet nicht: Sein Online-Berater Roman Maria Koidl zog sich schon nach wenigen Tagen wieder zurück, weil er als Ex-Heuschrecke zur Belastung zu werden drohte. Nun hat Steinbrück sein Einverständnis zu einem Weblog in seinem Namen gegeben - dem PeerBlogDoch das Projekt ist konzeptionell so unausgereift und inhaltlich dürftig, dass es wirkungslos bleiben wird. Bestenfalls.


Das PR-Büro steinkuehler-com des zwielichtigen früheren "Focus"-Redakteurs Karl-Heinz Steinkühler wird ab jetzt von bisher ungenannten Vertretern aus der Wirtschaft bezahlt, den Kandidaten im Wahlkampf zu unterstützen. Das PeerBlog ist dabei nach eigenen Angaben jedoch kandidaten- und parteifern organisiert.
Die Reaktionen sind erwartbar: Wieder lässt sich Peer Steinbrück also von der Wirtschaft bezahlen. Die Empörungstweets schreiben sich wie von selbst und der Backclash ist nur eine Frage von Tagen, eher Stunden. Passt auch so schön in bislang erzählte Steinbrück-Geschichte vom Kandidaten ohne Gespür. Dass für eine SPD-nahe Publikation das Vorbild die USA sein sollen, weil "dort Unternehmer Millionen für ihre Kandidaten [spenden]", ist dann auch tatsächlich ziemlich fragwürdig. Hat man etwa die verheerenden Folgen von Citizens United für die US-Demokratie nicht verstanden?
Neben dieser politisch-moralischen Schieflage dürfte das PeerBlog aber vor allem ein Problem haben: Es bietet für eigentlich niemanden wirklich interessante Inhalte, es taugt weder im Wahlkampf noch als journalistisches Produkt. Es ist eine Kopfgeburt im PR-Niemandsland. Man gibt sich distanziert gegenüber dem Kandidaten und stellt sich als quasi-unabhängig dar ("Peer Steinbrück will das so"): Interessante Blicke hinter die Kulissen, Steinbrück von seiner menschlichen Seite oder exklusive Zitate des Kandidaten sind also eher nicht zu erwarten. Mit solchen Inhalten wäre das PeerBlog aber immerhin noch für Journalisten, Politjunkies und Parteianhänger lesenswert gewesen.


Missverständnis Huffington Post
Stattdessen möchte man "politisch und gesellschaftlich relevante Themen" diskutieren. Im Prinzip keine schlechte Idee. Ein Onlinemagazin, das der SPD ideologisch nahe steht und gegenüber dem Kandidaten Steinbrück eher freundlich gesonnen ist? Medien sind schon immer Tendenzbetriebe, das ist weder neu noch problematisch. Doch das PeerBlog ist weit davon entfernt, ein glaubwürdiges und kritisches journalistisches Angebot zu sein. Mal vom Namen abgesehen ist dafür das Mission-Statement viel zu deutlich. "Wir haben was entwickelt. Für den Kandidaten Peer Steinbrück", heißt es im Editorial. Man ist offen parteiisch, was jeden noch so gut geschriebenen Artikel unter PR-Verdacht stellen dürfte.
Paradoxerweise erwähnt das Editorial als Vorbild aber ausgerechnet die amerikanische Huffington Post und deren Rolle im US-Wahlkampf. Nur: Die HuffPo stand eben nie uneingeschränkt und schon gar nicht offen hinter der Demokratischen Partei oder Barack Obama. Im Gegenteil: Sie war in den letzten Jahren oft eine der entschiedensten Kritiker des Präsidenten.
Dann ist da noch die Finanzierungsfrage. Sicher, kein professionelles Medium lebt von Luft und Liebe. Seien es klassische Verlegerfamilien, Anteilseigner oder Stiftungen, irgendwer muss schließlich die Gehaltsschecks ausstellen. Doch dazu gehört im Gegenzug auch immer eben die Transparenz, die diese für alle Medien typische kapitalistisch-publizistische Hybridexistenz erst ermöglicht. Doch davon keine Spur: Das PeerBlog werde finanziert von "herausragenden Unternehmerpersönlichkeiten in Deutschland, die Peer Steinbrück, seine politische Kompetenz und seine Persönlichkeit schätzen", heißt es großspurig. Wer diese Persönlichkeiten sind? No Comment.

Long Run in den Herbst
Dass die Seite, die den Charme einer Webpräsenz eines mittelständischen Unternehmens versprüht, sich ausgerechnet Barack Obamas Wahlkampf als Vorbild nimmt, verleiht der Angelegenheit immerhin noch eine gewisse unfreiwillige Komik. Ohne Not wird der Wahlkampf der müden SPD mitsamt ihrem vielleicht schlechtesten Kandidaten seit Rudolf Scharping mit den historischen Obama-Kampagnen der Jahre 2008 und 2012 verglichen. Da sehen die Sozialdemokraten und ihr Kandidat natürlich noch ein Stückchen älter aus als ohnehin schon.
Die deutsche Politik habe eben bislang nicht begriffen, wie guter Wahlkampf im Netz geht, meinen die Autoren und sind überzeugt, das PeerBlog sei der Anfang vom Ende dieser digitalen Steinzeit. Ist es Chuzpe? Realitätsverweigerung? Immerhin, das Editorial gibt durchaus zu, dass man wohl nicht direkt auf OFA-Augenhöhe spielen wird: "It´s a long run", wird dem Leser versichert. Nur: Warum dann der Name "PeerBlog", der doch aller Voraussicht nach am Wahltag obsolet werden wird? Warum die enge Ausrichtung auf diesen einen Kandidaten? Ein Long Run bis in den Herbst?
Aber letztendlich: Was will man von einer PR-Agentur erwarten? Die Firma hat sich zuletzt mitartgerecht produziertem Schweinefleisch und strategischer Kommunikation für Vodafone beschäftigt. Nun eben mit Peer Steinbrück. Das sind keine politischen Journalisten. Vielleicht noch nicht einmal SPD-Anhänger. Die brennen nicht für die Partei oder den Kandidaten oder die Themen. Die machen einen Job.
Publizistischer Reinfall
Da wundert es nicht, dass auch die inhaltliche Qualität der Beiträge nicht vollends zu überzeugen weiß: "Wir wissen nicht, welchen Rat der äußerst sprachgewandte Lincoln einem Rainer Brüderle jetzt gegeben hätte" rätselt etwa Claudia Jacobs - und wir darüber, warum man sich ausgerechnet diese Frage stellen sollte. "Den Präsidenten der Elfenbeinküste wärmt das Schlückchen. Musste der Arme doch zuvor bei minus drei Grad auf rotem Teppich frierend die Hymnen abnehmen. Die Kanzlerin genießt es, jedes Mal", weiß man über Merkels Innenleben zu berichten. Nun ja.
Steinbrück und seinem Wahlkampf ist mit dem Blog definitiv nicht geholfen. Und dass die Betreiber für diesen publizistischen Reinfall einen "sechsstelligen Betrag" einsammeln konnten, ist bedauerlich. Das Geld wäre in echten Journalismus besser angelegt gewesen. Oder wenigstens in echten Online-Wahlkampf.


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