"Cocktail für eine Leiche" / "Rope" [USA 1948]


Sekunden verstreichen, aber wir wissen augenblicklich, dass wir uns unmittelbar in einem Hitchcock befinden – der erste gediegene Kameraschwenk vom Öffentlichen ins Private, zum Fenster, dessen Sicht unter dicken, schwabbeligen Vorhängen verborgen bleibt, zum markerschütternden (Mords-)Schrei dahinter, zum Hitchcock-Kalauer, zur schwarzen Komödie, deren Grauen im Zentrum der Geschichte allezeit einen perversen Gag bereithält. Das ist Hitchcock. So wie das Erdrosselungsseil, das, wenn die Tür schwingt, in eine Schublade fällt, oder der Hut mit den verräterischen Initialen, und wir zu den wenigen Personen gehören, die über weit mehr Geheimnisse informiert sind, als die über die sich stetig voranbohrende Wahrheit versammelte Partygarnitur. 
Hitchcocks straffe Erzählökonomie schickt die Kamera auf voyeuristische Entdeckungsreise; sie nimmt das Zittern der Hände wahr, das animalische Platzen des Glases und James Stewarts beißenden Blick, primär jedoch die Last des Gewissens. Um eine italienische Truhe herum, die zur angekurbelten Situationsspannung sicherheitshalber einen Winkel des Bildes (und damit einen Teil des gefilmten Raumes) ausfüllt, moderiert der Altmeister einen intellektuellen Diskurs über Nietzsches ideologische Gedankenrhetorik, machthaberische Herrenmenschen und philosophisch kleingeredete Menschenverachtung, der in seiner Motivik innerhalb des schöpferischen Hitchcock-Bausatzes – die Auswüchse des perfekten Mordes für den Einzelnen – ebenso ursprünglich wie bedeutend ist. 
Weniger das theatralisch Theaterhafte in unsichtbaren, kreativen Schnittspielereien, sondern die homosexuell gebrochenen Partner einer in der Vergangenheit codierten, intensiven Dreiecksliebschaft sollten dabei die geistige Auseinandersetzung mit dem Film tragen. Während die ungestillten Gelüste der Protagonisten auch im servierenden Fleisch symbolisch verschlüsselt werden, das auf einem Grabmal präsentiert, aber nicht entschlossen genug angerührt wird, schaukelt sich der Film schließlich zu einem emotional durchdringenden Finale fiebriger Verdachtsmomente hoch. 
Mitsamt in befremdlichen Neonfarbflächen hereinbrechenden Lichtstrahlen komplettiert das Schlussbild den irren Hitchcock-Witz vom Beginn dieses makabren Stücks: Trotz einer bedenklichen Theorie, aus deren Praxis Hirngespinste hervortreten, fallen beide Täter, die verschworene Übermenschgemeinschaft, in ihren evolutionär angestammten Platz zurück. Einer spielt Klavier, der andere genehmigt sich den letzten Drink; sie sind normalsterblich, gewöhnlich geworden. Und ihr Mentor Rupert (Stewart) spielt nicht mehr den Totenverächter, er sichert die Truhe, als Totenwächter. 
7 | 10

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