Das Geld-Paradoxon

Von Marc Schanz
Es gibt mehr als tausend und eine Geschichte über das goldene Kalb der Moderne, unser geliebtes Geld. Viele davon sind wahr, denn Geld hat viele Gesichter, doch noch mehr davon sind unwahr. Gerade in Krisenzeiten verbreiten sich die dümmsten Geschichten unter ihnen und das ist äußerst gefährlich. Einerseits bedeutet Geld nahezu unbegrenzte Freiheit, andererseits kann es zu einem vollständigen Verlust derselben führen. Leider ist es möglich, Unfreiheit als Freiheit zu verkaufen - einfach deshalb, weil nur die Wenigsten von dieser Gefahr ahnen und noch weniger die Konsequenzen ökonomischer Entscheidungen verstehen.
Ich erzähle euch heute eine Geschichte über das Geld, die ihr so noch nicht gehört habt. Ich werde euch die Frage beantworten, worin der Wert des Geldes besteht und am Ende werdet ihr wissen, dass ihr ihn selbst bestimmt.
Mit Geld kann man sich die schönsten Dinge kaufen, Geld hat also einen Wert. Nicht wenige Zeitgenossen meinen jedoch, Geld sei nur bedrucktes Papier. Das ist richtig, Geld kann über Nacht einfach so seinen Wert verlieren und zu einem nutzlosen Fetzen Papier werden. Obwohl sich die sichtbaren Eigenschaften einer Banknote nicht verändern, kann sich dessen Wert in Luft auflösen. Der Wert scheint demnach etwas Magisches, zumindest etwas Unsichtbares zu sein.
Versuchen wir, die Spur aufzunehmen. Gehen wir auf den Markt und schauen uns an, wie dort die Preise entstehen. In einer Marktwirtschaft geschieht dies, wie jeder von uns vor sich hin beten kann, durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Das Angebot kann ich sehr gut beschreiben: bei Produkten ist es die Stückzahl, bei Dienstleistungen die Arbeitsstunden, bei einer Mietwohnung die Quadratmeterzahl, usw.. Ein Angebot lässt sich also sehr genau in objektiv überprüfbaren Kennzahlen darstellen und erfassen. Doch was ist eigentlich die Nachfrage und wie kann ich sie messen? Sie ist im Grunde das Verlangen nach einer Ware oder Dienstleistung. Dieses Verlangen steckt in uns drin. Etwas, das in uns drin ist, kann man doch nicht messen! Doch, das geht. Der Trick ist ganz einfach. Ich schaue mir an, was jemand bereit ist zu geben oder zu leisten, um ein bestimmtes Gut zu bekommen. Nehmen wir an, ein neues Smartphone kommt auf den Markt. Der eine Interessent würde für das Smartphone einen ganzen Monat ohne Pause durcharbeiten, ein anderer würde es gegen sein noch nicht so altes Tablet eintauschen und jemand Drittes hat ein paar alte Goldmünzen, die er dafür her geben würde. Diese angebotenen Gegenleistungen, in denen sich das Verlangen manifestiert, können objektiv beschrieben und gemessen werden. Man könnte auch sagen, ein Angebot hat eine werthaltige Eigenschaft, die bei einem oder mehreren Menschen ein Verlangen nach diesem Objekt auslöst. Diese Eigenschaft kann sehr flüchtig sein, bei einem Apfel erlischt das Verlangen, wenn jemand anderes hinein beißt oder der ein oder andere Wurm bereits von ihm Besitz ergriffen hat. Bei Gold ist dies anders, seine werthaltigen Eigenschaften sind seit tausenden von Jahren stabil.Jetzt ist es nur noch ein kleiner Schritt, das Angebot und die Nachfrage in einer Zahl ausdrücken zu können. Es fehlt nur ein Maßstab und genau das ist die Aufgabe des Geldes. Es kann den Wert von Angeboten und der Nachfrage messen. Das Verfahren ist nicht einmal schwer zu verstehen, denn es geschieht auf einem ganz einfachen Weg: durch einen simplen Vergleich. Es ist wie eine Messung mit einer alten Waage: in einer Schale liegt das zu messende Angebot bzw. Gegenleistung und in die andere Schale wird die richtige "Portion" Geld hinein gelegt, um die Waage ins Gleichgewicht zu bringen. Diese imaginäre Waage misst jedoch nicht das Gewicht, sondern ermittelt die "Schwere" des Wertes. Diese Waage existiert nicht in der Realität, denn sie befindet sich in unseren Köpfen - sie soll ja einen inneren Wert ermitteln. Sie wird immer dann aktiv, wenn wir einen Wert schätzen müssen. Diese unsichtbare, innere Bewertung wird erst sichtbar, wenn wir einen Kauf tätigen. Erst der Akt des Kaufes macht also die Nachfrage sichtbar und wird zu einer Messung eines inneren Wertes, nämlich des Verlangens - so sonderbar das auch klingen mag.
Geld muss ebenfalls einen Wert haben, ansonsten wäre ein Vergleich mit Waren oder Dienstleistungen nicht möglich. Wie entsteht dieser? Natürlich ebenfalls durch Angebot und Nachfrage. Das Angebot besteht aus der Geldmenge und die Nachfrage ist unser Verlangen nach dem Gut Geld.Etwas abstrakter formuliert: der Marktwert besteht aus dem Zusammenspiel zweier dynamischer Konstrukte, dem Angebot und der Nachfrage, die jeweils aus individuellen Werturteilen bestehen. Die individuellen Werturteile werden über einen Maßstab vergleichbar gemacht, in dem der Markt ein Referenzobjekt auswählt. Legt der Markt ein Referenzobjektes fest, macht er dieses zu Geld. Diese Eigenschaft als Referenz ist selbst werthaltig, denn das Geld wird zur Messungen benötigt und wird auf Grund dessen nachgefragt.
Meine Geschichte über eines der Geheimnisse des Geldes beantwortet nur wenige Fragen, sie ermöglicht jedoch etwas viel Wichtigeres: die richtigen Fragen zu stellen! Zum Beispiel ist die Frage nach dem Wert des Geldes sinnlos, denn genau so gut könnte ich die Frage stellen: wie lange ist ein Kilometer? Geld ist der Maßstab des Wertes, es ist die Grundlage zur Wertermittlung. Der Wert von einem Euro ist daher immer und stets exakt ein Euro.
Es sind unsere Wünsche und Wertvorstellungen, die sich im Geld manifestieren.Es ist eine Illusion zu glauben, Geld sei nur etwas abstraktes, objektives oder rationales, Geld ist ebenso dynamisch, subjektiv und irrational. Die Wissenschaft der Ökonomie erfasst nur die rationale Oberfläche des Geldes, hinter die düstere Fassade des Geldes möchte sie nicht schauen. Dort lauert eine fremde Welt, die sie nicht verstehen kann und will.In einer Krise kommt diese zum Vorschein. Statt das Geld weiterhin als rationales Tauschmittel zu verwenden, wird es als Notgroschen gehortet. Obwohl objektiv alles Eigenschaften des Geldes gleich bleiben - weder die Akzeptanz des Geldes schwindet, noch ändert sich die Geldmenge - findet ein radikaler Qualitätwechsel des Geldes statt. Wir nehmen Geld plötzlich anders wahr. Stand früher die Möglichkeit, mit Geld etwas zu kaufen, im Vordergrund, wird jetzt der Sicherheitsaspekt, mit einem Geldvorrat für eine Notlage vor zu sorgen, zur dominierenden Handlungsmaxime. Dieser Qualitätswechsel des Geldes hat für die Realwirtschaft heftige Auswirkungen, denn ihr wird Geld entzogen und die Krise wird dadurch verschärft.Der Gedanke, in einer Währung sind kulturelle Wertvorstellungen kodiert, verliert plötzlich seine Absurdität. Geld ist mehr als nur ein künstlicher Maßstab, es hat eine dunkle, kaum beherrschbare Seite, die sehr viel mit uns als Mensch zu tun hat.
Täglich halten wir Geld in unseren Händen, dennoch bleibt es merkwürdig unbegreiflich. Es ist jedoch beruhigend zu wissen, dass wir auch in Zukunft Geld haben werden. Denn solange wir Bedürfnisse nach Waren und Dienstleistungen haben, wird es Geld in dieser oder in einer anderen Form geben.Geld ist in unserem Leben und in unserer Gesellschaft zu einer stabilen Konstante geworden, obwohl es aus einer unbeherrschbaren Dynamik besteht - ist das nicht ein herrliches Paradoxon?

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