Das große Zittern und Bangen – Erdbebengefährdung Istanbul!

Naturgefahren und Städte

Professor Dr. Marco Bohnhoff vom Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum - im Interview über die Gefahr eines starken Erdbebens in der Metropolregion Istanbul.

Ob Ägäis oder Marmara Meer - die Türkei wird regelmäßig von kleineren aber auch größeren Erdbeben erschüttert. Erstam Wochenende wurde die Ägäis von 39 Erdbeben erschüttert. 25 davon ereigneten sich rund 60 Kilometer vor der Küste von Kreta, wie die türkische Katastrophenschutzbehörde AFAD auf ihrer Internetseite verzeichnet. Das heftigste Beben trat mit einer Stärke von 6,4 auf der Richterskala am Samstag um 14:51 MESZ auf. Das vorläufig letzte Erdbeben der Stärke 4.0 auf der Richterskala ereignete sich am 03. Mai in Elazig in der Osttürkei, das bereits im Januar ein heftiges Beben erlebte, bei dem 41 Menschen ums Leben kamen und unzählige Menschen obdachlos wurden.

Das sich so viele Erdbeben in kürzester Zeit ereignen, ist nichts Ungewöhnliches. Statistisch betrachtet, ereignen sich jede Woche bis zu drei Erdbeben weltweit mit einer Stärke von 6 Magnitude und höher. Moderate Erdbeben mit der Stärke fünf bis sechs passieren weltweit bis zu 1.300 Mal jährlich! Kleinere Beben zwischen drei bis vier auf der Richterskala ereignen sich geschätzte 130.000 Mal. Solange sich die Epizentren dieser starken Beben beispielsweise in Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte und guter Bausubstanz befinden, oder aber der Erdbebenherd in größerer Tiefe liegt, treten kaum schwerwiegende Folgen auf.

Bereits vor fünf Jahren berichtete ich auf meinem Blog AllaroundTurkey darüber, dass die türkische Katastrophenschutzbehörde AFAD, Afet ve Acil Durum Yönetimi Başkanlığı, und das GFZ, GeoForschungsZentrum in Potsdam, bereits seit vielen Jahren vor einem schwerwiegenden Erdbeben mit einer Stärke von 7.5 auf der Richterskala warnen, dass sich im Marmarameer in unmittelbarer Nähe zu der 16 Millionen-Metropole Istanbul ereignen soll.

Jeder, der bereits ein Erdbeben erlebt hat, weiß um die Panik und Hilflosigkeit, die sich in einem breit macht, diesen naturgegebenen Kräften ausgeliefert zu sein. Folgende Fragen sollen in diesem Beitrag thematisiert und beantwortet werden.

  • Was erwartet die Menschen in Istanbul?
  • Was tut die Regierung, um die Menschen in Istanbul vor dem bevorstehenden Erdbeben zu schützen?
  • Wie kann man sich auf so ein Erdbeben vorbereiten?

In der Türkei kommt es immer wieder zu heftigen Erdbeben. Wissenschaftler haben hochsensible Messgeräte zur Erfassung kleinster Bodenerschütterungen in mehreren 300 Meter tiefen Bohrungen rund um das östliche Marmara-Meer und auf der Insel Büyükada südlich von Istanbul installiert. Die Wissenschaftler erhoffen sich dadurch neue Einblicke in die physikalischen Prozesse, die in den Jahren vor und schließlich auch während und nach einem starken Erdbeben (Magnitude >7) wirken. Darüber hinaus sollen diese Messungen helfen, Erdbebenmodelle neu zu definieren und zu kalibrieren, um eine bessere Gefahrenabschätzung für die Stadt vornehmen zu können. Auf diese Weise wollen die Forschenden einen Beitrag zu Istanbuls Erdbeben-Frühwarnsystem leisten.

  • Experten sind sich einig, dass man in naher Zukunft mit einem starken Beben in Istanbul rechnen muss.
  • Viele Indizien deuten darauf hin, dass die tektonischen Platten vor Istanbul ineinander verhakt sind.
  • Historische Daten zeigen, dass das zu erwartende Beben eine Magnitude von 7,4 nicht übersteigen wird.

Erdbebengefährdung in Istanbul

Professor Marco Bohnhoff im Interview über die Gefahr eines starken Erdbebens in der Metropolenregion Istanbul. Herr Bohnhoff, warum ist die türkische Metropole Istanbul so stark durch ein Erdbeben gefährdet?

Prof. Bohnhoff: Es besteht Einigkeit unter den Experten, dass wir in naher Zukunft mit einem starken Erdbeben in unmittelbarer Nähe zur Stadt Istanbul rechnen müssen. Diese Abschätzung wird abgeleitet aus dem Auftreten von mehreren Starkbeben im Verlauf der Geschichte Istanbuls. Diese reicht mehrere tausend Jahre zurück und bietet damit im Vergleich zu vielen anderen erdbebengefährdeten Ballungszentren weltweit eine statistisch sehr solide Basis. Bekannt ist auch die andauernde Kontinentalverschiebung unterhalb des Marmara-Meeres und die Tatsache, dass direkt vor den Toren Istanbuls ein Bereich der Erdbebenzone liegt, der zurzeit keine seismische Aktivität zeigt und sehr wahrscheinlich komplett verhakt ist. Damit baut sich dort seit dem letzten Starkbeben der Region im Jahr 1766 Jahr für Jahr Spannung auf, die sich aller Voraussicht nach früher oder später in einem starken Erdbeben entladen wird.

Viele Experten warnen bereits seit Jahren vor den verheerenden Auswirkungen eines Erdbebens unweit des Istanbuler Stadtzentrums. Wie schätzen Sie die Gefahr aktuell ein?

Prof. Bohnhoff: Wir haben bereits in den 80er Jahren Messgeräte in der Türkei installiert und seismische Überwachungen durchgeführt. Daraus können wir entnehmen, dass das Erdbeben-Risiko in der Region Istanbul nach wie vor sehr hoch ist. In der Community unter uns Experten besteht absolute Einigkeit darüber, dass es früher oder später zu einem starken Erdbeben in der Region vor Istanbul oder um Istanbul kommen wird. Es ist nicht die Frage ob, sondern wann es passieren wird. In der historischen Vergangenheit hat es immer wieder große Erdbeben dort gegeben und um das mal in Zahlen zu fassen, ist es so, dass sich etwa alle 250 Jahre unterhalb des Marmarameeres vor Istanbul ein starkes Erdbeben ereignet. Stark heißt hier, dass es eine Magnitude von 7 bis 7,4 hat. Das letzte sehr große Erdbeben ereignete sich dort 1766. Daraus kann man sofort errechnen, das rein statistisch das nächste große Beben bereits seit vier Jahren überfällig ist.

Bereits 1939 ereignete sich ein großes Erdbeben in Ostanatolien. Besteht hier ein Zusamme nhang?

Prof. Bohnhoff: 1939 war ein sehr starkes Erdbeben in Erzican in der Ost-Türkei. Das ist die gleiche Plattengrenze, die so genannte nordanatolische Verwerfungszone, die trennt sozusagen die anatolische Platte mit der Türkei von Eurasien im Norden. Das ist eine Plattengrenze, wo sich diese beiden Erdplatten aneinander vorbei schieben. Die Türkei bewegt sich nach Westen mit zwei bis drei Zentimeter pro Jahr. Seit 1939 war ein sehr starkes Erdbeben in Erzican und seit dem gab es eine Reihe von sehr starken Erdbeben in unregelmäßigen Abständen wie an so einer Perlenkette in Richtung Westen. Das letzte große Beben war 1999 in Gölcük und in Izmit, das dann auch schon Auswirkungen in Istanbul hatte. Das letzte Segment dieser ganzen Plattengrenze, was jetzt seit 1766 noch kein großes Erdbeben generiert hat, ist leider gerade das Stück unterhalb des Marmarameeres und damit direkt vor Istanbul.

Bedeutet das, dass sich das statistisch überfällige Erdbeben im Zentrum Istanbuls erwartet wird?

Prof. Bohnhoff: Nein, es wird nicht im Stadtzentrum Istanbuls erwartet. Die Plattengrenze verläuft unterhalb des Marmarameeres, das liegt so 15 bis 20 Kilometer vor Istanbul, aber das wird natürlich aufgrund der Nähe dramatische Auswirkungen auf alle umliegenden Bereiche haben. Es wird Istanbul besonders hart treffen, aufgrund der Infrastruktur der Menschen, die dort wohnen. Deswegen wird Istanbul im Bezug auf die Erdbebenschäden ganz klar der Hotspot dieser Region sein.

Welche Bezirke Istanbuls werden von diesem Erdbeben betroffen sein?

Prof. Bohnhoff: Bei so einem Erdbeben bewegen sich zwei Flächen aneinander vorbei. Im Fall des zu erwartenden großen Bebens südlich von Istanbul wird es vermutlich so sein, dass sich eine Fläche, die fast über das gesamte Marmarameer reicht, von der Oberfläche bis zu einer Tiefe von 20 Kilometer sich dann innerhalb von Sekunden um zwei bis drei Meter verschiebt. Welche Stadtbezirke sich dann stark bzw. weniger stark betroffen sein werden, lässt sich adhoc nicht sagen, aber generell kann man sagen, dass die Auswirkungen um so stärker und um so schlimmer sein werden, je weicher der Untergrund ist. Der Bereich im südlichen europäischen Teil der Stadt, wo sich der nahezu stillgelegte Flughafen Atatürk befindet, also in Yeşilköy und Bakırköy, ist besonders gefährdet, da hier auf einer ausgetrockneten Lagune bebaut wurde. Demzufolge ist der Untergrund ein sehr weicher Sandboden. Dort werden die Erschütterungen größer sein als in Bezirken, wo der Untergrund auf Fels gebaut wurde. Dort werden die Erschütterungen eher geringer ausfallen. Das heißt aber nicht, dass die Gebäude nicht auch einstürzen können.

Wie Erdbeben gefährdet ist die asiatischen Seite Istanbuls wie beispielsweise Maltepe, Erenköy oder auch Kadıköy?

Prof. Bohnhoff: Der asiatische ist im Vergleich Ost und West weniger betroffen, dass heißt aber nicht, daß dort nicht Häuser einstürzen werden und das es dort nicht auch zu Opfern kommen wird. Es gibt vom türkischen Katastrophenschutz AFAD detaillierte Karten darüber, wo mit zu erwartenden Erschütterungen im Vorfeld zu rechnen ist. Generell gilt bei einem Erdbeben der Magnitude 7,4 in 20 Kilometer Entfernung, dass es zu dramatischen Erschütterungen und entsprechend schlimmen Auswirkungen kommen wird

Sind diese Karten öffentlich?

Prof. Bohnhoff: Es gibt Publikationen dazu, auch von Prof. Dr. Erdig vom Kandili-Institut. Diese Karten sind grundsätzlich zugänglich, aber wenn es darum geht, daraus ableiten zu wollen, in welchem Bezirk es vermutlich zu wie vielen Opfern kommen wird, dass sind Zahlen, die nich veröffentlicht werden, um einfach keine Panik zu schüren. Das sind auch Zahlen, die für die Sicherheitsbehörden wie Katastrophenschutz benutzt werden, um dann auch schnell Hilfe koordinieren zu können.

Wie eng arbeitet die GFZ mit dem türkischen Institut AFAD zusammen?

Prof. Bohnhoff: Wir pflegen eine langjährige sehr enge Zusammenarbeit mit AFAD. Das Herzstück unserer Zusammenarbeit ist das so genannte Erdbeben-Überwachsungs-Observatorium bestehend aus mehreren Bohrungen rund um das östliche Marmarameer, wo wir rund um die Uhr Bohrungen und damit sehr empflich messen können, wo welche Erschütterungen statt finden. So können wir auch sehr viele sehr kleine Erdbeben detektieren und messen. In Deutschland nutzen wir diese Erkenntnisse in erster Linie wissenschaftlich, um die Prozesse besser zu verstehen und um langfristig dann auch Beiträge zu leisten, zur Frühwarnung und für mögliche Erdbeben-Vorhersagen. Und die türkischen Kollegen und Behörden nutzen diese Daten für eine verbesserte Frühwarnung und um auch die Bevölkerung jederzeit zu informieren, wo es wann und wo ein Erdbeben geben wird

Ist es 2020 möglich, Erdbeben voraus zu sagen?

Prof. Bohnhoff: Nein! Individuelle Erdbeben im Bezug auf Ort und Zeit können wir Stand heute nicht vorher sagen und das wird vermutlich auch noch einige Jahre so bleiben. Allerdings arbeiten wir hartnäckig in der Forschung daran, dass wir das irgendwann können. Doch wir können Wahrscheinlichkeiten für Zeiträume angeben, in denen Erdbeben in einer bestimmten Stärke in einem bestimmten Ort auftreten werden. Das ist das Beste, was heute seriös möglich ist.

Prof. Bohnhoff: Ja, nehmen wir mal Kalifornien. Dort gibt es mehrere Orte, wo Beben überfällig sind. In Kalifornien ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo dort ein Beben der Stärke 7 oder noch größer in den nächsten 30 Jahren auftreten wird, 99 Prozent hoch. Das ist dann noch mal ein höherer Wert.

Am 27. September 2019 war ein Erdbeben im zentralen Marmarameer der Stärke 5.8, dass in Erenköy im Bezirk Kadıköy sehr stark zu spüren war. Das bevorstehende Erdbeben wird 7.4 Magnitude erwartet. Wie müssen wir uns das in seinen Auswirkungen vorstellen?

Prof. Bohnhoff: Das Erdbeben in Kadıköy war vergleichsweise ein sehr starkes Erdbeben. Wenn Sie das Erdbeben jetzt mal nehmen - dass war knapp Magnitude 6, das Erdbeben, dass uns bevorsteht, das über Magnitude 7, das wird also 50mal stärker in seiner Energie und in Auswirkungen sein.

In wie weit können Institutionen wie AFAD oder GFZ Bürger früh vor einem Erdbeben warnen?

Der grundsätzliche Unterschied zwischen Erdbebenvorhersage und Frühwarnung ist, das Frühwarnung dann einsetzt, wenn ein Erdbeben schon begonnen hat. Es ist so, dass bei einem Erdbeben verschiedene Wellenarten ausgesendet werden. Die schnellsten Wellen heißen P-Wellen, die zuerst ankommen. Diese sind aber nicht so gefährlich, weil sie nicht so viel Energie transportieren. Später folgen dann die so genannten S-Wellen, die wesentlich größere Bodenerschütterungen mit sich bringen. Ein Frühwarnsystem macht sich diese schnelle P-Wellen zu nutze. Durch automatisierte Prozesse wird dann innerhalb von Sekunden bestimmt, dass dort ein Erdbeben war, dass so und so stark war und wir müssen damit rechnen, dass es in wenigen Sekunden zu starken Erschütterungen kommen wird. Das ist das Prinzip eines Frühwarnsystems, das in Kraft tritt, wenn ein Erdbeben schon begonnen und statt gefunden hat.

Wie werden dann die Bürger informiert bzw. wie kann man Bürger dann noch warnen?

Genau das ist die Herausforderung. Das Frühwarnsystem ist ein äußerst komplexes Unterfangen. Gerade wenn die Erdbebenzone wie bei Istanbul direkt vor der Haustüre liegt. Ein Beispiel, wo ein Frühwarnsystem funktioniert, nenne ich mal kurz Mexiko-City, da ist die Erdbebenzone 300 Kilometer entfernt. Da hat man eine Minute Zeit, um die Wellen auszuwerten und um die Bevölkerung zu warnen. Das ist eine Ewigkeit. Da kann man Menschen z.B. aus den Häusern jagen.

Wie macht man das?

Rund die Uhr hat man seine Erdbeben-Registrierung. Es gibt dann Aguritmen, die dann sofort erkennen, wenn ein Erdbeben auftritt, also wenn diese P-Wellen an mehreren Stationen gleichzeitig auftreten, dann wird daraus mit Arguritmen berechnet, ob das ein Erdbeben war wenn ja, wo es war und wie stark es war. Das dauert im besten Fall wenige Sekunden. Dann kommt der Mensch ins Spiel. Man kann beispielsweise Gasleitungen automatisch schließen und Ampeln auf rot stellen usw., aber dann muss man jemand, und das sind hochheitliche Aufgaben, von daher haben wir als ausländisches Forschungsinstitut auch in Istanbul damit nichts zu tun. Das sind dann Aufgaben der Behörden wie AFAD. Dann muss jemand sagen: Wir warnen jetzt die Bevölkerung und verschicken automatisierte What's App-Nachrichten, informieren via Radio, machen Lautsprecherdurchsagen. Das ist so zu sagen die letzte Meile. Und da wird es sehr komplex und kompliziert, denn im Fall von Istanbul, wo das Erdbeben quasi direkt vor der Haustüre liegt, haben sie diese Zeit nicht. Konkret für Istanbul heißt dass, die Zeit liegt nur bei wenigen Sekunden. Je nachdem wo das Erdbeben beginnt, bleiben höchstens zwei bis acht Sekunden, um die Bevölkerung zu informieren und das reicht niemals aus, um erstens alles so schnell zu berechnen und um die Leute zu informieren und dann noch, den Leuten so viel Zeit zu geben, aus ihren Häusern raus zu laufen. Deswegen ist in solchen Szenarien, die dringende Empfehlung auch, wenn ein Erdbeben auftritt, erst einmal Schutz suchen wie z.B. unter dem Bett, Tisch oder Türrahmen und erst wenn die Erschütterungen vorbei sind, dann schnell raus laufen. Ansonsten ist die Gefahr viel zu groß, dass man zum Beispiel von herunter fallenden Ziegeln erschlagen wird.

Sollte das bevorstehende Erdbeben Istanbul so stark treffen, dann ist es unmöglich im 13 oder 15 Stock noch einen Fahrstuhl zu benutzen, geschweige denn das Treppenhaus zu benutzen. Was kann man dennoch tun?

So ist das. Das ist leider die Situation. Die können wir nicht ändern. Diese wenigen Sekunden, ließen sich nur dadurch verlängern, dass wir bereits vor Auftreten eines Erdbebens wissen, das da etwas passiert, das da ein größeres Erdbeben bevorsteht. Für solche Ansätze gibt es aktuell einige Anhaltspunkte. Da dran forschen wir, dass ist aber längst noch nicht so weit, dass wir sicher genug sagen könnte, in einer Stunde tritt ein Erdbeben auf. Das wird noch einige Zeit dauern, aber es gibt Ansätze in der Forschung dafür, dass heißt für Istanbul und auch andere Großstädte Weltweit ist die Situation, wenn die Erdbebenzone so dicht am Stadtzentrum ist, leider die, dass man nichts machen kann. Man kann dann nicht mehr machen.

Gibt es überhaupt einen Schutz vor großen Erdbeben?

Ja, den gibt es und zwar ist der langfristig beste Schutz vor Erdbeben eine sichere Bauweise. Es muss dringend in Istanbul Erdbeben sicher gebaut werden. Das ist möglich. Das ist aber leider auch sehr teuer. Die Bausubstanz in Istanbul ist diesbezüglich katastrophal. Nur einige wenige Gebäude sind tatsächlich erdbebensicher gebaut. Konkret bedeutet das, dass ungefähr 900.000 von den einen Millionen Gebäude erfüllen die sehr strengen Baunormen leider nicht.

Das ist der Grund, weshalb das bevorstehende Erdbeben in Istanbul so katastrophale Auswirkungen für die Bevölkerung haben wird?

Das kann man auf jeden Fall so unterschreiben. Es gibt sehr seriöse Schätzungen der vereinten Nationen, die davon ausgehen, dass man wohl mit mindestens mehreren zehntausend Toten, vielen Verletzten und Obdachlosen rechnen muß. Dieses Erdbeben in dieser Größe wäre auf jeden Fall ein sehr dramatisches Ereignis. Auch die sekundär Effekte dieses Erdbebens für die Finanzwirtschaft wären fatal.

Bodrum an der Ägäis ist auch Erdbeben erprobt. Seit September finden hier verstärkt Beben in der Größe um vier statt. Stehen diese Erdbeben in einem Zusammenhang mit den Beben im Marmarameer?

Die Erdbeben, die in der Ägäis auftreten, sind tektonisch überhaupt nichts Ungewöhnliches. Diese Art von Erdbeben mit Magnitude 3, 4 oder auch 5, (je größer ein Erdbeben, desto seltener tritt es auf), sind überhaupt nichts Ungewöhnliches, weil der gesamte Bereich dort tektonisch aktiv ist. Istanbul ist Teil dieser Plattengrenze, die Nord-Anatolische Verwerfung und die gesamte West-Türkei und die gesamte Ägäis bewegt sich mit einigen Zentimetern nach Süden. Afrika kommt nach Norden und das führt dazu, dass zwei Erdplatten aufeinander stoßen und in dem Fall, die afrikanische Platte ist schwerer, die taucht ab - also unter die Ägäis. Das führt dann auch zu Vulkanen wie Kos, Niszeros oder Santorin und das führt eben auch immer wieder zu Erdbeben. In unregelmäßigen Abständen führt das auch zu sehr großen Erdbeben und die Erdbeben, die Sie angesprochen haben, sind das Knistern bzw. das Hintergrundrauschen, was immer wieder und auch schon statt gefunden hat und statt finden wird. Die sind nicht gefährdungsrelevant, weil dadurch passiert nicht viel. Die Erde wackelt, vielleicht fällt ein Glas aus dem Schrank, aber viel mehr passiert nicht. Gefährlich sind die großen und auch dort kann es früher oder später zu größeren Erdbeben kommen.

Wie schätzen Sie die Vorkehrungen der Behörden in der Türkei ein, um die Folgen eines schweren Erdbebens begrenzen zu können?

Es ist immer leicht, die Maßnahmen als nicht ausreichend zu bezeichnen, gerade wenn man nicht die Aufgabe hat, diese Leistung selber zu erbringen. Istanbul betreibt einen erheblichen Aufwand, um vorbereitet zu sein, aber für eine 16. Millionen Stadt ist das ein unglaubliches Unterfangen. Es ist eine Frage von Logistik und eine Frage von Geld. Diese Bemühungen sind sehr kostenaufwendig. Der neue Bürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, hat kürzlich erst eine neue Roadmap auf den Weg gebracht, um die Maßnahmen noch einmal zu verbessern. Zweifelsohne: Es wird viel gemacht, aber letztlich bleibt immer ein Restrisiko. Sollte das Erdbeben jetzt passieren, dann wären die Schäden sehr, sehr groß.

Gibt es weltweit eine Stadt, die man heute als erdbebensicher bezeichnen können?

Ja, das ist zweifelsohne Tokio. Hier werden unglaubliche Finanzmittel für erdbebensicheres Bauen investiert. Das hat zum Beispiel 2011 auch dazu geführt, dass das dramatische Erdbeben an für sich keine großen Schäden angerichtet hat. Die großen Schäden kamen dann vom Tsunami.

Wäre ein Tsunami ebenfalls die Folge für das bevorstehende Erdbeben im Marmarameer?

Es gibt die Gefahr, ja. Historisch gibt es dokumentierte Tsunamis im Marmarameer, die durch ein Erdbeben ausgelöst wurden. Diese Wellen erreichten eine von zwei bis maximal sechs Meter. Diese eher kleinen Tsunamis sind nicht das große Problem. Doch so ein Tsunami wird nicht das Ausmaß erreichen, wie wir es in Japan oder Sumatra gesehen haben. Das liegt daran, dass sich die Erdplatten in der Türkei aneinander vorbei bewegen - also horizontal. Tsunamis treten nur bei Vertikalbewegungen auf, wenn sich der Meeresboden absenkt oder anhebt. Nichtsdestotrotz kann es zu einer Wellenhöhe von bis zu sechs Metern kommen und Schäden im küstennahen Bereich anrichten. Doch das große Problem sind die Erdstöße und ihre direkten Auswirkungen auf die Gebäude.

Das Erdbeben vor 20 Jahren löste sogar einen Tsunami im Marmarameer aus. Ist das von dem kommenden Erdbeben bei Istanbul auch zu erwarten? Könnte das Frühwarnsystem die katastrophalen Auswirkungen zumindest begrenzen?

Das Frühwarnsystem wird erst aktiv, sobald ein Erdbeben stattfindet. Es soll Vorbereitungen ermöglichen, bevor die energiereichen Erdbebenwellen das Stadtgebiet erreichen. Die Voraussetzungen für ein Frühwarnsystem sind in Istanbul sehr schlecht, denn das Erdbebengebiet liegt direkt vor den Toren der Stadt. Im Fall von Istanbul blieben nur zwei bis sechs Sekunden vor den großen Erschütterungen. Eine Warnung wird schlichtweg nicht möglich sein. Deswegen ist auch die Empfehlung der Behörden, sich während des Erdbebens im Haus zu schützen - unter Türrahmen, unter Tischen, unter Betten - und dann, sobald das Erdbeben zu Ende ist, das Haus schnell zu verlassen, weil Nachbeben auftreten könnten.

Reichen die bisherigen Vorkehrungen der türkischen Behörden aus, um die Folgen eines Erdbebens zu begrenzen?

Der beste Schutz vor Erdbeben ist eine erdbebensichere Bauweise; diese ist leider sehr teuer. Es wird in der Türkei gerade viel in so eine Bauweise investiert - es ist leider nie genug. Die Frage ist, bis zu welchem Maß man nachrüstet oder gleich alles neu baut. Es ist davon auszugehen, dass bei einem großen Beben mit vielen Todesopfern zu rechnen ist.

Istanbul ist sehr groß und dicht besiedelt. Es gibt Studien, die im Fall eines Erdbebens von 150.000 bis 300.000 Todesopfern ausgehen. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Als Seismologe möchte ich mich nicht an apokalyptischen Spekulationen beteiligen. Es gibt seriöse Studien - auch von den Vereinten Nationen -, die davon ausgehen, dass ein großes Erdbeben mehrere zehntausend Tote und zehnmal so viele Obdachlose hervorbringen kann. Alleine das sind dramatische Auswirkungen, dann kommen auch noch die Folgeschäden für Wirtschaft und Finanzmärkte. Unser Bestreben ist es, darauf hinzuwirken, dass bereits im Vorfeld mehr getan wird, dass die Bevölkerung informiert ist und sich auf den Ernstfall vorbereiten kann, und vor allem, dass sich die Menschen im Fall eines Erdbebens korrekt verhalten - nicht sofort raus laufen und dann von Trümmerteilen erschlagen werden.

Der Seismologe Dr. Marco Bohnhoff vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) erforscht seit Jahrzehnten die seismischen Aktivitäten im Raum Istanbul.

Wie sollte man sich auf ein Erdbeben vorbereiten?

Dieses Merkblatt von Prof. Dr. Peter Bormann vom GFZ hilft

  • Bei der Auswahl und Anmietung von Wohnungen ist auf die Erdbebensicherheit des Gebäudes und die Beschaffenheit des Untergrundes zu achten. Das Gebäude sollte nicht auf weichem, sandigem Boden, unterirdischen Hohlräumen oder aktiven tektonischen Verwerfungslinien stehen. Hanglage ist zu vermeiden.
  • Mieten Sie keine Wohnung in Hochhäusern ohne Erdbebensicherung, oder Häuser, die in engen Gassen gelegen sind; meiden Sie Objekte, auf die schlecht konstruierte Nachbarhäuser stürzen können.
  • Legen Sie das Informationsblatt mit den wichtigsten Adressen und Telefonnummern zu der Notausrüstung. Diese ist an einem sicheren und leicht zugänglichem Ort unterzubringen.
  • Erneuern Sie regelmäßig die Lebensmittel und Trinkwassernotversorgung.
  • Machen Sie mit Ihrer Familie oder Ihrem Team einen Erste-Hilfe-Test und stellen Sie sicher, dass alle mit den Notversorgungsgütern umgehen können.
  • Legen Sie einen Katastrophen-Kommunikationsplan fest, für den Fall, dass Familienmitglieder voneinander getrennt werden und wo sie sich wieder treffen können, nach Möglichkeit außerhalb des Katastrophengebietes.
  • Stimmen Sie sich auch mit Ihren Nachbarn oder Kollegen ab, dass diese nach Ihrer Familie oder Ihrer Wohnung schauen, falls Sie im Katastrophenfall abwesend sind.
  • Versuchen Sie, auf den Sammelplätzen mit anderen EU-Angehörigen eine Gruppe zu bilden. Stellen Sie sich eine Liste der dort befindlichen Deutschen auf, mit Namen, Vornamen, Geburtsdatum, Gesundheitsstand und Name, Telefonnummer von Angehörigen in Deutschland. Versuchen Sie dann, diese Liste an die Botschaft zu übermitteln, die bemüht sein wird, entsprechend den gegebenen Umständen rund um die Uhr in Bereitschaft zu sein. Vertreter der Botschaften der EU-Staaten werden versuchen, alle Plätze zu erreichen, um Sie über die getroffenen Maßnahmen zu informieren und Listen der oben bezeichneten Art einzusammeln.

Noch ein Hinweis für alle Deutschen, die sich dauerhaft in der Türkei aufhalten

Wer es bis heute noch nicht getan hat, sollte sich unbedingt auf die Krisenvorsorgeliste (Elefand) des deutschen Auswärtigen Amts registrieren:

Jeder deutsche Staatsangehörige, der im Amtsbezirk der Vertretung lebt, kann in eine Krisenvorsorgeliste gemäß § 6 Abs. 3 des deutschen Konsulargesetzes aufgenommen werden.

Es handelt sich hierbei um eine freiwillige Maßnahme. Das deutsche Auswärtige Amt rät, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen, damit die Auslandsvertretungen, falls erforderlich, in Krisen- und sonstigen Ausnahmesituationen mit deutschen Staatsbürgern schnell Verbindung aufnehmen können.

Die Aufnahme in die Krisenvorsorgeliste erfolgt ab sofort passwortgeschützt im online-Verfahren.

Die elektronische Registrierung soll die bisher manuell geführten Krisenvorsorgelisten der Vertretungen ersetzen. Wir bitten Sie daher, Ihre Daten möglichst bald über das Internet einzugeben, auch wenn Sie bisher schon registriert waren. Sie werden künftig automatisch in regelmäßigen Abständen aufgefordert werden, Ihre Angaben zu bestätigen bzw. zu aktualisieren. Damit soll Vollständigkeit und Aktualität der Registrierungen im Sinne einer wirksamen Krisenvorsorge und -bewältigung sichergestellt werden. Bitte beantworten Sie die Ihnen automatisch zugehenden Aufforderungen deshalb im eigenen Interesse.

Auswärtiges Amt: Elefand

Hier der Link zur Krisenvorsorgeliste (ELEFAND):

Aktuelle Erdbebeninformationen

Das am GFZ betriebene seismische Netzwerk GEOFON stellt seismische Daten und Erdbebenparameter bereit. Am globalen Netzwerk sind neben dem GFZ zahlreiche Partnereinrichtungen beteiligt. Weitere Informationen zum GEOFON-Programm findest du innerhalb der GEOFON-Webseite:

GIF-Kartendarstellung aktueller Erdbebenmeldungen des GEOFON-Netzwerks Liste aktueller Erdbebenmeldungen des GEOFON-Netzwerks Weltkarte der Erdbebengefährdung (png-Datei)

Was ist die Magnitude und was die Intensität eines Erdbebens?

Es gibt in der Erdbebenforschung zwei Skalen, um die Erdbeben bzw. Erdbebenerschütterungen nach ihrer Stärke zu klassifizieren. Die Skalen werden oft verwechselt.

Prof. Dr. Peter Bormann vom GFZ Helmholtz in Potsdam erklärt es:

Magnitude und die Intensität von Erdbeben

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