Dai Sijie – Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Dai Sijie – Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Von 18. Bis 22. November lief eine Aktion in Wien, die es in dieser Form seit 2002 gibt und bei der jedes Jahr 100.000 Gratisbücher an die Wiener und Wienerinnen verteilt werden.

Ich hatte diesmal Gelegenheit das heurige Buch „Balzac und die kleine Schneiderin“ schon vorab zu lesen, man hat mir netterweise ein Rezensionsexemplar zukommen lassen und mir auch ein Interview mit dem Autor, Dai Sijie, einem in Frankreich lebenden Chinesen, gewährt.

Selbst wenn das Buch nicht dem entspricht was ich normalerweise lese, so ist es für die Aktion sehr gut gewählt. Schließlich geht es auch darum neue Leser zu begeistern und wenn man sich eine im Jahr 2007 von der Statistik Austria durchgeführte Befragung zur Erwachsenenbildung ansieht, so zeigt sich, dass immerhin 25% aller 25 – 64 Jährigen in Österreich im davor liegenden Jahr in ihrer Freizeit kein einziges Buch gelesen haben. Diesbezüglich also finde ich „Eine Stadt. Ein Buch“ eine lobenswerte Aktion.

Dai Sijie – Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Dai Sijie erzählt in „Balzac und die kleine Schneiderin“ die großteils autobiographisch inspirierte Geschichte eines jungen Chinesen, der zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution gemeinsam mit seinem Freund zur Umerziehung aufs Land geschickt wird. Die Eltern der beiden waren als Ärzte und Intellektuelle als so genannte Staatsfeinde identifiziert worden, mit der Jugend sollte nicht das selbe passieren, sie sollten China als hart arbeitende, ehrliche Bauern dienen, so wie es der „große Vorsitzende“ Mao Zedong für sein Volk vorgesehen hatte.

So schickt man also auch die zwei Freunde, man schreibt das Jahr 1971, irgendwohin in die tiefste Provinz, um sie durch körperliche Schwerstarbeit zu rechten Menschen zu erziehen. Die Protagonisten stoßen dort jedoch auf einen „Kollegen“, der sich im Besitz eines Koffers befindet, welcher randvoll mit Klassikern aus der Literaturgeschichte ist. Balzac, Melville, und Konsorten. Und während sie im Nachbarsdorf eine hübsche junge Schneiderin zu erobern gedenken, zu deren Zwecke man sich auch der umwerfenden Literatur bedient, wird die Erzählkunst der großen Autoren nicht nur Hilfsmittel zur Verführung, sondern auch zur wichtigsten Stütze, um die menschenfeindlichen Lebensbedingungen zu ertragen.

Balzac und die kleine Schneiderin“ ist ein leicht zu lesendes Buch, es ist nicht hohe Literaturkunst, meiner Meinung nach, aber es ist auch nicht banal. Es vereint eine schöne, spannend erzählte, Geschichte, die den Leser mit einer sehr direkten, fast naiven Sprache, in ein dunkles Kapitel Chinas führt und welche das Werk somit auch zeithistorisch interessant macht. Ohne den Leser zu überfordern. Ein ideales Buch also, um Neueinsteigern, oder solchen, bei denen es schon eine Zeitlang her ist, seit sie den letzten Roman gelesen haben, einen Anreiz zu geben, einen kleinen Bruchteil ihrer Zeit dem Lesen zu widmen.

Dai Sijie – Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Was der Autor von all dem und mehr hält, habe ich ihn gestern schließlich selber fragen können. In der Lobby des Grand Hotels am Ring, kommt mir Dai Sijie in traditionellem chinesischem Outfit entgegen und schenkt mir einen Teil seiner Zeit, um mir Rede und Antwort zu stehen.

Während des Gesprächs entpuppt er sich als überaus intelligenter, freundlicher und bescheidener, vor allem aber auch als kritikfähiger Gesprächspartner. Es müssten nicht alle zum Lesen überredet werden, meint er, als ich ihn frage, was er davon hält, dass knapp ein Viertel der Bevölkerung nicht liest. Und ich verstehe auch gleich, dass er das nicht dogmatisch meint, sondern im Gegenteil, er hat kein Problem damit, wenn jemand nicht lesen möchte und sich lieber für Fußball interessiert. Es soll sich jeder frei entscheiden dürfen.

Zwingen könne man ohnehin niemanden, aber trotz allem sei Lesen doch eine noble Freizeitbeschäftigung, ebenso wie die Aktion, im Rahmen welcher sein Werk an die Wiener verschenkt wird.

Schreiben würde er, wie die meisten Autoren, um etwas zu erzählen, wobei er den ganz großen Schriftstellern dieses Ziel abspricht. Da ist er der Ansicht, dass diese hauptsächlich schreiben, um die anderen von ihrem Talent zu beeindrucken. Das Resultat, also das was man als Weltliteratur bezeichnet, war für ihn, der wie seine Protagonisten im Buch zur Umerziehung geschickt worden war, jedoch ein Grund, warum er die Strapazen und die Hoffnungslosigkeit während dieser Zeit, überhaupt überlebt hätte.

Rettungsring ist die Literatur für ihn heute keiner mehr, es wäre sein Metier, sagt er, und man weiß nicht so recht, ob er das nicht mit einer gewissen Wehmut so sieht. Es wäre auch jetzt nicht immer leicht, man müsse eben Geld verdienen und er tue sich schwer mit Französisch, einer Sprache, die er erst spät gelernt hat. Auf Chinesisch würde er gerne publizieren, bloß, seine Bücher würden in China nicht verlegt werden. Aber so sei das eben. Aktuell lese er übrigens am liebsten südamerikanische Literatur, insbesondere Borges.

Ob der Westen mehr Druck auf China ausüben sollte, um den politischen Wandel zu beschleunigen? Dai Sijie meint, dass im Westen doch auch eine sehr große Doppelmoral herrsche. China würde produzieren und investieren, und solange die westlichen Länder am Geld interessiert wären, würde sich auch politisch nicht viel ändern.

Auf die Frage, ob die Literatur dazu im Stande sei, politische Veränderungen herbeizuführen, kommt ein kurzes „Non“ und dann lächelt er.

Susanne, 23. November 2010