Busgespräch

Neulich sass ich im Bus hinter zwei jungen Frauen, die – wie man aus ihrem Gespräch erfahren konnte – zusammen zur Schule gegangen waren und nun in einem Praktikum ihre ersten Erfahrungen im Berufsleben sammelten.

“Mann ey”, klagte die eine “ich muss immer so früh raus am Morgen. Musst du auch so früh anfangen?”

“Na ja, es geht”, antwortete die andere. “Ich kann anfangen, wann ich will, ich muss einfach spätestens um halb neun dort sein, aber meistens fange ich schon um acht an.”

“So gut möchte ich es auch haben. Bei mir motzen sie immer, wenn ich nur ein kleines bisschen zu spät bin. Und dann muss ich auch immer so blöde Arbeiten machen, dabei reicht mein Lohn kaum für die Miete.”

“Wie viel bekommst du denn?”

“Siebenhundert und dann bekomme ich noch etwas von den Eltern, aber das geht alles für Miete, Krankenkasse und Essen drauf. Ich kann fast nicht mehr in den Ausgang.”

“Ich bekomme auch siebenhundert.”

“Was musst du denn so machen im Betrieb?”

“Na ja, anfangs vor allem Briefe abtippen und einpacken und so, aber jetzt lassen die mich manchmal auch den Empfang machen. Ist voll cool…”

“Wahnsinn! Ich muss ja immer nur diese doofen Sachen machen, Boden wischen und so. Du hast es voll easy und mir sagen sie, vielleicht werde ich die Probezeit nicht bestehen.”

“Dann bau jetzt bloss keinen Mist.”

“Ja, Mann, ich weiss. Aber mich kotzt das halt so an, immer so lange arbeiten und dann dieser kleine Lohn. Darfst du die Leute dort duzen?”

“Anfangs habe ich alle gesiezt, aber da hat die Chefin gesagt, ich dürfte alle duzen, ausser den Personalchef natürlich. Erst habe ich mich fast nicht getraut, aber jetzt ist es voll cool…”

“Voll doof bei mir, ich muss alle siezen. Und dann reden die auch nie mit mir…”

“Wir haben es voll lustig miteinander. In der Pause quatschen wir immer endlos.”

“Ey Mann, voll unfair, ich will auch. Ich muss immer arbeiten, voll anstrengend und dabei verdiene ich fast nichts. Ich glaub’ ich mach das nicht mehr lange mit.”

“Komm, bau keinen Mist. Ist ja nicht lang, dieses Praktikum.”

“Ja, aber du hast es voll easy und bei mir ist alles so streng. Und die Miete kann ich mir auch fast nicht leisten.”

“Bist ja auch früh ausgezogen.”

“Ja, Mann, die Wohnung ist eben echt der Hammer. Sechseinhalb Zimmer zu zweit, alles neu und ein riesiger Balkon…”

“Wie viel bezahlt ihr denn?”

“Zweitausend, aber mit meinem Lohn bleibt da fast nichts mehr übrig für den Ausgang. Mann, wenn ich es doch so easy hätte wie du…”

Nur mit Mühe gelang es mir, mich aus diesem Gespräch herauszuhalten. Zum Glück für die arme Praktikantin war die Busfahrt hier aber zu Ende, sonst hätte ich sie vielleicht irgendwann am Kragen gepackt und tüchtig durchgeschüttelt, in der Hoffnung, sie dadurch aus ihrem Traum von der ach so ungerechten Welt, die sich gegen sie verschworen hatte, aufzuwecken.

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